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Stefan Steinmetz
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Die großen Steine(6) Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

Die großen Steine - Kapitel 6

Am Tag danach war Caro früh unterwegs. In der Kantine hatte sie sich Brote richten lassen und ihre Trinkflasche am Fahrrad mit frischem Brunnenwasser aufgefüllt. Sie hatte als Reisekleidung ein sommerlich leichtes Blaudruckkleidchen mit kurzen Ärmeln gewählt und trug Sandalen an den Füßen. Es war schon früh am Morgen warm, doch es wehte eine angenehme leichte Brise.
Caro gondelte in gemütlichem Tempo die Saar aufwärts nach Saarbrücken. Sie hatte es nicht eilig. Sie wollte etwas von der Gegend sehen und natürlich ein paar Aufnahmen mit ihrem neuen Photoapparat machen.
Das erste Photo schoss sie an der Staustufe. Sie fotografierte von der Straße, die darüber führte, nach Norden in Richtung Saarlouis. Das Bild würde prima werden. Gerade lief ein Passagierdampfer auf die Schleuse zu und oben am Himmel schwebte ein Luftschiff majestätisch durch den Äther.
Dann ging es weiter, immer an der Saar entlang. Der Treidelpfad war komplett asphaltiert. Nur an wenigen Stellen gab es Kopfsteinpflaster. Die dicken Ballonreifen von Caros Fahrrad filterten die Erschütterungen beim Überfahren fast zur Gänze aus.
Je länger sie fuhr, desto wohler fühlte sich Caro. Sie genoss das Gefühl von grenzenloser Freiheit und das Gefühl echter Weiblichkeit. Ich bin eine junge Frau. Ich bin ein Mädchen. Ein wirkliches, wahrhaftiges Mädchen.
Sie passierte eine Stelle, an der ein Fischer seine Reusen im ufernahen Wasser kontrollierte. Im Vorbeifahren sah sie, dass er Krebse aus den Reusen holte. Hatte Ulrike nicht gesagt, Krebse schmeckten hervorragend? Vielleicht sollte sie auf dem Rückweg welche besorgen.
Der Fischer ließ eine Reuse an einem fingerdicken Seil zurück ins Wasser.
Ein Seil …
Caro musste an die Seilerei denken, an die Geschichten auf Sellerie. Es ging in all diesen Geschichten um Fesselspiele aller Art. Sie hatte die Storys allesamt geliebt und beim Lesen war in ihrem Kopfkino so mancher kleine Spielfilm abgelaufen. Natürlich war Caroline Uhlig in diesen Phantasien stets eine richtige Frau und meistens war sie jung.
Ich brauche es mir nicht mehr vorzustellen, dachte sie, während sie mit Schwung in die Pedale trat, dass die Gegend nur so an ihr vorbeiflog. Ich bin ein Mädchen!
Es würde nun wesentlich einfacher sein, die hübschen Fesselphantasien in die Tat umzusetzen, wo sie wirklich ein Mädchen war. Alles was sie brauchte, war ein Partner der sich ebenfalls fürs Fesseln interessierte und den Mumm, es diesem Partner einzugestehen.
Bei dem Gedanken musste Caro heftig schlucken. Wie sollte sie das machen? Würde sie es fertigbringen, einem Mann zu sagen, dass sie sich wünschte, von ihm mit Stricken und Seilen gebunden zu werden? Was in Gedanken so einfach ging, das war in der Wirklichkeit viel schwieriger zu handhaben.
Sie musste an eine ihrer liebsten Phantasien denken: Ferien auf dem Bauernhof.
In den kleinen Spielfilmen, die in ihrem Kopf abliefen, wenn sie diese speziellen Ferien durchphantasierte, wohnte sie mit anderen jungen Leuten auf einem Hof und Fesselspiele waren überhaupt nicht kompliziert, weil alle es mochten. Es gab so viele Möglichkeiten, ein hübsches, junges Mädchen zu fesseln.
Heimlich, hinten im Heuschober an Händen und Füßen fesseln und dann knutschen.
An den Händen an den Kran hängen, der die Heuballen zur Tenne unterm Dach hochzog.
Im Obstgarten gab es mehr als genug Bäume, die als Marterpfahlersatz herhalten konnten.
Und dann hatten die altmodischen Betten in den Zimmern natürlich diese gedrechselten Holzkugeln an allen vier Ecken. Dort konnte man Seile festmachen und damit jemanden, der auf dem Bett lag, schön auseinanderspreizen.
Ehe sie sichs versah, war Caro an der letzten Schleuse. Sie hielt an. Vor ihr lag ein See.
„Wow!“ sprach sie zu sich selbst. Sie hatte davon gelesen, aber in Natura sah es noch viel besser aus. Es war atemberaubend. Der See zog sich ewig in die Länge. Es war ein Stausee, erinnerte sie sich. Beim großen Erdbeben von 1568 hatte sich die Erde gehoben und eine natürliche Staumauer aufgeworfen. Sie stand auf dieser Auffaltung und konnte zuschauen, wie Schiffe in die doppelte Schleuse ein und ausfuhren.
Sie sah ein Passagierschiff am Ufer auf Fahrgäste warten. In fünfzehn Minuten war Abfahrt nach Saarbrücken-Nassau. Einen Moment spielte Caro mit dem Gedanken, mitzufahren, dann schüttelte sie den Kopf. Nein, sie würde am Seeufer entlang nach Saarbrücken radeln. Mit dem Schiff würde sie ein andermal fahren. Sie holte ihre Kamera hervor und schoss ein Bild.
Am Schiffsanleger gab es zwei hohe Laternenmasten aus Gusseisen mit Gaslaternen. Caro sah ein Mädchen von vielleicht elf oder zwölf Jahren an einem der Laternenmasten lehnen, die Arme hinterm Rücken verschränkt.
Sie sieht aus, als sei sie an den Mast gebunden, schoss es ihr durch den Kopf.
Das Mädchen hatte die Arme um den Mast herum gelegt und schwenkte ihren Oberkörper von links nach rechts. Es sah echt aus, als sei sie an den Händen gefesselt.
Vielleicht spielt sie es, überlegte Caro. Sie erinnerte sich, dass sie gleichen Alter im Freibad manchmal an einem Stahlrohr herumgeturnt hatte, an dem man bei Gefahr eines Gewitters einen roten Ball hochgezogen hatte. Damals hatte sie sich vorgestellt, sie sei an das Rohr angekettet.
Lächelnd fuhr sie weiter.
Je näher sie der Landeshauptstadt kam, desto breiter wurde der Saarsee. Es waren Wasserfahrzeuge aller Art unterwegs. Sie sah einen großen Passagierdampfer mit Schaufelrädern an den Seiten, etliche Segelboote in allen Größen und Ruderboote. Sie erkannte den hohen Felsen, auf dem Martin und Heidi sich damals vor Jahren ewige Liebe geschworen hatten. Noch ein Photo.
Martin … der arme Kerl. Sicher tat es ihm weh, dass die Sache mit Heidi kaputt gegangen war.
Schließlich erreichte sie die Stadt.
„Saarbrücken-Nassau“, stand in weißer Frakturschrift auf einem blau emaillierten Schild. „Hauptstadt des Saarlandes“.
Das quirlige Leben der Stadt nahm Caro gefangen. Sie ließ sich treiben, fuhr durch ausgedehnte Vororte, in denen nur einstöckige Häuser standen, jedes mit eigenem Garten und Obstbäumen hinterm Haus. Je näher sie der Stadtmitte kam, desto größer wurden die Häuser und nun gab es gelegentlich auch zweistöckige Gebäude. Sämtliche Straßen waren breit, auch solche, die im Naturzustand belassen worden waren. Die Hauptstraßen waren allesamt gepflastert. Pferdefuhrwerke ratterten über Kopfsteinpflaster, von eilig dahin flitzenden Fahrrädern auf dicken Gummireifen überholt. An einem öffentlichen Brunnen spielten Kinder mit dem Wasser.

[IMG]http://Bayernbrunnen1 by kibitzel, on Flickr[/IMG]

Caro schoss weitere Photos. Bald waren zwölf Bilder gemacht. Sie spulte den Film zurück und legte einen neuen ein. Es gab so viele Photomotive.
Auch in Saarbrücken-Nassau gab es eine Straßenbahn. Hier zogen ebenfalls Kastendampfloks kleine Züglein von drei bis sechs Waggons hinter sich her. Caro musste gut aufpassen, nicht mit dem Vorderrad in die im Boden versenkten Schienen zu geraten. Sie hielt Ausschau nach einem Straßencafe. Sie wollte eine Pause machen und etwas essen und trinken. Aber bitteschön draußen, bei diesem schönen Wetter. Sie wollte dem bunten Treiben auf der Straße zuschauen.
Ein Schild an einem doppelstöckigen Gebäude erregte ihre Aufmerksamkeit.
„Meyer & Söhne, Importgesellschaft für africanische Waren“. Neugierig geworden hielt sie an und stieg ab. Sie stellte das Rad auf den Ständer und betrachtete das Schaufenster. Dort waren afrikanische Masken ausgestellt und Dinge, die die Gesellschaft Meyer von dort einführte.
„Meyers Africa-Kaffee. Der Beste, den Sie bekommen können“, versprach ein Werbeschild. „Ganze Bohnen in höchster und allervorzüglichster Qualität zu besten Preisen. Bestellen Sie noch heute!“
Kaffee. Hier konnte sie Kaffee und Kakao bekommen. Jetzt fehlte nur noch ihr eigenes kleines Gartenlokal. Sinnend ließ Caro den Blick über all die interessanten Ausstellungsstücke schweifen.
Als sie sich vom Schaufenster wegdrehte, entdeckte sie eine Straßenlaterne. Sie ähnelte der am Schiffsanleger an der Staustufe, dem Mast an dem das Mädchen herumgeturnt hatte.
Caro schluckte. Sie schaute sich vorsichtig um. Eine Menge Leute war unterwegs in der Innenstadt. Überall liefen Menschen. Manche trugen gute Kleidung, andere simple grobe Arbeitssachen. Sie sah Kinder um die Ecken rennen.
Ich könnte so tun, als ob ich mich nur an die Laterne lehne.
Augenblicklich bekam sie Herzklopfen.
Das kann ich nicht! Unmöglich!
Aber kein Mensch würde wissen, was sie dabei empfand. Niemand konnte das wissen. Es würde ihr kleines Geheimnis bleiben. Sie konnte es tun, hier mitten unter den vielen Leuten.
Aber wenn jemand schnallt, was ich da abziehe!
Sie würde vor Scham im Boden versinken.
Trau dich!, piepste eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Na los, Caro! Du musst dich doch nur mit dem Rücken an den Laternenpfahl lehnen und die Arme nach hinten biegen und die Handgelenke kreuzen.
Ja, das konnte sie. Es war ganz einfach. Warum fiel es ihr dann so schwer?
Mach doch!, drängelte die kleine Stimme. Es wird dir gefallen, Caro. Keiner weiß, was du empfindest. Wer dich sieht, wird annehmen, dass du dich einfach nur anlehnst. Du hast ein Blaudruckkleid an. Das kannst du nicht schmutzig machen. Ja, wenn es der weiße Rock und die beigefarbene Bluse wären …
Na los! Mach schon!
Caro schluckte heftig. Dann schritt sie auf die Laterne zu. Sie tat, als schlendere sie einfach nur in der Nähe ihres abgestellten Fahrrades umher. Sie schaute auf die Straße. Gerade keuchte eine dieser riesigen, tonnenschweren Straßenlokomotiven heran, eine Traction Engine. Sie hatte einen Tieflader im Schlepp, auf dem irgendeine große Maschine aus Eisen stand. Caro hatte keinen Schimmer, um was es sich handelte, aber der fauchende Koloss, der mit dröhnenden Eisenreifen übers Kopfsteinpflaster rumpelte, verschaffte ihr eine perfekte Tarnung.

[IMG]http://Traction Engine1 by kibitzel, on Flickr[/IMG]

Sie stellte sich neben die Laterne und schaute der Straßenlok zu. Dann ließ sie sich wie unbeabsichtigt gegen den gusseisernen Mast sinken. Nun stand sie mit dem Rücken zur Laterne. Sie bog die Arme nach hinten und kreuzte die Handgelenke hinterm Rücken. Sie spürte das kühle Metall an den Händen.
Gefesselt! Ich bin gefesselt! An den Laternenmast gebunden.
Einmal gewagt, gefiel es Caro so gut, dass sie sich fallen ließ, um ganz in ihrer geheimen Phantasie aufzugehen. Sie hatte etwas angestellt und zur Strafe wurde sie an die Laterne gebunden. Vielleicht gar mit Handschellen gefesselt. Auch die Füße waren am Mast festgemacht. Und das Köstlichste: Sie war nackt – splitterfasernackt. Sie trug nichts am Leib. Die Häscher hatten sie bei einem Kaufhausdiebstahl erwischt und nun musste sie zur Strafe ein paar Stunden an der Laterne stehen. Über ihr war ein Schild angebracht, dass ihre schändliche Tat schilderte.
Caro ging ganz in der Phantasiegeschichte auf. Sie war gefesselt. Sie war nackt. Alle konnten es sehen. Die Leute, die vorbeigingen, glotzten sie an. Manche machten Witze.
„Das geschieht dir Recht, du dumme Trine! Hättest du die Hände bei dir behalten!“
Mütter in Begleitung von Kindern zeigten mit dem Finger auf Caro: „Seht es euch an, Kinder! Das passiert mit einem, wenn man im Kaufhaus stiehlt.“
Caro verging in der Phantasie vor Scham. Sie stand hilflos an die Laterne gekettet und musste die Blicke und die anzüglichen Bemerkungen der Leute ertragen. Es war unerträglich. Es war unerträglich schön.
Caro löste die Hände hinterm Rücken und ließ sie um den Laternenmast herum schlüpfen. Nun kreuzte sie die Handgelenke hinter dem gusseisernen Laternenpfahl. Das fühlte sich noch echter an. Nun fehlte nur noch ein Strick um die Gelenke.
Die Phantasie hatte sie so gepackt, dass sie es beinahe zu erleben glaubte. Es war wie die Geschichte von Majordomus auf Sellerie, in der er eine ganz ähnliche Begebenheit schilderte. In der Geschichte musste ein armes Diebesmädchen stundenlang nackt auf dem Marktplatz aushalten, an einen Schandpfahl gefesselt und alle Leute starrten sie an und verspotteten sie.
Was für einer aufregende Phantasie.
Plötzlich packten zwei starke Hände ihre Handgelenke: „Gefangen!“
Caro schreckte aus ihren Gedanken auf. Sie schaute nach hinten, um festzustellen, wer sie da festhielt.
Ein lachendes Gesicht lugte hinterm Pfahl hervor. Es war Peter Lange, der Saarfischer: „Jetzt sind Sie meine hübsche Gefangene, Fräulein Caroline.“
Caros Herz machte einen Satz. Es hopste hoch wie ein aufgeschrecktes Kaninchen. Dann fing es wild an zu schlagen. Peter! Sie freute sich unbändig, brachte aber kein Wort heraus.
Er hielt sie immer noch fest. „Gefangen“, sprach er. „Gefangen und gebunden. Ich lasse Sie erst frei, wenn ich ein Unterpfand von Ihnen erhalte.“
„Ach ja?“ Endlich fand sie ihre Sprache wieder. „Und was bitte sehr soll das sein?“ Warum nur zitterte ihre Stimme so schlimm? Sie fühlte Wärme in ihren Wangen aufsteigen.
„Ein Versprechen“, lautete die Antwort Peters.
Ein Versprechen. Ich muss ihm versprechen, mit ihm in den Stadtwald zu gehen. Dort muss ich mich ausziehen und von ihm fesseln lassen.
Caro, hör auf, so einen Kappes zu denken! Bleib auf dem Teppich!
Kann ich aber nicht! Wenn er mich loslässt, hebe ich ab und schwebe davon!
So kam es ihr vor. Sie fühlte sich seltsam leicht und durcheinander. Sie schien zu schweben. Es war ein durchaus angenehmer Zustand.
„Wa-Was denn für ein Versprechen?“ stotterte sie. Mensch, red doch normal! Was soll er von dir denken, du dumme Pute! Sei doch nicht so aufgeregt!
Bin ich aber! Und wie!
Ihr Herz klopfte heftig. Sie hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen.
Sein Kopf kam um den Laternenmast herum. Sein Gesicht so nahe an ihrem zu spüren, ließ sie erschauern.
Was ist bloß los? Was geschieht da mit mir?
„Ich lasse Sie nicht los, Fräulein Caroline“, sprach er mit seiner dunklen, samtigen Stimme. Sie roch sein herbes Rasierwasser. Benutzten Fischer Rasierwasser, wenn sie zum Fischen gingen? Wo ist seine Angel? Oder sein Netz? Hat er sein Boot dabei? Bestimmt parkt es irgendwo da hinten. Hoffentlich steht es nicht im Halteverbot, sonst wird es abgeschleppt.
Konfuse Gedankenfetzen sausten in Caros Kopf herum. Sie war unfähig, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
„Sie bleiben meine Gefangene“, fuhr Peter fort. „Es sei denn, Sie versprechen mir etwas!“
„Was denn?“ Wie habe ich das fertiggebracht? Ich bin tatsächlich imstande, ihm eine ganz normale Frage zu stellen. Ohne zu stottern.
Sind ja auch nur zwei Worte!, quäkte die fiese kleine Stimme in ihrem Kopf.
Sei still! Ich muss nachdenken.
„Versprechen Sie mir, mich in ein Straßencafe zu begleiten und mir Gesellschaft zu leisten“, forderte Peter.
„U-U-Und wenn ich mich weigere?“
„Dann bleiben Sie am Laternenpfahl stehen.“
„Oh bitte, tun Sie mir das nicht an, Peter!“
„Das Cafe also?“ bohrte er nach.
Sie nickte.
„Gilt Ihr Versprechen?“ fragte Peter. „Werden Sie nicht fliehen, sowie ich ihre Hände freigebe?“
Fliehen? Vor dir? Nie im Leben! Ich werde an dir kleben wie Pech!
Sie schaffte es gerade so, den Kopf zu schütteln.
„Versprechen Sie es“, verlangte Peter. „Sie müssen es sagen, Fräulein Caroline.“
„I-Ich verspreche es.“
Er ließ sie los. Ein bisschen bedauernd, wie sie fand. „Gleich dort um die Ecke ist ein gemütliches kleines Cafe. Man kann draußen sitzen und das schöne Wetter genießen“, sagte Peter.
Wie blau seine Augen waren. Caro bemerkte, dass sie ihn anstarrte. Hastig senkte sie den Blick, nur um gleich wieder aufzuschauen, diesmal aber unter der Tarnung ihres dicken Stirnponys hervor.
Er schob ihr Fahrrad: „Gehen wir?“
„Ja.“ Mehr brachte sie nicht heraus.
Das Cafe war klein und schick. Auf Klapptischen aus Birnenholz waren kleine weiße Tischdecken mit Spitzenrand ausgelegt. Auf jedem Tisch stand eine Vase mit Blumen. Die Klappstühle waren dunkelrot gebeizt.
„Wie mein Fahrrad“, sagte Caro, als sie sich setzten. „Ich mag diesen Bordeaux-Ton.“
Sein Lächeln warf sie schier um: „Und da tragen sie Blau?“ Seine Augen blitzten: „Was Ihnen allerdings ausnehmend gut steht. Zudem ein schöner Kontrast zu Ihrem Veloziped. Radeln Sie gerne?“
Sie nickte: „Es gibt nichts Schöneres, als die Gegend mit dem Rad zu erkunden. Man ist schneller als zu Fuß, aber man sieht viel mehr als aus einem fahrenden Zug. Sogar mehr als zu Fuß, weil man höher sitzt.“
„Schön gesagt“, meinte er. „Sie haben völlig Recht. Zudem käme eine Pferdekutsche nicht infrage, wenn es um kleine Wege geht. Ein Fahrrad meistert hingegen jeden noch so schmalen Pfad.“
Die Bedienung kam zu ihrem Tisch. Sie bestellten Kuchen und Kaffee.
Von der nächsten Dreiviertelstunde bekam Caro nicht viel mit. Sie aß Kuchen und trank Kaffee und sie redete mit Peter Lange. Was er sagte, war ihr nicht so wichtig. Wichtig war allein, dass er ihr direkt gegenüber saß. Die Zeit verging wie im Fluge. Caro hatte immerzu Herzklopfen und sie fühlte sich unbeschreiblich wohl. Sie hätte den ganzen Tag so verbringen können.
Irgendwo schlug eine Turmuhr. Peter schaute auf: „Herrjeh! Ich muss mich verabschieden. Ich habe einen Termin.“ Er wirkte bedauernd. Sehr sogar. „Sagen Sie, liebes Fräulein Caroline, wo Sie doch so gern Rad fahren, darf ich mich erdreisten, Sie zu eine Ausflug zu Rade einzuladen? Wir könnten den Saarsee umrunden und uns die Gegend anschauen und ein Picknick machen. Ich bringe alles mit, was vonnöten ist.“
Caro traf fast der Schlag. Er lud sie ein! Sie hatte ein Date!
„Gerne“, sagte sie und jedes Wort fiel ihr schwer, weil eine süße Lähmung sie befallen hatte. „Das wäre fein. Wirklich fein.“
Peter bezahlte bei der Bedienung. Sie standen auf. Er nahm ihr Fahrrad vom Ständer und hielt es ihr hin: „Treffen wir uns hier?“
Sie konnte nur nicken.
„Wann wäre es Ihnen Recht? Gleich nach dem Mittag? Sagen wir um zwei Uhr?“
„Ja“, sagte Caro. „Ich hätte morgen Mittag Zeit.“
Er lächelte sie an, dass ihr die Knie weich wurden: „Dann also morgen. Ich freue mich schon darauf.“
Ich mich auch, wollte sie sagen, doch sie brachte kein Wort heraus. Sie konnte nur stumm nicken.
„Auf Morgen also.“ Er wandte sich ab und ging mit federnden Schritten die Straße hinunter. Caro blieb vorm Cafe stehen und schaute ihm nach, bis er um eine Ecke bog. Vorher drehte er sich noch einmal um und winkte ihr. Sie winkte zurück.
Den gesamten Heimweg über schlug ihr das Herz. Caro war happy. Sie hätte vor Glück platzen können. Von der Gegend am Treidelpfad bekam sie absolut nichts mit.
Ich habe eine Verabredung! Ich bin mit einem jungen Mann verabredet. Ich! Caroline Uhlig, ein Mädchen von achtzehn Jahren. Ein Mädchen …
Sie fühlte, wie etwas in ihr hochquoll, eine Art Eruption aus Emotionen von solcher Kraft, dass sie um ein Haar die Kontrolle über ihr Fahrrad verloren hätte. Sie konnte gerade noch an einem Rastplatz anhalten und absitzen. Sie ließ sich auf eine hölzerne Sitzbank fallen, schlug die Hände vors Gesicht und begann hemmungslos zu weinen.
Sie konnte es nicht steuern. Es brach aus ihr heraus wie ein Wasserfall. Sie weinte und weinte. Alles brach aus ihr heraus, all die Bitternis, das Gefühl dass an ihr etwas falsch war, das Gefühl von absoluter Einsamkeit, die Befürchtung immer allein zu bleiben, der Schmerz in ihrem Herzen. All die geweinten und ungeweinten Tränen mussten nun geweint werden, aller Schmerz noch einmal durchlitten werden.
Caro weinte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören.
Sie war hier. Sie war Caroline Uhlig. Sie war ein Mädchen. Hier gab es kein Sichverstellen. Das war nicht nötig. Hier musste sie weder eine vorgegebene Rolle spielen noch die von ihr gewählte Rolle ausfüllen. Hier war hier und sie war sie. Als wäre es schon immer so gewesen. Sie war ein Mädchen. Sie war endlich angekommen. Sie war zuhause. Sie wusste es. Sie würde hierbleiben, wenn die Eule in die alte, in die schmerzende Welt zurückkehrte. Caro würde ihn nicht begleiten. Sie wusste noch nicht, was die tun würde. Irgendetwas würde sich finden. Sie würde es packen.
Ihr altes Leben würde bei ihr bleiben, hatte Martin Welter gesagt. Nun … sollte es doch! Sie würde trotzdem ein neues anfangen, ein richtiges Leben ohne Verstellung und Angst vor Einsamkeit.
Sie war verliebt, wurde ihr klar und das machte sie sehr verletzlich, aber selbst die Gefahr verletzt zu werden, schreckte Caro nicht. Auch wenn das mit Peter vielleicht in zwei Wochen zu Ende ging, würde es sich lohnen. Es lohnte sich immer. Es lohnte sich, zu leben. Caro wollte leben. Und wie!
Es dauerte lang, bis sie sich leer geweint hatte. Eine Weile saß sie stumm und in sich gekehrt auf der Bank. Dann stand sie auf und wusch sich das verweinte Gesicht am Brunnen neben dem Rastplatz. Das kühle Wasser tat ihren geschwollenen Augen gut.
Sie richtete sich auf und schaute auf Bäume, die ganz in der Nähe standen, ein Stück weit den Fluss hinunter. „Aber ...“
Ein seltsames Gefühl beschlich Caro, das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein.
„Das kann nicht sein“, murmelte sie, als sie ihr Fahrrad bestieg und die wenigen Meter zu dem Platz fuhr. „Wieso ist mir das am Morgen nicht aufgefallen? Ich bin direkt daran vorbeigefahren.“ Sie hielt an und stieg ab.
Direkt beim Treidelpfad stand ein altes Haus aus Sandstein. Es war klein und zweistöckig. Die Bäume davor gehörten zu einem Gartenlokal wurde ihr klar. Zwar waren sie verwildert und dünne Zweige sprossen nach allen Seiten aus den Hauptästen, was den Bäumen das Aussehen von pflanzlichen Igeln gab, aber mit einer Baumschere und einer Säge würde man die Bäume schnell wieder in Form bringen.
Ein gepflasterter Weg führte direkt zum Haus. Caro entdeckte einen verwilderten Garten hinter einem windschiefen Schuppen.
„Mein Gartenlokal“, flüsterte sie. Sie blickte sich um. Sie konnte sich mühelos Klapptische und Stühle im Schatten der breitkronigen Bäume vorstellen. Sie sah sich mit einem Tablett mit Kaffee und Kuchen aus dem Haus kommen. Zweistöckig. Gewiss verfügte das Häuschen im ersten Stock über Gästezimmer – eine kleine Pension.
Je mehr Caro sich umschaute, desto besser gefiel ihr der Ort. Sie holte ihren Photoapparat und machte mehrere Aufnahmen. Dann fand sie das Schild. Es stand auf der Rückseite des Hauses, wo ein Pflasterpfad zu einem Sträßchen führte. Dort gab es eine niedrige Mauer und daran war das Schild angebracht.
„Zu verkaufen. Bitte kontaktieren Sie unser Bureau in Saarbrücken-Nassau.
Gebrüder Altherr, Rathausstraße 37.“
„Zu verkaufen“, hauchte Caro. „Es steht zum Verkauf! Meine Pension! Mein Gartenlokal!“
Sie sah ein Schild am Treidelpfad stehen: „Kaffeetante Caro. Kaffee und selbstgebackener Kuchen.“ Irgendwas in dieser Art.
Mit einem Mal gefiel Caro der Tag noch besser. Sie schwang sich aufs Rad und dann trat sie in die Pedale, als gelte es das Leben.
Gleich morgen früh fahre ich nach Saarbrücken, nahm sie sich vor. Am Vormittag kläre ich das mit dem Cafe und mittags treffe ich mich mit Peter. Sie war so glücklich, dass sie hätte die ganze Welt umarmen können.

01.11.2014 14:10 Stefan Steinmetz ist offline Email an Stefan Steinmetz senden Beiträge von Stefan Steinmetz suchen Nehmen Sie Stefan Steinmetz in Ihre Freundesliste auf
Hans_D_Bell
Gast


Lieber Stefan... Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

herzlichen Dank für diese wunderbare Geschichte. Beim lesen habe ich geweint und gelacht...einfach super gemacht.

03.11.2014 00:05
Zaunkönig
Mitglied


Dabei seit: 12.03.2011
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Eine schöne heile Welt, warum gibts das heute nicht mehr? Vielleicht fehlt nur das Flugzeug und die richtige Route.... Glückstränchen sind einige getropft beim Lesen. Die Geschichte macht Spaß!

Liebe Grüße
zk

PS: Die Bilder sind manchmal sehr breit, wodurch der Text breiter wird als mein guter alter Röhrenbildschirm darstellen kann. Dann ist es schlecht zu lesen. Nein, ich kauf mir keinen neuen Monitor Augenzwinkern

Dieser Beitrag wurde schon 1 mal editiert, zum letzten mal von Zaunkönig am 03.11.2014 22:30.

03.11.2014 22:30 Zaunkönig ist offline Email an Zaunkönig senden Beiträge von Zaunkönig suchen Nehmen Sie Zaunkönig in Ihre Freundesliste auf
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Hab nicht anders gekonnt und wieder alles auf einmal gelesen. Wundervolle Geschichte. Bisschen traurig und doch so wunderschön dass ich immer noch ganz nasse Augen hab.
Hat mich auch ein bisschen an mich erinnert. Danke für diese Geschichte. Drück

__________________
Was ist der Mensch - nur ein flüchtiger Gedanke - nicht zu greifen - nicht zu fassen. Stets schweigend mit sich im Gespräch vertieft durforsch er sich und findet sich nie.
Der Traum ist die wahre Wirklichkeit. großes Grinsen

04.11.2014 04:40 carolne1960 ist offline Email an carolne1960 senden Beiträge von carolne1960 suchen Nehmen Sie carolne1960 in Ihre Freundesliste auf
Stefan Steinmetz
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Zitat:
Original von Zaunkönig


PS: Die Bilder sind manchmal sehr breit, wodurch der Text breiter wird als mein guter alter Röhrenbildschirm darstellen kann. Dann ist es schlecht zu lesen. Nein, ich kauf mir keinen neuen Monitor Augenzwinkern



Hi Zaunkönig: Das Problem kenne ich von früher. Inzwischen habe ich einen Flachschirm in Garagentorgröße (habe schlechte Augen).
Mein Tipp:
Stell dein "Zoom" kleiner, dann stimmen die Bilder. Leider ist dann die Schrift fürchterlich winzig.
Ich bring die Fotos halt "neuzeitig" hoch. Früher waren sie grad mal 560 Pixel breit (als ich auch noch einen Minischirm hatte).

Wenn ich im Lotto gewinne, spendier ich dir einen Breitschirm allererster Kajüte! Versprochen! smile

04.11.2014 22:59 Stefan Steinmetz ist offline Email an Stefan Steinmetz senden Beiträge von Stefan Steinmetz suchen Nehmen Sie Stefan Steinmetz in Ihre Freundesliste auf
Zaunkönig
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Dann brauch ich ja ne Brille bzw. Lupe wenn der Zoom kleiner ist... abgelehnt Augenzwinkern
Danke für das Angebot - spielst Du überhaupt im Lotto? Um meine Chancen ein klitzekleines bisschen zu erhöhen, spendier ich Dir einen virtuellen Lottoschein großes Grinsen

06.11.2014 01:04 Zaunkönig ist offline Email an Zaunkönig senden Beiträge von Zaunkönig suchen Nehmen Sie Zaunkönig in Ihre Freundesliste auf
Stefan Steinmetz
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Zitat:
Original von Zaunkönig

Danke für das Angebot - spielst Du überhaupt im Lotto? großes Grinsen



Machst du Witze? Ich spiele Lotto, seit ich 18 bin. Anfangs immer nur ein Kästchen die Woche und die Zahlen spiele ich heute noch. Die Kombination war für hunderte Dreier gut und für fast ein Dutzend Vierer. Leider bisher kein Sechser. Augen rollen
Heute spiele ich drei Kästchen und zwar Mittwoch und Samstag und gelegentlich noch einen Schein mit einem Arbeitskollegen, wenn der Jackpot mindestens drei Millionen fett ist. Jeder vier Eier = vier Häuschen und die Spielgebühr von 25 Cent teilen wir auch.

06.11.2014 01:22 Stefan Steinmetz ist offline Email an Stefan Steinmetz senden Beiträge von Stefan Steinmetz suchen Nehmen Sie Stefan Steinmetz in Ihre Freundesliste auf
 
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