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Stefan Steinmetz
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Dabei seit: 10.02.2006
Beiträge: 1688

Der Elfenmacher(3) Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

Stephan Harrer saß an seinem Schreibtisch und ließ die Feder übers Papier fahren. Er schrieb Tagebuch. Er schrieb mit selbstgemachter Tinte mit einer altmodischen Feder. Harrer mochte das. Mit dem altmodischen Schreibzeug Notizen zu machen, wirkte beruhigend und anregend zugleich auf ihn. Es war etwas ganz Anderes, mit Tinte und Feder zu arbeiten, statt einen simplen Kugelschreiber zu benutzen. Er rotzte auch nicht einfach die Zeilen herunter. Er schrieb konzentriert und malte die Buchstaben aufs Papier. Kalligraphie nannte man das. Neben selbstgemachten Tintensorten besaß er ein ganzes Sortiment gekaufter Tuschen und Tinten.
Das Kalligraphieren war eins seiner Hobbys. Daneben baute er für sein Leben gerne Modellautos zusammen. Er fertigte Möbel und Gebrauchsgegenstände aus Holz und er war verrückt nach alten Schlössern. Nicht den Schlössern, in denen früher Adlige gewohnt hatten, sondern nach den Schlössern in den Türen jener Schlösser.
Stephan Harrer konnte jedes Schloss der Welt knacken, na ja beinahe jedes. Er hatte es mithilfe von Büchern und Kursen gelernt. Das Schlösserknacken war ein weiteres Hobby.
Dann noch die Zeichnungen, aber das war kein echtes Hobby. Sich ein oder zweimal im Monat hinsetzen und nach einer Fotografie eine Landschaft oder irgendwas Architektonisches mit Bleistift auf Papier zu zeichnen, verdiente die Bezeichnung Hobby nicht. Er hätte gerne Menschen gezeichnet, aber dazu fehlte ihm das Talent.
Im Moment kalligraphierte er. Er trug alles Mögliche in sein Notizbuch ein. Endlich hatte er mal Positives zum Aufschreiben. In den vergangenen zwei Jahren war das anders gewesen; damals als er noch in Runsach gewohnt hatte.
Stephan seufzte. In Runsach. In Brunzach. Bei den Paradekamelen. Bei den Schweinen. Bei den Arschlöchern. Bei den Drecks-Kowak-Schweinen. Beim Kowak-Pack. Neben und zwischen der ganzen dreckigen Mischpoke, die ihm das Leben zur Hölle gemacht hatte und es schließlich fertiggebracht hatte, dass er aus Runsach fortzog ins nahe Rhensach.
Stephan legte den Federhalter nieder. Er reckte und streckte sich. Der Leutnant beobachtete jede seiner Bewegungen, als wolle er sich alles genau einprägen für den Fall, dass er es eines Tages selber anstelle seines Herrchens machen musste.
Stephan grinste den Großspitz an: „Genug gekrickelt, was Leutnant? Wie wäre es mit einem Spaziergang im Garten?“
„Wuff“, antwortete der Leutnant. Er war ein Spitz aber keineswegs kläffsüchtig. Leutnant von Schnösel meldete zuverlässig jeden, der den Besitz seines Herrchens betrat oder sich diesem näherte, aber danach bewahrte er Ruhe. Er verbellte keine Fremden. Er meldete sie nur. Er war schließlich Soldat und kein Klatschweib.
Harrer ging in den Flur. Er holte die Stiefel aus dem Schuhschränkchen, das er selber gebaut hatte und setzte sich auf den selbstgezimmerten Hocker. Dort zog er die Stiefel an, vom Leutnant genau beobachtet. Der Spitz folgte ihm auf Schritt und Tritt wie ein Schatten. Er Hund wich nicht von seiner Seite. Ausnahme: Toilettengang, Duschen und Aktion Erdstall. Im Erdstall wollte Harrer den Hund nicht dabei haben. Hatte natürlich Gründe.
Stephan stand auf und nahm die Jacke von der selbstgebauten Garderobe. Er musste schmunzeln. Er war Millionär und machte etliche seiner Möbel selber. Der Lottogewinn hatte ihn nicht größenwahnsinnig gemacht. Er hielt sein Geld zusammen. Und warum Dinge wie Garderoben, Hocker oder Gartenstühle kaufen, wenn man sie selber machen konnte? Es war eine ungemeine Befriedigung, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen.
Sein Vater war da natürlich anderer Meinung, aber die Meinung seines alten Herrn interessierte Stephan Harrer nicht mehr. Mit seinem Vater hatte er keinen Kontakt mehr. Nach dem bösen Streit, hatte er sich zurückgezogen.
Zusammen mit dem Leutnant ging Stephan in den Garten. Nach vielen eisigen Tagen war es endlich milder geworden. Die Temperaturen sollten laut Wetterbericht demnächst frühlingshaft werden.
„Wurde auch Zeit“, brummte Stephan. Mit dem Spitz an seiner Seite marschierte er über sein Gelände. Vieles war noch roh und unbearbeitet. Er wohnte noch nicht lange in Rhensach. Die Terrasse und der Grillplatz waren fertig. Das erste Treibhaus stand und er hatte inzwischen sechs Hochbeete aufgebaut. Es sollte noch ein gutes Dutzend dazu kommen.
Leider war sein neues Grundstück arg klein. Gerade mal zwanzig auf sechzig Meter maß sein Land. In Runsach hatte er zwei Hektar sein eigen genannt. Im räudigen Brunzach.
Stephan lief die leicht ansteigende Wiese hinauf. Er zog das linke Bein nach. An Tagen, an denen das Wetter umschwang, spürte er die Hüfte immer und dann konnte er sein leichtes Hinken nicht ganz verbergen. Aber so schlimm wie früher war es nicht mehr.
Als Kind hatte Stephan Harrer stark gehinkt. Etwas stimmte mit seiner linken Hüfte nicht und sein rechtes Bein war länger als das linke.
„Den kleinen Kaiser hat mich mein Vater immer genannt“, sprach Stephan zu seinem Hund. Der Leutnant hörte aufmerksam zu. „So ein Dödel!“ Stephan schnaubte. „Ich verstand nicht, was er damit meinte. Wieso sollte ich ein Kaiser sein, weil ich eine Gehbehinderung habe?“
Erst mit sechzehn Jahren hatte Stephan Harrer herausgefunden, was sein Vater mit der seltsamen Bemerkung meinte. Er bezog sich auf den letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. Der hatte einen verkrüppelten Arm gehabt. Bei Stephan war es das linke Bein.
Mit vierzehn Jahren hatte er die Sommerferien in einer Spezialklinik verbracht. Dort hatte man ihn operiert. Man hatte den Oberschenkelknochen des rechten Beines um einen Zentimeter verkürzt. Aufgesägt und später wieder zusammengeklebt hatten die Ärzte den Knochen. An die OP schloss sich eine lange Reha an und danach konnte Stephan endlich fast normal laufen. Seitdem fiel sein Hinken nicht mehr so stark auf.
Aber ganz war es nie verschwunden. Stephan war ein ganzes Jahr vom verhassten Schulsport befreit und musste stattdessen einmal in der Woche in eine spezielle Therapie. Trotz der Bewegungsübungen war Stephans Hinken nicht ganz verschwunden.
„Weißt du was“, sprach Stephan zum Leutnant: „Mein alter Herr trägt mir bis heute nach, dass das Hinken nicht ganz weg ist. Der bildet sich ein, dass ich mich nicht fest genug in die Reha gekniet habe. Der meint, mein Bein wäre besser geworden, wenn ich meine Übungen mit mehr Einsatz gemacht hätte.“
Stephan schüttelte den Kopf: „Dieser Turniertrottel! Was meinst du, wie ich mich reingekniet habe, mein Junge?! Ich habe trainiert wie besessen, weil ich endlich kein verdammter Krüppel mehr sein wollte, der von den anderen Kindern in der Schule ausgespottet wurde.
Es war einfach so, dass das blöde Bein nicht besser wurde. Die Ärzte haben es gesagt: Besser geht es nicht. Aber nein! Mein Alter muss es mir ein Leben lang vorhalten! Dieser Schwachkopf. Hat sich wohl einen athletischen, sportlichen Sohn gewünscht. Leider kam ich nicht nach seiner Turnerfigur sondern nach Mutti.“
Von seiner Mutter hatte Stephan den schlanken Körperbau geerbt. Er glich seinem Vater überhaupt nicht, der einen athletischen Ringerkörper hatte und groß gewachsen war.
Stephan grinste: „Dafür habe ich volles Haar und der Alte wurde schon mit Mitte zwanzig kahl.“ Er fuhr sich durch das dichte, dunkelblonde Haar.
„Ich wette den ärgert, dass mir mein Haus und mein jetziges Leben einfach in den Schoß fiel“, sagte Stephan. Der Spitz an seiner Seite hörte zu.
Im Lotto gewonnen. 2,6 Millionen. Da brauchte sich einer nicht anzustrengen, um ein Haus abzuzahlen. Da kaufte man einfach.
„Sein Problem, wenn er neidisch ist“, brummte Stephan. „Der hat ja keine Ahnung.“
Es gab Probleme. Ihm fehlte Geld. Denn das Haus in Runsach gehörte immer noch ihm. Bislang war es ihm nicht gelungen, es zu verkaufen.
Als seine Freunde ihm beim Umzug geholfen hatten, hatte Dominik es auf den Punkt gebracht: „Wird schwer werden, den großen Kasten mit dem riesigen Stück Land dran zu einem angemessenen Preis loszuwerden. Es gibt nicht viele Leute, die so viel Geld aufbringen können.“
Genau das war das Problem. Es mussten schon solvente Käufer sein und die mussten dann auch noch ein Haus wollen, das zwischen zwei anderen stand; ein Haus das rechts und links von Häusern der Kowak-Sippe eingequetscht war.
Stephan hatte genug Geld gehabt, das neue Haus in Rhensach zu kaufen, aber jetzt war die Knete ein wenig knapp. Zinsen gab es im Moment auch nicht so viel. Dabei musste er seine Rentenbeiträge und die Krankenkasse aus Privatmitteln finanzieren.
Aber in Runsach hatte er nicht bleiben können. Dafür hatten die Kowaks gesorgt. Gemobbt hatten sie ihn, ihm das Leben schwer gemacht. Auf die Nerven waren sie ihm gegangen. Allein wenn Stephan dran dachte, wie Boris Kowak praktisch jeden Tag am Gartenzaun gehangen hatte, und ihm vorschreiben wollte, wie er seinen Garten zu führen hatte.
„Das kannst du da nicht hinsetzen. Das braucht mehr Sonne. Du musst anders harken. Du gießt zu oft. Du gießt zu selten. Du musst mehr gießen. Das machst du falsch.“ Gott, der Kerl hatte ihm den letzten Nerv geraubt. Zum Schluss hatte es echt keinen Spaß mehr gemacht, in den Garten zu gehen, um dort zu arbeiten. Der Blödmann war sofort an den Zaun gekommen und hatte angefangen, ihm Vorschriften zu machen. Es hatte nichts genutzt, dass Stephan ihn höflich bat, damit aufzuhören. Der hörte nicht auf.
Auf der anderen Seite wohnte die alte Franziska Lange, eine geborene Kowak und die war nicht besser gewesen. Hatte sich dauernd über den Leutnant beschwert. Dabei hatte der Spitz kaum gebellt. Die Alte hatte den lieben langen Tag hinter der Gardine gelauert und Stephan beobachtet. Kowaks waren unerträglich. Alle. Die nervten aus Prinzip. Kowaks waren herrschsüchtig. Die wollten den Leuten alles vorschreiben.
Und weil Stephan Harrer sich nichts vorschreiben ließ, hatten sie ihn gemobbt.
Schweinebande, dachte Stephan. Ihr wart doch bloß sauer, dass der junge Hartmann mir zu dem Haus noch die zwei Hektar Land verkauft hat. Auf das hattet ihr es nämlich angesehen.
Kaum war Stephan eingezogen, war Siegfried Kowak, der Anführer des Kowak-Clans bei ihm vorstellig geworden und hatte das Land haben wollen.
„Du kannst damit ja eh nichts anfangen. Wer will schon einen dermaßen großen Garten“, hatte der Kerl gesagt und sich aufgeführt wie der King von Runsach. „Ich zahl dir einen guten Preis.“
Stephan hatte abgelehnt. Er hatte absichtlich so viel Land erworben, weil er neben Gartenbau auch richtige Selbstversorgung betreiben wollte mit Obstwiesen, kleinen Äckern und allem Drum und Dran. Er hatte Kowak das Land nicht gegeben und das brachte ihn bei den Kowaks in Misskredit. Da Runsach zu fast einem Drittel mit Kowak-Pack besetzt war und die noch mit der Huber-Schulz-Connection zusammen kluckten, hatte Stephan das halbe Dorf gegen sich gehabt; eine auf Dauer unhaltbare Situation.
Es war ihm nichts übrig geblieben, als zu gehen. Denn es war mit der Zeit immer schlimmer geworden. Die letzte und gemeinste Untat der Kowak-Sippe hatte ihn vertrieben. Der Anschlag. Da hatte es ihm gereicht.
Aber er war nicht weit weg gezogen. Aus einer gewissen Rachsucht heraus, war er ins nahe Rhensach gegangen, keinen halben Kilometer Luftlinie von Runsach entfernt. Und weniger als siebenhundert Meter vom Runsacher Dorfplatz entfernt.
Stephan kniete sich auf die Wiese. Er patschte mit der flachen Hand auf den Boden: „Hier fange ich morgen an, Pflanzlöcher auszuheben für meine Obstbäume, Leutnant.“ Er setzte sich und umarmte den Großsspitz, der sich das gerne gefallen ließ. Stephan fuhr ihm durchs Fell und kraulte den Hund.
Leutnant von Schnösel war ein Großspitz, aber er war nicht weiß und nicht schwarz, wie es diese komischen Fuzzis vom obersten Züchtermuftiverein vorschrieben. Ohnehin war der deutsche Großspitz vom Aussterben bedroht und dann auch noch hinzugehen und nur zwei Farbschläge zuzulassen, fand Stephan beknackt. Dadurch wurde der genetische Flaschenhals der Rasse noch enger, die Gefahr von gefährlicher Inzucht noch größer.
Stephan Harrer war auf die Suche gegangen. Er wollte keine überzüchtete Edeltöle mit Inzuchtgenen sondern einen durch und durch gesunden Hund. Also hatte er sich nach Züchtern umgehört, die auch bunte Spitze züchteten und die darauf achteten, frisches Blut ins Land zu bringen, indem sie ihre Hündinnen zum Beispiel in Tschechien decken ließen.
So war er an den Leutnant geraten, einen Großspitzrüden, dessen Farbe einen Mix aus Schäferhundebraunschwarz und grau gewolkt mit einigen weißen Flecken bildete. Von Haus aus hatte der kleine Kerl, den er in einer zweihundert Kilometer entfernt liegenden Kleinstadt abholte Adalbert von der Finkenburg geheißen, aber wer einen Hund so nannte, der fraß auch kleine Kinder.
Anfangs hatte Stephan in Gedanken mit einem ganz normalen Hundenamen gespielt wie Hasso oder Ajax. Aber der Welpe, der ihm auf Schritt und Tritt folgte hatte etwas Schneidiges und Kameradenhaftes an sich. Gleichzeitig übersah er Fremde geflissentlich. Wie es sich für einen Spitz gehörte, konzentrierte der Hund sich gänzlich auf „seine“ Familie und die bestand in seinem Fall nur aus Stephan. Anderen Leuten begegnete der Hund mit einer gewissen Überheblichkeit, so dass Stephan ihn schließlich Leutnant von Schnösel taufte, wobei der Adelstitel bald entfiel und das Tier nur noch Leutnant gerufen wurde.
So schneidig der Leutnant daher kam, er liebte es, mit seinem Herrn zu schmusen. Er konnte gar nicht genug Knuddeleien abbekommen.
Stephan drückte den Spitz und blies ihm ins dicke Fell: „Was hier fehlt, sind Kinder, lieber Kamerad. Die könnten dich den lieben langen Tag knuddeln.“ Es gab keine Kinder. Es gab auch keine Frau im Leben von Stephan. Im Moment war er solo und er hatte vor, es fürs Erste auch zu bleiben.
Drei Jahre lang war er mit Ingrid Jäckel zusammen gewesen. Sie hatten eine gemeinsame Wohnung gehabt. Aber irgendwie hatten sie sich auseinandergelebt. Zum Schluss lebten sie nur noch nebeneinander her. Zu unterschiedlich waren ihre Interessen. Es gab immer wieder Streit und schließlich hatten sie beschlossen, ihre Beziehung zu beenden. Oder besser gesagt: Stephan hatte es beschlossen und Ingrid hatte gekeift wie eine Doofe, als er Schluss machte.
Das war noch vor Stephans Lotteriegewinn gewesen.
„Gut so“, murmelte er und kraulte dem Spitz die Ohren. „Sonst wäre sie vielleicht der Kohle wegen an mir hängengeblieben und wir wären nicht glücklich geworden. Ist besser so, glaub mir.“ Er schaute dem Spitz ins Gesicht. Der Leutnant grinste sein freundliches Hundegrinsen.
Stephan zauste ihm das Nackenfell: „Die Ingrid mochte nämlich keine Haustiere. Keine Wellensittiche, keine Aquarienfische, keine Katze und erst recht keinen Hund.“
„Wuff!“ sagte der Leutnant.
Stephan strubbelte ihm durchs Fell: „Doch Dicker, glaub mir. Bei Ingrid hättest du einen schweren Stand gehabt. Sogar ich hatte einen schweren Stand bei der Frau. Sie war extrem anspruchsvoll und sie konnte keins meiner Hobbys ausstehen. Nein, nein mein Lieber. Ist besser wie es ist. Wir leben in unserer kleinen Männerwirtschaft zusammen und genießen das Leben.“
Er stand auf und schritt über die Wiese. „Da kommen die Bäumchen hin“, erklärte er dem interessiert lauschenden Spitz. „Alles Säulenobst. Die Säulenbäume brauchen nicht so viel Platz wie richtige Obstbäume.“ Er verzog den Mund: „Ist halt nicht so weit her mit unserem neuen Grundstück, Kamerad.
Was ich nicht in der Gärtnerei in Achen kriege, bestelle ich übers Internet. Es gibt zig Sorten. Ich habe allein zwanzig verschiedene Apfelsorten gefunden. Kirschen will ich auch und Birnen und Zwetschgen.“
Er seufzte: „Zu blöd, dass der sture Bauer mir seine Grundstücke nicht verkaufen will. Dabei nutzt er das Land überhaupt nicht. Der ist einfach stur. Ein richtiger Saubauer eben. Nicht so schlimm wie die Kowak-Schweine in Brunzach, aber ein sturer alter Holzbock.“
Stephans Grundstück grenzte auf einer Seite an das Grundstück seines Nachbarn Eugen Niedermeyer und auf der anderen Seite auf ein breites Stück Brachland, das sich hinter seinem Grundstück weiter fortsetzte. Insgesamt handelte es sich um gut zwei Hektar Wiesenland. Der Landwirt, dem das Land gehörte, bewirtschaftete dieses Wiesenland nicht, aber verkaufen wollte er auch nicht, der sture alte Knacker.
Stephan warf einen Blick zur Straße. Wo die Wiese des alten Bauern endete, befand sich ein Zaun. Der Alte wollte wohl nicht, dass Kinder auf seiner Wiese spielten.
„So ist das Leben, Leutnant. Hart aber ungerecht.“
„Wuff“, meinte der Leutnant.
„Aber meine Feldbahn kriege ich trotzdem“, sagte Stephan. „Auch wenn das Grundstück so klein ist.“ Wieder seufzte er. Drüben in Runsach hatte er die Markierungen abgesteckt, wo er die Schienen der Feldbahn entlang laufen sollten und dann die ersten Schienen verlegt. Aber dann hatten die Drecks-Kowaker es geschafft, ihn fortzuekeln. Mistbande, dreckige!
„Ich muss nachher zum Friseur, Leutnant“, sagte er. Der Spitz wedelte mit der buschigen Rute und grinste ihn an. „Du bleibst draußen und passt auf.“
Der Hund grinste freundlich. Es schien, als wollte er Stephan sagen: „Worauf du einen lassen kannst! Und ob ich aufpassen werde! Ich bin der beste Aufpasser der Welt, mein Lieber!“
„Ich muss mich auch langsam um Sachen für die Einweihungsparty kümmern, wenn Domik, Pia, Abtritt und der liebe Herr Saumann kommen. Ich brauche Bier und Whisky. Und Viereckigen. Ohne Hörnerbock geht’s nicht. Die trinken ja keinen Apfelwein.“
Stephan freute sich schon auf seine vier Freunde.
Der Spitz löste sich von seiner Seite und sauste auf den Zaun zu, der Stephans Grundstück von dem seines Nachbarn trennte. Er bellte dreimal laut.
„Grüß Gott Herr Leutnant.“ Eugen Niedermeyer stand am Zaun und salutierte militärisch, was belustigend wirkte.
Stephan ging zum Zaun: „Tag Eugen. Wie geht’s, wie stehts?“ Er reichte seinem Nachbarn über den Zaun die Hand.
„Es geht, es geht“, meinte Niedermeyer lächelnd. Er trug seinen Strohhut, was ihn alles andere als militärisch aussehen ließ. „Ich war bei meinen Bienchen. Sie fliegen aus. Endlich ist das Wetter entsprechend. Der Winter war hart für meine kleinen pelzigen Freundinnen. Lang und kalt. Aber nun kommt der Frühling.“
Eugen Niedermeyer war Anfang Vierzig, sah aber jünger aus. Er war hochgewachsen und blond mit ausdrucksvollen blauen Augen. Er war wie Stephan ein bekennender Single und lebte seit drei Jahren in dem Haus nebenan. Er hatte sich selbstständig gemacht. Er plante im Kundenauftrag Alarmanlagen und kümmerte sich um alles von der Planzeichnung bis zur Ausführung. Manchmal war er tagelang nicht zu sehen. Dann hockte er in seinem Arbeitszimmer und kümmerte sich um einen neuen Auftrag.
Der Leutnant stand still am Zaun und duldete, dass Niedermeyer sich übern Zaun lehnte und ihn streichelte. Er bellte nicht mehr. Er hatte seine Soldatenpflicht erfüllt. Er hatte Meldung gemacht und stand nun im Habacht und wartete auf neue Befehle.
Eine Biene summte an Niedermeyers Kopf vorbei auf Stephans Grundstück. „Da fliegt eine meiner kleinen Pelzprinzessinnen“, sagte Eugen. Er lächelte. „Gibt es etwas Schöneres als Bienen? Ich bin fasziniert von der Organisation und Ordnung in den Stöcken. Wie fleißig die Kleinen sind! Einfach wunderbar. Auf deinem Land finden sie leider nicht viele Blumen zum Trinken.“
„Das wird sich ändern“, sagte Stephan. „Ich hole mir demnächst eine ganze Anzahl Säulenbäume. Nächstes Frühjahr bekommen deine Bienen besten Apfelblütennektar in Hülle und Fülle. Ich plane eine ganze Apfelbaumplantage. Ich will Apfelwein selber keltern.“
„Selbermachen ist was Tolles“, sagte Niedermeyer. „Es ist eine Lust, im eigenen Garten zu ernten, was man gepflanzt und gehegt und gepflegt hat.“
„Und auf der eigenen Scholle“, meinte Stephan. „Leider ist mein Grundstück nicht groß genug, um Getreide anzubauen. Ich würde gerne mein Brot selber backen.“
„Backen ...“ Niedermeyer schaute Stephan aus großen Augen an: „Hast du es schon gehört? Es ist wieder ein Mädchen aus Runsach verschwunden. Die Tochter von Pfeifers. Die haben die Bäckerei nahe beim Dorfplatz in Runsach.“
„Schon wieder?“ fragte Stephan. „Nein, ich habe es noch nicht gehört. Ich hatte heute das Radio noch nicht an.“
Niedermeyer schüttelte bekümmert den Kopf: „Ein zehnjähriges Mädchen. Einfach verschwunden. Sie ist vom Flötenunterricht nicht nach Hause gekommen. Man hat sie noch in Runsach gesehen, wie sie aus dem Bus ausstieg. Sie ist nicht zuhause angekommen.“ Niedermeyer schüttelte erneut den Kopf: „Grauenhaft! Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es den armen Eltern geht. Das ist jetzt das siebte Mädchen, das verschwunden ist. Wer tut nur so etwas?“
„Das ist irgend so ein perverser Kindermörder“, meinte Stephan. „Der entführt die Mädchen und bringt sie um. Dann sägt er ihnen die Hand ab und schickt sie den Eltern per Post. Ein total krankes Schwein!“
„Ja.“ Niedermeyer nickte. „Krank. Total krank. Es ist unfassbar. Ausgerechnet bei uns auf dem Dorf. Unfassbar!“
„Man kann nur hoffen, dass die Polizei den Kerl bald kriegt“, sagte Stephan. Er wuschelte dem Leutnant durchs Fell: „Ich fahr jetzt zum Friseur. Du bleibst hier und bewachst das Grundstück. Aber dass du mir den Eugen nicht verbellst, hörst du?“
Der Leutnant streckte die Nase in die Luft, als wolle er sagen: „Ich doch nicht!“
„Schnösel“, sagte Stephan. Er musste lachen. Niedermeyer lachte mit ihm.

11.02.2015 06:13 Stefan Steinmetz ist offline Email an Stefan Steinmetz senden Beiträge von Stefan Steinmetz suchen Nehmen Sie Stefan Steinmetz in Ihre Freundesliste auf
Bianca Bianca ist weiblich
Doppel-As


Dabei seit: 10.03.2008
Beiträge: 135

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Aha, sollten wir hier denn schon den Schrazl haben? Einen Erdstall hat er ja und Leutnant dar fnicht rein...

da bin ich aber gespannt großes Grinsen

11.02.2015 11:22 Bianca ist offline Email an Bianca senden Homepage von Bianca Beiträge von Bianca suchen Nehmen Sie Bianca in Ihre Freundesliste auf
carolne1960 carolne1960 ist weiblich
Doppel-As




Dabei seit: 18.02.2013
Beiträge: 116

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Hätte Stephan Harrer eher mit Matze verglichen, hab mich aber schon mal getäuscht. großes Grinsen
Werden es schon noch erfahren. Drück

__________________
Was ist der Mensch - nur ein flüchtiger Gedanke - nicht zu greifen - nicht zu fassen. Stets schweigend mit sich im Gespräch vertieft durforsch er sich und findet sich nie.
Der Traum ist die wahre Wirklichkeit. großes Grinsen

11.02.2015 15:35 carolne1960 ist offline Email an carolne1960 senden Beiträge von carolne1960 suchen Nehmen Sie carolne1960 in Ihre Freundesliste auf
Hans_D_Bell
Gast


Upps.... Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

ich wollte früh aufstehen und lesen...
Jetzt war der neue Teil da, nur ich fand nicht aus den Federn.

12.02.2015 01:50
 
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