| Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(19) |
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Sie saßen am Abend gemütlich beisammen und tranken Tee aus ihren Vorräten. Bald würden sie einige Pflanzen zur Verfügung haben, aus denen man prima Tee zubereiten konnte wie Pfefferminze zum Beispiel, oder aus den Blätter von Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren. Sie hatten eine Email von der Erde ausgedruckt und Arne las sie vor laufenden Kameras vor: „Liebe Terraner, Lucy Cunningham, neun Jahre alt, aus Connecticut schreibt uns:
Hallo ihr dort oben auf dem Mars. Darf ich euch mal was fragen? Was findet ihr eigentlich so richtig gut auf dem Mars und was hat euch auf der Erde nicht gefallen? Und umgekehrt: Was findet ihr auf dem Mars nicht so toll und was war auf der Erde besser? Könntet ihr mir das bitte beantworten, liebe Marsianer? Eure Lucy Cunningham.“
Arne lächelte in die Kameras: „Liebe Lucy, gerne antworten wir dir. Ich schätze, jeder von uns hat einiges zu sagen. Ich mache mal den Anfang. Ich liebe es, dass ich hier auf dem Mars nicht an der Kassen im Supermarkt in der Schlange stehen muss. Das hat mich immer wahnsinnig genervt, ehrlich. Rote Ampeln gibt es hier auch nicht.“ Er griente freundlich: „Dafür sind unsere Straßen leider nicht die allerbesten. Aber wir arbeiten daran. Ethan will einen Schieber für einen der großen Rover zusammenbasteln. Damit können wir die Steinbrocken einfach aus dem Weg schieben und uns so eine schöne, glatte Piste schaffen. Mir gefällt es, dass ich mich nicht durch den städtischen Straßenverkehr quälen muss. Es ist schön, dass es auf dem Mars nicht so viel Lärm gibt.
Was mir nicht gefällt ist, dass ich immer in diesen sperrigen Anzug steigen muss, wenn ich nach draußen möchte. Das finde ich wirklich sehr lästig. Ja und die Computer. Auch hier auf dem Mars gehen sie mir auf den Wecker. Da erscheint dann zum Beispiel die Meldung: Die letzte Browsersitzung wurde unerwartet geschlossen. Letzte Sitzung wiederherstellen?“ Arne schüttelte den Kopf: „Also mal ehrlich: auf dem Bildschirm ist oben rechts ein kleines, rotes Rechteck mit einem weißen Kreuzchen drin. Wenn ich da drauf drücke, möchte ich, dass die Sitzung beendet wird. Wieso kommt das unerwartet? Soll ich vorher beim Browser anrufen und ihm mitteilen, dass ich vielleicht eventuell in den nächsten Sekunden möglicherweise den Browser schließen werden? Damit es nicht so unerwartet kommt? Echt, das nervt! Leider passiert das auch hier auf dem Mars. Es gibt also Dinge, die mir hier wie da auf den Keks gehen.“
„Mir gefällt die Weite und die Freiheit hier oben, liebe Lucy“, meldete sich Ethan zu Wort. „Der Mars ist eine fantastische Welt. Hier ist Platz ohne Ende. Ich mag das.“ Auf dem Bildschirm im Habitat lief ein Musikvideo. Chica sang von Lindy-Flindy. Die Fünfzehnjährige mit der schwarzen Cosplayerperücke mit den langen Zöpfen tanzte flink zu der treibenden Percussion und den wummernden Bässen. „Lindy-Flindy ’s missed today. Lindy-Flindy ’s gone away. Lindy-Flindy, Lindy-Flindy, Lindy-Flindy ’s gone“, sang sie.
„Von wegen!“, rief Ethan lachend. „Lindy-Flindy ist nicht vermisst. Die ist hier bei uns und treibt ihr Unwesen. Dauernd stellt sie was an.“ Sie lachten alle vier.
„Der Mars ist ein riesiges Abenteuer“, fuhr Ethan fort. „Ich bin froh, hierher gekommen zu sein. Mir gefiel der Flug durch die unendliche Weite des Weltalls. Ich könnte auf der Stelle noch so einen Flug antreten.
Was mir nicht so gefällt ist, dass es hier keine anständigen Steaks gibt und ja, ich vermisse das Segeln. Das gefällt mir nicht am Mars. Es gibt keinen Ozean.“
„Mir gefällt vieles auf dem Mars, das im Vergleich zur Erde besser ist“, sagte Maus. „Es fängt mit den Dicken Bohnen an. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, dass sie von der Schwarzen Bohnenlaus befallen werden. Auf der Erde ist das schlicht die Pest! Es gibt in unseren Treibhäusern keinen Kartoffelkäfer und keine Kohlhernie.
Mir gefällt die geringe Schwerkraft. Ich finde das herrlich.
Was mir nicht gefällt, ist, dass ich nicht bei meiner Familie sein kann, wie früher auf der Erde. Und ich kann nicht draußen durch einen großen Garten spazieren.“ Sie schaute Laura auffordernd an.
„Mir gefällt nicht, dass ich draußen in einem sperrigen Anzug herumlaufen muss“, sagte Laura in die Kameras. „Da geht es mir genauso wie Arne. Und ich finde es in der Kolonie sehr eng. Auf der Erde hatte ich eine große Wohnung.
Mir gefällt die Freiheit, die ich auf dem Mars habe. Ich kann meinen Lieblingsjob machen: geologische Untersuchungen und ich kann nach Fossilen suchen. Noch habe ich keine gefunden, aber das wird noch kommen. Ich bin mir sicher.“
Laura machte eine kurze Pause. Dann sagte sie: „Am meisten gefällt mir auf dem Mars im Gegensatz zur Erde, dass mich keiner wegen meiner Herkunft heruntermacht. Das war nämlich ganz schlimm. Hier behandelt mich keiner von oben herab, weil ich nicht in reichem Hause geboren wurde.“
Ethan legte einen Arm um Laura: „Nein Baby, hier auf dem Mars geht es nicht darum, woher man stammt, sondern was man darstellt. Hier macht dich keiner dumm an, weil du im falschen Stadtviertel aufgewachsen bist. Ganz bestimmt nicht.“ Er schaute in die Kameras und lächelte freundlich: „Liebe Lucy, wie du siehst, gibt es hier oben bei uns viel Gutes, aber ein bisschen zu meckern findet man halt auch. So ist es im Leben. Wenn man das Eine will, muss man leider auf das Andere verzichten. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Ich wünsche dir alles Gute, Liebes. Schreib uns mal wieder.“ Er winkte in die Kamera.
Das bringt ihm wieder mächtig viele Likes, dachte Arne amüsiert. Der Amerikaner hatte es einfach drauf. Er konnte sich in Szene setzen.
Laura holte Spielkarten und sie begannen eine Partie Rommé. Sie sprachen beim Spielen darüber, wie schnell es mit der neuen Kuppel voranging und dass sie demnächst -McTausendsassa sei Dank- die lästigen Steine mit dem Rover aus dem Weg räumen konnten.
Ethan sprach Arne wieder mal auf eine mögliche Rückflugmission an. Ob es nicht doch besser wäre, aus den auf dem Mars vorhandenen Perchloraten Methan zu gewinnen, denn das hatte als Raketentreibstoff mehr Power als Wasserstoff.
„Wie gesagt, das wäre theoretisch möglich“, meinte Arne. Er fragte sich, warum McDrängler das Thema immer wieder von neuem aufwärmte. „Es ist aber schlicht unbezahlbar, denke ich. Ein Rückflug gehört eben nicht zur Mission von Mars First.“
„Aber es wäre technisch machbar?“, insistierte Ethan.
„Ja“, antwortete Arne schlicht. Er spielte eine Karte aus. „Machbar ist es. Natürlich.“
*
Liam Bishop saß mit Matthew Parker und etlichen anderen Leuten von Ground Control vor den Bildschirmen, über die das abendliche Kartenspiel flimmerte. „Diese Rückkehrfantasien ...“, sagte Liam. „Ich weiß nicht. Ethan bringt das immer öfter aufs Tapet. Der hört gar nicht mehr damit auf. Er ist regelrecht von der Idee besessen.“
„Die Fans sind verrückt danach“, meinte Matt. „Es gibt inzwischen unzählige Blogs und Foren, in denen eine mögliche Rückkehr diskutiert wird.“
„Die Leute fangen an, von einem Abenteuerurlaub auf dem Mars zu träumen“, sagte einer der Techniker. „Wenn es möglich wird, zur Erde zurückzukehren, wollen sie mitfliegen und für eine Weile auf dem roten Planeten bleiben; vielleicht zwei Jahre. Und dann geht es mit dem nächsten Hohmann-Transfer zurück nach Hause.“
„Einfach so?“, fragte Liam. Er musste grinsen. „Sicher doch! Es gibt viele Leute, die das Geld für eine solche Reise mal eben aus dem Ärmel schütteln.“
„Sie wollen eine große, internationale Lotterie starten“, mischte sich Matthew ein. „Wer gewinnt, darf mit zum Mars. Er bleibt zwei Jahre und kehrt dann zurück. Liam, die Menschen fahren total auf die Idee ab! McDuff versteht es, die Leute zu begeistern. Und mal ehrlich: Nicht nur die Hohmann-Touristen würden zum Mars wollen. Wenn eine Rückkehrmöglichkeit bestünde, dann würden Forscher und Wissenschaftler und die irdischen Raumfahrtbehörden bei uns Schlange stehen. Sie würden gut bezahlen, mit Mars First zum roten Planeten zu fliegen. Unser System hat gezeigt, dass es funktioniert. Die würden bei uns Habitate bestellen, die im Voraus dort oben aufgestellt werden könnten.“
Liam schüttelte den Kopf: „Sagt mal, Leute, was soll das? Eine Rückkehr ist völlig ausgeschlossen. Es ist durchgerechnet worden. Da müssten wir ein riesiges Raumschiff schicken. Es müsste vollgetankt dort oben ankommen und gefüllt sein mit Atemluft und Vorräten. Diese seltsame Idee von Ethan McDuff, mit einer Dragon alles Mögliche zu einem im Orbit wartenden Schiff hinauf zu transportieren, ist Nonsens.“
„Aber eine Dragon könnte problemlos von der Marsoberfläche starten und den Orbit erreichen“, hielt der Techniker dagegen. „Allein schon wegen der viel geringeren Schwerkraft. Es würde genügen, wenn dort oben ein Schiff wartet. Sie haben ja bereits eins im Orbit: das Schiff, mit dem sie von der Erde kamen. Alles, was sie tun müssten, wäre es Stück für Stück mit Atemluftreserven, Essenvorräten und Treibstoff zu füllen.“
Andere Techniker stimmten ihm zu.
Liam fragte sich, ob er es mit kleinen Schulkindern zu tun hatte. „Ist das euer Ernst?“
„In den Foren wird nichts anderes mehr diskutiert“, sagte Matthew. „Die sind alle richtig heiß auf die Sache.“
„Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, rief Liam aus. „Leute, das Ding, das dort über den Köpfen unserer Marsnauten in der Umlaufbahn schwebt, ist nichts weiter als ein Haufen Weltraumschrott! Dieses Schiff ist nicht dafür ausgelegt, immer wieder zwischen Erde und Mars hin und her zu pendeln. Es sollte nur eine einzige Reise lang halten.
Und wie bitte wollen die Kolonisten alles an Bord bringen? Mit einer Dragon? Klar, man kann mit einer solchen Kapsel nicht nur landen sondern auch starten. Aber die Dragon 3.0 ist nicht dafür ausgelegt, hunderte Flüge zu absolvieren. Ein oder zwei Dutzend? Ja. Aber um das Schiff im Orbit klar für eine Rückreise zur Erde zu machen, müssten die riesige Mengen an Atemluft, Wasser, Essen und Treibstoff anliefern. Sie müssten fünfzig oder mehr Starts hinlegen und alles in kleinen Portionen zum Schiff transportieren. Das ist völlig unmöglich. Das ist technisch nicht machbar, auch wenn Ethan McDuff dauernd davon spricht, dass es geht. Es geht nicht!
Was wir in einem solchen Fall bräuchten wäre ein Schiff, dass für viele Hin- und Rückflüge konzipiert ist. Dieses Schiff müsste vollgetankt und mit allem Nötigen für den Rückflug bestückt im Orbit warten. Dann könnten tatsächlich Menschen von der Marsoberfläche mit einer Dragon hinauffliegen und die Rückreise antreten. Das ist aber schlicht unbezahlbar!
Es wurde durchgerechnet. Im günstigsten Fall würde das mindestens sechzig Milliarden kosten. Wohlgemerkt für eine einzige Rückkehrmission! Wo sollen wir das Geld hernehmen? So viel haben wir nicht und die Kollegen von der NASA, der ESA und Roskosmos auch nicht. Zudem würden die uns sicher nicht das Geld eimerweise vor die Füße schütten, um einen Mars-Tourismus in Gang zu setzen.“
Er schüttelte den Kopf: „Nein! Das kommt nicht infrage! Es ist nicht finanzierbar. Wir müssen unser Geld zusammenhalten und die Mars First Mission wie geplant weiterführen.“ Er schaute die Leute um sich herum der Reihe nach an: „Vorerst zumindest.“
Der Techniker meldete sich zu Wort: „Aber das ist das Todesurteil für die Kolonisten!“
„Was?“, fragte Liam. Er starrte den Mann an.
„Sie werden sterben“, sagte der Mann. „Sie haben nur noch zwei Wochen.“ Er reichte Liam einen Computerausdruck: „Hier steht es Schwarz auf Weiß. Zwei Wochen. Dann ist alles aus.“
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