| Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(17) |
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Familie Bishop sah fern; natürlich Mars TV. Matthew Parker war zu Besuch. Der zweite Mann von Mars First war der Patenonkel der Zwillinge. Penelope und Abigail hatten einen Narren an Matt gefressen. Sie hockten auf seinem Schoß und kommentierten lautstark, was über den Bildschirm flimmerte.
Die Marsies machten sich für einen längeren Außeneinsatz fertig. Sie wollten mit dem Rover rausfahren und die Gegend erkunden. Dabei wollte Laura Bodenproben sammeln und einige Bohrungen vornehmen.
„Arne Pipi macht“, verkündete Abbie, als der Deutsche in Richtung Toilette verschwand. Heuermann hatte die Kamera in der Kabine abgeschaltet. Erst nachdem er Wasser gelassen hatte, knipste er sie an, damit die interessierten Zuschauer auf der Erde zusehen konnten, wie er sich die Hände wusch. Liam konnte beinahe körperlich spüren, wie Arne ein Kopfschütteln unterdrückte. Dem Deutschen gingen die Kameras manchmal gegen den Strich. Aber er ließ sie laufen, solange er sich nicht gerade verflüssigte oder „eine braune Rakete aus Cap Anal abfeuerte“.
Nachdem er sich die Hände abgetrocknet hatte, lief Heuermann durchs Habitat zu der Dragon, in der die Marsanzüge auf die Crew warteten. Laura steckte bereits im Anzug und Ethan stieg gerade hinein. Antje wartete noch. Sie sah Arne entgegen.
„Kuss!“, rief Abbie. Sie rutschte auf Matthews Schoß herum und machte einen Kussmund. „Arne kussie-kussie Maus!“
Tatsächlich küssten sich die beiden marsianischen Turteltäubchen, als hätten sie Abigails Aufforderung gehört.
„Thetterbee!“, verkündete Abbie strahlend. Sie drehte sich zu Matt um: „Onkel Matt auch eine Mama heiraten.“
Matthew lächelte gequält: „Nein danke. Lass mal, Abbie-Schatz. Onkel Matt geht es sehr gut ohne Frau.“ Seit einer gescheiterten Ehe mit einer Australierin, die kein Jahr gehalten hatte, war Matthew Parker eingefleischter Single.
„Dann allein“, meinte Abbie und wandte sich wieder dem großen Flatscreen an der Wohnzimmerwand zu. Sie verfolgte gebannt, wie die vier Marsies sich in ihren Druckanzügen nach draußen begaben. Sie Außenkameras zeigten, wie sie zu einem der Rover marschierten, der via Kabel mit der Aufladestation der Kolonie verbunden war. Sie zogen das Kabel aus der Steckdose und rollten es in dem dafür vorgesehenen kleinen Kasten an der Seite des Rovers zusammen. Die Zwillinge schauten interessiert zu. Sie liebten es, wenn die Marsies mit den Rovern fuhren.
Eine der Innenkameras in der Roverkabine filmte über die Köpfe der vier Marsnauten hinweg durch die Frontscheibe des Rovers. Ethan McDuff fuhr das Elektrofahrzeug. Die vier Leutchen hatten sich nicht die Mühe gemacht, die Anzüge auszuziehen und die Kabine unter atmosphärischen Druck zu setzen. Sie wollten nicht weit fahren.
Der Rover sauste mit gut vierzig Stundenkilometern über die Sandpiste. Rechts und links wurde die primitive Straße von all den Steinbrocken gesäumt, die die Kolonisten in wochenlanger Mühe aufgeklaubt und zur Seite geräumt hatten.
Die Piste führte an einem mehr als mannshohen Steinhaufen vorbei.
„Pyramide“, krähte Penelope. Ihre grünen Augen strahlten. „Müssen Mumie in Pyramide tun.“
Matthew wuschelte der Kleinen durchs dichte, dunkle Haar: „Da oben gibt es keine Mumien, Penny. Das ist schließlich der Mars und nicht das alte Ägypten.“
Penelope drehte sich zu ihm um: „Pyramide immer Mumie! Müssen Mumie hinein legen.“
Matthew drückte sie an sich: „Mal sehen. Vielleicht in vielen Jahren, wenn einer der Marsmenschen stirbt. Dann könnten sie ihn in der Pyramide beisetzen.“
Auf dem Bildschirm zeigte Laura auf etwas außerhalb des Aufnahmewinkels der Kamera. Ethan McDuff ließ sich kurz ablenken. Der Rover schlingerte nach rechts. Plötzlich gab es einen Rumms.
„Verflixt!“, rief der Amerikaner. Er brachte den Rover zum Stehen. „Ich bin über einen der größeren Brocken gefahren. Mist! Hoffentlich ist nichts kaputtgegangen.“ Er öffnete die Tür und krabbelte nach draußen. Die anderen drei folgten ihm. Ihre Helmkameras zeigten die Szenerie.
„Oh weh!“, sagte Penny. „Auto putt! Maries keelee.“
Der Rover stand im schräg einfallenden rötlich-weißen Licht der Morgensonne inmitten einer flachen Landschaft, die sich nach Osten hin in die Unendlichkeit zu erstrecken schien.
„Flatlands“, sagte Penny. „Flachland. Auch putt. Viele Riesensteine fallen. Alles voll mit Krater.“ Als die Kamera schwenkte, zeigte sie auf den Bildschirm: „Orcus Carrera! Ganz weit weg!“
Liam musste schmunzeln. Die Kleinen merkten sich wirklich jedes Detail. Er hörte zu, wie Matt das Mädchen darüber aufklärte, dass es Orcus Patera hieß und dass dieser von hohen Bergrücken umgebene langgezogene Krater viele, viele Kilometer weit weg lag.
„Aber du hast recht, Penny“, meinte er gutmütig. „Dort hinter dem Hügel geht es zum Orcus Patera, wenn man tagelang weiterfahren würde. Die Marsianer sprechen oft darüber und im Fernsehen kamen auch schon oft Bilder von den Satelliten.“
Sie sahen zu, wie Ethan McDuff sich bückte und unter den Rover schaute. „Nichts passiert“, verkündete er. Er klopfte mit der behandschuhten Hand auf die Seite des Rovers: „Das ist gute, solide Technik. Besser jedenfalls als gewisse Atmosphärenaufbereiter.“ Ethan zeigte auf den Rand der Piste: „Wir sollten die Steine vielleicht alle zur Pyramide schaffen. Rund um die Kolonie sollte das Gelände frei von allen Brocken sein.“
„Hast du eine Ahnung, wie viel Arbeit das bedeutet?“, fragte Laura.
„Es muss ja nicht gleich morgen passieren“, meinte McDuff. „Aber hier und da könnten wir uns eine oder zwei Stunden abknapsen und aufräumen. Wir können es uns nicht leisten, einen der Rover kaputt zu fahren. Auf den freien Pisten können wir Gas geben, aber über steinigen Untergrund können wir nur im Kriechgang schleichen.“
Dorothy wandte sich an Matthew: „Haben die da oben inzwischen alle Ventile in diesen Atmosphäregeräten überprüft? Ethan wollte das machen.“
Matthew nickte: „Haben sie gemacht. Alles in bester Ordnung. Das kaputte Teil muss ein Produktionsausreißer gewesen sein.“ Er schaute zu Liam hin: „Hätte nicht vorkommen dürfen. Angeblich haben die Techniker jedes noch so kleine Einzelteil genauestens unter die Lupe genommen.“
Dottie warf ihrem Mann einen schrägen Blick zu: „Auf alle Fälle hat der Vorfall gleich wieder die Einschaltquote erhöht.“
Die Marsies stiegen wieder ein und setzten ihren Weg fort. Die Außenkameras des Rovers zeigten die Landschaft draußen. Über die Flatlands ging konnte man bis zum Horizont blicken. Es war ein klarer Tag; kaum Staub in der Luft. Sanfte Hügel und kleine und größere Krater erstreckten sich über die Ebene, aber das meiste Land war einfach nur Sand, oftmals mit Steinen übersät. An anderen Stellen lag nicht ein einziger Brocken in der roten Einöde. Es sah aus, als habe ein Riesen mit dem Besen alles sauber gefegt.
Der Rover hielt auf den großen Hügel zu, der im Nordosten den Blick auf die Flatlands begrenzte. Dort hielt McDuff an. Sie stiegen aus und Laura suchte eine passende Stelle für ihre erste Bohrung.
Sie spazierten durch die rötlich-ockerfarbene Wüste, vorbei an roten, riffartigen Strukturen und um große Brocken herum. Überall lag Sand. Meistens war er eisenoxidrot, manchmal jedoch hellbeige oder dunkel, fast schwarz.
„Hier tappen wir im Sand herum“, moserte McDuff. „In der Kolonie könnten wir an der Kuppel arbeiten.“
„Nie im Leben!“, rief Antje. „Wir mussten mal wieder raus!“
„Genau“, kam ihr Laura zu Hilfe. „Wir können nicht immerzu schuften, du Antreiber!“
„Freiheit für den Mars!“, rief Arne. „Nieder mit den Sklaventreibern!“
Sie lachten alle vier.
„Thetterbee“, sagte Penelope.
„Ja“, meinte Liam. „Im Moment ist alles wieder im Lot. Gut so.“
„Das ist auch besser“, grunzte Matthew. „Du hast ja gesehen, wie Ethan erschrak, als er das defekte Ventil entdeckte. Der konnte seine Panik kaum unterdrücken. So ist er, seit er erfuhr, das die Voraus-Mission gescheitert ist.“ Matt schüttelte den Kopf: „Ich kann immer noch nicht verstehen, was da vorgefallen ist. Anfangs stimmten die Telemetriedaten alle. Es sah so aus, als würde die Kapsel ganz normal landen, und dann verstummt der Funk von einer Sekunde auf die andere.“ Er schaute zu Liam hin: „Du warst zu der Zeit in Etage zwei bei den Technikern. Du hast es doch auch gesehen?“
„Natürlich“, antwortete Liam. „Die Techniker wussten keinen Rat. Sie hatten keine Ahnung, wieso wir den Kontakt verloren.“
Matthew schaute ihn fragend an: „Die haben doch bis zuletzt mit der Dragon kommuniziert. Denen müsste doch was aufgefallen sein.“
„Nichts“ sagte Liam. „Es war, als hätte der Bordcomputer die Verbindung abgeschaltet.“
„Abgeschaltet? Und wenn es so war?“
„Wieso sollte der Computer das tun?“, hielt Liam dagegen. „Es ist einfach was schiefgelaufen und die Kapsel ist in der Atmosphäre verglüht.“
„Aber sie hat kein Alarmsignal gesendet“, beharrte Matt. „Kommt dir das nicht komisch vor? Ich meine, angenommen die Kapsel wird instabil, weil die Flugkurve nicht korrekt ist. Es würde doch anfangen, gewaltig zu wackeln und zu schütteln. Hätte der Bordcomputer nicht ein Warnsignal zum Orbiter schicken müssen?“
„Eigentlich ja“, sagte Liam. „Es ist wohl alles zu schnell gegangen. Es kann aber auch sein, dass die Funkverbindung ausfiel und die Kapsel dadurch nicht mehr steuerbar war.“
„So oder so ist es eine Katastrophe“, brummte Matthew. „Es waren so viele wichtige Dinge in der Dragon.“ Er machte eine hilflose Geste: „Alles verloren.“
„Ja“, bestätigte Liam. „Es ist furchtbar. Aber ohne den Verlust der aufblasbaren Kuppel hätten die Kolonisten wohl nicht so früh angefangen, eine Kuppel aufs Ziegeln zu bauen.“
„Stimmt auch wieder“, meinte Matthew. Er sah zu, wie Laura Sunderland ihr Bohrgerät aufbaute. „Vielleicht hat sie diesmal Glück und findet unter der Oberfläche Hinweise auf ehemaliges Leben. Gönnen würde ich es ihr. Sie sucht nun schon so lange.“
*
Nachdem sie am Abend die Zwillinge zu Bett gebracht hatten, holten Dorothy und Liam alte Fotoalben hervor. Von Zeit zu Zeit war ihnen danach. Dann saßen sie bei einem Glas guten Weins nebeneinander am Esszimmertisch und blätterten in den Alben.
Liam zeigte auf ein Farbfoto: „Die Sonnenbrandqueen. Daran erinnere ich mich noch genau. Du hattest selten Sonnenbrand, aber als das Foto gemacht wurde, hat sich deine Nase geschält.“ Auf dem Bild lachte eine vierzehnjährige Dottie in die Kamera. Ihre Nasenspitze war rot verbrannt.
Liam lächelte vor sich hin: „Wie du lachst! Anfangs warst du nicht so. Du warst schrecklich schüchtern, aber als wir dann befreundet waren, wurdest du recht forsch.“
Dottie schaute ihn von der Seite an: „Ich hatte Angst, dich an eine deiner Altersgenossinnen zu verlieren. Schließlich war ich ja nur ein kleines dünnes Schulmädchen und du bereits ein junger Mann. Da war diese gut aussehende Betty McLaren, die ständig um dich herum schwirrte.“
„Betty McLaren?“ Liam rollte mit den Augen. „Miss Wasserstoffblond?“ Er rümpfte die Nase. „Gott, die war doch so was von hohl! Nein Dottie, von der hattest du damals absolut nichts zu befürchten. Betty lief mir nach, ja. Und was tat ich? Ich lief vor ihr davon.“
Er blätterte weiter. Auf den Fotos sah man eine Geburtstagsgesellschaft. Dorothys fünfzehnter Geburtstag. Mädchen und Jungen saßen an gedeckten Tischen auf dem Rasen hinter dem herrschaftlichen Haus von Dorothys Eltern. Auf einem der Bilder war Liam zu sehen, zusammen mit älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Liam zeigte auf ein Foto: „Du hattest nie eine wirkliche Konkurrentin, Dottie. Höchstens diese junge Dame.“
Dorothy schaute genauer hin: „Jennifer Smythe? Das Dickerchen von Epstein House? Ly, das ist nicht dein Ernst!“
„Doch“, entgegnete Liam. „Jenny war ein prima Kumpel und sie war ganz schön sexy, das kann ich dir sagen. Trotz ihrer reichen Familie war sie kein bisschen versnobt oder abgehoben. Sie war ein ganz normales, wahnsinnig nettes Mädchen. Sie war ein Jahr jünger als ich, aber sie wirkte oft erwachsener. Gleichzeitig war sie eine verrückte Ulknudel und für jeden Quatsch zu haben.
In jenem Sommer kamen wir uns ziemlich nahe. Doch dann trennten sich unsere Wege. Wer weiß, vielleicht wäre es etwas geworden mit uns beiden. Meine alten Herrschaften hätten gewiss nichts dagegen gehabt und Jennys Eltern auch nicht. Aber es sollte nicht sein. Sie ging fort, auf diese Universität in der Schweiz. Wir verloren uns aus den Augen.
Heute bin ich froh darüber, denn dadurch bekam ich die beste Frau der Welt. Dich!“
Dottie schaute ihn lange an. Er schaute zurück. Schließlich standen sie auf und gingen ins Schlafzimmer. Die Fotoalben blieben aufgeschlagen zurück.
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