Registrierung PM-BoxMitgliederliste Administratoren und Moderatoren Suche Häufig gestellte Fragen Zur Startseite  

Stefans Geschichten » Willkommen auf der Homepage von Stefan Steinmetz » Die kleine Privat-Ecke » Stargirl Leonie » Stargirl Leonie(2) » Hallo Gast [anmelden|registrieren]
Druckvorschau | An Freund senden | Thema zu Favoriten hinzufügen
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Autor
Beitrag « Vorheriges Thema | Nächstes Thema »
Stefan Steinmetz
Administrator




Dabei seit: 10.02.2006
Beiträge: 1688

Stargirl Leonie(2) Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

Fünf eisige Augenpaare musterten Leonie wie ein Insekt, das man zerquetschen musste.
Sie würden es tun. Sie würden Leonie zerquetschen. Sie würden sie in Fetzen reißen. Sie würden ihr das Fleisch von den Knochen lösen. Sie würden ihr die Kehle durchbeißen; sie vor aller Augen töten. Sie würden sie kreuzigen. Sie würden sie mitten auf dem Schulhof bei lebendigem Leib verbrennen. Leonie würde sterben.
Wie konnte ich nur!
Ein Monat war es her. Gerade mal einen Monat. Ihr kam es vor wie ein Jahr. Sie hatte reichlich Zeit gehabt, Angst zu bekommen, und sie hatte Zeit gehabt, Hoffnung zu fühlen und wieder zu verlieren. Ein Monat kann lang sein, wenn man wusste, dass man am Ende dieses Monats hingerichtet werden würde.
Warum habe ich das nur getan? Warum? Ich dumme Trine! Warum habe ich den Mund nicht gehalten!? Nur wegen Sophie! Wegen der!
Sophie riss doch immer den Rand auf. Sie war das schönste Mädchen der Schule und bekannt für ihre große Klappe. Sie war nervig. Jedenfalls in Leonies Augen. Na und? Sollte sie labern! Sollte sie angeben! Das konnte Leonie doch egal sein.
Sie konnte noch immer nicht verstehen, was sie dazu getrieben hatte, vor genau vier Wochen den Mund aufzumachen und diesen einen Satz auszusprechen: „Jan holt mich an meinem Geburtstag nach der Schule ab.“
Mehr hatte sie nicht gesagt. Nur diese zehn Worte. Aber aus diesen zehn Worten waren vier große eckige Nägel geschmiedet worden, mit denen Sophie Schubert und die vier anderen sie ans Kreuz schlagen würden. Aus diesem einen Satz war ein riesiger Holzhaufen entstanden: Der Scheiterhaufen, auf dem Leonie lebendig verbrannt werden würde. Diese zehn Worte hatten sich in scharfe Eisenklauen verwandelt, mit denen man ihr das Fleisch von den Knochen reißen würden.
Warum habe ich nicht den Mund gehalten? Warum habe ich das gesagt? Ich dumme Kuh! Wie konnte ich nur!
Wieder wollte das Wimmern aus ihrer Kehle heraus witschen und Tränen brannten in ihren Augen.
Sie hatte es gesagt. Einfach so.
Zuerst hatte keine darauf reagiert. Sie hatten Leonies Satz nicht wirklich mitbekommen. Leonie wünschte sich nichts so sehr, als dass es dabei geblieben wäre. Hätten sie den Satz nicht geschnallt, wäre sie jetzt nicht hier und würde nicht eines elenden Todes sterben müssen.
„Ich habe Karten fürs Konzert in Saarbrücken.“ Sophie Schuberts helle wohlklingende Stimme, die die Herzen der Jungs an der Schule erschauern ließ. „In einem Monat! Finja und ich fahren hin. Wir werden Nik treffen. Wir werden ihn persönlich kennenlernen.“ Sie nannte ihn Nik. Alle nannten ihn Nik. Nur Leonie nicht. Wenn sie an ihn dachte, nannte sie ihn immer Jan. Niemals Nik.
Jannik. Jannik Faber. Zwanzig Jahre alt. Groß. Gut aussehend und Augen so blau wie die See in der Antarktis. Jan. Jan. Ihr Jan. Oh Jan!
„Jan holt mich an meinem Geburtstag nach der Schule ab.“ Nur diese wenigen Worte. Worte die einschlugen wie eine Bombe.
Sophie hatte Alina angestoßen und mit dem Kopf in Richtung Leonie genickt: „Klein Leo geht nicht zum Konzert. Sie ist noch zu klein. Mama lässt sie nicht.“ Gehässiges Kichern rundum. Sie suchten sich gerne die Kleinen und Schwachen aus, die fünf Maiden von Gehässigstein.
Antonia mit gespitztem Mund flötend: „Mamalein sagt ganz laut Nein.“
„Tja, Pech.“ Maja, die Selbstbewusste. „Kannst ja im Internet Ausschnitte vom Konzert gucken.“
Und Leonie, die kleine stille Leonie, die nie Streit anfing und sonst eigentlich nichts auf das angeberische Getue der fünf Hühner gab, hatte die Schultern gezuckt und still in sich hinein gelächelt. Sie hatte so getan, als sei es völlig belanglos, ob sie zum Konzert durfte oder nicht.
Es war Nina Anschütz, die sie fragend ansah, nicht eine der fünf Megären. Nina schaute sie an und fragte: „Was denn?“
Da hatte Leonie es gesagt. „Konzert? Pah!“, hatte sie gesagt. Und dann hatte sie die zehn Worte ausgesprochen, die sie in den nächsten Minuten einen schrecklichen Tod sterben lassen würden: „Jan holt mich an meinem Geburtstag nach der Schule ab.“
Eine volle Minute hatte es gedauert. Volle sechzig Sekunden. Leonie hatte innerlich mitgezählt. Sophie und Alina hatten gelacht und etwas über Autogramme gesagt und Finja hatte davon geschwärmt, wie sie Nik treffen würden und …
… es war still geworden. Totenstill. So still, dass man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören. Münder hatten sich geöffnet und waren offen geblieben. Augen hatten sich geweitet.
Sophie glotzte Leonie an wie den Mann im Mond. „Ah?“ Mehr brachte sie nicht hervor. „Ah?“ Dann verzog sich ihr Gesicht zu einer einzigen Frage. Sie schüttelte ihre blonde Mähne: „Wie bitte? Ich glaube, ich habe mich gerade verhört.“
Jetzt hätte Leonie schweigen können und alles wäre gut gewesen. Aber sie hatte den Mund nicht halten können. Sophie Schubert war die größte Nervensäge der Welt und Leonie ertrug sie keine Sekunde länger. Sie atmete innerlich tief durch und sagte wie nebenbei: „Das war doch klar verständliches Deutsch, Sophie. Oder?“
Sophie, die Augen aufgerissen, ungläubig: „Nik holt dich an deinem Geburtstag nach der Schule ab?“
Leonie hatte nur gelächelt.
Es hatte einen Moment so ausgesehen, als würde Sophie es glauben. Dann war ein Ruck durch ihre Gestalt gegangen und sie hatte ihre hochnäsige Maske aufgesetzt: „Du spinnst ja! Nie im Leben!“
Leonie hatte die Achseln gezuckt: „Brauchst es ja nicht zu glauben.“
„Tu ich auch nicht!“ Sophies Augen waren zu Schlitzen geworden. „Du willst doch nur angeben!“
Wer ist denn hier die Angeberin?, dachte Leonie.
Alina war von rechts gekommen, hatte sie am Arm gepackt: „Jetzt mal ohne Scheiß, Leonie! Nik holt dich an deinem Geburtstag ab? Ihr seid verabredet?“
„Sag ich doch“, gab Leonie zurück. Sie sprach leise und sanft, wie jemand, der es nicht nötig hat, sich zu verteidigen.
Plötzlich waren die fünf um sie herum. Dazu noch andere.
„Das ist nicht den Ernst!“
„Nik und du, ihr seid befreundet?“
„Kann nicht sein!“
„In der HALLO steht, Nik hat keine Freundin!“
Sie hatten Leonie von allen Seiten beharkt und sie hatte nur hier und da zurückgegeben: „Doch. So ist es. Ihr werdet es ja sehen!“
Und jetzt stand sie hier am Straßenrand und würde sterben. Nicht nur Sophie, Alina, Finja, Antonia und Maja standen bei ihr. Sämtliche Mädchen aus ihrer Klasse lungerten in der Nähe herum und noch etliche andere, die im Laufe der letzten vier Wochen mitbekommen hatten, dass Leonie Ammon mit Nik verabredet war. Mit Nik!
Sie würden sie steinigen!
Sie würden sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Bei lebendigem Leib.
Sie würden sie von wilden Löwen zerreißen lassen.
Sie würden sie umbringen - einfach umbringen.
Leonie Ammon war tot.
Blick auf die Armbanduhr. Eine Minute noch. Die Straße war leer. Sie zog sich nach beiden Seiten bis in die Unendlichkeit. Kein Auto in Sicht. In einer Minute würde hier kein Wagen anhalten.
Leonie hatte auch nicht damit gerechnet. Nicht mehr. Anfangs schon. Ein kleines bisschen. Ein klitzekleines bisschen. Da war diese dumme, kleine Hoffnung gewesen.
Sophie schaute die Straße hoch und hinunter. Sie blickte Leonie an. „Er kommt wohl nicht. Hat dich wahrscheinlich vergessen.“ Gehässiges Lächeln.
Hat er nicht!, wollte Leonie antworten, doch ihre Kehle war zugeschnürt. Ihr war eisig kalt. Natürlich würde er nicht kommen.
Sie hatte ihm geschrieben, hatte ihm einen Brief geschickt und alles gebeichtet, hatte in schonungsloser Offenheit ihre Dummheit offengelegt und ihn gebeten, sie zu retten. Nur dieses eine Mal, bitte Jan! Nur abholen und hinter der nächsten Straßenecke absetzen.
Anfangs hatte sie Hoffnung gehabt, es würde passieren. Sie hatte sich kleinen Tagträumen hingegeben, in denen Jan sie rettete.
Er kam nicht. Wie denn auch? Er hatte den Brief nie gelesen. Er hatte ihn nie erhalten. Wie viele Briefe bekam er täglich? Zwanzig? Hundert? Tausend?
Was hatte sie sich dabei gedacht? Hatte sie sich wirklich eingebildet, Jan würde ihr helfen?
Selbst wenn er ihren Brief durch puren Zufall in die Hände bekommen hätte, würde er keinen Finger rühren für ein dummes Schulmädchen, dass sich in die Sch … geritten hatte.
Dann werde ich jetzt sterben, dachte Leonie.
Sie konnte so tun, als hätte er es vergessen, als wäre ihm ein Termin dazwischen gekommen oder sonst etwas. Natürlich würden die Megären nichts davon glauben. Sie würden über sie herfallen - alle fünf. Und die anderen würden zusehen.
Sophie Schuberts Lächeln war inzwischen eisern geworden. Ihre Augen blitzten wie Eisstücke in ihrem makellosen Gesicht: „Er verspätet sich anscheinend wirklich, was Leonie? Warum rufst du ihn nicht an und fragst, wo er bleibt?“
Er hat sein Handy beim Autofahren ausgeschaltet, hätte Leonie sagen können. Wusste doch jeder. Das hatte in der HALLO gestanden und im POPJUGEND. Aber sie brachte kein Wort heraus. Ihr Innerstes krampfte sich zusammen. Es war aus. Es war soweit. Ihr war schlecht vor Angst. Aber sie weinte nicht. Noch nicht.
Ihr Blick verschwamm. Sie sah nicht mehr richtig. Aber sie sah, wie etwas mit Sophie Schuberts Gesicht passierte. Es geriet aus den Fugen. Es verzog sich, als sei es aus Gummi und große Hände zögen daran.
Leonie war so sehr auf ihren Untergang konzentriert, dass sie mehrere Sekunden benötigte, um zu erkennen, was sich vor ihren Augen abspielte.
Sophie Schuberts Augen weiteten sich. Sophie riss die Augen auf, so weit, dass Leonie sicher war: wenn sie sich noch einen einzigen Millimeter weiter öffnen würden,würden Sophie die Augen aus dem Kopf fallen - einfach heraus plumpsen.
Sie sah, wie Sophies Mund aufging wie ein Garagentor und auf Dreiviertel offen stehen blieb.
Leonie schaute verdutzt. Dann erkannte sie, dass auch Alina, Finja, Antonia und Maja mit offenen Mündern auf etwas hinter ihr starrten. Sie vernahm seltsame Geräusche, die aus den Kehlen der Mädchen hervorquollen, heiseres Ächzen, atemloses Fiepen und ein komisches Kieksen. Die Gesichter der Mädchen spiegelten völlige Überraschung und absoluten Unglauben wider. Und Aufregung.
Leonie hörte es, bevor sie sich umdrehte. Weit in der Ferne kam ein Röhren auf, ein zugleich heiseres und dumpfes Grollen, dunkel zuerst und heller werdend, dann kurz unterbrochen, wenn geschaltet wurde, und wieder von vorne beginnend. Sportauspuff.
Sie drehte sich um. Sie bewegte sich wie eine Schlafwandlerin. Rund um sie juchzten und seufzten sämtliche Mädchen, die Augen aufgerissen, die Hände vor den Mund geschlagen.
Der Wagen kam von links. Er musste aus der Hermannstraße abgebogen sein. Leonie sah die niedrige Silhouette und die Farbe. British Racing Green. Es hatte in der HALLO gestanden. Sie hörte das Röhren des bulligen Sechszylinders näher kommen.
Das kann nicht sein! Das kann nicht …
Sophie Schubert und die anderen fiepten und japsten noch immer mit aufgerissenen Augen, als der Morgan Roadster mit chromfunkelnden Speichenrädern direkt vor Leonie am Straßenrand anhielt. Zwei Sekunden bollerte und grollte der große Sechszylinder im Leerlauf. Dann erstarb er mit einem Fauchen. Der Wagen stand still.
Leonie stand da wie erstarrt. Sie konnte sich nicht rühren. Ungläubig sah sie, wie er seine Sonnenbrille abnahm und mit einer lässigen Bewegung an den Rückspiegel hängte. Er stieg aus. Er kam nicht hinten herum. Er marschierte in aller Seelenruhe an der ewig langen Motorhaube des Morgan entlang, umrundete sie ohne Eile und kam auf sie zu, ein Zwanzigjähriger mit dichtem dunkelblondem Haarschopf, einen Meter vierundachtzig groß. Seine Schultern verdeckten die Welt. Seine Augen waren so blau wie das Wasser in der Antarktis.
Rundherum quiekten und japsten die Mädchen. Einige stießen verzückte kleine Schreie aus. Er sah sie nicht an. Seine Augen ruhten auf ihr, auf Leonie. Dann lächelte er und Leonie spürte, wie ihr Herz mit einem Knall zerplatzte.
Vor ihr stand Jannik „Nik“ Faber, Leadsänger, Songschreiber und Bandleader der Peoples, der angesagtesten Boyband in Deutschland, der Junge, in den alle Mädchen verliebt waren.
Im Augenwinkel sah Leonie Sophie Schubert zu ihr her starren, voller Unglauben und sprachlos.
Leonie konnte sich nicht rühren. Sie konnte nicht sprechen. Sie konnte nicht einmal denken.
Er stand vor ihr, leibhaftig vor ihr. Er kam einen Schritt näher. Seine Augen senkten sich in ihre. Sein Lächeln wurde sanft, es wurde persönlich. Er fasste sie rechts und links an den Ellbogen und ein winziger Rest Verstand in Leonies vollkommen blockiertem Hirn erfasste, dass er sie festhielt, sie festhalten musste, sonst wäre sie umgekippt.
„Hi Leonie“, sagte er mit dieser unglaublichen Stimme, so weich wie Samt und so rau wie Schmirgelpapier, so dunkel und kehlig, dass jedem Mädchen, das diese Stimme hörte, große Hände in den Bauch krochen und dort zu wühlen begannen.
Er beachtete die anderen Mädchen nicht. Er hatte nur Augen für sie. Sein Lächeln vertiefte sich noch weiter. „Alles Gute zum Geburtstag.“
Und dann küsste er sie.

09.05.2018 13:10 Stefan Steinmetz ist offline Email an Stefan Steinmetz senden Beiträge von Stefan Steinmetz suchen Nehmen Sie Stefan Steinmetz in Ihre Freundesliste auf
carolne1960 carolne1960 ist weiblich
Doppel-As




Dabei seit: 18.02.2013
Beiträge: 116

Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

Überaschung!!geschockt Ich liebe deine Gedankensprünge die einer gruseligen Situation eine vollkommen andere Richtung geben.

__________________
Was ist der Mensch - nur ein flüchtiger Gedanke - nicht zu greifen - nicht zu fassen. Stets schweigend mit sich im Gespräch vertieft durforsch er sich und findet sich nie.
Der Traum ist die wahre Wirklichkeit. großes Grinsen

09.05.2018 22:48 carolne1960 ist offline Email an carolne1960 senden Beiträge von carolne1960 suchen Nehmen Sie carolne1960 in Ihre Freundesliste auf
 
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Gehe zu:

Powered by Burning Board Lite 1.0.2 © 2001-2004 WoltLab GmbH