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Stefan Steinmetz
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Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(16) Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

Ein leiser Piepton weckte Arne Heuermann. Mit einem Grunzen wälzte er sich von Antjes Seite weg zum Bettrand. Mit halbgeöffneten Augen schaute er das Display neben dem Bett an.
„Och nee! Nicht schon wieder! Und wieder mal mitten in der Nacht! Du Schuft!“ Knurrend richtete er sich auf. „Shit!“
Antje drehte sich zu ihm um: „Arne? Was ist los?“
„Nichts, Schatz. Nummer 4 spinnt mal wieder. Ich erledige das. Bleib liegen. Bin gleich wieder da.“ Er zog Slipper an die Füße und streifte ein Sweatshirt über. Ihn fröstelte immer, wenn er mitten in der Nacht aufstehen musste.
Schlaftrunken tappte er zur Toilette. Es hatte keinen Zweck, es anzuhalten. Dann konnte er nicht konzentriert arbeiten. Er urinierte ausgiebig. Dann schlurfte er zum Vorderende der Living-Unit. Aufdringliches Piepen erwartete ihn.
„Ich komm ja schon!“, murrte er. Als nach dem Betätigen des Schalters helles Licht die Dragon-Kapsel durchflutete, die ans Habitat angeschlossen war, stieß er einen saftigen Fluch aus. Ihm war egal, ob die Kameras das live zur Erde übertrugen. Er hasste es, aus dem Schlaf gerissen zu werden. Erst recht hasste er es, wenn ihn grelles Licht blendete, wenn er noch völlig verpennt war.
In der hinteren Ecke der Dragon blinkte ein kleines rotes Licht. Von dort kam das Piepsen. Arne kniete nieder. Nummer 4. Wieder mal. Die Stickstoffpumpe fiel des öfteren aus. Keiner wusste so recht, warum. Das Teil schaltete sich ab und löste Alarm aus, vorzugsweise dann, wenn man es absolut nicht brauchen konnte.
„Miststück!“, brummte Arne. Er betätigte den Reset-Taster. Das Piepen verstummte und die rote Blinklampe erlosch. Arne schaltete den Apparat ein. Nummer 4 gab ein gurgelndes Geräusch von sich. Irgendwie klang das ganz und gar nicht gut, fand Arne. „Was ist bloß mit dem Gerät los? Komm schon! Fahr wieder hoch!“
Nummer 4 gurgelte vor sich hin. Es war ein Geräusch, das auf unbeschreibliche Weise faul und lustlos klang; als hätte der kleine Atmosphärenaufbereiter keinen Bock, zu funktionieren.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“ Arne schaltete den Ersatzapparat ein, der direkt neben Nummer 4 am Boden der Dragon verschraubt war. Sanft brummend nahm Nummer 3 die Arbeit auf. Das Display zeigte an, dass der kleine Kompressor weisungsgemäß Stickstoff aus der dünnen Marsatmosphäre draußen ansaugte und ins Innere der Kolonie leitete.
Arne trennte Nummer 4 vom Stromkreis. Er öffnete die Frontplatte, um nachzusehen, was los war.
„Was geht ab?“ Ethan McDuff erschien neben Arne. Der Rotbart sah reichlich zerknittert aus. Arne grinste in sich hinein. Noch einer, der nächtliche Ruhestörungen nicht vertrug.
„Nummer 4 streikt mal wieder“, sagte er.
Ethan starrte ihn an: „Schon wieder? Hast du rausgefunden, was damit los ist?“
Arne schüttelte den Kopf: „Ich sehe nichts, das nicht in Ordnung wäre. Das Mistding spielt einfach verrückt.“ Er stieß einen Seufzer aus: „Ich gehe vielleicht von der falschen Seite an das Problem heran. Wenn ich mitten in der Nacht hoch muss, läuft mein Gehirn erst mal nur auf Notstrom.“
McKnittergesicht grinste unfroh: „Da bist du nicht der Einzige, Söhnchen. Willkommen im Club.“ Er beugte sich vor: „Schauen wir mal, was da los ist.“ Er sagte es auf seine typische, gönnerhafte Weise, frei nach dem Motto: Macht dir nicht in die Hose. Der coole McTausendsassa wird’s schon richten. Arne bemerkte, dass der Amerikaner darauf achtete, das er von der kleinen Kamera, die seitlich an der Wand installiert war, gefilmt werden konnte.
Angeber!, dachte er. Setzt sich echt bei jeder Gelegenheit in Szene. Na los! Mach schon! Sammel deine Likes! Die Fans werden dich feiern. Mir egal. Ich will wieder ins Bett.
Ethan fasste in die Apparatur. Er drehte und zog. Dann hielt er ein kleines Teil in der Hand: „Hier haben wir den Übeltäter!“
„Das ist es?“, fragte Arne. „Ist das eins der Rückschlagventile?“
„Ganz genau, Söhnchen“, knurrte McDuff. „Verdammte Kacke! Ich glaube das einfach nicht!“
„Wo ist das Problem?“, fragte Arne. „Können wir es nicht ersetzen? Wir haben doch schon einen Haufen Kleinteile im 3-D-Drucker hergestellt. Unsere Regale sind voll mit Ersatzteilen.“
„Ja“, knurrte Ethan. „Wir haben Ersatz.“
„Dann ist es doch gut, oder?“, fragte Arne.
„Nein, verdammt!“, rief McDuff. „Nichts ist gut!“ Er schüttelte das Ventil, wie der Terrier eine gefangene Ratte. „Es ist kaputt, verflucht noch mal! Im Arsch! Total im Eimer! Es ist hin! Dabei sind wir keine drei Monate hier! Wir sind kaum ein paar Wochen auf dem Mars und unsere Lebenserhaltungssysteme geben den Geist auf!“
Arne schrak vor dem Ausdruck in Ethan McDuffs Augen zurück. Da war sie wieder, die blanke Angst, das eisige Entsetzen, das er zum ersten Mal in den Augen des Mannes gesehen hatte, als Ground Control verkündet hatte, dass die Dragon-Kapsel der Voraus-Mission in der Marsatmosphäre verglüht war.
Als er in Ethans Augen schaute, hatte er das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu blicken. In den Augen des Amerikaners stand nackte Angst. McDuffs Entsetzen übertrug sich auf Arne. Er spürte, wie sich sein Körper mit einer Gänsehaut überzog. Sein Herzschlag beschleunigte und sein Magen zog sich zu einem kleinen, kalten Ball zusammen.
Ethan starrte das kleine Teil in seiner Hand mit aufgerissenen Augen an: „Das ist Zeug, dass jahrzehntelang halten soll! Wir sind nicht mal ein viertel Jahr hier und es ist bereits kaputt!“ Er holte tief Luft. Arne sah, wie die Angst in den Augen des Mannes sich zurückzog. Es wirkte, als klappte ein Helmvisier herunter. McDuff versteckte seine Angst.
„Das ist nicht gut“, brummte er. „Nicht gut! Das sollte länger halten! Viel länger! Wir stecken hier oben in einer fremden, absolut lebensfeindlichen Umgebung fest, und unsere Lebenserhaltungssysteme lösen sich in Wohlgefallen auf. Nein, das ist nicht gut!“ Ethan erhob sich: „Ich hole ein Ersatzteil und baue es ein. Gleich morgen schaue ich mir alle Geräte genau an. Ich werde jede einzelne Schlauchschelle und jedes Schräubchen überprüfen.“ Er entfernte sich.
Arne starrte den Atmosphärenaufbereiter an. Er musste an Ethan McDuffs Worte denken. „Wir stecken hier oben in einer fremden, absolut lebensfeindlichen Umgebung fest.“
Ja, dachte er. Das stimmt. Da draußen ist eine bitterkalte, mörderische Wüste, die nur darauf wartet, uns umzubringen.
Zum ersten mal fühlte auch er eine kleine, nagende Angst in sich.
Verdammt sollst du sein, Ethan McDickmaul!, dachte er in hilflosem Zorn.
Er wusste, dass er die kleine Angst nie wieder ganz loswerden würde. Doch im gleichen Moment bereute er, eine Wut auf Ethan McDuff gespürt zu haben. Er musste daran denken, wie der Möchtegern-Schotte urplötzlich losgeweint hatte, als er die Segeljacht in der Dokumentation im TV gesehen hatte. Es hatte den alten Seebären voll erwischt. Es musste schlimm sein, wenn man etwas derart hart vermisste.
Armer Hund!, dachte Arne. Daran hast du wohl nicht gedacht, als du dich bei Mars First beworben hast. Hast nur stur drauflos gearbeitet, in die engere Auswahl zu kommen. Tja, hinterher ist man immer schlauer, wenn es zu spät ist. Du wirst nie wieder über den Ozean segeln. Nicht mal mit einer kleinen Jolle über einen Teich. Wir können hier auf dem Mars leider nicht hingehen und einen Krater mit Wasser füllen, damit du in dieser künstlichen Badewanne mit deinem Schiffchen spielen kannst.
Plötzlich hatte er eine Idee.
Als er wieder zu Bett ging, fasste er Antje sanft an der Schulter: „Maus? Bist du noch wach?“
„Hm. Ja“, murmelte sie und kuschelte sich an ihn.
„Hör mal, ich habe da eine Idee“, sagte Arne. „Es ist wegen Ethan.“ Er erzählte im Flüsterton, was er sich ausgedacht hatte. „So etwas ließe sich doch machen, oder?“
Antje drückte ihm einen Kuss auf die Backe: „Du bist mir vielleicht einer! Ausgerechnet für Ethan willst du das tun. Ja, es geht. Sogar viel einfacher, als du meinst. Ich lasse mir von der Erde ein Basisprogramm schicken. Ich weiß, wo ich nachfragen muss. Dann brauche ich nur die gesamten Geodaten in dieses Programm zu übertragen und die Farben einzufügen. Der Rest ist ein Kinderspiel.“
„Im Ernst?“, fragte er.
„Ja“, antwortete sie. „Es wird halt eine Weile dauern, weil ich jeden Tag höchstens eine Stunde Arbeit investieren kann und ich es ja heimlich machen muss.“ Wieder küsste sie ihn: „Das ist eine tolle Idee, Arne.“

*

Antje mischte mit Laura Erde für neue Pflanzschalen. Allmählich füllte sich Habitat 3. Ihr Treibhaus verwandelte sich in einen grünenden Dschungel aus Nahrungspflanzen. Die beiden Frauen mixten Marssand, schwarzen Staub und Lavagrus miteinander. Den dunklen Lavagrus hatte Laura von einer ihrer geologischen Expeditionen mitgebracht. Sie zerkleinerten das vulkanische Gesteinsmaterial mit einer kleinen Steinmühle, die McGyver gebastelt hatte. Der alte Tausendsassa hatte auch die beiden Ventilatoren und den Umluftschlauch zusammengefriemelt, die dafür sorgten, dass die Luft im großen Treibhaus nicht abstand, sondern in steter Bewegung war. Dadurch konnte kein Schimmel entstehen.
McDuff war schon ein toller Hecht, fand Antje. Er bekam nicht umsonst die meisten Likes und Sterne von den Fans auf der Erde. Ethan hatte fast doppelt so viele Punkte wie alle anderen drei zusammen.
Aber er war auch ein oller Antreiber, fand Antje. Er könnte echt mal einen Gang zurückschalten. Wir können nicht ausschließlich an der Kuppel arbeiten.
Laura zeigte auf eine Pflanzschale direkt neben der kleinen Werkbank, an der sie mit der Pflanzerde beschäftigt waren: „Die Lupinen sind aufgegangen.“
„Ja, die wachsen prächtig“, entgegnete Antje. „Gut so! An ihren Wurzeln binden sie Stickstoff. Das verbessert den Boden. Und wenn sie erst so weit sind, können wir aus den Samen Ersatzkaffee machen. Lupinen-Muckefuck schmeckt prima. Zu Hause haben wir ihn jedes Jahr selbst gemacht. Unser Garten stand voll mit Lupinen. Es war Futter für unsere Honigbienen.“
„Ich bin gespannt, ob wir den Fleischersatz aus Lupinen hinkriegen“, sagte Laura. „Auf der Erde hat es im Training ja geklappt und wir haben dieses kleine Maschinchen dabei.“ Sie schürzte die Lippen: „Leider wirklich sehr klein.“
„Sag Ethan Bescheid“, meinte Antje. Sie lachte auf. „Du wirst sehen, unser McBastler baut dir im Nu eine größere Anlage, schon allein deshalb, weil er ein Fleischfan ist.“ Sie lachten beide.
„Wenn wir erst mal die Kuppel haben, bauen wir Weizen an“, sagte Antje. „Aus Weizen kann man nicht nur Brot backen. Aus Weizeneiweiß kann man ebenfalls Fleischersatz herstellen. Pilze können wir dort auch besser anbauen, weil wir viel mehr Platz haben.“
„Das wird dann aber allmählich eine ziemliche Plackerei, wenn wir alle Blüten von Hand bestäuben müssen“, meinte Laura.
„Ground Control diskutiert schon darüber, ob sie uns mit der nächsten Crew auch ein oder zwei Hummelvölker mitschicken könnten“, sagte Antje. „Die kleinen, pelzigen Brummer würden uns die Arbeit liebend gerne abnehmen.“ Sie zeigte auf den TV-Schirm, der auf halber Höhe an der Wand hing: „Wenn die beiden in dem Tempo weitermachen, ist die Kuppel bald soweit.“
Man sah Arne und Ethan im Innern der Kuppel werkeln. Das Fundament war inzwischen fertig und außen bereits einige Ziegelreihen aufgebaut. Die beiden Männer hatten die letzten Stunden damit verbracht, in der Mitte der zukünftigen Kuppel einen kleinen runden Teich von einem Meter Tiefe aus Ziegeln zu mauern. Dort drin sollte sich später das überschüssige Gießwasser sammeln. Das Fundament der Kuppel war nicht eben, sondern schüsselförmig geformt. Es fiel zur Mitte hin sanft ab. Wenn erst einmal Erde eingefüllt war und Pflanzen wuchsen, würde zu viel gegossenes Wasser zu dem winzigen Teich in der Kuppelmitte fließen, wo man es mit Gießkannen wieder entnehmen konnte. Die Wände des Teichs hatten kleine Löcher, damit das Wasser einsickern konnte.
Der Kuppelbau verschlang viel Zeit. Sie mussten Tonerde herbei schaffen, oft mit Hilfe eines Rovers. Es war eine elende Plackerei. Sie mussten die Erde mit Pickeln aus dem Boden schlagen und sie dann auf den Rover schaufeln. Vor den Habitaten zerkleinerten sie dann die Brocken und erhitzten die so gewonnene Erde in einem kleinen elektrischen Ofen, um vorhandene Chemikalien loszuwerden, die sie nicht in den fertigen Ziegeln haben wollten.
Dann galt es, die beiden Drucker zu bedienen. Wieder und wieder.
Sobald die Ziegelreihe rund um die Kuppel erst einmal eine Höhe von einem Meter erreicht hatte, würden sie die Kuppel innen mit Sand füllen müssen, um die sich allmählich nach innen wölbende Wand zu stützen und von außen mussten sie dann ebenso Sand anschütten, damit sie zu ihrem täglich höher aufsteigenden Arbeitsplatz hinauf gelangen konnten.
Gerade setzte Arne den letzten Ziegel. Der kleine Teich in der Kuppelmitte war fertig.
Antje beobachtete Arne versonnen. Sie mochte die Art, wie Arne sich bewegte – nie eilig, nie gehetzt wirkend und doch arbeitete er schnell und effizient. Er schien nie müde zu werden.
Sie war froh, Arne zu haben. Er war ein ganz Lieber. Anfangs hatte sie ihn bloß ein wenig gemocht, mehr eigentlich nicht. Er hatte ganz klar mehr in ihre gemeinsame Beziehung investiert, aber mit jedem Tag wurde Antjes Zuneigung stärker. Ihre Liebe wuchs. Sie hatte das Gefühl, als sei diese Liebe eine Pflanze, die ihre Wurzeln tief in diese wundervolle Zweierbeziehung senkte. Sie wuchs und gedieh, diese Pflanze der Liebe. Sie wurde groß und stark und sie würde Früchte tragen, überreich.
Es fühlte sich so richtig an. Es tat so gut. Es war ein warmes, erfüllendes Glücksgefühl. Es war nicht wie früher, wenn sie sich Hals über Kopf in einen Jungen verknallte, was schnell wieder vorbei war.
Das mit Arne war anders. Es wuchs langsam, aber Antje wusste, es würde groß und stark wie ein Baum werden. Sie fühlte eine tiefe Zufriedenheit und Glück. Am meisten mochte sie, dass Arne sowohl ihrer Mutter als auch ihren beiden Großmüttern gefiel.
„Der ist der Richtige für dich, meine Liebe“, hatte Oma Mareike im Video gesagt. „Mit dem wirst du glücklich werden.“
Ja, dachte Antje. Mit Arne werde ich glücklich werden. Ganz bestimmt. Ich bin jetzt nicht mehr so allein. Wenigstens ein bisschen Familie habe ich bekommen.

21.01.2017 19:13 Stefan Steinmetz ist offline Email an Stefan Steinmetz senden Beiträge von Stefan Steinmetz suchen Nehmen Sie Stefan Steinmetz in Ihre Freundesliste auf
 
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