| Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(24) |
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Sie standen im Habitat von Arne und Antje um einen kleinen Tisch herum.
„Das ist sie“, sagte Antje. Sie zeigte auf den kleinen Roboter: „Darf ich vorstellen: Lindy-Flindy.“
Ethan prustete los: „Du willst sie tatsächlich so nennen?“
„Sie sieht doch genauso aus“, meinte Antje.
Sie schauten sich das Roboterchen an. Auf dem Raupenantrieb, den Ethan konstruiert hatte, thronte der Oberkörper eines kleinen Mädchens. Es trug die schwarzen Haare zu Affenschaukeln geflochten. Das Köpfchen war abwärts geneigt. Es sah aus, als ließe das Mädchen den Kopf hängen, weil es mutlos war. Über einem Stupsnäschen waren Displays in Augenform angebracht. Sie waren stumpf und leblos. Die Arme des Roboterkindes hingen nach unten. Kleine Händchen, die Menschenhänden täuschend ähnlich sahen, lugten aus den Ärmeln hervor.
„Sie ist voll beweglich“, erklärte Antje. „Ich habe viele Kleinteile von der Erde mitgebracht. Zuerst wollten die Leute von Mars First mich nicht lassen, aber dann haben sie ihre Meinung geändert. Deshalb konnte ich meine kleine Lindy-Flindy bauen. Sie hat Dutzende Servomotoren in den Händen und im Gesicht. Und sie hat Sensoren überall. Wenn sie berührt wird, spürt sie das. Sie wird jedes Streicheln und jede Umarmung fühlen. Das Unterteil hat McSuperkonstrukteur gebaut.“
„Es ist kreiselstabilisiert“, referierte Ethan. „Die Raupen und die Stützplatte können sich in die Kurve legen. Der Antrieb kann von dem Robotergirl per Kabel oder drahtlos gesteuert werden. Alle Teile sind keramisch und damit selbstschmierend. Das garantiert einen stromsparenden Leichtlauf. Die Raupen bestehen aus einem speziellen Kevlarmaterial. Die gehen problemlos durch den giftigsten Sand da draußen, ohne Schaden zu nehmen.“
„Sie hat zwei Batteriepacks in der Brust“, sagte Antje. „Wenn der erste Pack leer wird, schaltet sie auf den zweiten. Dann kann sie zur Ladestation fahren und den leeren Akku anschließen und einen neuen entnehmen und ihn sich selbst einsetzen.“
„Lindy-Flindy?“, fragte Laura. Sie beugte sich zu dem kleinen Roboter hinab. „Wenn schon, sieht sie aus wie diese Chica, die den Lindy-Flindy Song singt. Wie eine kleine Anime-Figur. Sie ist hübsch.“
„Nicht nur hübsch“, sagte Antje. „Auch intelligent. Und lernfähig. Sie hat eine unglaubliche Menge an Informationen in ihrem Hauptspeicher zur Verfügung. Sie könnte zum Beispiel in einer Dragon die Steuerung anzapfen und das Schiff in den Orbit fliegen.“
Antjes Augen bekamen einen Glanz: „Aber das Wichtigste ist: Sie ist lernfähig. Ich habe ewig an dem Algorithmus gearbeitet, der sie steuert. Man könnte durchaus behaupten, dass sie denkfähig ist oder es zumindest allmählich sein wird. Sie hat im Moment den „Verstand“ eines vierjährigen Kindes, aber sie wird dazulernen. Jedes Mal wenn sie mit uns in Interaktion tritt, wird sie sich weiterentwickeln. Chica mochte ich sie nicht nennen. Lindy-Flindy gefällt mir besser.“
Ethan tat, als beäuge er Lindy-Flindy misstrauisch: „Sie entwickelt Verstand? Gott! Sie wird uns doch nicht eines Nachts abschlachten? Man kennt dergleichen ja aus diversen Filmen.“
„Nein, wird sie nicht“, sagte Antje. „Ich habe sie auf die drei Robotikregeln programmiert. Sie stehen in ihrem Arbeitsspeicher und sind nicht löschbar. Aber ich hoffe, sie wird menschliche Eigenschaften entwickeln.“ Sie grinste Ethan an: „Es müssen ja nicht gleich die unangenehmen sein wie Mordlust oder ähnliches.“
Sie strich dem Robotermädchen über den dicken, schwarzen Haarschopf: „Sie sieht menschlich aus, zumindest oben herum, aber sie hat auch Anbauteile, wie man sie nur von Robotern kennt. Sie kann Gelenkarme ausfahren und Bodenproben nehmen. Sie hat Werkzeuge an Bord, eine kleine Bohrmaschine und Fühler für Temperatur oder die Beschaffenheit von Flüssigkeiten. Sie kann die Atmosphäre messen und den Nitratgehalt von Gartenboden. Sie hat jede Menge Fähigkeiten. Sie ist nicht nur ein niedliches Spielzeug. Sie wird uns bei der Arbeit helfen.“
Antje zeigte auf einen der kleinen sechsrädrigen Rover, der in der Ecke hockte und seine Batterien an der Ladestation auflud: „Lindy-Flindy kann auf das Roverchen drauf fahren und sich vom Scherenlift des Rovers hochheben lassen. Dadurch kann sie mit uns an einem Tisch arbeiten. Ebenso kann sie Laura nach draußen begleiten und sie beim Sammeln von Bodenproben unterstützen. Sie kann an Ort und Stelle die Zusammensetzung von Sand, Regolith oder unterirdischem Eis analysieren. Ihre Instrumente sind sehr genau. Kein Spielzeug! Präzisionswerkzeug!“
Antje griff zur Computermaus. Sie fuhr mit dem Cursor über den Bildschirm und klickte ein Icon an: „Ich aktiviere sie jetzt. Bisher habe ich sie nur per Schnittstellen mit ihrem Antrieb verbunden und ihre Datenbank gefüllt. Nun wird sie zum ersten Mal erwachen.“
Laura beugte sich vor: „Sie ist niedlich. Sie sieht richtig goldig aus.“
Ein Ruck ging durch die kleine Roboterpuppe. Die Augen leuchteten auf. Sie wurden lebendig. Die Displays, die die Augen darstellten, imitierten sogar täuschend echt den Lidschlag. Das Robotermädchen gab einen kleinen Seufzer von sich. Langsam hob es sein Köpfchen und schaute Laura aus großen Kinderaugen an.
„Gott! Sie sieht mich an“, hauchte Laura. Ein Lächeln trat in ihre Gesicht, wie es ihre Kameraden noch nie zuvor bei ihr gesehen hatten. „Sie ist zum Verlieben.“ Sie berührte das linke Händchen des Roboterkindes: „Hallo du!“
Der Kopf des kleinen Geschöpfes wandte sich ihr vollständig zu. Die großen Augen musterten Laura eindringlich. Der kleine Schmollmund unter dem Stupsnäschen bewegte sich: „Hhaalloo? Dhhuu?“
Laura lachte leise auf: „Sie spricht! Sie kann sprechen!“ Sie fuhr dem Robotermädchen über den Haarschopf: „Hallo Lindy-Flindy. Schön, dass du hier bist. Ich bin Laura.“
Große Augen schauten zu Laura auf. „Lindy-Flindy, ich bin“, sagte das Robotermädchen. Seine Stimme war hell und sanft wie die eines kleinen Kindes. „Laura, du?“
Laura nickte: „Ja. Ich bin Laura.“ Sie zeigte auf die anderen drei: „Das sind Antje, Arne und Ethan. Wir leben in der Marskolonie.“
Lindy-Flindys Köpfchen drehte sich: „Aantjee. Hat Lindy-Flindy macht. Arne Freund Aantjee. Ethan der Mc-Mann ist. Kann Tausendsassas! Alles bauen.“ Sie schaute an sich herunter. Ihr Raupenantrieb geriet in Bewegung. Lindy-Flindy drehte sich auf der Stelle. Das leise Sirren der Elektromotoren, die die Raupen antrieben, war fast unhörbar.
Lindy-Flindy lächelte Ethan an: „McTausendsassa-Mann meine Raupen gemacht!“
„Aantjee“, sagte das Robotergirl. Es machte eine unbeholfene Geste mit den kleinen Ärmchen. „Aantjee.“ Pause. Dann: „Antje. An Dijk. Holland. Mars First. Maus. Spezialistin für Gartenbau und Computerprogrammiererin.“
Sie wandte sich Arne zu: „Arne. Heuermann. Deutscher Mann. Chemiker. Ingenieur. Ziegelmacher. Kuppelbauer. Marsanzug blöd ist!“
Sie mussten lachen.
Lindy-Flindys Köpfchen ruckte hin und her. Sie schaute die vier Menschen an. Ihre Augen suchten Blickkontakt. Sie wirkte verunsichert.
„Du hast schon recht, Lindy-Flindy“, sagte Arne. „Ich liebe den Mars, aber ich kann den sperrigen Anzug nicht leiden, den ich tragen muss, wenn ich raus gehe.“
„Sie muss das aufgeschnappt haben, als ich sie programmierte“, sagte Antje. „Als ich ihre Datenbank aus unseren Computerbibliotheken fütterte, waren ihre Ohren eingeschaltet. Sie hat alles gehört, was ich sagte.“
„Ich merke es“, sagte Arne. Er schmunzelte.
Lindy-Flindy lächelte ihn an: „Sseiß-Anzug, blöder! Doofes Ding! Dick wie ein Luftmatratze! Können die Gurkennasen von Mars First nicht was dünnes und bequemes erfinden?“
Antje lachte laut los. „Sie muss dich gehört haben, Arne!“
Lindy-Flindy blickte Ethan an: „McGyver. McTausendsassa-Mann. Segel-Mann. Gernsegelt Segel-Mann.“
Sie drehte sich auf ihren Raupen und schaute Laura an. „Laura“, sagte sie. „Laura lieb!“
Laura wirkte überrascht.
„Wie es aussieht, hat sie dich adoptiert“, meinte Antje scherzhaft.
„Wie kann sie so etwas sagen?“, fragte Laura. „Du hast sie doch gerade erst eingeschaltet. Sie kann nicht viel aufgeschnappt haben, während du ihre Datenspeicher gefüllt hast.“
Lindy-Flindy blickte ernst zu ihr auf. Sie sagte etwas. Ganz leise. Es klang wie „Schrlie.“ Es klang traurig.
Laura schluckte. Sie starrte das Robotermädchen an, sichtlich aus der Fassung gebracht.
„Shirley!“, wisperte sie. „Aber … wie …?“
„Traurig Laura“, sagte Lindy-Flindy. „Dunkel. Augen aus. Laura traurig Shirley.“
„Dunkel“, sagte Antje. Sie blickte Laura an. „Sie meint: nachts. Sie muss gehört haben, als du im Schlaf gesprochen hast. Wer ist Shirley? Hast du von ihr geträumt?“
Laura stand da und schluckte. „Meine Schwester“, sagte sie schließlich. „Shirley ist meine jüngere Schwester. Ich … ich habe tatsächlich von ihr geträumt. Es war ein sehr trauriger Traum. Ich ...“ Wieder schluckte sie.
„Traurig. Laura“, wiederholte Lindy-Flindy, während sie Laura mit diesen großen, ausdrucksvollen Augen anschaute, die so erschreckend echt wirkten. „Dunkel traurig Shirley Laura. Laura hat geweint.“ Sie rollte auf ihren Raupen zu Laura hin. Langsam hob sie ihr Ärmchen. Dann streichelte sie unendlich zart über Lauras Wange: „Laura lieb! Laura lieb!“
*
Ethan saß vorm Rechner. Er brachte sein neuestes Schiff aus dem Hafen, einen schnittigen Gaffelschoner mit drei Masten. Inzwischen hatte Maus das Programm so erweitert, dass er die Wahl unter einem Dutzend unterschiedlicher Segelschiffe und -jachten treffen konnte. Ethan klickte sich durchs Menü. Er sah zu, wie die Gaffel des ersten Mastes mit dem Piekfall angehoben wurde. Darüber wurde auf Mausklick das kleine Toppsegel gesetzt. Er wandte sich den beiden anderen Masten seines Schoners zu und setzte sie unter Segel. Dann ging es hinaus und über den endlos weiten See im Orcus Patera.
Aus den Lautsprechern ertönte das Knarren der hölzernen Masten und gelegentlich das Flattern eines Segels, wenn Ethan den Kurs änderte. Ethan klickte auf eine andere Ansicht. Nun sah er den Schoner aus dem Blickwinkel einer Drohne, die den Segler im Abstand von fünfzig Metern umkreiste. „Regina Marsis“ stand in großen Lettern am Bug des hölzernen Rumpfes.
Lindy-Flindy hockte neben ihm und schaute zu. „Jetzt geht’s los! Wir segeln hinaus! Ein schöner Tag!“ Ethan hatte einen Klapphocker gebaut, auf dem das kleine Robotergirl bequem Platz fand. Wann immer Antje van Dijks Schöpfung in Sachen künstlicher Intelligenz neben einem der vier Kolonisten sitzen wollte, ließ sie einen der kleinen Service-Rover den Stuhl heran karren. Sie fuhr auf den Rover hinauf und aktivierte den Scherenlift, der sie so hoch hinauf hob, dass sie auf die Sitzfläche ihres Hockers fahren konnte.
Lindy-Flindy hatte die natürliche Neugier eines kleinen Kindes. Sie konnte stundenlang neben einem sitzen und zuschauen. Sie saugte jede Information, die man ihr gab, auf wie ein Schwamm. Sie stellte Fragen und freute sich über Antworten. Sie merkte sich alles. Ihre Auffassungsgabe war faszinierend und fast schon ein klein wenig unheimlich. Ihre anfangs unbeholfene Sprache hatte sich sehr verbessert.
„Gell, jetzt segelst du hoch am Wind?“, fragte sie ihn.
Er lächelte ihr zu: „Ja, Kleines. Heute weht eine steife Brise überm Orcus. Wir können ordentlich Gas geben.“ Er ließ die Finger über die Tastatur sausen und klickte mit der Maus durchs Menü.
Antjes Programm ließ verschiedene Bedienungsarten der Segeljachten zu. Man konnte am Heck am Steuer links, rechts und geradeaus anwählen, aber es war ebenso möglich, alle Manöver komplett von Hand zu machen. Das tat Ethan im Moment. Er hatte alle Hände voll zu tun, die Segel des Schoners zu bedienen. Er liebte es. Es war fast wie richtiges Segeln.
Ethan fand es wahnsinnig lieb von Maus, dass sie ihm das Programm geschrieben hatte. Er hatte von Antje erfahren, dass es ursprünglich eine Idee von Arne gewesen war. Das hätte er dem Deutschen nicht zugetraut, diesem pedantischen Griesgram, der alles immer so genau nahm und das Leben anscheinend nur von der technischen Seite aus betrachten konnte.
Aber waren die Deutschen nicht auch schwermütige Leute, die an der Heimat hingen und auf Natur standen? Sie sangen „Warum ist es am Rhein so schön“ und „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“.
Ausgerechnet Arne Heuermann! Der Kerl hatte anscheinend verstanden, dass Ethan Heimweh nach dem Meer hatte und dann Antje vorgeschlagen, das Segelprogramm zu basteln. Wie es aussah, hatte der Deutsche also doch Gefühle wie ein Mensch.
Ein kleines Händchen fasste Ethan am Arm: „Ethan, die Vorsegel fehlen!“ Lindy-Flindy lächelte ihn an. Ethan konnte nicht anders. Er lächelte zurück. Dann machte er sich daran, die kleinen Segel zwischen Fockmast und Bugspriet zu setzen.
Auf dem Bildschirm erschien alles in 3-D. Es war herrlich. Ethan war geradezu süchtig nach dem Spiel. Gleichzeitig machte es ihn auch ärgerlich, ja es verletzte ihn beinahe. Diese Spielerei am Computer war letzten Endes nichts als ein kümmerlicher Ersatz. Es konnte echtes Segeln draußen auf dem Meer nicht ersetzen. Eher war es, als würde er sich einen Porno reinziehen, statt mit einer richtigen Frau guten, echten Sex zu haben. Aber er konnte nicht davon lassen. Er brauchte das Segelspiel wie der Raucher seine Kippen. Obwohl es oft wehtat. Wenn er durch die virtuelle Welt am Bildschirm segelte, verstärkte das sein Heimweh. Manchmal hätte Ethan aufschreien können, so sehr schmerzte es, ans Meer und seine Segeljacht zu denken.
Fehler! Ich habe einen Fehler begangen. Ich hätte nicht herkommen sollen.
Während er Lindy-Flindy Vor- und Achterliek erklärte und ihr erzählte, was ein Schratsegel war, dachte er über sein Mitmachen bei Mars First nach.
Das größte Abenteuer der Menschheit seit der Fahrt des Christoph Kolumbus. Ja. Das war es. Und er, Ethan McDuff, hatte daran teilgenommen. Er war einer der ersten Menschen auf dem Mars. Er hatte es allen gezeigt, auch sich selbst und erst recht seinem Vater. Die Stimme seines Vaters war endlich in seinem Kopf verstummt, als sie auf dem Mars landeten und die Kolonie errichteten.
„Du bist einer, der etwas mit den eigenen Händen schaffen will“, hatte sein Vater vor Jahren zu ihm gesagt. „Du mit deiner Segelschule, deinem Aufrüsten von Segelbooten und jetzt auch noch diese Werft. Du entwirfst und baust deine eigenen Segeljachten. Selbst ist der Mann! Ja, so bist du. So warst du schon immer.“ Es schien ganz ohne Gemecker und Genörgel gesagt. Sein Vater hatte ihn freundlich angesehen, als er Ethan lobte, doch seine Sätze endeten nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Komma. Nach diesen Kommata folgten immer die nicht ausgesprochenen Nachsätze.
„Aber wirklich viel hast du ja nicht erreicht, Sohnemann.“ Etwas in der Art. Unausgesprochen. Doch Ethan konnte die ungesagten Worte seines Vaters deutlich in seinem Kopf hören. „Was hätte aus dir werden können, wenn du wie ich ein Geschäftsmann geworden wärst!“
Die Stimme seines Vaters war verstummt, aber nicht für immer. Inzwischen konnte Ethan sie wieder in seinem Kopf hören. Er hörte sie so laut und verständlich, wie er sie gehört hatte, als er im Lift zur Spitze der Rakete gefahren war, um in die Dragon einzusteigen, die sie in den Weltraum tragen sollte. „Du willst also auf den Mars fliegen, Sohn? An einer milliardenschweren Mission teilnehmen? Ethan, das ist deine Entscheidung! Ein Mann muss zu seinen Entscheidungen stehen, also flieg los und nimm am größten Abenteuer der Menschheit teil.
Aber wenn du ehrlich zu dir selbst bist, musst du zugeben, dass es nicht das Gelbe vom Ei ist, oder? Diese paar Milliärdchen! Ist das nicht in Wirklichkeit ein ganz erbärmlicher Billigheimer, auf den du dich da einlässt? Ist nicht alles ein bisschen mickrig und klein, ein wenig dünn und spienzig? Diese mickrigen Aufblashabitate, die Kapseln, die aneinander gereiht stehen … alles dürr und jämmerlich. Das ist keine Kolonie, das ist ein Campingplatz auf dem Mars! Die NASA würde das Ganze viel größer aufziehen mit richtigen Wohneinheiten, mit Werkstätten und Labors, mit meteorsicheren Steinbauten.
Und du sitzt demnächst in Wohn-Schlauchbooten, die so eng sind wie eine Garage!“
Ethan hasste die Stimme seines Vaters, wenn sie so redete. Nicht weil sie nörgelte, nein, sondern weil sie die nackte Wahrheit aussprach.
Ethan ließ den Blick durch das Habitat schweifen. Aufblasbar. Wie ein Schlauchboot Ein Wohn-Schlauchboot! Mit einem Schlauchboot fuhr man nicht raus auf den Ozean. Dazu brauchte es ein richtiges Schiff oder eine Jacht.
Er hörte, wie die Außenschleuse hinter ihm in der Dragon-Kapsel zischte. Lindy-Flindys Köpfchen ruckte herum: „Laura! Laura kommt!“ Mit einem Satz hopste sie vom Hocker und sauste auf leise surrenden Raupen davon. „Laura!“
Ethan klickte mit der Maus. Auf dem Flatscreen öffnete sich ein kleines Fenster. Er sah mit den Augen der Kamera, die bei der Außenschleuse installiert war. Lindy-Flindy erschien im Bild. Sie flitzte zur Schleuse und blieb davor stehen. Sie wartete, bis die Innentür aufglitt und Laura im Marsanzug herein kam. Laura nahm den Helm ab.
„Laura!“, rief Lindy-Flindy fröhlich. „Lauralieb! Wo warst du?“
„Draußen“, erwiderte Laura mit einem Lächeln im Gesicht. Sie stieg aus dem Anzug und schloss ihn an die Versorgung an. „Ich habe Proben mitgebracht. Da ist dieser Stein … den muss ich mir gleich unterm Mikroskop anschauen.“ Sie kniete vor dem kleinen Robotermädchen nieder und umarmte es.
„Ich habe dich vermisst“, sagte Lindy-Flindy mit ihrer hellen Kinderstimme. „Bitte Lauralieb, nimm mich mit, wenn du nach draußen gehst! Nimm Lindy-Flindy mit!“
„Das nächste Mal darfst du mit“, sagte Laura. „Versprochen.“
Ethan schaute zu, wie sie dem kleinen Roboter durchs dichte schwarze Haar wuschelte. Laura war hin und weg von dem Robotergirl. Sie hatte einen Narren an Lindy-Flindy gefressen. Es schien beinahe, als hätte sie Muttergefühle für das künstliche Geschöpf entwickelt.
Kindchenschema, dachte Ethan. Maus hat das perfekt hingekriegt. Der kleine Robo sieht aus wie ein Anime-Mädchen. Darauf spricht man automatisch an.
Selbst er musste oft lächeln, wenn Lindy-Flindy bei ihm war und ihn mit ihrer kindlichen Neugier ausfragte. Er konnte sich allerdings nicht dazu durchringen, sie zu umarmen. Er wusste, dass der Körper des Robotergirls mit Sensoren gepflastert war und Lindy-Flindy Berührungen spüren konnte, aber der Gedanke, eine sprechende Puppe zu umarmen, kam Ethan schräg vor.
Anderen Leuten ging es nicht so. Er dachte an die Doku, die sie vor einer Woche gesehen hatten. In Japan gab es niedliche Tierbabyroboter, die alten Leuten Gesellschaft leisteten und die Japse arbeiteten an Servicerobotern, die älteren Menschen zur Seite stehen sollten. Sie erinnerten sie an die Einnahme ihrer Medikamente und unterhielten die Leute. Diese Roboter zeigten auch meist das Kindchenschema mit großen Augen in einem kindlichen Gesicht. Das wirkte sich positiv auf die alten Menschen aus.
„Das könnte Lindy-Flindy doch auch machen“, hatte er zu Antje gesagt. „Ich meine, man könnte es sie lehren, oder? Blutdruck messen, auf Medikamenteneinnahme achten, was zu Trinken bringen, bei Gefahr den Notarzt alarmieren oder ganz einfach Gesellschaft leisten. Wir könnten Lindy-Flindy auf der Erde in Lizenz bauen lassen. Das würde ordentlich Schotter bringen.“
Antje hatte gelacht und gesagt, dass sie sich das tatsächlich vorstellen könnte.
Seitdem dachte Ethan oft über die Sache nach. Geld. Viel Geld. Alle Kinder der Erde würden sich eine Lindy-Flindy zu Weihnachten wünschen! Und für alte Leute, die allein lebten, wäre ein solcher Roboter ein Segen.
Geld. Es würde Geld einbringen.
Ethan grinste in sich hinein. Mit diesem Geld können die Leute von Mars First ein Raumschiff bauen, in dem ich zurück fliegen kann!
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