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Thema: Frühlingskind
Stefan Steinmetz

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Frühlingskind 20.06.2019 15:41 Forum: Frühlingskind

Frühlingskind - 4.Buch der Nachtkindreihe

Beim Clan scheint alles zum Besten zu stehen. Nicole Wagner hat sich in ihrer neuen Heimat eingelebt. Doch dann wird das Clanquartier von gedungenen Söldnern überfallen. Bei Nacht und Nebel müssen die Clanleute fliehen.
Auf Nicole wird ein Giftanschlag verübt und Amelia wird von ihrer Großmutter eine gemeine Falle gestellt. Sie soll an einem Mordkomplott gegen Charlotte und Irina teilnehmen. Andernfalls wird sie niemals zu den Alten Frauen aufsteigen.

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Thema: Stargirl Leonie(20)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(20) 30.05.2019 17:26 Forum: Stargirl Leonie

Nach dem Essen half Jannik Leonie beim Abwasch. Als er die fragenden Blicke ihrer Mutter sah, musste er grinsen. „Sie dachten wohl nicht, dass ein Star Geschirr spült, Frau Ammon? Zu Hause muss ich es ja auch machen. Ich habe niemanden, der das für mich erledigt.“
Er holte einen gespülten Teller aus dem Wasser und stellte ihn auf das Abtropfgestell. Leonie holte ihn sich, sobald sie mit dem vorherigen fertig war.
„Ich muss allerdings gestehen, dass ich mir eine Geschirrspülmaschine zugelegt habe, als ich mein Haus kaufte“, fuhr Jannik fort. Er bemühte sich, ein bisschen Small Talk zu machen und dabei nicht zu angeberisch zu klingen. Das Muttertier war misstrauisch, das spürte er.
Sie denkt pro Minute mindestens fünfmal, dass Leonie erst fünfzehn ist, überlegte er. Und sie ist der Meinung, dass ihr Töchterlein entschieden zu jung ist für die große Liebe. Selbstverständlich hat sie selbst im gleichen Alter angefangen. Aber entweder will sie nicht, dass Leonie „den gleichen Fehler wie ich begeht“, oder sie denkt: „Bei mir war das etwas anderes!“ Hauptsache, sie kann sich einreden, Leonie vorzusagen, dass sie noch viiiiel zu jung ist.
Er seufzte innerlich. Eltern konnten echt grässlich sein. Die einen kümmerten sich einen Dreck um ihre Sprösslinge und die anderen regierten wie Despoten und wollten alles bestimmen. Wenn das Jungvolk in die Pubertät kam, wurde es wirklich schlimm.
Im Geiste konnte er beinahe die Stimme von Sonja Ammon hören, wie sie zu Leonie sagte: „So lange du die Füße unter meinen Tisch streckst …!“
Voll ätzend, das!
Aber ein wenig konnte er Leonies Mutter auch verstehen. Er war nicht irgendein Junge aus der Schule. Er war ein Musikstar. Er war berühmt. Es war allgemein bekannt, dass berühmte Musikstars nicht unbedingt der Norm entsprachen. Sie hatten dauernd wechselnde Liebschaften. Sie lebten nur im Hier und Jetzt und nahmen sich, was sie wollten. Sie tranken. Und sie nahmen Drogen.
Sieht man ja bei Florian, dachte er. Old Bennett ist ein wandelndes Klischee. Wenn das Muttertier den bloß nie kennenlernt!
So wie er Sonja Ammon einschätzte, würde die Frau auf den ersten Blick erkennen, dass Florian Bennett ständig stoned war.
Nach dem Abwasch lud Leonie ihn in ihr Zimmer ein. Er folgte ihr nur zu gerne. Er wollte dem forschenden Blick des Muttertiers entkommen.
Leonies Zimmer war winzig. Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch, zwei Stühle, sowie ein kleines Beistellschränkchen und einige Wandregale waren die spärliche Möblierung. Mehr hätte auch nicht in den kleinen Raum gepasst. Jannik fühlte sich beengt. Er kam sich vor wie eine dicke Hummel in einer kleinen Pappschachtel. Aber er war wenigstens den Augen des Muttertiers entronnen. Allerdings ließ Leonie die Zimmertür offen.
Jannik sah ein einsames Poster der Peoples an der Wand neben den Regalen hängen. Es zeigte die vier Jungs im Studio auf genau der Bank, auf der Leonie bei den Aufnahmen gesessen hatte. Ein kleines Herzchen war mit rotem Kugelschreiber neben Janniks Gesicht gemalt.
Auf dem Schreibtisch lag ein aufgeschlagenes Heft. Jannik schaute die Zeilen an. „Fathers House“ stand in sauberer rundlicher Mädchenschrift ganz oben. Es war die Schrift, die er aus Leonies Bittbrief kannte. Jannik überflog die Zeilen. Es ging um ein altes Haus mit einem großen Garten, mit verträumten Ecken und alten Obstbäumen und einer mit Moos überzogenen Mauer.
„Das ist cool“, sagte er. „Cool ist auch, dass du es gleichzeitig auf Deutsch und auf Englisch geschrieben hast. Ein schönes Gedicht.“
„Es ist mir eingefallen, als ich an meinen Vater dachte“, sagte Leonie. Ihre Stimme klang leise und zurückhaltend. „Ich denke in letzter Zeit oft an ihn, vor allem, wo wir uns das Haus angesehen haben. Ein ehemaliger Arbeitskollege meines Vaters hat Mutti davon erzählt. Vater hat das Haus gesehen und fand es toll. Mutti hat es gekauft. Wir werden dort in Zukunft leben. Wir waren schon dort. Es ist voll irre! Es sieht da genauso aus wie in meinem Gedicht.“
Sie wurde ein bisschen rot: „Eigentlich ist es gar kein Gedicht.“ Sie zögerte.
„Nein?“, fragte er. „Was dann?“
„Ein Song“, antwortete sie. Die Röte auf ihren Wangen nahm zu. Es sah niedlich aus, fand er.
„Ein Song?“
„Ist mir so eingefallen“, sagte sie. Er merkte, dass sie schnodderig klingen wollte. Sie tot so, als wäre es nichts Besonderes.
Jannik nahm das Heft in die Hand: „Wie geht die Melodie?“
„Ich … da ist …“, nuschelte Leonie. Jetzt wurde sie richtig rot. „Sie … ist noch nicht fertig.“
„Macht nichts“, sagte Jannik. „Singst du es mir vor?“
Sie biss sich auf die Lippen und schaute ihn mit großen Augen an. „Vorsingen?“
„Bitte!“
Sie ging zum Schrank und holte eine Konzertina heraus. Sie setzte sich mit dem kleinen Handzuginstrument auf den Stuhl am Schreibtisch. Jannik holte den anderen Stuhl und nahm neben ihr Platz. Er nahm die Mundharmonika aus der Gürteltasche. Er hatte sie immer bei sich für den Fall, dass ihm eine Melodie einfiel. Es war eine chromatische Harp, bei der man durch Betätigung eines Schiebers auch Halbtöne spielen konnte.
„Fang an!“, sagte Jannik aufmunternd zu Leonie.
Sie atmete tief durch. Dann begann sie, auf der Konzertina zu spielen. Auf ein perlendes Intro folgte langsamer, getragener Gesang. Es klang nach Ballade. Sie hatte eine schöne Stimme, fand Jannik. Nach der ersten Strophe begleitete er sie auf der Mundharmonika. Beim Refrain terzte er Leonie aus. Gruppengesang, wie er es von den Peoples kannte.
„Das war’s“, sagte Leonie, als die letzte Zeile gesungen war. „Wie ich sagte: Es ist noch nicht fertig. Ich bin nicht so gut im Musik erfinden. Gedichte schreiben liegt mir mehr.“
„Das war gar nicht übel“, sagte Jannik. „Ich finde den Song cool. Man müsste das Lied ein wenig aufpeppen.“ Er schaute das Mädchen an: „Warum gehst du nach dem flotten Intro auf langgezogene Töne über? Klar, es ist eine Ballade, was eher Langsames, aber die Konzertina ist ein bewegliches Instrument mit vielen Knöpfen und Akkorden. Warum behältst du die Spielweise deines Intros nicht bei?“
Er summte eine Tonfolge, langsam und getragen zuerst, genau wie Leonie es auf der Konzertina gespielt hatte. Dann summte er die Melodie schneller und mit auf und absteigenden Tönen. „Spiel es mal so, Leonie! Dadurch wird die Hintergrundmelodie rhythmischer und voller. Dein Gesang bleibt gleich. Du wirst sehen, das klingt besser.“ Er lächelte sie an: „So funktioniert irische Folkmusik. Probier es mal. Schnellere Tonfolgen und wechsle die Akkorde öfter.“
Sie spielten den Song erneut. Diesmal unterlegte Jannik Leonies flottes Konzertinaspiel mit langgezogenen Mundharmonikatönen. Während sie den Refrain sang, spielt er schnelle Tonfolgen, die ihre Singstimme mit passenden Untertönen umrankten.
„Das klingt viel schöner!“, rief Leonie, als sie das Lied beendeten. Sie klang begeistert. „Wie machst du das?“
Er zuckte die Achseln: „Komponieren. Arrangieren. So nennt man das. Lernt man, wenn man Songs schreibt.“
„Ist es jetzt richtig so?“, wollte Leonie wissen. „Könnte man das Lied so aufnehmen? Oder kann man noch mehr verbessern?“
Jannik zeigte auf die englischen Liedzeilen: „Hier, die dritte Zeile.“ Er spielte die Melodie so wie Leonie sie gesungen hatte. „Klingt arg nach typischer deutscher Alpenmusik“, meinte er. „Ist ja nicht schlimm, aber das Lied handelt von einem verträumten Garten, der halb in Vergessenheit geraten ist. Sing die dritte Zeile in Moll. Lass es ein wenig wehmütig klingen. So etwa!“ Er spielte die Zeile auf der Mundharmonika vor. „Hmmm … nein! Klingt auch nicht gescheit. Mist!“
Leonie schaute ihn fragend an: „Wie denn jetzt?“
„Ich hab’s im Kopf“, sagte er. Er versuchte es noch einmal mit der Mundharmonika . „Geht nicht. Warte! Ich weiß: Es sind keine Einzeltöne! Das ist es! Es sind Akkorde! Okay, du singst so.“ Er spielte die Melodie für Leonie. „Ich mache den Rest mit der Harp. Und im Refrain, also da vorne, bring doch mal eine Synkope mit rein, so einen kleinen Aussetzer, wenn der Blick von dem alten Birnbaum auf die mit Moos bewachsene Mauer schwenkt.“
Sie spielten das Lied noch einmal. In der dritten Zeile sang Leonie jetzt in Moll und Jannik ergänzte ihre Stimme mit den passenden Begleittönen. Es enstanden perfekte Akkorde.
„Das klingt jetzt besser“, fand Jannik, als sie den Song beendeten.

Sonja Ammon stand in der Tür und lauschte dem Spiel ihrer Tochter und des jungen Mannes. Es klang schön, fand sie. Leonie war voll und ganz bei der Sache. Sie hatte vor Aufregung rote Backen. Immer wieder warf sie Jannik verliebte Blicke zu.
Ach, Mäuschen!, dachte Sonja. Wenn das nur gutgeht. Hoffentlich! Musste es ausgerechnet ein Musikstar sein?
Leonie schaute auf: „Hast du das gehört, Mutti?“
Sonja nickte. „Ihr seid prima, ihr beide.“
„Das war Jan“, sagte Leonie. „Er kann fantastisch komponieren und arrangieren.“
„Ich habe nur arrangiert“, wehrte Jannik ab. „Das Kompionieren hast du erledigt. Ich habe die Melodie nur überarbeitet. Also teilen wir uns die Prozente für die Musik. Für den Text sahnst du alleine ab.“
„Wie … absahnen?“, fragte Leonie.
„Die Tantiemen auf den Song“, erklärte Jannik, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Es gibt dreiunddreißig Prozent für Musik und Text. Halbe halbe Musik und Text. Bei der Musik machen wir zwei dann nochmal halbe halbe. Die haben wir ja zusammen erfunden. Ich bringe demnächst einen Vertrag mit. Den muss deine Mutter für dich unterschreiben, weil du noch nicht volljährig bist.“
„Ich versteh nicht“, sagte Leonie hilflos. „Soll das heißen, du willst das Lied aufnehmen?“
„Unbedingt“, sagte Jannik. „Der Song passt total gut auf unsere neue CD.“ Er wandte sich an Sonja: „Wenn Sie nicht möchten, dass ihre Tochter namentlich erwähnt wird, kann man einen Künstlernamen auf der CD abdrucken. Little Fairy vielleicht oder Garden Fairy.“
Sonja war zu verblüfft, um Einwände zu erheben. Der junge Mann ging ganz schön ran. Er tat so, als wäre es normal, dermaßen in Leonies Leben einzugreifen.
„Das wird kein Nummer eins Hit“, fuhr Jannik fort. „Aber es steckt trotzdem Geld drin. Die Einnahmen kann Leonie zurücklegen für später. Für eine gute Ausbildung zum Beispiel oder ein Studium.“ Er nahm das Heft und las den Text in der deutschen Fassung.
„Und so sieht der Garten in eurem neuen Haus tatsächlich aus?“, wollte er wissen.
„So ähnlich“, antwortete Leonie. „Hey, du kannst es dir ja anschauen. Mutti fährt nachher hin. Der Mann von der Heizungsfirma kommt und schaut nach, wo die neue Heizung eingebaut werden soll. Wir könnten mitkommen und uns den Garten ansehen. Dann zeig ich dir auch mein neues Zimmer. Das ist voll groß.“ Sie machte eine Geste, die ihr ganzes Zimmerchen umfasste. „Nicht so eine Hamsterbox wie das hier?“ Sie schaute zu Sonja hoch: „Können wir mitkommen, Mutti?“
„Sicher“, antwortete Sonja. Sie wartete Janniks Antwort ab.
„Warum nicht?“, sagte der. „Du hast mich neugierig gemacht. Das Haus steht in Berlebach, hast du gesagt? Dann könnten wir danach noch zu Luigi fahren.“
„Das wäre fein“, fand Leonie. „Das Haus steht im Kirchenweg - Nummer 9.“
„Das alte Schulmeisterhaus?“ fragte Jannik. „Das kenne ich. Ein alter Schulfreund hat direkt nebenan gewohnt. Ich bin von Niederlangenbach oft mit dem Fahrrad rüber nach Berlebach gekurbelt und habe ihn besucht. Da ist ein riesen Grundstück dabei.“
„Mutti hat gesagt, es misst einen halben Morgen“, sagte Leonie.

*

Sie standen im Obstgarten. Jannik begutachtete die Bäume mit fachmännischem Blick. „Die sind wirklich alt. Es ist Zeit, sie zu roden. Schade eigentlich. Es sieht so schön romantisch aus. Aber eine gescheite Ernte wird es nicht mehr geben.“ Er machte eine Geste: „Die da hinten müssen als Erste fallen. Dann immer der Reihe nach bis hier vorne.“ Er klopfte gegen die borkige Rinde eines großen Baumes. „Das ist ein Birnbaum. Oder eine Quitte. Jedenfalls ist er viel jünger als die anderen. Der kann stehenbleiben und an ihm machen wir den Flaschenzug für die letzte Fällung fest. Max hat solche Flaschenzüge, also er kann die von seinen Eltern ausborgen.“
Er lächelte Sonja zu: „Wir könnten nächste Woche loslegen, wenn das Wetter mitspielt. Wird wohl zwei Tage dauern, vielleicht sogar drei. Ich muss schauen, wie ich das mit meiner Arbeit vereinbaren kann.“
Sonja hörte Jannik zu, wie er in kurzen Sätzen beschrieb, wie die alten Bäume mittels eines speziellen Flaschenzuges aus dem Boden gerissen werden sollten.
„Absägen und die Wurzeln im Boden lassen geht nicht“, erklärte Jannik. „Es muss alles raus und die neuen Obstgehölze müssen in frisch ausgehobene Löcher, nicht in die alten. Dort ist der Boden verbraucht.“
Der ist ganz schön durchsetzungsfähig, dachte Sonja. Genau wie eben, als es um dieses Lied ging. Bandleader. Leader. Leiter. Anführer. In seiner Band muss er wohl auch immer führen. Er schreibt die Songs und arrangiert sie. Dann muss die Band sie lernen. Ein richtiger Befehlshaber.
Aber es fühlte sich nicht negativ an. Es wirkte eher beruhigend, dass der junge Mann wusste, wo es langging. Er war einer, der anpackte. Irgendwie erinnerte er sie an jemanden.
„Gehen wir ins Haus“, sagte Sonja. „Der Heizungsbauer müsste jeden Moment kommen.“
Leonie hängte sich bei Jannik ein: „Ich zeige dir mein Zimmer oben unterm Dach. Komm, Jan!“
Jannik ließ sich das Haus von innen zeigen. Wieder hatte Sonja Ammon das Gefühl, ein Deja-Vue zu erleben.
Der Junge hat etwas an sich. Das macht ihn so anziehend für Leonie. Vielleicht war ihre Tochter ursprünglich in den Bandleader der Peoples verschossen gewesen, aber inzwischen war sie in Jannik Faber verliebt und zwar bis über beide Ohren.
Sonja schaute sich das karierte Flanellhemd des Jungen an. Es erinnerte sie an jemanden. Dann seine Art, sich durch die Haare zu fahren und wie er Leonie anlächelte.
Es traf sie wie ein Schlag.
Christoph! Mein Gott, er hat Gesten an sich wie Christoph! Auch das Hemd.
Ihr verstorbener Mann hatte gerne Flanellhemden getragen. Er war sich mit der Hand auf die gleiche Weise durchs Haar gefahren wie Jannik.
Ist sie deshalb in ihn verknallt? Weil er sie an ihren Vater erinnert? Es muss etwas unbewusstes sein. Sie war erst neun, als Christoph starb. Irgendwo in ihrem Unterbewusstsein hat sie die Gesten ihres Vaters gespeichert.
Sie liefen nach unten.
„Wollen wir noch zu Luigi?“, fragte Jannik. Leonie stimmte begeistert zu.
Jannik gab Sonja die Hand: „Es war schön, Sie kennenzulernen, Frau Ammon. Ich rufe an, sobald ich weiß, wann Max und ich anrücken können, um die Bäume umzumachen. Wann hätten Sie denn Zeit?“
„Wann immer du anrückst, Jannik“, antwortete Sonja. „Ich arbeite als freie Übersetzerin und kann mir die Arbeitszeit einteilen, wie ich will.“
„Prima!“, meinte er. „Das wird ja easy. Wir fahren dann mal. Tschau.“
Er ging mit Leonie zu dem grauenhaft verunstalteten Auto und hielt ihr die Beifahrertür auf. Dann stieg er selbst ein und fuhr los. Sonja sah den beiden hinterher.
Wie Christoph, dachte sie. Diese Gesten. Nicht alle, nur zwei oder drei.
Es war ein bisschen unheimlich gewesen, fand sie. Und seltsam dazu. Sie war dem jungen Mann gegenüber nicht mehr so misstrauisch wie zu Beginn ihrer Bekanntschaft.

Thema: Stargirl Leonie(19)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(19) 26.05.2019 13:22 Forum: Stargirl Leonie

Jannik steuerte Beule durch die Nebenstraßen zum geheimen Treffpunkt. Heute sollte er also dem Muttertier vorgestellt werden. Es behagte ihm kein bisschen. Er hatte auf diesen Besuch ungefähr so viel Lust wie auf eine beidseitige Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Er war noch nie bei einer seiner Freundinnen zu Hause gewesen. Mit lindem Grausen dachte er an inquisitorische Fragen nach seiner Schulbildung und Berufsausbildung, nach seinem Einkommen und was er denn später mal so machen wolle. Grässliche Vorstellung.
Nein, bei früheren Liebschaften hatte es das nicht gegeben. Er hatte nicht im Traum daran gedacht, sich einem solchen Verfahren zu unterziehen. Das konnte ihm gestohlen bleiben. Neugierige Mütter, die ihn verhörten und ihn dabei voller Misstrauen anstarrten, hielt er sich vom Leib.
War ja auch nie Sache, dachte er. Wie denn auch? Hat ja nie lange genug gehalten.
Länger als drei oder vier Tage hatte er nie mit einem Mädchen verbracht. Seine Liebschaften waren fast ausschließlich Eintagsfliegen gewesen; One-Night-Stands.
Dahinter steckte Absicht, musste er sich eingestehen. Er hatte nie etwas Tiefergehendes gesucht. Stattdessen hatte er alle Mädchen auf Abstand gehalten. Er wollte keine feste Beziehung. Mit keiner. All die Mädchen, die ihn anhimmelten und sich ihm an den Hals warfen, bedeuteten ihm wenig bis gar nichts. Er war nicht besser als Timo und Florian. Er bediente sich, wenn ihm etwas angeboten wurde. Er hatte kein schlechtes Gewissen deswegen gehabt. Nie.
Nur hatte er, im Gegensatz zu Monsieur Bennett, darauf geachtet, dass die Mädchen, die er abschleppte, volljährig waren. Nur selten hatte es Ausnahmen gegeben. Florian hingegen nahm auch Sechszehnjährige mit ins Bett.
„Und ausgerechnet der stänkert jetzt rum“, brummte Jannik, während er Beule durch das Viertel steuerte. „Idiot!“

Als Jannik sich fertig machte, um Leonie abzuholen, war Florian zu ihm getreten und hatte ihn angegrinst. „Na? Fährste wieder zu deinem kleinen Schulmädchen? Stehst wohl auf die ganz Kleinen, was Alter? Auf so was ganz Junges.“
Max, der bei Jannik stand, hatte Florian ruhig angeschaut. „Eifersüchtig, Herr Bennett?“
Florian hatte den Drummer der Band mit offenem Mund angestarrt. Für einen Moment war er sprachlos. Jannik hatte sich gefreut. Guter alter Max.
„Du wolltest die Kleine wohl für dich selbst haben“, legte Maximilian noch einen drauf. „Kannst es nicht ab, dass Nik sie dir vor der Nase wegschnappte.“
Florian war hochgegangen wie ein Kastenteufel. „Du hast sie wohl nicht alle! Bin ich ein Kinderficker?! Ich nehme keine kleinen Schulmädchen!“
In Jannik war etwas hoch gebrodelt. Eine bösartige Hitze war im in den Kopf gestiegen und all seine Muskeln standen plötzlich unter Spannung.
Max hatte es sofort bemerkt. Er hatte Jannik einen Schubs verpasst. „Lass das, Mann! Was soll das? Kloppen wir uns jetzt schon im Aufnahmestudio? Sind wir eine Band? Sind wir Freunde? Ja? Dann halten wir zusammen und schlagen uns nicht zusammen! Komm runter, Nik!“ Als Jannik zu einer Antwort ansetzte, hatte Max ihn aufs Korn genommen: „Was denn? Willst du mir jetzt sagen, dass ‚der da‘ angefangen hat?
Herr Lehrer! Herr Lehrer! Ich weiß was! Im Keller brennt noch Licht! Ich weiß sogar, wer es angelassen hat, Herr Lehrer!
Sind wir hier im Kindergarten?“
Dann hatte Max sich zu Florian umgedreht und ihn angeschaut - ihn einfach nur angeschaut. Florian hielt seinem Blick nicht lange stand. Er hatte etwas gebrummt und war ins Studio zurückgegangen.
„Na also“, hatte Max gesagt und Jannik aufmunternd auf die Schulter geklopft. „Alles wieder gut. Zieh Leine, Mann, sonst kommst du zu spät zu deinem Rendezvous.“
Jannik war losgezogen. Aber es war nicht wieder gut. Sein Freund Florian Bennett hatte mächtig Minuspunkte gemacht und er war auf Janniks Arschlochliste um nicht wenige Positionen nach oben gerutscht.

Bei jedem anderen Mädchen wäre es mir egal, dachte Jannik, als er den Blinker setzte und rechts abbog. Aber nicht bei Leonie.
Nein. Nicht bei Leonie. Bei Leonie war es anders. Florians gehässige Bemerkungen hatten Jannik tief getroffen. Sie hatten ihn verletzt. Er war wütend geworden. Die Wut wich nur zögernd von ihm.
„Leonie!“, flüsterte er, während er den Wagen die Straße hinauf lenkte. „Was machst du mit mir?“
Noch nie hatte ein Mädchen solche Gefühle in ihm ausgelöst. Er fieberte dem Treffen mit Leonie entgegen. Wenn er nur an sie dachte, schlug sein Herz.
Keine ist wie du, dachte er. Höchstens Johanna.
Aber Johanna war nicht mehr. Johanna war fort.
Jannik bog um die letzte Kurve. Er sah Leonie am Treffpunkt stehen. Sie hatte ihre Schultasche zwischen ihren Füßen abgestellt und stand mit vor dem Bauch gekreuzten Handgelenken da, den Kopf gesenkt. Sie sah aus wie eine arme Büßerin, die ihr Schicksal erwartet.
Janniks Herzschlag beschleunigte enorm. Etwas brandete in ihm hoch. Diesmal war es nicht heiße Wut wie eben im Studio. Es war Liebe, eine Wärme, die er nie zuvor erlebt hatte. Er brachte den Dacia zehn Meter vor Leonie am Straßenrand zum Stehen. Das Mädchen hörte es nicht und sie sah den Wagen nicht, weil sie einen Punkt direkt vor ihren Füßen anstarrte.
Jannik stieg aus. Er lief mit raschen Schritten zu Leonie. Bei jedem Schritt schlug sein Herz noch schneller. Das Gefühl absoluter Sehnsucht in seinem Inneren grub messerscharfe Klauen in sein Herz. Süßer Schmerz flutete durch seine Seele. Irgendetwas dort drinnen drohte zu zerreißen. Leonie!
Dann war er bei ihr und riss sie in die Arme.
Sie schrak zusammen und blickte zu ihm auf. Als sie ihn erkannte, passierte etwas mit ihren Augen. Der Ausdruck darin trieb die scharfen Klauen noch tiefer in Janniks Herz. Heißes Blut sprudelte hervor. „Jan!“, hauchte sie und drückte sich an ihn. „Jan!“
„Leonie!“, sagte er und umschloss sie mit den Armen. „Leonie!“
In zehn Metern Entfernung tuckerte der Motor des Dacia leise vor sich hin. Jannik hatte vergessen, ihn abzustellen.

*

Sonja Ammon saß vor ihrem aufgeklappten Laptop. Sie schaute sich noch einmal das Video an, auf dem der Bandleader der Peoples ihre Tochter verliebt ansang.
„When I saw into your eyes something happened inside my heart“, sang dieser Jannik Faber. „You! Always you! There´s no other. Only you.“
Sonja schüttelte den Kopf. Warum ausgerechnet der? Warum konnte es kein ganz normaler Junge aus Leonies Schule sein? Warum musste es dieser Popstar sein? Und dann auch noch so alt! Zwanzig!
Sie hatte am Morgen den Vertrag unterzeichnet. Das Haus gehörte ihr. Danach war sie losgezogen und hatte die neuesten Ausgaben von HALLO und POPJUGEND gekauft. In den Zeitschriften fand sie Artikel über die Peoples. Es war auch die Rede von ihrer Tochter.
„Wer ist dieses geheimnisvolle Mädchen?“, rätselte ein Reporter. „Wer ist Leonie? Woher kommt sie? Bedeutet ihr Erscheinen etwas Besonderes? Hat Nik jetzt eine Freundin? Wird es etwas Festes? Zehntausende Mädchen im ganzen Land stellen sich diese Fragen; Mädchen, die Nik lieben. Was wird die Zukunft bringen?“
Sonja betrachtete die Fotos, auf denen Leonie zu sehen war. Es gefiel ihr nicht, Fotos ihrer Tochter in diesen Zeitschriften zu sehen. Das war nicht gut. Überhaupt nicht gut.
„Warum ausgerechnet dieser Nik?“, flüsterte sie. Sie seufzte. Sie machte sich Sorten um Leonie.
Draußen fuhr ein Auto vor. Sie hörte Türen schlagen. Sie kamen. Sonja schaltete den Computer aus und legte ihn beiseite. Sie schaute nach dem leise vor sich hin brodelnden Eintopf auf dem Herd. Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen. Sie hörte, wie eine Schultasche in Leonies Zimmer abgestellt wurde. Schritte, die näher kamen. Sonja drehte sich um.
Mann!, dachte sie und kam sich im selben Moment blöd vor, weil sie ihn anstarrte. Sie hatte gelesen, dass er einen Meter vierundachtzig groß war, aber in ihrer kleinen Wohnung wirkte er noch größer. Er war schlank und sah irgendwie kantig aus, fand sie. Wie ein Gardesoldat. Neben Leonie wirkte er wie ein Riese. Wache Augen blickten Sonja entgegen. Sie waren tiefblau und ernst. Er trug Jeans und ein dunkelrotes Flanellhemd.
„Guten Tag, Frau Ammon.“ Er kam auf sie zu und reichte ihr die Hand.
Sie nahm seine Hand: „Guten Tag Herr Faber.“
„Bitte nicht.“ Sein Lächeln war freundlich und er wirkte unverkrampft. „Nennen Sie mich bitte Jannik wie alle anderen es auch machen.“
„Jannik also.“ Sonja zeigte zum Herd. „Ihr beide kommt gerade recht. Das Essen ist fertig. Wir müssen nur noch rasch den Tisch decken.“
„Machen wir, Mutti.“ Leonie segelte zum Küchenschrank und holte Teller und Besteck und einen Untersetzer für den großen Topf. Der Junge half ihr wie selbstverständlich, den Tisch zu decken.
Währenddessen bemühte sich Sonja, etwas Small Talk zu machen. „Habt ihr euch wirklich auf diese seltsame Art kennengelernt? Leonie hat es mir erzählt.“
Jannik lächelte sie an: „Ja. Genauso war es.“
„Sie haben meine Tochter aus großer Not gerettet. Wie ein tapferer Ritter.“
Er schaute sie einen Moment still an. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, Frau Ammon. Habe ich nicht. Ich habe Leonie nicht gerettet. Da war etwas in ihrem Brief, das mich dazu brachte, sie abzuholen.“ Sein Blick wurde nachdenklich. „Ich denke, ich wäre auch gekommen, wenn sie mich gefragt hätte, ob ich sie draußen vor der Stadt zum Rollschuhfahren zu treffen.“ Er nickte kurz. „Ja, denke ich mal.“
Er sah zu, wie Sonja den Suppentopf auf den Tisch abstellte und setzte sich an den Platz, den Leonie ihm zuwies. „Mmm! Das riecht aber gut!“, sagte er, als Sonja den Deckel abnahm.
„Garteneintopf“, erklärte Leonie. „Das ist eine Suppe quer durch den Garten. Das meiste darin haben wir von unseren Balkontöpfen geerntet und aus unserem winzig kleinen Minigarten hinterm Haus. Nur wenig ist im Supermarkt gekauft. Die Wurst natürlich und die Hähnchenbrust. Ansonsten aber nur der Blumenkohl. Bald haben wir einen richtig großen Garten.“ Sie schaute zu ihr her: „Hast du das Haus gekauft, Mutti?“
Sonja nickte. „Heute Morgen. Es gehört uns. Und natürlich der Bank. Bis ich es abgezahlt habe.“
Sie schöpfte Eintopf in die Teller. Jannik bedankte sich artig. Der junge Mann schien Manieren zu haben.
Sie aßen.
„Mein Gott!“, entfuhr es Jannik. „Das ist echt der genialste Garteneintopf, den ich mir je zwischen die Kiemen geschoben habe! Mann, schmeckt das gut!“ Er grinste Sonja mit vollen Backen an: „Echt jetzt!“
„Danke für das Lob, junger Mann“, sagte Sonja.
„Ich meine es ernst“, erwiderte er freundlich. „Ich hatte mal für einige Zeit eine Beinahe-Stiefmutter, die hat auch so gut gekocht.“ Er zögerte, nahm noch einen Löffel Eintopf und sagte: „Fast so gut! Nur fast!“
Er war freundlich, fand Sonja, aber es war keine aufgesetzte Freundlichkeit, um sich bei ihr lieb Kind zu machen. Dieser Jannik schien geradeaus zu sein.
„Das Haus, das Mutti gekauft hat, steht in Berlebach“, sagte Leonie zu Jannik. „Das liegt ganz nahe bei Langenbach. Dann kann ich Mutti mal mit zu Luigi nehmen.“
„Das dauert noch, Schätzchen“, sagte Sonja. „Ich habe dir ja erklärt, dass noch viel an dem Haus getan werden muss. Wir können zufrieden sein, wenn wir vor Weihnachten noch einziehen können.“ Sie schaute Jannik an: „Sie wohnen sicher zur Miete?“
Jannik schüttelte den Kopf: „Ich habe mir vor einiger Zeit ein Haus gekauft. Ich wollte etwas Eigenes. Es liegt ein bisschen abgelegen auf einem Grundstück mit dichten Hecken drum herum. Ich brauche einen Platz, wo ich vor der Presse Ruhe habe. Die Reporter können manchmal echt anstrengend sein.“
„Du hast ein Haus?“ Sonja war überrascht. „Verdient man so gut in der Musikbranche?“
„Ja“, sagte Jannik schlicht. „Tut man. Wenn man berühmt genug ist. Dann fließen Millionen. Nicht lange.“ Er schüttelte den Kopf und löffelte eifrig Eintopf aus seinem Teller. „Lange hält so ein Act nicht. Ich gebe den Peoples noch ein oder zwei Jahre. Bis dahin muss ich Geld zusammentragen, so viel ich kann. Habe ich von Anfang an gemacht. Mit meinem doppelten Fifty-Fifty System.“
Als er Sonjas fragenden Blick sah, erklärte er es ihr: „Wenn ich einen Tausender verdiene, mache ich Fifty-Fifty: Ich lege eine Hälfte des Geldes zur Seite. Das kassiert später Vater Staat. Mit der übrigen Hälfte mache ich nochmal Fifty-Fifty: Eine Hälfte wird gespart für später und die andere Hälfte ist für mich. Auf diese Weise habe ich bereits mehrere Millionen auf die Seite gelegt.“
Sein Teller war leer: „Kann ich Nachschlag haben, bitte?“ Er schaute so flehend, dass sie beinahe angefangen hätte zu lachen.
„So viel du willst, Jannik.“ Sonja schöpfte seinen Teller voll. „Mehrere Millionen? Verdienst du wirklich so viel?“
Er nickte, während er sich mit sichtlichem Behagen vollstopfte. „Es steckt viel Geld drin in der Band. Aber nicht mehr lange, wie ich schon sagte. Die Peoples wird es nicht ewig geben. Darum scheffele ich so viel Geld zusammen, wie ich nur kann. Um abgesichert zu sein. Ich habe keine Ausbildung gemacht. Hatte keine Zeit, weil ich nach der Schule gleich in die Band einstieg. Ich habe nur einen Realschulabschluss. Ich durfte nicht aufs Gymnasium - von zu Hause aus.“ Sein Blick verdüsterte sich für eine Sekunde. „Ich will es mal so ausdrücken: Ich hatte nicht gerade die optimale Familie. Bis auf die Zeit, als ich diese Beinahe-Stiefmutter hatte. Ansonsten war es nicht so dolle.“ Er schaute Sonja geradeaus an. „Nicht alle Menschen haben Glück im Leben. Manche haben eine unschöne Kindheit und Jugend hinter sich.“
Er futterte weiter. „Ich werde das Geld anlegen“, erzählte er Sonja. „Aber nicht nur das. Ich möchte etwas Sinnvolles machen. Ich werde auf jeden Fall als Komponist arbeiten; das liegt mir. Ich schreibe alle Songs für unsere Band. Nur Maximilian, unser Schlagzeuger, hilft manchmal dabei. Die zwei anderen machen nur Musik und singen dazu. Ich werde demnächst anfangen, Songs für andere Leute zu schreiben. Da steckt Geld drin.
Ja, und dann denke ich darüber nach, vielleicht Pferde zu züchten. Ein Gestüt, verstehen Sie? Und eine Apfelbaumplantage dazu. Um Apfelwein zu keltern. Machen die Eltern von Max auch. Sie haben ein Weingut und betreiben daneben noch eine riesige Apfelplantage. Ich habe da schon oft ausgeholfen. Mir gefällt die Arbeit. Es ist ein tolles Gefühl, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen.“
Sonja unterhielt sich weiter mit Leonie und Jannik.
Da war etwas an dem jungen Mann. Sie konnte nicht genau sagen, was es war. Es fühlte sich an wie ein kleiner Splitter in der Hand. Man fummelte ständig daran herum, ohne etwas zu finden. Es war, als hätte man ein Staubkörnchen im Auge.
Was ist nur mit diesem Jungen?, fragte sie sich. Plötzlich verstand sie.
Er lügt nicht! Er hat nicht ein einziges Mal gelogen! Er ist immer direkt und geradeaus! Er hat nicht mal eine kleine Höflichkeitslüge hervorgebracht.
„Guten Tag, Frau Ammon“, hatte er gesagt. Nicht: „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Weil es ihn nicht freute. Im Gegenteil! Es war ihm gewiss unangenehm, von der Mutter seiner Angebeteten begutachtet und ausgequetscht zu werden.
Er hatte nicht gelogen.
Das und seine ganze Art! Jannik Faber war … Sonja suchte nach dem richtigen Ausdruck. Er klang so …
Erwachsen!, dachte sie. Er klingt so unglaublich erwachsen.
Geradezu bestürzend erwachsen, fand sie. Und da war etwas mit seinen Augen. Sie wirkten jung, diese dunkelblauen Augen. Aber tief drinnen meinte Sonja den Blick eines alten, abgeklärten Mannes zu erkennen; eines Mannes, dem das Leben oft genug übel mitgespielt hatte. Diese tiefblauen Augen hatten in ihrem Leben nicht nur Schönes gesehen.
Sonja unterdrückte ein Seufzen. Da war wieder dieses kleine nagende Gefühl in ihrem Bauch. Es wollte einfach nicht verschwinden.

Thema: Stargirl Leonie(18)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(18) 20.05.2019 15:44 Forum: Stargirl Leonie

Sie fuhren über die Landstraße dahin.
„Es liegt etwas abseits, aber es gibt gute Nahverkehrsverbindungen“, erklärte die Mutter. „Du kommst problemlos zu deiner Schule. Weit ist es nicht.“
„Klingt schon mal gut“, meinte Leonie. Der Gedanke, die Schule wechseln zu müssen, wenn sie umzogen, gefiel ihr nicht besonders. Sie war ihr ganzes Schülerleben lang auf die gleiche Schule gegangen. Allerdings war es neuerdings nicht so toll in der Schule. Auch an diesem Morgen waren viele Mädchen um Leonie herum geschwärmt und hatten sie mit Fragen bombardiert. Ging sie wirklich fest mit Nik? War es Liebe? Oder kannten sie sich nur flüchtig? Manche Mädchen waren geradezu verzweifelt gewesen. Es war eine Katastrophe für sie, zu erfahren, dass ihr angehimmeltes Idol vergeben sein sollte. Andere klangen neidisch, manche sogar richtig bösartig. Die meisten waren einfach nur mächtig neugierig und wollten gerne jedes noch so kleine Detail erfahren.
Leonie erzählte so wenig wie möglich. Am liebsten hätte sie überhaupt nichts gesagt. Es war ihr unangenehm, dass sich die Mädchen um sie drängelten und sie ausquetschten. Sie liebte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen und erst recht nicht, die Zielscheibe für Neid und Missgunst zu sein.
Hoffentlich hört das bald auf, dachte sie.
Ihre Mutter fuhr in eine kleine Ortschaft und bog in eine Seitenstraße ein. „Da ist es. Wie findest du es?“
Leonie schaute neugierig. „Das ist ja ein ganz altes Haus!“ Sie hatte mit einem Neubau gerechnet, mit einem modernen Haus, das vielleicht zehn oder zwanzig Jahre alt war, aber was sie sah, war ein Haus aus der Kaiserzeit, ein eineinhalbgeschossiger Bau mit hohen Fenstern mit Klappläden. Ein bisschen sah es aus wie ein alter Bauernhof, nur nicht so groß.
Das Haus lag hinter einem Staketenzaun aus Holz. Hinter dem Zaun gab es einen Vorgarten, der arg vernachlässigt wirkte. Das Haus hatte ein Fundament aus Sandsteinen und war in einem rötlichen Farbton verputzt. Es sah gleichzeitig putzig und groß aus.
„Nicht zu groß und nicht zu klein“, sagte Leonie.
Ihre Mutter parkte den Wagen vor dem Zaun am Straßenrand. „Komm, ich habe die Schlüssel von der Hausverkäuferin geliehen. Wir können uns alles anschauen.“
Sie stiegen aus. Als die Mutter das Tor im Zaun öffnete, quietschte es laut. „Da muss dringend Schmierfett ran“, sagte sie. Sie lächelte Leonie an: „Keine Angst, die Haustür quietscht nicht in den Angeln. Lass uns erstmal ums Haus herum nach hinten gehen. Du wirst überrascht sein, wie groß das Grundstück ist.“
Leonie war mehr als überrascht. Neben dem Haus gab es einen breiten Fahrweg für Autos. Er endete an einer Garage, die am Rand des Anwesens stand. Hinter dem Haus gab es eine große Terrasse. Sie war zur Hälfte überdacht. Das war praktisch, wenn man sich bei Regen draußen hinsetzen wollte, fand sie. Der Garten war riesig.
„Boah!“, entfuhr es Leonie. „Ich glaub’s nicht!“
Ihre Mutter nahm sie bei der Hand: „Das ist noch nicht alles. Da hinten bei dem Mäuerchen endet der Bauerngarten und das Land dahinter gehört immer noch zu dem Grundstück. Siehst du die Obstbäume? Gehört alles dazu.“
„Wahnsinn, Mutti!“
Sie durchquerten das Gartengrundstück. Es maß fast zwanzig Meter in der Breite und zog sich gut sechzig Meter vom Haus weg nach hinten.
„Es ist ungefähr ein halber Morgen“, erklärte die Mutter. Sie schritten durch den Garten, der genauso verwahrlost aussah wie der Vorgarten.
„Das ist bestimmt irre teuer“, sagte Leonie. Sie spürte eine gewisse Traurigkeit. Ihre Mutter konnte sich kein teures Haus leisten. Vielleicht konnten sie hier gar nicht wohnen. Dabei gefiel ihr alles auf den ersten Blick. Allein wegen des Gartens wollte sie das Haus gerne haben. Wenn dann noch das Haus von innen genauso gemütlich war, wie es von außen wirkte, wäre alles perfekt.
„Es ist nicht teuer“, sagte ihre Mutter. „Eine Erbengemeinschaft will das Haus schnellstmöglich loswerden. Sie haben im Verlauf eines Jahres den Preis immer weiter gesenkt.“ Sie nannte eine Summe.
„So wenig?“ Leonie konnte es kaum glauben.
„Die Leutchen wollen Geld sehen“, erwiderte ihre Mutter. „Und zwar bald. Wenn es dir genauso gut gefällt wie mir, unterschreibe ich morgen früh den Kaufvertrag. Ich kann die Finanzierung stemmen. Mit der Bank habe ich bereits gesprochen.“
Sie kamen zum Ende des Gartens. Eine kleine Pforte führte zu der Obstwiese dahinter.
„Das hier ist der Schwachpunkt auf dem Gelände“, sagte die Mutter. „Sieh dir die Bäume an! Alle uralt. Da hinten der Apfelbaum ist sogar beim letzten Wintersturm umgestürzt. Alle Bäume sind reif zum Fällen. Die tragen nicht mehr gescheit. Wir müssten sie roden und neue pflanzen. Das wäre nicht mal so schlecht. Dann könnten wir statt Hochstämme moderne, klein bleibende Sorten aufstellen.“
„Vielleicht auch Säulenbäume“, schlug Leonie vor. Sie zeigte mit dem Finger: „Da hinten können wir das Apfelberger Zuckeräpfelchen hin pflanzen, zusammen mit anderen Wildsorten und Haselsträuchern. Das wird eine richtige Wildpflanzenhecke.“
Während sie umher gingen, machten sie Pläne für die Zukunft. Leonie war richtig gut drauf. Es machte Spaß mit der Mutter Gartenarchitektin zu spielen. Auf dem Rückweg zum Haus fingen sie an zu diskutieren, wie sie den Bauerngarten wieder in Schuss bringen würden. Sie taten so, als wäre es bereits beschlossene Sache, dass sie das Haus kaufen würden.
„Lass uns ins Haus gehen“, schlug die Mutter vor. „Ich finde es schön. Es ist richtig gemütlich und wir hätten viel mehr Platz als in der Mietwohnung.“
Das Haus wirkte von innen kahl, weil keine Möbel in den Zimmern standen. Trotzdem wirkte alles nett und gemütlich - genau wie die Mutter gesagt hatte. Die Zimmer hatten hohe Decken und Parkettboden. Die Küche war gefliest. An einer Wand stand ein altmodischer Küchenherd.
„Wie zu Urgroßmutters Zeiten“, sagte Leonie, als sie das Ding erblickte.
„Er wird mit Holz geheizt“, erklärte ihre Mutter. „Im Winter ist das bestimmt irre gemütlich.“ Sie machte eine die ganze Küche umfassende Geste: „Es ist eine richtige Wohnküche. Da in der Ecke könnten wir einen zusätzlichen Tisch mit Eckbank aufstellen und dort eine breiten Küchenschrank. Nicht so eine vorgefertigte Schrankwand aus Pressholz. Einen richtigen Schrank wie früher. Natürlich muss auch ein Elektroherd her. Im Sommer habe ich keine Lust auf einen heißen Holzofen.“
Sie erkundeten das Haus vom Dachboden bis zum Keller. Der Dachboden war geräumig. Leonie fand, hier könnte man Wäsche zum Trocknen aufhängen.
Die Mutter zeigte ihr ein großzügig geschnittenes Zimmer unterm Dach: „Das wäre vielleicht genau richtig für dich. Hier hättest du viermal so viel Platz wie in deinem engen Zimmerchen in der Mietwohnung.“ Leonie gefiel der Raum auf den ersten Blick. Zwei Dachgauben gaben den Blick auf den Garten hinterm Haus frei.
Sie gingen in den Keller hinunter.
„Gestampfter Lehmboden“, erklärte die Mutter. „Der ist überall, außer in der Waschküche. Die hat einen festen Boden.“
Leonie starrte den Naturboden an. „Kein Beton?“
„Das war früher überall so“, sagte die Mutter. „In solchen Kellerräumen kann man Obst lagern, ohne dass es schrumpelig wird.“
„Stimmt“, sagte Leonie. „Genau so steht es in deinem Buch über Selbstversorgung aus dem Garten. Ich erinnere mich.“
Sie strichen weiter durchs Haus und fingen an, die einzelnen Zimmer zu verplanen.
„Hast du den jungen Mann gefragt?“ Die Mutter schaute Leonie an, die gerade an einem Fenster des zukünftigen Wohnzimmers stand.
Leonie nickte. „Er holt mich morgen nach der Schule ab und kommt mit zu uns. Dann stelle ich ihn dir vor.“
„Wie heißt er denn nun eigentlich?“, wollte die Mutter wissen, als sie in die Küche zurückkehrten. „Im Internet steht, er heißt Nik. Aber du nennst ihn Jan.“
„Er heißt Jannik. Jannik Faber. Die Fans nennen ihn Nik. Ich sage lieber Jan.“
„Stört ihn das nicht?“
Leonie schaute ihre Mutter an: „Nein. Wieso denn? Mir kommt es sogar so vor, als gefiele es ihm, wenn ich ihn so nenne.“
Ihre Mutter gab einen kleinen Seufzer von sich. „Zwanzig“ sagte sie. „Er ist zwanzig. Und du erst fünfzehn.“
Leonie lächelte ihre Mutter an: „Stimmt. Ich bin genau ein Jahr älter als du, als es dich das erste Mal erwischte.“
Ihre Mutter sagte nichts dazu.

Thema: Stargirl Leonie(17)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(17) 17.05.2019 13:03 Forum: Stargirl Leonie

Er hatte bei einem Pizzadienst einen großen italienischen Salat bestellt. Er war zu faul gewesen, sich selbst etwas zum Abendessen zu machen. Kaum hatte er den gemischten Salat vertilgt und sich an seinen Computertisch gesetzt, rief sie an: „Hallo Jan!“
Sofort begann sein Herz zu schlagen und dieses komische Gefühl machte sich in seinem Bauch breit. „Leonie!“
„Ich vermisse dich!“
Das Gefühl in seinem Bauch verstärkte sich: „Ich dich auch, Leonie.“ Er seufzte. „Bis übermorgen ist es noch lange hin.“ Er seufzte noch mal. „Anrufen ist nicht das Gelbe vom Ei. Ich will mit dir zusammen sein. Ich will dich in die Arme nehmen. Ich will dich ganz nahe bei mir spüren.“
„Mir geht es genauso, Jan!“ Jetzt war es an ihr, zu seufzen. „Warum ist das so? Es tut beinahe weh! Ich will immerzu mit dir zusammen sein. Ich glaube, ich kann ohne dich nicht mehr sein.“
In seinem Bauch begann es zu rumoren. „Mir geht es genauso Leonie.“
Zum ersten Mal in meinem Leben, dachte er. So wie mit dir war es noch nie. Höchstens vielleicht mit …
Aber nein. Mit Uhlchen war es nicht so gewesen. Nicht ganz so. Aber ähnlich.
„Meine Mutter hat das Video im Internet gesehen“, sagte Leonie. „Dann hat sie recherchiert. Sie ist gleich über mich hergefallen, als ich nach Hause kam.“
Autsch! Ein Schuss aus der Artilleriekanone. Aus einer der ganz großen. Das Gefühl in seinem Magen verwandelte sich in etwas anderes.
„Leonie? Bekommst du Schwierigkeiten wegen … wegen uns?“
„Wollte sie mir machen, denke ich“, kam ihre Antwort. „Sie legte gleich los von wegen, du bist erst fünfzehn und so.“ Pause. Er meinte, sie leise lachen zu hören. „Da habe ich zurückgeschossen. Sie war nicht mal vierzehn, als sie ihren ersten Freund hatte und der war auch viel älter als sie. Später kam sie wieder mit dem zusammen und hat ihn geheiratet. Es war mein Daddy.“
Jannik musste ein Lachen unterdrücken. Sie klang kampflustig. War das die sanfte liebe Leonie, die er kennengelernt hatte?
„Hast du sie gebissen?“, fragte er. „Du klingst so.“
„So schlimm war es nicht. Es reichte, dass ich es ihr unter die Nase gerieben habe. Sie ist es nicht gewohnt, dass ich Widerworte gebe. Sie war echt perplex. Hmmm …“ Sie machte eine Pause. „Jan? Sie möchte dich kennenlernen.“
Aua! Noch ein Schuss aus der Kanone. Musste das sein? Alles in Jannik sträubte sich dagegen. Beim Muttertier vorgeführt werden! Große Inspektion! Begutachtung! Inqusitionsverhör! Allein bei dem Gedanken rollten sich ihm vor Abscheu die Zehennägel hoch.
Aber es ging um Leonie. Um den einzigartigsten Menschen der Welt.
Er unterdrückte einen neuen Seufzer. Der wäre ziemlich laut geworden. Er verkniff sich auch, zu fragen, ob das wirklich sein musste. Es musste, das war ihm klar. Wenn er Leonie nicht verlieren wollte, musste er da durch. Und verlieren wollte er sie auf keinen Fall.
„Jan?“, kam ihre Stimme aus dem Telefon. „Ich weiß, dass gefällt dir nicht so gut. Ist ja auch verständlich. Wir sind ja noch nicht so lange … Es tut mir leid, Jan. Aber …“ Sie klang ängstlich.
„Geht schon in Ordnung“, unterbrach er sie sanft. „So sind Mütter nun mal.“ Er machte eine Pause. „Jedenfalls anständige Mütter, die was auf ihre Kinder geben, denen ihre Kinder etwas bedeuten. Ich kenne da auch andere …“
„Jan?“, fragte sie vorsichtig. „Bist du deswegen …“
„Nein, Leonie. Ich bin nicht sauer. Kein bisschen! Es ist normal, dass deine Mutter über mich Bescheid wissen will. Wahrscheinlich denkt sie, ich bin ein mit Drogen zugeknallter Irrer, der täglich fünf verschiedene Mädchen hat und dabei literweise Champagner trinkt und Joints raucht.“
„Ja“, kam es aus dem Telefon. Es klang nicht ängstlich. Es hörte sich so an, als ob sie lachte. „Sie hat es nicht ganz so schlimm ausgedrückt, aber genau das Gleiche gemeint. Ich habe es ihr abgewöhnt. Habe ihr alles über dich erzählt. Ich habe mich auf die Hinterbeine gestellt.“
„Wie ein bissiger kleiner Terrier.“ Er musste lächeln. „Okay, gebissen hast du nicht, aber du warst kämpferisch. Du hast um mich gekämpft.“
„Kannst du übermorgen gegen Mittag?“, fragte sie. „Mutti hat vorgeschlagen, dass du zum Mittagessen kommst. Ich habe übermorgen früher Schulschluss, weil meine Deutschlehrerin krank ist.“
So schnell? So bald? Oh Mann, musste das sein? Voll die Abnerve!
Ja, es muss sein, sagte er sich. Es geht um Leonie. Um meine kleine liebe Leonie. Um das Mädchen, dass etwas mit mir angestellt hat. Ja, es muss sein.
„Geht klar“, sagte er. Er versuchte, cool und schnodderig zu klingen, aber es misslang ihm. „Danach können wir dann wieder zum Reiterhof fahren.“
„Ich freu mich schon darauf, Jan.“ Ein tiefer Seufzer. „Noch sooo lange hin! Ich vermisse dich, Jan!“
„Ich dich auch.“
Eine Weile sprachen sie miteinander über alles Mögliche. Schließlich wurde es Zeit, das Telefonat zu beenden.
„Ich bin noch nicht mit den Schularbeiten fertig“, sagte Leonie voller Bedauern. Wieder seufzte sie. „Ich wäre so gerne bei dir. Nimmst du mich in die Arme?“
„Ich umarme dich“, erwiderte er und das komische Gefühl in seinem Bauch verstärkte sich erneut.
„Ganz fest!“, bat sie. Wie süß ihre Stimme klang!
„Ganz, ganz fest“, sagte er. „Ich küsse dich.“
„Mmm“, sagte sie. „Danke. Tschüs, Jan. Bis übermorgen.“
„Bis übermorgen, Leonie. Ich freue mich auf dich.“

Jannik saß mehrere Minuten still da und rührte sich nicht. Er hatte noch immer das seltsame Gefühl im Bauch.
Leonie, dachte er. Wie kann das sein? Wie kann ein Mädchen so etwas in mir auslösen?
Er holte ihren Brief aus der Schublade und las ihn noch einmal durch. Danach betrachtete er das Foto, das sie mitgeschickt hatte. In natura war sie hübscher - viel hübscher. Hübsch. Mehr nicht. Niemand konnte behaupten, dass Leonie Ammon eine atemberaubende Schönheit war. Sie war hübsch.
Wieso?, fragte er sich. Wieso hat sie das mit mir angestellt?
Es war ihre Seele, entschied er. Er hatte in ihren hellgrauen Augen etwas erkannt, das er noch nie zuvor bei einem Mädchen gesehen hatte. Höchstens bei Johanna. Ja.
Jan lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück. Hatte Leonie etwas an sich, dass ihn an Uhlchen erinnerte? Ein bisschen, überlegte er, aber nicht viel. Die beiden sind total verschieden.
Nein, es musste etwas anderes sein, das Leonie so einzigartig machte. Er hatte sich gleich beim ersten Mal in sie verliebt. Es war über ihn gekommen wie ein Sturm. So etwas hatte er nie zuvor erlebt.
Er rief die Datei auf, in der er Leonies Gedicht gespeichert hatte, die Geschichte von dem Jungen, der keine Zeit hatte. Aufmerksam las er Zeile um Zeile. Es ging um einen Jungen, der nicht glücklich war, denn seine Lebenszeit wurde ihm gestohlen. Er konnte nicht wirklich leben, er wurde gelebt. Er kämpfte verzweifelt um seine Freiheit und war doch ständig eingespannt wie ein Gaul, der eine Kutsche ziehen musste oder einen Pflug. Er kam nicht raus aus der Zwickmühle, konnte sich nicht befreien.
Und eines schönen Morgens blickte ihn ein müder alter Mann aus dem Spiegel an. Der alte Mann weinte lautlos.
Das Gedicht traf Jan tief. Er konnte nicht sagen, warum. Vielleicht, weil es seine eigene Lebenssituation treffend beschrieb? War er nicht ständig eingespannt? Musste er nicht von Termin zu Termin hetzen, von Konzert zu Konzert? Er fand kaum Zeit, um innezuhalten. Immer nur Tempo, Tempo!
Anfangs hatte es ihm gefallen, ein Star zu sein. Er hatte es genossen, vor hunderten begeisterten Fans aufzutreten. Es war wie ein Rausch gewesen.
Doch jeder Rausch hatte einmal ein Ende und es folgte ein Kater. Jannik musste sich eingestehen, dass ihm das Starleben seit mehr als einem Jahr nicht mehr gefiel. Es gab ihm nichts mehr. Er las Leonies Gedicht erneut.
„Es war wie ein Teller Gemüsesuppe“, stand da auf Englisch. „So gut hatte es geschmeckt, als es anfing, aber dann war immer weniger in der Brühe gewesen. Erst nur noch zehn Erbsen, dann drei und zum Schluss nicht mal eine halbe. Und die Brühe schmeckte fade und sie war ohne Nährwert. Aber er musste weiter ackern und sich plagen. Sie hetzten ihn. Sie trieben ihn. Sie nahmen ihm seine Lebenszeit. Er war der Junge, der keine Zeit hat.
Jannik stand auf und holte seine Gitarre. Er setzte sich vor den Bildschirm, startete sein kleines Diktiergerät und griff in die Seiten. Die Melodie kam ganz von selbst. Es begann langsam und traurig. Mit einer bedrückt klingenden Stimme sang er sich durch die Zeilen, während die Musik immer schneller wurde. Schließlich klangen die Worte gehetzt und in Eile dahin gestammelt. Erst als der alt Mann weinend aus dem Spiegel schaute, sang er wieder langsam.
Fertig. Jannik hörte sich die provisorische Aufnahme auf dem Diktiergerät an. Der Song war gut. Er beschloss, ihn auf die neue CD zu übernehmen. Hatte Rollie nicht gesagt, dass sie noch drei oder vier Songs brauchten?
Jannik stellte das Diktafon auf Aufnahme und spielte The Forest Fairy.
„Das kommt auch auf die CD“, murmelte er. Fehlten noch zwei Lieder. Er dachte daran, wie kämpferisch Leonie geklungen hatte, als sie ihm erzählt hatte, wie sie ihre Liebe gegenüber ihrer Mutter verteidigt hatte. Er schaltete das kleine Aufnahmegerät aus und spielte probeweise ein paar Akkorde. Ihm fiel kein gescheiter Text ein, nicht auf die Schnelle. Nur ein Refrain: „She’s doin everything for her love. She would never giv up …“
„Leonie muss mir mit dem Text helfen“, sagte er laut in das Zimmer. Ihr Gesicht schaute ihn von dem Foto an, das auf ihrem Brief lag.
Leonie. Leonie. Leonie!
Die Vorstellung, am nächsten Tag von morgens bis abends eingespannt zu sein und ein Konzert in einer weit entfernten Stadt geben zu müssen, gefiel ihm kein bisschen. Er wollte lieber mit Leonie zusammen sein, mit dem Mädchen, das sein Herz berührt hatte.

Thema: Stargirl Leonie(16)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(16) 17.05.2019 13:02 Forum: Stargirl Leonie

Sie standen minutenlang am Weiher in stiller Umarmung. Leonie musste sich an Jannik festhalten, sonst wäre sie umgekippt. Sie war selig. Sie schwebte. Sie lag in Jans Armen.
Etwas war mit ihr passiert. Es interessierte sie nicht mehr, dass Jannik Faber der Leadsänger der Peoples war. Diese Tatsache war in den vergangenen Tagen Stück für Stück in den Hintergrund getreten.
Sie war bis über beide Ohren verliebt, aber nicht in den Sänger der Peoples sondern in Jannik.
Ob er mir glauben würde, wenn ich ihm das erzähle?, fragte sie sich. Er denkt doch bestimmt, dass ich ein verliebtes Fan-Girl bin, das den Leadsänger einer berühmten anschwärmt.
Jannik küsste sie erneut. Dann lächelte er sie an: „Wir müssen so langsam los, die Pferde abgeben.“
„Ja“, sagte Leonie. Am liebsten hätte sie ihn nicht losgelassen. Sie zog ihn noch einmal eng an sich und küsste ihn. Sie fühlte sich wie eine Verhungernde.

Sie brachten Prinz und Luise zurück und nahmen den Pferden Sättel und Zaumzeug ab. Vorm Reitstall umarmten sie sich und sie küssten sich innig.
Jemand stieß einen spitzen Schrei aus. Sie fuhren auseinander. In wenigen Metern Entfernung standen die jungen Mädchen, die Jannik um Autogramme gebeten hatten. Sie starrten mit offenen Mündern auf Jannik und Leonie.
„G-Geht ihr miteinander?“, stotterte eins der Mädchen.
„Nein“, sagte Jannik. Er hob Leonie hoch und setzte sie sich auf die Hüfte, als wäre sie ein kleines Kind. „Wir fahren miteinander.“ Er zwinkerte dem Mädchen fröhlich zu. Dann trug er Leonie die paar Schritte zum Parkplatz und ließ sie in Beule einsteigen. Die Mädchen folgten ihnen und machten Fotos mit ihren Handys. Das gefiel Leonie nicht besonders. Aber was sollte sie dagegen unternehmen?
Dann fuhren sie über die Landstraße.
„Morgen kann ich leider nicht“, sagte Jannik. Er schaute sie kurz an. Bedauern stand in seinen Augen. „Wir geben ein Konzert in Mannheim. Wir fahren schon vormittags hin. Echt schade! Ich vermisse dich jetzt schon.“
Sie lächelte ihn an: „Ich dich auch, Jan!“ Am liebsten hätte sie sich zu ihm rüber gebeugt und sich an ihn gelehnt, aber der Sicherheitsgurt ließ das nicht zu. Außerdem wollte sie ihn nicht beim Autofahren behindern.
„Wir können telefonieren und uns Mails schicken“, sagte Jannik. „Ich habe nun mal einen enorm anstrengenden Beruf. Ich bin immer eingespannt. Wir geben im Durchschnitt zwei Konzerte pro Woche. Wenn wir weiter weg spielen, bleiben wir dort und übernachten in irgendwelchen Hotels. Das ist voll ätzend! Ich kann das nicht ausstehen. Ich bin am liebsten zu Hause.“ Er zuckte die Achseln. „Ich muss halt. Tut mir leid.“
„Schon gut, Jan“, sagte Leonie. „Solange ich weiß, dass du wiederkommst, ist alles gut.“
Und hoffentlich landen die Fotos, die die jungen Hühner auf dem Reiterhof geschossen haben, nicht im Internet, dachte sie. Sonst sehen die Fans Beule und es ist aus mit der Tarnung.
Sie wollte nicht, dass ständig aufgeregte Fans um sie und Jan herum schwirrten. Sie erwischte sich dabei, wie sie sich vorstellte, Jan wäre kein Musiker sondern ein ganz normaler Junge. Sie fand die Vorstellung cool und wunderte sich gleichzeitig. Schließlich hatte sie sich in den Leadsänger der Peoples verliebt. Es kam ihr vor, als sei das Monate her. Jetzt war alles anders.
Jan setzte sie wieder in einer Seitenstraße ab. Nach einem letzten Kuss fuhr er davon. Sie sah ihm hinterher und winkte. Er winkte zurück.
Dann lief sie nach Hause. Sie vermisste Jan jetzt schon.
Als sie die Wohnungstür aufschloss, kam ihre Mutter aus dem Arbeitszimmer: „Sag mal Leonie, hast du etwa einen Freund?“

*

Sonja Ammon schaute ihre Tochter an. Sie erkannte sofort das verräterische Schimmern in Leonies Augen.
Sie ist verliebt! Sie ist verknallt bis über beide Ohren! Mein Gott! Sie ist erst fünfzehn! Gerade erst geworden! Und dann auch noch dieser Kerl!
Der Sänger der Peoples. Ein Musiker. Ein junger Superstar!
Als sie mittags zufällig das Video im Internet gesehen hatte, hatte sie geglaubt, der Schlag müsse sie treffen. Da saß ihre kleine Leonie auf einer Bank im Aufnahmestudio und der Kerl sang für sie. Mit Schmalzstimme sang er ein ums andere Mal „You! Only you!“ und weiteres Gesäusel.
Sonja hatte via Suchmaschine Artikel im Netz gefunden. Dort stand, dass Jannik Faber mit ihrer Tochter befreundet sei. Sie waren zusammen Eis essen gewesen.
Minutenlang hatte Sonja die Fotos dieses Jannik angeschaut.
Drogen!, schallte eine warnende Stimme durch ihren Kopf. Drogen! Drogen und Rauschgift! Rauschgift und Drogen! Nehmen die doch alle! Ausnahmslos! Und sie vögeln herum, wo sie gehen und stehen! Nehmen sich wahllos Mädchen!
Die Namen der unterschiedlichsten Geschlechtskrankheiten marschierten in großen grünleuchtenden Lettern vor ihrem inneren Auge vorbei.
Und immer wieder. Drogen! Rauschgift!
„Na? Hast du?“, hakte sie nach, als Leonie nichts sagte. „Ich habe dieses Video im Internet gesehen. Und Fotos und ein Interview.“
„Wir waren Eis essen“, sagte Leonie. Sie tat, als sei das das Normalste der Welt. „An meinem Geburtstag. Jan hat mich eingeladen.“
„Dich eingeladen?“
„Er hat mich nach der Schule abgeholt.“
Sonja Ammon musste schlucken: „Woher kennt ihr euch eigentlich? Der ist ja wohl nicht bei dir auf der Schule. Der ist zwanzig!“
„Wir haben uns erst beim Eis essen kennengelernt“, sagte Leonie leichthin. „Wir kannten uns bis dahin nicht. Ich wusste bloß, dass er der Bandleader der Peoples ist.“
Jetzt verstand Sonja überhaupt nichts mehr. „Komm! Essen wir zu Abend“, sagte sie.
Als sie am Küchentisch saßen, schaute sie Leonie dauernd an. Noch immer schimmerten die Augen ihrer Tochter in diesem besonderen Glanz. Sonja machte sich Sorgen.
„Ihr habt euch also in einer Eisdiele kennengelernt?“
Leonie schüttelte den Kopf: „Jan hat mich nach der Schule abgeholt. Hab ich doch grade eben gesagt.“
„Aber … wie …?“
„Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Ich dachte nicht, dass er kommt. Aber er ist gekommen und hat mich vor den Megären gerettet.“
Ungläubig lauschte Sonja dem Bericht ihrer Tochter. Es klang wie in einem dieser dämlichen Teeniefilme. Konnte das wahr sein? So etwas gab es doch nicht!
„Und heute Nachmittag waren wir reiten“, schloss Leonie. „Auf diesem Reiterhof bei Langenbach. Das wollen wir in Zukunft öfter machen. Jan hat dort früher gejobbt, um sich Reitstunden leisten zu können. Er war nämlich arm, bevor er mit den Peoples berühmt wurde. Er ist ein ganz normaler Junge. Bloß, dass er keine schöne Kindheit hatte.“
„Er ist zwanzig, Leonie! Und du gerade mal fünfzehn! Erst fünfzehn, Leonie!“
Sonja sah etwas in den Augen ihrer Tochter aufblitzen. Etwas wie Trotz.
„Und du?“, fragte sie. „Wie alt warst du, als du dich zum ersten Mal verliebt hast, Mutti?“
Als sie etwas sagen wollte, fiel ihr Leonie ins Wort: „Aber lüg mich nicht an! Ich weiß nämlich Bescheid! Du warst damals in Papa verknallt. Ihr seid drei Monate zusammen gewesen. Dann habt ihr euch getrennt und euch wieder gefunden, als du siebzehn wurdest. Dann seid ihr zusammen geblieben und habt geheiratet. Du warst nicht mal vierzehn, Mama! Als du Papa das erste Mal kennengelernt hast, waren es noch drei Wochen bis zu deinem vierzehnten Geburtstag! Papa hat es mir erzählt. Er war damals fast achtzehn.“
Voller Staunen schaute Sonja ihre Tochter an. War das Leonie? Ihre kleine sanfte Leonie, die nie Widerworte gab und nie mit ihr stritt? Leonie stellte sich gerade mächtig auf die Hinterbeine.
Sonja geriet aus dem Konzept. „Das war etwas anderes mit deinem Vater und mir“, sagte sie lahm.
Leonie schoss sofort zurück. „Inwiefern? Du warst ein Mädchen und er war ein Junge. Ihr seid miteinander gegangen. Bei Jan und mir ist es nicht anders.“
Sonja holte tief Luft. „Leonie, dieser Jannik spielt in einer Band. Der … er … solche Leute … Leonie! Die nehmen oft Drogen und sie trinken und rauchen und sie wechseln ihre Mädchen häufiger als die Unterwäsche.“
„Jan ist Nichtraucher“, erklärte Leonie seelenruhig. „Drogen nimmt er nicht. Er trinkt nicht mal. Sein Vater war Trinker. Das war ihm ein abschreckendes Beispiel. Er hat mir erzählt, dass er nur gelegentlich mal ein Glas Wein trinkt, wenn er mit Max bei dessen Eltern auf dem Weingut ist. Und er mag gelegentlich mal ein Glas Apfelwein. Er hat mir erzählt, dass er erst einmal in seinem Leben wirklich betrunken war. Auf einer Party, als er achtzehn war. Normalerweise trinkt er fast nichts.“ Sie machte eine Pause und biss in ihr Brot. „Mädchen hatte er natürlich. Schließlich ist er zwanzig, wie du so schön gesagt hast.“ Leonie grinste sie an. „Hast ganz schön recherchiert!“
Dann wurde Leonies Blick weich. „Mit uns ist das anders, Mama. Ich glaube, es ist wie damals mit dir und Papa. Wirklich! Du musst dir keine Sorgen machen. Jan hat nichts Schlechtes vor.“
Leonie stand auf. Sie begann den Tisch abzuräumen. „Ich muss noch Hausaufgaben machen.“ Sie schaute Sonja an, nicht aufsässig oder trotzig. Leonie schaute ganz normal: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich werde die Schule nicht vernachlässigen. Ich weiß, dass ich einen guten Abschluss brauche.“
Sonja wollte etwas sagen. Das unangenehme Gefühl in ihrer Magengegend war nicht verschwunden, im Gegenteil. Es hatte sich sogar verstärkt. Aber was immer sie sagen würde, es würde nach Vorhaltungen und Genörgel klingen. Sie würde damit nicht zu ihrer Tochter durchdringen, das sah sie Leonie an.
Was soll ich nur tun? Mein Gott! Leonie! Du bist erst fünfzehn!
Und du warst erst vierzehn!, hörte sie Leonies Stimme in ihrem Kopf.
„Bring ihn mal mit“, sagte sie, um überhaupt etwas zu sagen. „Lad ihn ein. Ich möchte den Jungen wenigstens kennenlernen, mit dem meine Tochter herum zieht.“
„Okay, ich frage ihn“, sagte Leonie. Das war wieder ihre Tochter, wie sie sie kannte.
Aber das unangenehme Gefühl in Sonjas Magengegend wollte nicht verschwinden.
„Lad ihn doch für übermorgen ein“, schlug Sonja vor. „Da hast du früher Schulaus, weil eure Deutschlehrerin krank ist. Er könnte zum Mittagessen kommen.“
„Ich frage ihn“, versprach Leonie. „Wie war eigentlich das Haus?“
„Das Haus war fantastisch!“ Sonja war froh, das Thema wechseln zu können. „Es war lange nicht so klein, wie dieser Ecker behauptet hat. Es sieht nur klein aus auf dem Riesengrundstück. Wir hätten dort gut dreimal so viel Wohnraum wie hier in unserer Wohnung.“
„Das wäre doch prima!“
„Der Preis wäre auch okay“, sagte Sonja. „Allerdings muss eine neue Heizung eingebaut werden. Die alte ist hin. Das kostet! Das Grundstück ist traumhaft. Ich habe sofort erkannt, warum es deinem Vater gefallen hat, als er mit diesem Ecker damals dort war. Ich denke, ich kaufe das Haus. Wie wäre es, wenn wir es uns morgen gemeinsam anschauen?“
Leonie nickte: „Klingt gut. Lass es uns machen.“ Sie stand auf und verzog sich in ihr Zimmer.

Thema: Stargirl Leonie(15)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(15) 17.05.2019 13:01 Forum: Stargirl Leonie

Nach einem kurzen Ritt gelangten sie in offenes Gelände. Sie folgten einem Wiesental. Jan drückte Prinz ganz automatisch die Fersen in die Weichen. Prinz ging in einen langsamen, geradezu gemütlichen Galopp über. Erst als er im Galopp über das Gras fegte, fiel Jannik ein, dass Leonie eine Anfängerin an. Erschrocken wollte er sein Pferd bremsen, da erschien sie neben ihm im Galopp. Ihr dunkelblondes Haar flatterte im Wind. Sie lachte ihn an.
Jannik spürte, wie sich sein Herz für einen Moment zusammenzog. Er spürte einen süßen Schmerz, wie er ihn noch nie gefühlt hatte. Was machte dieses Mädchen mit ihm? Sie war noch so jung und doch hatte sie sein Herz berührt. Er wünschte, sie würden ewig und für alle Zeiten so gemeinsam nebeneinander her reiten.
Sie kamen zum Ausgang des Tals und dort lag die Fischerhütte. Sie saßen ab und ließen die Pferde in einem kleinen Paddock frei. Dann gingen sie zur Hütte. Drinnen kauften sie Kuchen und Kaffee und setzten sich an einen der Tische vor der Fischerhütte. Ihr Blick fiel genau auf den ausgedehnten Fischweiher. Ein einsamer Mann saß am gegenüberliegenden Ufer und angelte.
„Es ist schön hier“, sagte Leonie. „So ruhig und man ist mitten in der Natur.“ Sie zeigte nach hinten, wo neben einem Baumhain ein Parkplatz versteckt war: „Wenn man die Autos nicht sehen könnte, könnte man meinen, hier sei die Zeit stehengeblieben. Es könnte genauso gut 1910 sein oder 1875. Das ist zauberisch.“ Sie bekam beim Schwärmen rote Wangen. Das stand ihr gut. Sie sah niedlich aus. Janniks Herz schlug schneller.
Nachdem sie Kaffee und Kuchen vertilgt hatten, spazierten sie zum Weiher und schauten ins Wasser. Ein leichter Wind kräuselte die Wasseroberfläche. Leonie bückte sich und strich mit der Hand über die kleinen Wellenkämme, ohne sie zu berühren.
Zauberisch, dachte er, in Gedanken das Wort benutzend, dass Leonie für die schöne Gegend um die Fischerhütte verwendet hatte. Sie sieht zauberisch aus. Wie eine Fee - eine geheimnisvolle schöne Waldfee, die die Herzen der Menschen verzaubert.
In seinem Kopf ertönte eine unhörbare Melodie und er dichtete die Worte dazu. Ein Lied entstand von einer Fee im Wald, die mit ihrer betörenden Schönheit einen Mann anlockte und in die Natur entführte. Der Song war einfach so da. Von einem Moment auf den anderen.
Wieder zog sich Janniks Herz schmerzlich zusammen. Er konnte den Blick nicht von Leonie abwenden. Er dachte daran, wie er ihr von seiner miesen Kindheit und Jugend erzählt hatte. Das tat er so gut wie nie. Maximilian und dessen Familie wussten Bescheid, aber nicht mal Florian Bennett und Timo Neumann hatten eine Ahnung, wie ihr Bandkollege aufgewachsen war. Sie wussten lediglich, dass Jannik keinen Kontakt mehr zu seinen Leuten hatte, weil seine Familie mies war.
Leonie hingegen hatte er alles erzählt, in aller Ausführlichkeit. Nur eins hatte er ihr gegenüber nicht erwähnt: Johanna. Über Uhlchen hatte er kein Wort verloren. Eine seltsame Scheu hatte ihn ergriffen, als er über Uhlchen erzählen wollte und er hatte geschwiegen. Er konnte nicht genau sagen warum. Irgendwie wollte er nicht, dass Leonie über Johanna Bescheid wusste. Das sollte sein Geheimnis bleiben. Er hatte ein schlechtes Gewissen deshalb. Er fühlte sich, als hätte er etwas Verbotenes getan.
Um sich abzulenken, zog er sein Notizbuch aus der Tasche. Er hatte es immer bei sich, um jederzeit Einfälle aufschreiben zu können. Als er Leonies neugierigen Blick sah, lächelte er sie an: „Ich muss zu den Tischen zurück. Mir ist grad ein Song eingefallen.“
Sie folgte ihm zu den Tischen und setzte sich direkt neben ihn, als er sein Notizbuch auf den Tisch legte. Er zog den Schreibstift aus der Schlaufe des Büchleins. Es war ein Fischer Bullet. Als er den Stift in die Hand nahm, wurde ihm bewusst, dass er den von Johanna hatte. Sie hatte ihm den Stift zu seinem achtzehnten Geburtstag geschenkt.
„Damit du immer was zum Schreiben bei dir hast, um deine Songs zu schreiben“, hatte sie gesagt und ihn mit ihren wunderschönen grauen Augen angeschaut, diesen Augen, die er so liebte. „Der Bullet ist klein und man kann ihn leicht einstecken. Seine Gasdruckmine schreibt überall und sogar über Kopf.“ Sie hatte ihn angelacht. Zwei Wochen später war sie fortgegangen.
„Was schreibst du?“, fragte Leonie. Sie rückte ihm auf die Pelle, was sein Herz schneller schlagen ließ.
„Einen Song“, erwiderte er. Er schrieb The Forest Fairy oben auf eine leere Seite des Notizbuchs. Während er die Melodie des Liedes summte, notierte er die Worte in Englisch. Es ging um ein wunderschönes Mädchen, das tief drinnen im Wald lebte und das Wasser eines geheimnisvollen Waldsees streichelte und einen Mann betörte, der des Weges kam und sie dabei beobachtete. Das Mädchen war eine Waldfee und es übte einen Zauber über den Mann aus.
Leonie las halblaut mit. Sie lehnte sich an ihn und hängte sich bei ihm ein, was sein Herz noch einen Gang schneller schlagen ließ.
Plötzlich zog sie an seinem Arm: „Iiieks! Nicht! Secret ist verkehrt! Das bedeutet geheim. Du meinst aber doch sicher geheimnisvoll?“
Er hob den Kopf und sah sie an: „Ähm … ja. Genau.“
„Das muss mysteriously heißen, Jan.“ Sie lachte ihn an: „Du willst ja nicht von einem geheimen Mädchen singen sondern von einem geheimnisvollen.“
„Wenn ich dich nicht hätte!“, sagte er und strich secret durch. „Mysteriously also. Hmmm … dann stimmt der Reim aber nicht mehr. Mist!“
Leonie machte einen Vorschlag: „She didn´t look seriously, because she was very mysteriously.“
„Ja, das passt.“ Jannik schrieb weiter. Manchmal sang er die bereits aufgeschriebenen Zeilen leise vor sich hin. Leonie half ihm mit den neuen Zeilen. Er sagte auf Deutsch, was er schreiben wollte und sie übertrug es in englische Worte und zwar so, dass sich die Satzenden reimten.
Die ganze Zeit lehnte sie sich bei ihm an, was ihm ausnehmend gut gefiel. Er fühlte sich unbeschreiblich wohl, ihr so nahe zu sein. Ein ungekanntes Glücksgefühl stieg in ihm auf. Am liebsten hätte er Leonie ganz fest in die Arme genommen.
Er schaute sie an und lächelte. Sie lächelte schüchtern zurück. Sie sah wahnsinnig lieb aus, fand er. Er beugte den Kopf und lehnte ihn an ihre Stirn, während er weiterschrieb. Wieder schaute er sie an. Sie lächelte ihn an und wurde rot.
Da platzte sein Herz. Einfach so. Es explodierte. Es war eine ganz leise Explosion, nichtsdestotrotz hatte sie die Kraft einer Atombombenexplosion. Vielleicht war sie sogar ein kleines bisschen stärker.
Ich habe dich lieb, Leonie, dachte er. Seine Hand führte den Kugelschreiber übers Papier. „I like you very much, my dear forest fairy“, schrieb er. „You let my heart explode. I wanna be with you all day from june til may.“ Er schrieb von den großen grauen Augen der Waldfee und ihrem im Wind wehenden dunkelblonden Haar, von ihrem bezaubernden Lächeln, das ihn mitten ins Herz traf.
„Little fairy come with me, never set me free.
My heart will be yours, from now til eternity.“
„Fertig“, sagte er. Er nahm seine Mundharmonika aus der Tasche und setzte sie an die Lippen, wobei er darauf achtete, dass Leonie weiter an seinem Arm hängen blieb. Er wollte auf keinen Fall, dass sie ihn losließ. Er spielte ein langsames, leicht traurig klingendes Intro. Dann sang er den Song in voller Länge. Beim Refrain wiederholte er die Melodie mit der Mundharmonika und mittendrin gab es ein wunderschönes Solo. Es klang nach Wald und Natur, nach Feen im Sommerwind und nach Liebe.
„Das klingt schön“, fand Leonie. „Du bist echt genial. Einfach so ein Lied zu schreiben. Machst du das immer so?“
„Eigentlich ja“, antwortete er. „Mir fällt etwas ein und ich setze mich hin und schreibe den Song.“
„Aber so schnell!“
„Wenn es länger als eine halbe Stunde dauert, wird nichts draus“, sagte er. „Echt wahr.“ Er suchte nach einem Grund, noch länger mit Leonie am Tisch sitzen zu bleiben. Er wollte nicht, dass sie ihn losließ. Aber es musste nun einmal sein. Mit einem unterdrückten Seufzer stand er auf. Sie gingen noch einmal zum Weiher.
„Die kleine Waldfee steht am Waldsee“, sagte Jannik leise.
Sie drehte sich zu ihm um und schaute zu ihm auf. Ihre Augen waren riesengroß in dem schmalen ovalen Gesicht. Janniks Herz begann zu flattern.
Was machst du mit mir, Leonie?, fragte er in Gedanken. Was machst du nur?
„Leonie?“, fragte er.
„Ja?“, gab sie zurück. Ihre Stimme war ganz leise.
„Wollen wir uns wiedersehen? Ich möchte so gerne. Ich …“
„Jan“, sagte sie. Nur dieses eine Wort. Ihre Augen ließen seine nicht eine Sekunde los.
„Leonie“, sagte er leise.
Er trat näher zu ihr hin. Sie schaute ihn schweigend an, sah ihm tief in die Augen.
Er fasste sie an den Ellbogen. „Leonie.“
„Jan“, sagte sie noch einmal. Sie hob ihm das Gesicht entgegen.
Er umarmte sie und zog sie an sich. „Leonie.“ Er küsste sie. Ganz sanft tat er es, beinahe schüchtern. Sie gab einen leisen Laut von sich. Dann drängte sie sich an ihn. Er hielt sie fest umarmt und sie küssten sich. Er spürte ihren Herzschlag. Ihr Herz schlug womöglich noch schneller als seins.
Leonie. Leonie!
Dann explodierte sein Herz erneut.
Sie standen ewig lange dort am Ufer des Weihers. Insekten summten. Vögel sangen. Manchmal schnaubte eines der Pferde. Sie bekamen nichts davon mit. Sie standen da in inniger Umarmung und hielten einander fest. Sie wollten einander nie wieder loslassen.
„Leonie!“, sagte Jan leise. Er hätte um ein Haar angefangen zu weinen.
„Jan“, sagte sie und kuschelte sich an ihn. „Jan!“

Thema: Stargirl Leonie(14)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(14) 17.05.2019 13:00 Forum: Stargirl Leonie

Am nächsten Tag lief Leonie gleich nach dem Mittagessen los. Sie wartete am geheimen Treffpunkt auf Jan. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Er hatte sich erneut mit ihr verabredet! Mit ihr! Mit der kleinen, unscheinbaren Leonie Ammon! Es war wie ein Märchen. Es konnte nicht wahr sein. So etwas gab es nicht.
Aber nachdem sie gerade mal drei Minuten gewartet hatte, bog ein komisches Vehikel aus einer Seitenstraße und hielt direkt vor ihr. Leonie starrte das Auto an. Es sah aus, als sei es uralt. Der Lack war ausgebleicht und stumpf. Sie erkannte eine riesige Beule und kleine Knitter in der Karosserie. Kein Zweifel, das war Beule.
Die Beifahrertür wurde von innen geöffnet und Jan lächelte ihr aus dem Auto entgegen: „Würden Hoheit belieben, einzusteigen bitte? Die edle Staatskarosse steht bereit.“
Leonie stieg ein. Sie musste grinsen.
Er lächelte sie an: „Hi, Leonie.“
„Hi“, brachte sie heraus. Mehr nicht. Ihr Herz schlug zu sehr. Wenigstens brachte sie ein schüchternes Lächeln zuwege.
„Wollen wir Hottehü fahren?“, fragte er.
Leonie verschluckte sich beinahe. „Hotte …?“ Sie prustete los: „Bfft! Hotte …!“ Sie musste laut loslachen. Endlich löste sich ihre innere Spannung. „Hottehü fahren?“, fragte sie lachend.
Er nickte: „Ja. Hottehü fahren. Du hast gesagt, du reitest gerne.“
Leonie schnallte sich an: „Ich habe nur ein paar Reitstunden gehabt.“
„Es wird reichen“, sagte Jan. „Wir fahren zu dem Reiterhof, auf dem ich mal nebenher gearbeitet habe. Die haben total liebe Schulpferde. Die sind voll zahm und lassen sich leicht hottehüen.“
„Hottehü…“ Wieder musste Leonie lachen. Wie lustig Jan sein konnte!
„Der Hof liegt in der Nähe von Niederlangenbach“, erklärte Jan. Er ließ den Motor an und fuhr los. „Wir leihen uns zwei von den freundlichsten Hottehüs und hottehüen durch die Landschaft. Wir könnten zur Fischerhütte hottehüen. Ein schöner Weg durch die reine Natur und an der Fischerhütte können wir was trinken.“
„Das klingt fein“, sagte Leonie. Die Aussicht auf einen Ritt zu Pferd gefiel ihr. Aber sie wäre mit Jan auch auf eine Mülldeponie gefahren. Hauptsache, sie war mit ihm zusammen. Sie konnte es immer noch nicht glauben.
Und all das, weil ich mich wie eine dumme Pute aufgeführt habe, überlegte sie. Hätte ich vor ein paar Wochen nicht einen solchen Unsinn geredet, wäre ich heute nicht hier neben Jan im Auto.
Der Reiterhof lag hinter Niederlangenbach in einem langen Seitental. Schmale Naturwege führten nach allen Seiten davon. Auf ausgedehnten Weiden grasten Pferde.
Leonie ging das Herz auf. Sie hatte immer davon geträumt, auf solch einem Hof ein eigenes Pferd zu haben oder wenigstens mit einem Leihpferd Ausritte zu unternehmen.
Jan parkte Beule auf einem freien Platz. Er nahm Leonie bei der Hand und ging mit ihr zu einem kleinen Gebäude, wo er sie beide anmeldete und nach Pferden fragte.
„Bitte keine Raketen, Sylvia“, sagte er zu der Frau, die sie in ein Buch eintrug. „Du weißt ja, dass ich kein ausgesuchter Reiter bin und ich bin außer Übung wegen meinem Job. Die Singerei lässt mir einfach nicht genug Zeit zum Reiten.“ Er grinste Sylvia an: „Das wird sich aber jetzt ändern. Versprochen.“ Er zeigte auf seine Begleiterin: „Das ist Leonie, eine gute Freundin. Sie ist Anfängerin. Auch für sie bitte ein gutmütiges Pferdchen. Ist Luise frei?“
Sylvia bestätigte, dass Luise frei wäre und nahm Jan und Leonie mit, um ihnen Sättel und Zaumzeug zu geben.
„Ihr müsst selbst satteln“, sagte sie. „Ich habe keine Zeit. Gleich geht die Kinderreitstunde los und ich muss mich kümmern.“
„Kein Problem“, meinte Jan. „Wir kommen klar.“
Er sattelte sein Pferd, einen gutmütigen braunen Wallach, der auf den Namen Prinz hörte und half Leonie dann mit Luise.
Eine gute Freundin, dachte Leonie. Er hat mich dieser Sylvia als eine gute Freundin vorgestellt. Sie war selig, als sie die Pferde nach draußen führten. Und diese Sylvia war cool, fand sie. Sie hat Jan nicht angehimmelt. Sie hat ihn nicht als Star gesehen sondern als ganz normalen Menschen.
Der Reiterhof gefiel ihr gleich besser. Endlich mal keine Fans, die Jan nach Autogrammen heischend umringten.
Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, als eine Horde Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren angetrabt kam. „Nik!“, riefen sie aufgeregt. „Nik, bitte ein Autogramm!“
Japsend und fiepend umdrängten sie Jan und hielten ihm Autogrammbücher und Notizblöcke hin. Sie knipsten mit ihren Tablets und I-Phones.
Jan unterschrieb und ließ sich fotografieren. Es dauerte seine Zeit, bis jedes der Mädchen sich neben ihn gestellt und in Positur geworfen hatte, um sich ablichten zu lassen.
Jan grinste Leonie zu. „Ist eben nun mal so“, meinte er entschuldigend. „Gehört dazu zum Showgeschäft.“ Er lächelte in ein Kameraauge und drückte dabei eine begeisterte Elfjährige an sich.
„Schon okay“, sagte Leonie, aber ein kleines bisschen störte es sie ja doch. Mensch, waren die überall? Die Vorstellung, dass sie und Jan, egal wohin sie gingen, immer von einer Horde Fans umlagert waren, gefiel ihr nicht besonders.
Hoffentlich reiten die uns nicht hinterher, dachte sie. Bei dem Gedanken fühlte sie leises Entsetzen in sich aufsteigen. Das würde doch wohl nicht passieren! Oder doch?
Aber nichts dergleichen geschah. Die junge Fangemeinde rückte nach Autogramm- und Fotostunde zufrieden und voller Dankbarkeit ab und Leonie und Jan konnten allein aufsitzen und auf einem der Wege davon reiten.
Leonie hielt sich tapfer. Luise war ein sehr gutmütiges Pferd. Die erfahrene Stute machte keinerlei Schwierigkeiten. Sie reagierte auf den leisesten Schenkeldruck und schien im Voraus zu ahnen, was Leonie wollte. Leonie war selig. Sie durfte reiten und ihr großer Schwarm war bei ihr. Sie schwebte auf Wolke sieben.
„Du machst das prima“, lobte Jan, während sie dem Weg folgten.
„Das Pferd kennt sich hier aus“, erwiderte Leonie. „Ich sitze bloß drauf und lasse mich transportieren.“
„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel“, sagte Jan. Er lächelte sie an. „Wie lange hast du Zeit?“
„Bis zum Abendessen“, gab sie zurück. Sie fand es absolut unglaublich, dass sie mit Jannik Faber einen Ausritt machte und sich ganz stinknormal mit dem Jungen unterhielt. „Meine Mutter ist unterwegs. Sie sieht sich ein Haus an, dass sie vielleicht kaufen möchte. Mein Vater hat das Haus ins Auge gefasst, bevor er …“ Sie machte eine Pause. „Bevor er starb“, sagte sie schließlich.
„Dein Vater ist tot?“, fragte Jan. „Das tut mir leid, Leonie. Wirklich.“
„Ich war erst neun“, sagte Leonie. Sie erzählte Jan, wie ihr Vater gestorben war. „Es kam ganz plötzlich. Aus heiterem Himmel. Er fühlte sich nicht wohl und als sie ihn untersuchten, haben sie Krebs festgestellt. Im Endstadium. Man konnte nichts mehr machen.“
„Das ist furchtbar“, sagte Jan. Er lenkte Prinz neben Luise und fasste nach Leonies Arm: „Das tut mir leid, Leonie.“
Sie schaute ihn an: „Ich vermisse ihn immer noch. Es tut immer noch weh. Vielleicht sogar mehr als damals. Wir waren eine gute Familie. Meine Großeltern sind auch prima. Wir sind eine richtige Großfamilie. Wir wollten in unserem neuen Haus immer alle einladen, wenn es mal fertig zum Einziehen ist.“ Sie blickte auf den Hals von Luise. „Und dann stirbt er einfach so! Dabei hat er sich auf das Haus gefreut. Es sollte einen riesigen Garten haben und eine Rasenfläche, wo die ganze Familie sich versammeln konnte. Wir wollten Picknicks für alle veranstalten und zusammen grillen. Wir sind echt eine tolle Großfamilie. Ich liebe meine Familie.“
Sie blickte auf und sah, wie sich Jans Gesicht verdüsterte. „Jan?“, fragte sie.
„Das hätte ich auch gerne“, sagte er leise. Sie hörte es fast nicht überm gedämpften Hufschlag der Pferde. „So eine Familie muss fantastisch sein. Ich stelle es mir ganz toll vor. Maximilians Familie ist auch so. Bei Krages zu Hause ist immer was los. Dauernd ist Verwandtschaft zu Besuch.“ Er seufzte. „Ja. Das hätte ich auch gerne.“
„Hast du es denn nicht so?“, fragte Leonie schüchtern.
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Meine Familie, so man denn von einer reden kann, ist … es ist eigentlich keine richtige Familie. Es ist ein Sauhaufen. Anders kann ich es nicht nennen.“
„Echt?“ Leonie verging vor Mitgefühl. Was musste das für ein Leben sein, wenn man meine liebevolle Familie hatte?! Sie schaute Jan stumm an.
Er verstand: „Willst du das wirklich hören? Da gibt es absolut nichts Schönes zu erzählen.“
„Nur wenn du willst, Jan“, sagte sie und schaute ihn weiter an.
Sie kamen zum Waldrand. Jannik lenkte Prinz in einen breiten Nebenweg. Leonie folgte ihm auf Luise.
„Ich habe keine schöne Kindheit und Jugend gehabt“, sagte Jan. „Echt nicht. Ich war von Anfang an das schwarze Schaf in der Familie. Dabei konnte ich nichts dafür. Du hast prima Großeltern, sagst du? Ich nicht! Die Eltern meiner Mutter waren mit meinem Vater nicht einverstanden. Sie hielten ihn für einen Proll.“ Jannik grinste schief. „Nun ja, das taten sie zu Recht. Er ist ein Proll. Und arbeitsscheu dazu.
Die Eltern meines Vaters nannten meine Mutter ein verwöhntes Püppchen oder ein überkandideltes, verzogenes Pflänzchen. Sie konnten sie nicht ausstehen.
Und ich stand dazwischen. Noch dazu war ich ein Junge geworden. Aber meine Eltern wollten unbedingt ein Mädchen. Schlechte Karten für mich.“
Jan erzählte weiter. Leonie lauschte mit wachsendem Mitleid. Janniks Mutter ließ sich von seinem Vater scheiden, als der Junge neun war. Er blieb bei seinem Vater, bis er dreizehn war.
„Für ein Jahr war es einigermaßen“, berichtete Jan. „Da war ich elf. Mein Vater lebte mit einer anderen Frau zusammen, die ihre Tochter mitbrachte. Sie war so alt wie ich. Wir verstanden uns echt gut und für eine Weile sah es beinahe so aus, als hätte ich doch noch eine Familie bekommen. Aber mein Vater trank immer mehr. Er hatte schon immer viel getrunken, aber allmählich übertrieb er es. Die Frau verließ ihn nach einem Jahr und dann hat er sich langsam zu Tode gesoffen.
Als er tot war, kam ich zu meiner Mutter, die inzwischen wieder geheiratet hatte. Mein Stiefvater war ein astreines Miststück. Hat mich behandelt wie den letzten Dreck, mich sogar geschlagen. Es ging mir schlecht. Sehr schlecht. Ich bekam fast nie Taschengeld. Ich musste mir nebenher was verdienen. Ich trug Werbeprospekte aus und habe manchmal bei einem Bauern gearbeitet und auf dem Reiterhof.
Mit dem Geld habe ich meine erste Gitarre und die Lehrhefte dazu bezahlt. Mein toller Stiefvater ist voll ausgeflippt. Du und ein Musiker!, höhnte er. Dass ich nicht lache! Lern erst mal anständig arbeiten.
Das sagte gerade der Richtige! Der war doch ständig arbeitslos. Hielt sich nirgends lange. Trank auch gerne reichlich, der Drecksack. Nicht so viel wie mein Vater, aber er hat gesoffen.“
Jannik erzählte, wie er allmählich immer mehr Instrumente anschaffte und darauf übte. Nach der Gitarre lernte er Mundharmonika spielen und irische Tin Whistle. Er sparte hart, bis er sich zur Gitarre noch ein Banjo anschaffen konnte. Am liebsten hätte er Klavier spielen gelernt, aber von einem Klavier konnte er nur träumen.
Er übte Lieder auf seiner Schülerblockflöte und auf der Gitarre. Schon damals komponierte er kleine Stücke selbst.
„Mit meinem Stiefvater wurde es immer schlimmer“, sagte Jan. „Er lästerte ständig über meine Musikmacherei und stichelte und nörgelte herum. Meine Mutter half mir nicht. Sie sah einfach zu, wie der Kerl mich dauernd fertigmachte. Als ich sechzehn war, hat er im Suff mein Banjo kaputtgemacht. Da bin ich ausgerastet und habe ihm die Schnauze poliert - aber anständig! War lange überfällig. Natürlich fiel das auf mich zurück. Ich flog zu Hause raus und landete im Heim.“
„Oj je!“, rief Leonie. „Wie schrecklich!“
Jan lachte sie an: „Nein, gar nicht! Es war das Beste, was mir passieren konnte. Endlich war ich raus aus dem erbärmlichen Leben, weg von dem Druck. In dem Heim ging es ziemlich locker zu. Wenn man sich an die Regeln hielt, durfte man echt viel machen. Die Leute dort waren in Ordnung. Klar, jeder hat einen Rucksack voller Probleme mitgebracht. Kommt ja keiner ins Heim, der in einer Traumfamilie lebt, aber wir kamen miteinander aus.
Wir lernten, Verantwortung zu tragen und uns um uns selbst zu kümmern. Wir machten unser Essen selbst und kümmerten uns um eine kleine Landwirtschaft, die an das Heim angeschlossen war. Das kannte ich ja schon von meinem Nebenjob bei dem Bauern.
Ohne die Landwirtschaft hätte ich Max nie kennengelernt. Ich traf ihn auf einem Bauernmarkt. Wir hatten da einen Stand und verhökerten unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Max spielte mit einer Band auf dem Markt. Er spielte ein absolut geiles Sax. Ich habe noch nie einen Menschen so gut Saxophon spielen gehört. Aber als ich mich in einer Pause mit ihm unterhielt, erzählte mir Old Krage, er würde eigentlich am liebsten Schlagzeug spielen.
Ich erzählte ihm, dass ich Gitarre spiele und noch ein paar Instrumente. So kamen wir zusammen. In der Schule trieben wir noch Timo und Florian auf und dann ging es los. Die Peoples spielten auf Schulfesten und auf der Kirmes und auf Stadtfesten und in Bierzelten und so. Wir spielten uns langsam hoch, wurden lokal bekannt und irgendwann verdienten wir sogar Geld mit unserer Musik.
Ich komponierte immer mehr eigene Songs und Max machte mit. Florian und Timo hätten am liebsten immer nur Coverversionen gespielt, aber damit kommt man nicht weit. Das zeigte sich, als Rollie uns entdeckte und unter Vertrag nahm. Er verlangte von Anfang an, dass wir unsere eigene Musik spielen sollten.
Wenn ich bei Maximilian zu Hause zu Besuch war, komponierten wir dort. Krages haben ein Weingut und jede Menge Knete. Die haben auch ein Piano, auf dem Max rumklimperte. Max und ich schreiben alle Songs der Peoples. Die meisten schreibe ich sogar allein.
Dann kamen wir groß raus und ich verdiente auf einmal richtig gutes Geld. Du kannst dir nicht vorstellen, was das für mich bedeutete. Endlich war ich keine arme Kirchenmaus mehr. Von dem ersten Geld nahm ich mir eine Wohnung in Saarbrücken. Ich wollte raus aus allem und selbstständig sein.
Meine tolle Familie habe ich hinter mir gelassen. Ich habe praktisch keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter. Ich habe keinen Bock, meinem dämlichen Stiefvater gegenüberzutreten. Könnte leicht passieren, dass mir dann wieder die Hand ausrutscht.“
Jannik schaute Leonie an. Sein Lächeln war traurig: „Das war mein Leben in Kurzform. Klingt nicht so prima, was?“
„Das tut mir leid, Jan“, sagte sie. „Es muss schrecklich sein, wenn einen niemand lieb hat. Daran geht ein Kind kaputt.“
„Ja“, sagte er. „Daran geht man als Kind ein Stück weit kaputt.“

Thema: Stargirl Leonie(13)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(13) 17.05.2019 12:59 Forum: Stargirl Leonie

Vor der Bergmanns Alm setzten sie sich auf eine der urigen Bänke. Außer ihnen war noch eine Familie mit Kindern da. Die Bedienung kam und Jan und Leonie bestellten Kaffee und Käsekuchen. Während sie aßen, erzählte Jan, dass er den Gravy-Song auf die neue CD mit draufbringen wollte.
„Das passt einfach“, meinte er und lächelte Leonie an. „Mal was anderes - witzig, statt Lovesong. Oompah-Music. Ich wette, die Fans werden den Song lieben. Danke noch fürs Verbessern des Textes.“
„War ganz leicht“, sagte Leonie. „Und viel war ja nicht zu tun. Bloß drei oder vier kleine Fehler.“
„Entschuldigung!“ Sie sahen von ihren Kuchentellern auf. Das Mädchen, das zu der Familie am Nebentisch gehörte, stand vor ihnen. Sie war vielleicht dreizehn Jahre alt. Scheu hielt sie Jan ein kleines Heftchen entgegen: „Könntest du mir bitte ein Autogramm geben, Nik?“
Jan lächelte sie an: „Klar doch! Gib her!“ Er nahm das Heftchen, zückte seinen Kugelschreiber und schrieb dem Mädchen ein Autogramm. Dann bat er sie, sich neben ihn zu setzen und reichte Leonie das Phone des Mädchens: „Machst du bitte eine Aufnahme, Leonie?“
Er ist so freundlich zu seinen Fans, dachte Leonie, während sie das Foto schoss.
Die Dreizehnjährige saß neben Jan und sah aus, als habe sie gerade den Jackpot im Lotto geknackt.
Er ist kein bisschen abgehoben. Er ist ein ganz normaler Junge geblieben. Jan ist echt klasse!
Nachdem sie Kaffee und Kuchen vertilgt hatten, gingen sie noch mal zum Rand des Gipfelplateaus und genossen die Aussicht. Sie machten die komplette Runde um den Gipfel und schauten sich ihre Heimat von oben an.
Später gingen sie zu Fuß nach unten. Sie ließen sich Zeit. Leonie hätte nichts dagegen gehabt, wenn die Redener Bergehalde so hoch wie der Mount Everest gewesen wäre. Desto länger hätte ihr gemeinsamer Spaziergang gedauert. Sie redeten nicht viel. Sie liefen einfach zusammen nach unten. Es war schön, mit Jan zusammen zu sein. Auch ohne zu reden.
Am Auto angekommen hielt Jan ihr die Beifahrertür auf wie ein richtiger Gentleman.
„Ich bring dich nach Hause“, sagte er. „Ich muss leider weg. Heute Abend geben wir in Trier ein Konzert. Ich habe immer nur wenig Zeit. Tut mir leid, Leonie. So ist nun mal mein Job. Ich bin immer eingespannt.“
„Nicht schlimm“, sagte sie. Aber sie versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, immer eingespannt zu sein, immer der berühmte Star sein zu müssen, immer repräsentieren zu müssen … immer müssen, müssen, müssen. Keine Zeit für Privatleben. Konnte das schön sein? Eigentlich nicht. Aber warum wurden die Leute dann zu Stars?
Jan fuhr Leonie nach Hause. Wieder hielt er ein Stück weit entfernt von Leonies Wohnhaus. Er stellte den Motor des Morgan ab und sah sie mit seinen umwerfenden Augen an: „Es war schön heute mit dir, Leonie. Wollen wir uns wiedersehen?“
„Gerne“, antwortete Leonie. Sie gab sich große Mühe, nicht zu stottern. Jan so nahe zu sein, machte sie noch immer wahnsinnig nervös.
„Vielleicht sollte ich dich in Zukunft irgendwo weiter draußen auflesen“, schlug Jan vor. „Dann kann keiner rumnerven und du hast deine Ruhe. Wir machen einen geheimen Treffpunkt aus und ich hole dich mit Beule ab. Keiner kennt die Karre. Damit bin ich quasi inkognito.“ Er erzählte Leonie von dem auf alt getrimmten Dacia. „Oder willst du, dass ich dich stilecht im Morgan abhole?“
Leonie schüttelte den Kopf. „Das ist doch total egal. Mir kommt es nicht auf das Auto an. Mir …“ Sie blieb mitten im Satz stecken.
„Ja?“, fragte Jan.
„Ist … ich …“, stotterte Leonie los. Ihre Kehle begann sich zuzuschnüren. Sie fühlte, dass sie gleich knallrot werden würde. „Das Auto ist egal.“ Sie nahm all ihren Mut zusammen: „Was zählt, bist du, Jan. Nicht irgendein teurer Sportwagen.“ Sie schaffte es, die Sätze rasch herauszuwürgen, bevor sich ihre Kehle zuzog.
Jan sah sie an. Schweigend. Er schaute sie ewig lange an, ohne sich zu rühren oder etwas zu sagen. Leonie wurde ganz anders unter diesem Blick. Dann lächelte er. „Das hast du schön gesagt, Leonie.“ Seine Stimme war leise und klang irgendwie heiser. „Echt schön!“
Er gab sich einen Ruck: „Also, wo wollen wir uns treffen? Irgendeine Seitenstraße, würde ich sagen.“
Leonie schlug eine Gasse vor, die nicht weit von ihrer Schule von der breiten Hauptstraße abzweigte. „Dort könnte ich auf dich warten“, sagte sie. „Aber ich muss nach der Schule zuerst nach Hause zum Mittagessen. Danach dann …“
Jan nickte: „Okay. Wann kannst du kommen?“
„Halb zwei“, sagte Leonie. „Ich müsste aber abends wieder früh genug zurück sein. Ich muss ja noch meine Hausaufgaben erledigen. Die darf ich nicht verschlampen.
„Klar“, sagte Jan. „Die Schule ist dein Job und seinen Job muss man anständig machen, wenn man es zu was bringen will. Ich bring dich früh genug zurück.“
„Dann bis morgen“, sagte Leonie. Mehr brachte sie nicht heraus.
„Ja. Bis morgen.“ Er lächelte sie an.
Leonie stieg aus und schlug die Beifahrertür zu. Jan startete den Motor des Morgan und fuhr los. Im Wegfahren winkte er ihr zu. Sie winkte ihm hinterher und blieb am Straßenrand stehen, bis der Morgan in eine Seitenstraße einbog. Leonie seufzte tief.
Ach Jan!
Dann ging sie ins Haus.

*

Jan stieg aus dem Bandbus. Der Marsch zur Konzerthalle begann. Es war wie immer seit seiner Brandrede damals. Es gab keine kreischenden Fans mehr, die wild durcheinanderdrängelten. Alle standen ruhig und erwartungsvoll da und Jan und seine Bandkollegen machten sich auf, die riesige Menge im Zickzackkurs zu durchqueren.
Überall gaben sie Autogramme und sie ließen sich mit ihren Fans fotografieren.
Die Menge der Fans war wie eine riesige menschliche Amöbe. Die Mädchen - es waren fast nur Mädchen - drängten sich in seine Nähe, ohne ihm zu nahe zu kommen. Hände streckten sich nach ihm aus. Jede wollte ihn berühren. Sie waren wie ein großer lebendiger Organismus. Alle wollten sie ihn und die drei anderen anfassen, als wohne der Berührung Heilkraft inne.
Timo und Florian genossen es in vollen Zügen. Sie liebten diese Show vor der eigentlichen Show. Max ließ es freundlich über sich ergehen. Er blieb stets gelassen und verlor nie sein Lächeln.
Aber für Jan war es schwer. Die nach ihm grapschenden Hände verursachten ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Er fühlte sich immer angespannt, wenn er kreuz und quer durch die Menge schritt. Es war für ihn, als wollten sie ihn runterzerren wie Krebse in einem Eimer - runterzerren, zurück auf das alte Niveau. Auf die Straße. In die Armut. Er konnte nie vergessen, dass er sein Leben lang arm wie eine Kirchenmaus gewesen war. Es ließ ihn nicht los. Es kam ihm vor, als wollten ihn die Massen an Fans von seinem Höhenflug herunterreißen, ihn abstürzen lassen.
Er war froh, als es vorbei war und sie in die Konzerthalle eingelassen wurden.
Sie gingen sofort zur Bühne und kontrollierten, ob die Roadies die Instrumente gescheit aufgebaut hatten. Das hatten sie immer, aber wie hieß es so schön: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Dann saßen sie hinter der Bühne bei einer Tasse Tee zusammen und warteten auf den Beginn des Konzerts. Jan holte sein I-Phone hervor und ging ins Internet.
Leonie hatte ihm geschrieben. Als er ihre Emailadresse erkannte, wurde ihm warm ums Herz.
Leonie!, dachte er. Leonie hat mir geschrieben. Er wunderte sich, wieso das so ein komisches Gefühl in seiner Brust bewirkte.
Sie hatte ein Gedicht für ihn geschrieben - in Englisch. Es hieß Der Junge der keine Zeit hatte. Es ging um einen Jungen, dem die Lebenszeit gestohlen wurde und der sein Leben deswegen nicht führen konnte. Er kämpfte ständig um ein wenig Freiheit, aber er war immer eingespannt und konnte nicht leben. Schließlich kam der Tag, an dem ihn eines Morgens ein müder alter Mann aus dem Spiegel anschaute. Der alte Mann weinte still vor sich hin.
Das Gedicht traf Jan tief. Er konnte nicht sagen, warum. Vielleicht, weil es seine eigene Lebenssituation erschreckend treffend beschrieb?
Später, als sie auf der Bühne standen, dachte er noch immer über das Gedicht nach. Und über Leonie.
Er sang nur für sie.

Thema: Stargirl Leonie(12)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(12) 17.05.2019 12:58 Forum: Stargirl Leonie

Der Morgan rollte leise grollend dahin. Leonie schaltete fehlerfrei. Jan schaute manchmal lächelnd zu ihr hin und drückte sie dabei sanft an sich. Jedes Mal machte ihr Herz einen Hopser wie ein aufgeschrecktes Kaninchen. Pia fotografierte per Selfiestick, was das Zeug hielt.
„Wo geht’s hin, Pia?“, fragte Jan.
Pia nannte die Adresse. „Da hinten bei der Videothek rechts rein in die Dreißigerzone. Es ist nicht weit weg vom Haus von Finja von Ekelhausen.“
„Finja von was?“, fragte Jan.
„Von Ekelhausen“, antwortete Pia. „Weil sie ein Ekel sein kann. Genau wie die eingebildete Sophie Schubert.“
„Die beiden haben auf mir rumgehackt“, sagte Leonie. In knappen Worten erzählte sie von der Begebenheit, die sich bei der Schule abgespielt hatte. „Pia hat mir beigestanden“, beendete sie ihren Bericht.
Jan, der immer noch den Arm um Leonie gelegt hatte, fasste Pia am Oberarm und drückte sanft. „Danke, Pia. Das war sehr nett von dir. Du hast meine Leonie vor den Furien gerettet.“
Leonies Herz hopste erneut hoch wie ein aufgescheuchtes Kaninchen.
Meine Leonie hat er gesagt! Meine! Sie bekam Herzklopfen. Er hat es gesagt! Er hat das wirklich gesagt! Er hat m-meine Leonie gesagt! Sie stotterte sogar in Gedanken.
Während sie sich aufs Schalten zu konzentrieren suchte, hörte sie mit halbem Ohr zu, wie Pia Jan durch das Wohnviertel lotste. Er hielt vor dem Elternhaus Pias an und stellte den Motor ab. Drei Mädchen im Alter von zehn Jahren unterbrachen ihr Seilspringen und starrten mit offenen Mündern zu ihnen her.
Jan drückte Leonie fest an sich und gab ihr ein Küsschen auf die Wange: „Leonie, sei ein Schatz. Bitte steig aus und mach ein Foto mit Pia im Auto.“ Er lächelte Pia an: „Als Belohnung für Leonies Rettung vor den Megären.“
Leonie und Pia stiegen aus. Pia stieg wieder in den Morgan und Leonie machte ein paar Aufnahmen. Die Seilspringmädchen schauten zu.
Zum Schluss gab es ein Autogramm für Pia. Jan schrieb ihr etwas in ein Heft. Die Seilspringmädchen kamen schüchtern näher. Sie stellten sich neben dem Morgan auf und schauten sehnsüchtig.
Jan sprach sie an: „Möchtet ihr auch ein Autogramm?“
Wie freundlich er ist!, dachte Leonie. Er ist kein bisschen abgehoben. Er benimmt sich nicht wie ein Star. Er ist ein ganz normaler Junge geblieben. Und mich hat er meine Leonie genannt!
„Wir haben nix zum Draufschreiben dabei“, sagte eins der Mädchen. Sie sah todunglücklich aus. Pia öffnete die Wagentür und stieg aus. Sie machte Platz für Leonie, sie sich wieder neben Jan setzte. „Ich kann euch Blätter aus meinem Heft geben“, sagte sie zu den Mädchen.
„Lass nur, Pia“, meinte Jan. „Ist lieb von dir, dass du meinen Fans helfen willst. Danke, dafür. Aber ich bin gerüstet. Leonie? Machst du bitte das Handschuhfach auf? Da liegen Fotokarten drin.“
Leonie holte drei Karten hervor. Die jungen Seilspringerinnen kamen aufgeregt näher. Sie nannten Jan ihre Vornamen und er begann, Autogramme zu schreiben.
„Ich heiße Fiona“, sagte eins der Mädchen, „aber schreibe bitte: für meine Schwester. Die ist ein totaler Fan von dir, Nik.“
Jan tat, als würde er schreiben. „Für meine Schwester“, buchstabierte er halblaut.“ Sie lachten alle.
„Nein!“, rief Fiona. „Es ist doch für meine Schwester, nicht für deine, Nik! Sie heißt Dunja.“
Leonie sah, wie sich Jans Blick für einen Moment verdunkelte. Man bemerkte es nur, wenn man genau hinschaute. Er sah für eine Sekunde traurig aus. Dann fing er sich wieder. Er schrieb Fiona ein Autogramm für ihre große Schwester Dunja und dann noch ein Autogramm für Fiona auf einer Extra-Karte.
„Oh, danke!“, rief das Mädchen selig. „Vielen Dank!“
„Gern geschehen“, sagte Jan. „Ich finde es schön, dass du an deine Schwester gedacht hast.“ Er ließ den Motor an. „Wir müssen los, Leute. War nett, euch getroffen zu haben. Tschüs, Pia.“
„Tschüs Nik und Leonie“, rief Pia ihnen hinterher, als der Morgen grollend anschob. Sie winkte. Jan und Leonie winkten zurück.

Als die über die Landstraße rollten, schaute Leonie manchmal zu Jan hinüber. Was ist mit ihm?, überlegte sie. Als das Mädchen das mit seiner Schwester sagte, sah er für eine Sekunde richtig traurig aus. Hat er eine Schwester? Davon weiß ich ja gar nichts. Und was ist mit ihr? Wieso sah er so traurig aus? Hatte er eine Schwester und die ist gestorben?
Ihr fiel ein, dass von Jannik Fabers Privatleben kaum etwas bekannt war. Niemand wusste etwas über seine Kindheit und Jugend.
Womöglich habe ich mich auch geirrt, überlegte sie. Vielleicht hat er nicht traurig ausgesehen. Kann sein, dass er an etwas anderes gedacht hat und konzentriert wirkte. Ernst halt. Er ist nun mal ein ernster Mensch.
Jan steuerte den Morgan über die Landstraße. Sie kamen an einem gelben Ortschild vorbei. Landsweiler Reden stand darauf. Jan fuhr zu einer Bergehalde, die hinter dem Ort in den Himmel ragte. Diese Halden gab es im ganzen Saarland. Man hatte das taube Gestein aus den Kohlegruben aufgeschüttet. Allenthalben ragten schwarze Hügel in den saarländischen Himmel. Die Bergehalde von Reden war besonders groß. Die dazugehörende Kohlegrube war lange in Betrieb gewesen.
Auf einem weitläufigen Parkplatz direkt bei der alten Grube stellte Jan den Morgan ab.
„There we are“, sagte er lächelnd zu Leonie und zeigte zu dem in den Himmel ragenden schwarzen Koloss in der Landschaft. „This is the worldberühmte Mountainhalde from Landsweiler Reden. The biggest black mountain in the gesamte Saarcountry.“
„Very interesting“, antwortete Leonie in akzentfreiem Englisch. Sie schaute zur Halde hoch. sprach auf Englisch über ihren ersten Eindruck. Sie sprach fehlerfrei.
Jan schaute sie bewundernd an: „Du kannst vielleicht gut Englisch! Nicht nur schreiben wie letztens bei meinem Text, den ich dir schickte. Nein, du sprichst es auch perfekt.“
Leonie lächelte ihn an: „Kunststück. Ich bin gewissermaßen Muttersprachlerin. Meine Mutter stammt aus Großbritannien. Ich bin zweisprachig aufgewachsen.“
„Ah so“, meinte Jan. „Cool! Ich kenne ein Mädchen, das perfekt Ausländisch kann. In der Schule hast du sicher immer eine Eins in Englisch.“
Leonie nickte. Während sie ausstiegen, erzählte sie, dass sie später als Übersetzerin arbeiten wollte wie ihre Mutter. „Das ist ein prima Job. Man verdient nicht schlecht und kann zu Hause arbeiten.“
„Das hat was“ sagte Jan. „Ich hingegen muss von Konzert zu Konzert reisen. Ich bin die halbe Zeit nicht zu Hause. Auf die Dauer ist das voll ätzend. Lange mach ich das nicht mehr mit.“ Er zeigte nach vorne: „Der Alm-Express! Schnell, bevor sie abfahren!“ Er zog Leonie an der Hand mit sich. Sie rannten los und erreichten die Bahn im letzten Moment. Zwei lange Waggons auf Luftreifen wurden von einem Traktor gezogen, der mittels Anbauteilen in eine Lokomotive verwandelt worden war. Jan und Leonie hatten den vorderen Wagen für sich. Hinten saß eine Familie mit Kindern und zwei ältere Ehepaare.
In gemütlichem Tempo zuckelte der Alm-Express bergauf. Er folgte einer Serpentinenstraße, die sich am steilen Hang der Bergehalde hinaufwand. Oben angekommen hielt er bei einer großen Blockhütte. Sitzbänke und Tische standen davor.
Jan und Leonie stiegen aus. Sie ließen die Hütte links liegen und wanderten zum Rand des Gipfelplateaus. Sie kamen an einem Kinderspielplatz vorbei. Auf Schienen standen Nachbildungen von Bergwerksloren. Auf einen der Wägelchen hatte ein Witzbold mit dickem, schwarzem Marker Lei geschrieben. Sie brachen in lautes Lachen aus.
„Lei!“, rief Jan. „Die Lore Lei! Hier oben steht sie. Auf der Bergehalde von Reden und nicht auf einem Felsen am Rhein.“
Leonie bog sich vor Lachen: „Sollen wir ihr die blonden Haare kämmen?“
„Sie hat ja gar keine“, erwiderte Jan. Er breitete die Arme aus und begann mit lauter Stimme zu singen: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ein Märchen aus uralten Zeiten, das geht mir nicht aus dem Sinn.“ Seine Stimme trug weit über das weitläufige Gipfelplateau. „Die Luft ist kühl und es dunkelt, und ruhig fließt der Rhein.“
Er sang das komplette Lied, alle drei Strophen. Es endete auf: „... und das hat mit ihrem Singen die Lorelei getan.“
Eines der älteren Ehepaare stand in der Nähe. „Sie haben eine schöne Singstimme, junger Mann“, sagte die Frau. „Heutzutage können die meisten jungen Leute nur die erste Zeile des Liedes.“
„Ja, er war schon toll, der Heinrich Heine“, meinte Jan. Er deutete eine Verbeugung an und zog Leonie mit sich zum Rand des Plateaus.
Hinter sich hörten sie die Frau mit ihrem Ehegatten reden: „Du, der kommt mir bekannt vor. Ist das nicht dieser junge Mann, der ganz groß mit klassischer Musik herausgekommen ist? Wie hieß der gleich nochmal?“
„Hans-Jürgen Poppenreiter?“, riet ihr Mann.
„Och Erich! Der Poppenreiter, das war doch vor zwanzig Jahren!“
Jan grinste Leonie an. „Seh ich echt so alt aus?“, fragte er leise.
„Meinetwegen“, brummte Erich. „Dann hat er eben schon vor zwanzig Jahren gepoppt. Jetzt erinnere ich mich. Er hat Ullrich van Beethovens Arie Pimper fidelis gesungen.“
„Erich!“, fuhr die Gattin auf.
Jan und Leonie grinsten sich an. Sie mussten alle Kraft aufwenden, ein lautes Lachen zu unterdrücken.
Jan drückte Leonie an sich, während sie zum Rand des Gipfels liefen. „Lasset uns poppen“, sprach er mit leiser Stimme. „Piiiiimper fideeeeelis!“
Leonie konnte nicht mehr. Sie musste loslachen. Gottseidank waren sie weit genug von dem Ehepaar entfernt. „Pi … Pi-piii ...“, juchzte sie.
„Pipi?“, fragte Jan. „Das wird ja immer doller.“ Nun lachte er auch. „Herr Poppenreiter und Frau Reiterpopperin, die ritten einst so dahin. Sie pimperten fidel und sie machten zusammen Pipi. Da gallopierten sie davon und schrien ganz laut Jippie!“
Leonie schaute zu Jan auf: „Mensch Jan, du bist so was von witzig.“ Sie lachte ihn fröhlich an.
„Tatsächlich?“, fragte er. „Hat noch nie einer zu mir gesagt. Sonst sagen sie immer, ich sei so grimmig und verschlossen.“ Sein Blick wurde weich. „Das machst du mit mir, Leonie.“
Sie stand vor ihm, uns wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Der Wind, der über den Gipfel wehte, ließ ihr Haar flattern. Sie ertrank in seinen Augen. Sie spürte, wie er sie an sich zog und sie umarmte. „Es ist schön, was du mit mir machst, Leonie“, sagte er.
Leonies Herz klopfte heftig. Sie sah zu ihm auf. Er schaute sie an. Ihr Herz schlug noch heftiger. Jan, dachte sie. Jan! Jan, bitte!
Sie war für alles bereit. Sie spürte, wie er sie noch fester umarmte. Sein Gesicht näherte sich ihrem.
Ja!, dachte Leonie. Ja!
„Wundervolle Aussicht, nicht wahr?“
Sie fuhren auseinander. Erich und seine Gattin standen neben ihnen. Erich zeigte in die Ferne: „Ausnehmend gute Aussicht heute. Das kommt von dem Regenwetter. Der Regen hat die Atmosphäre gereinigt. Im Sommer ist die Luft manchmal total trübe.
Leonie fühlte Enttäuschung. Jan hätte sie beinahe … hätte er? Mit einem unhörbaren Seufzer wandte sie sich der wundervollen Aussicht zu.
Warum mussten die auftauchen?, dachte sie. Sie stellte sich vor, wie Erich und seine Gattin ausrutschten und den steilen Hand hinunter purzelten. Purzel fidelis!
Da spürte sie, wie Jans Arme von hinten um sie herum kamen und sie sanft an seinem Körper drückten. Augenblicklich war sie getröstet.
„Mein Vater hat dort unten in der Grube gearbeitet“, erzählte Erich. „Er hat miterlebt, wie sie zumachten.“
„Mein Großvater hat auch Schicht auf der Grube gemacht“, erzählte Jan. „Und damals, als bei dem großen Unglück in Luisenthal fast dreihundert Kumpels ums Leben kamen, hatte er einen Krankenschein. Er lag mit einer schlimmen Grippe im Bett. Das hat ihm das Leben gerettet.“
„Ach du grüne Neune!“, sagte Erich. „Nein, so was!“
„Sie haben eine schöne Stimme, junger Mann“, mischte sich seine Frau ein. „Singen Sie klassisch?“
Jan drückte Leonie an sich und schüttelte den Kopf: „Nein. Ich singe modernen Pop und Beat und so. Das Lied von der Lorelei hat mir ein guter Freund beigebracht, der Schlagzeuger unserer Band. Der steht auf Klassik. Wir haben es am Klavier einstudiert und am Geburtstag seiner Großmutter vorgetragen.“
„Sie haben Talent“, sagte die Frau. Sie und der gute Erich gingen fort.
Jan machte eine allumfassende Geste. „Sieht wirklich toll aus“, sagte er mit seiner tiefen Stimme. „Bloß der Wind könnte woanders wehen.“
Leonies Haare flatterten im Wind. „Ist doch schön“, sagte sie. „Es fühlt sich an, als würde ich auf einem Pferd durch die Prärie galoppieren.“
„Du magst Pferde?“, fragte Jan.
Sie nickte: „Mm. Manchmal nehme ich Reitstunden. Ich habe mir vorgenommen, in den Sommerferien einen Ferienjob anzunehmen und das Geld für Reitstunden zu sparen.“
„Ich mag Pferde auch“, sagte Jan. „Ich träume manchmal von einem eigenen Gestüt. Ich habe früher oft im Reiterverein gearbeitet, um mir Reitstunden zu verdienen. Aber seit wir groß rausgekommen sind, habe ich kaum noch Zeit zum Reiten. Aber von dem Gestüt träume ich immer noch gelegentlich. Ich würde gerne Pferde züchten. Bescheuert, nicht wahr?“
Sie drehte sich zu ihm um: „Überhaupt nicht. Ich finde, das ist eine prima Idee.“
„Wirklich?“, fragte er. „Timo und Florian fanden es voll beknackt, als ich mal darüber sprach.“
„Gib nichts auf die beiden“, sagte Leonie. Sie wunderte sich, woher sie den Mut nahm, so mit Jan zu sprechen. „Die sind … wie soll ich sagen? Das sind Jungs, die nur von heute auf morgen leben. Du hingegen bist ernst und … es passt einfach zu dir. Lass dir nicht von anderen deinen Lebenstraum vermiesen, Jan! Das meinte ich.“
Er hob die Hand und fuhr ihr sanft durchs Haar: „Du bist so anders, Leonie. So hat noch nie jemand mit mir gesprochen.“
„Fast niemand“, sagte er nach einer kurzen Pause. Er nickte mit dem Kopf in Richtung Blockhütte: „Wollen wir was trinken? Einen Kaffee vielleicht? Die haben bestimmt auch was zu Futtern.“
„Gerne“, sagte sie.
Er nahm sie bei der Hand und sie marschierten zur Almhütte.

Thema: Mordseecamp
Stefan Steinmetz

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Mordseecamp 04.03.2019 11:31 Forum: Mordseecamp

Frank Setzer macht Campingurlaub im Nordseecamp in der Lüneburger Heide. Dort fährt jeden Tag die Rappelkiste auf den Wegen herum, ein Gespann aus buntbemaltem Jeep mit Anhänger, auf dem die Kinder gerne mitfahren. Scheinbar gerne.
Denn Frank findet heraus, dass mit der Rappelkiste etwas nicht stimmt. In Wirklichkeit haben die Kinder schreckliche Angst vor dem Gefährt. Aber sie werden gegen ihren Willen gezwungen, mit der Rappelkiste mitzufahren.
Das Fahrzeug scheint von dämonischem Leben besessen zu sein.

Taschenbuch:
https://www.amazon.de/dp/1798610442/ref=...rds=mordseecamp

4,28 Euro

Kindle:
https://www.amazon.de/Mordseecamp-Stefan...rds=mordseecamp

0,99 Euro

Thema: Abschlussbericht 2018
Stefan Steinmetz

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Abschlussbericht 2018 03.01.2019 09:25 Forum: Neuigkeiten und Infos

Abschlussbericht 2018:

Wieviele Bücher und Kindle-Versionen wurden verkauft:

Der Elfenmacher Buch: Kindle: 1
Die Sektenkinder von Völklingen Buch: 5 Kindle:
Papierschwalben im Abendwind Buch: Kindle:
Aufziehmädchen Emma Buch: Kindle: 3
Es weihnachtet Buch: Kindle:
Nachtkind Buch: 2 Kindle: 2
Melissas Sehnsucht Buch: 1 Kindle: 3
Adoptivkind Stefanie Buch: Kindle: 2
Mars First Buch: 2 Kindle:
Die Gottesanbeterin Buch: Kindle: 1
Der Durchgang Buch: 3 Kindle: 8
Clankind Buch: 4 Kindle: 4
Das Dorf im Wald Buch: Kindle: 6
Das Lehm Buch: 3 Kindle: 4
Winterkind Buch: 2 Kindle: 2
Kacker Buch: 1 Kindle: 4

In 2018 gesamt verkauft: 63 Stück

63 Bücher verkauft. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine Verdoppelung! Klingt erst mal positiv, aber wenn man die Verkäufe auseinanderdröselt, sieht es anders aus.
Ich habe dieses Jahr 6 neue Bücher herausgebracht und die haben sich bis Jahresende 41mal verkauft. Die Bücher, die auch letztes Jahr bereits zum Verkauf standen, wurden gerade mal 22mal verkauft. Als ein Rückgang gegenüber den 31 verkauften Exemplaren im Jahr 2017.

Auch dieses Jahr wurde wie im letzten Jahr nicht ein einziges Weihnachtsbuch gekauft. Kunststück! Man findet es unter den vielen anderen Weihnachtsbüchern auf Amazon nicht. Schade ist es trotzdem.

Einen Patzer habe ich mir bei Clankind geleistet, bzw. das hat wohl Amazon verschuldet. Als erste Datei hatte ich etwas hochgeladen, dass mitten im Buch einen Fehldruck bewirkte. Etwa auf Seite 330 gibt es plötzlich eine Leerseite, dann eine Seite, auf der nur ein einziger Satz steht und dann geht es ganz normal weiter, aber plötzlich sind die Seitenzahlen weg.
Damals hat mir Amazon bei der Überprüfung meiner Textdatei einen „Issue“ gemeldet und ich habe diesen „Issue“ beseitigt und dann wohl einen Fehler gemacht. Ich meine mich vage zu erinnern, dass der Upload hängenblieb und ich neu hochladen musste. Tja, dabei scheine ich dann die erste (fehlerbehaftete) Datei erwischt zu haben. Komischerweise wurde nun von Amazon KEIN Issue gemeldet und das Buch wurde bei jeder Bestellung ein Fehldruck. Ärgerlich. Ich habe es erst erfahren, als mir das jemand zu Weihnachten gemeldet hat. Habe die Textdatei nun korrigiert und das Buch verändert.
Es geistern aber 4 Fehldrucke durch die Welt.
Ich mache euch hiermit das Angebot: Meldet euch bei mir per PN und dann schicke ich euch ein berichtigtes Buch umsonst per Post zu. Gilt nur für die Druckfassungen. Die Kindles sind in Ordnung.
In Zukunft werde ich hingehen und mein eigenes Exemplar fürs Regal Seite für Seite durchblättern, um solche Fehler zu vermeiden. Versprochen!

Der absolute Renner war „Der Durchgang ins Königreich Bayern“ mit elf verkauften Einheiten.

Lustig: Clankind hat sich achtmal verkauft. Das ist insofern seltsam, dass Nachtkind, der erste Roman der Reihe nur viermal (und letztes Jahr einmal) gekauft wurde. Ich frage mich, wie die Leute den zweiten Roman verstehen wollen, wenn sie den ersten nicht gelesen haben.
Ich habe wieder und wieder hier und auf meiner Homepage geschrieben, dass ich jeden einzelnen Nachtkindroman vor der Veröffentlichung stark überarbeiten werde. Es kommt zu Kürzungen und ich füge neue Sachen ein. Wer die gedruckten Fassungen nicht liest, sondern nur die alten Fassungen, wie sie hier stehen, wird irgendwann absolut nichts mehr verstehen!
Komme mir dann bitte keiner und fange an zu lamentieren - in etwa so: „Ey! Das stimmt nicht! Das kann ja gaaanicht sein! Im zweiten Roman hast du im 30.Kapitel geschrieben …!“
NEIN! Habe ich eben NICHT! Ich habe das verändert, rausgenommen oder ein neues Kapitel eingefügt.
Wer die Druckfassungen nicht liest, wird irgendwann überhaupt nichts mehr kapieren! Das soll hier noch einmal gesagt werden.
Ich kann aber die Einzelteile hier auf der Webseite nicht durch die neuen Kapitel ersetzen, denn dann würden plötzlich die Kommentare nicht mehr stimmen. Hier steht die alte Fassung und gedruckt wird die NEUFASSUNG! Das ist nun einmal so.
In den drei ersten Romanen habe ich teilweise massive Veränderungen vorgenommen. Im vierten Roman (Frühlingskind), der als nächstes Buch erscheinen wird, sobald er durchs Korrektorat gegangen ist, habe ich etwas weniger verändert, aber auch dort gibt es Veränderungen.

Was soll ich nun sagen? Gegenüber 2017 hat sich eigentlich keine Verbesserung der Verkäufe ergeben. Das macht mir aber nichts mehr aus. Ich habe ja letztes Jahr geschrieben, dass ich ab dann meine Schreiberei wieder als das ansehe, was es ganz zu Anfang war: als Hobby!
Und dabei bleibt es.

Thema: Das Clanevangelium, von dem in meiner Nachtkind-Reihe öfter die Rede ist
Stefan Steinmetz

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Das Clanevangelium, von dem in meiner Nachtkind-Reihe öfter die Rede ist 01.01.2019 15:03 Forum: Das Clanevangelium

Liebe Leser
Jetzt habe ich das sogenannte Clanevangelium (eigentlich Das Evangelium nach Jakobus) nach einer Überarbeitung bei Amazon als Taschenbuch und Kindle-Version herausgegeben.
Ich habe diese Schrift als kleiner Junge von etwa sieben Jahren gefunden. Es war eine mit Tintenbleistift beschriebene Loseblattsammlung, die in einer Flaschenpost (einem Glas) steckte.
Ich wusste damals nicht so recht, was ich eigentlich vor mir hatte. Etliches in dieser Schrift kannte ich aus dem Religionsunterricht und aus der Bibel meiner Urgroßmutter, in der ich bei Besuchen gerne im Neuen Testament las.
Ich stellte aber auch fest, dass in der Flaschenpost Sachen standen, die nicht in der Bibel standen. Das faszinierte mich, klang es doch nach einem „geheimen Evangelium“. Heute weiß ich, dass es Auszüge aus apokryphen Evangelien und mir unbekannten Schriften enthielt, unter anderem aus dem koptischen Thomas-Evangelium.

Am Ende der Schrift bat der anonyme Schreiber, dieses Evangelium zu kopieren und weiterzugeben. Dies tat ich eine ganze Zeit lang mit großer Begeisterung. Ich schrieb das Evangelium auf lose Blätter ab, wozu ich ebenfalls einen Tintenbleistift benutzte, und schickte es in gesäuberten Gläsern in der saarländischen Blies auf die Reise. Ich schätze, ich habe gut zwei Dutzend dieser Schriften abgeschickt, vielleicht sogar mehr.

Irgendwann schrieb ich alles in eine dickes Notizheft ab, weil mir die Loseblattsammlung auf den Wecker ging. Die Original-Schrift steckte ich danach in ein Glas und schickte sie los. Deshalb gibt es sie nicht mehr. Wer weiß, ob jemand sie irgendwo in der Blies, der Saar oder der Mosel fand?

Später tippte ich das Evangelium an der Schreibmaschine ab. Damals war das noch eine eins-zu-eins-Abschrift. Sie war, da sie aus den Sechzigerjahren stammte, natürlich nach der alten Rechtschreibreform verfasst. Da stand zum Beispiel „daß“ statt dem heutigen „dass“.

Als ich dann anfing, meine Nachtkind-Reihe zu schreiben, nahm ich das Evangelium aus der Flaschenpost und nannte es Clanevangelium. Es passte einfach prima in die Geschichten hinein.

Vor einiger Zeit habe ich dann das ganze Teil überarbeitet und auf dem Stand der neuen Rechtschreibreform gebracht und gleichzeitig die teils sehr altertümliche Schreibweise etwas modernisiert, um es besser lesbar zu machen.

Diesen Text habe ich zu Beginn des Jahres 2019 bei Amazon als kleines Taschenbuch und Kindle-Version herausgegeben. Als Autor nannte ich „Der Finder“, weil ich die Flaschenpost ja nicht selbst geschrieben habe, sondern sie nach einer Überschwemmung auf der grünen Wiese fand. Man kann das Büchlein oder die Kindle-Version bei Amazon bestellen.

Dieses Jakobus-Evangelium ist nicht identisch mit dem Protevangelium des Jakobus, einem Kindheitsevangelium, das in der frühen christlichen Gemeinde sehr beliebt war.
Vielmehr ist es ein bislang nicht bekanntes Evangelium, welches Leben und Wirken Jesu beschreibt. Es enthält fast alle Inhalte der drei Synoptiker, aber auch Auszüge aus aprokryphen Evangelien wie zum Beispiel dem koptischen Thomas-Evangelium.
Dazu noch Inhalte, die keiner bislang bekannten Schrift zugeordnet werden konnten.

Das Taschenbuch bei Amazon: https://www.amazon.de/dp/1792958250/ref=...obus+evangelium

Die Kindle-Version bei Amazon: https://www.amazon.de/Das-Evangelium-nac...obus+evangelium

Thema: Kacker
Stefan Steinmetz

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Kacker 13.12.2018 11:35 Forum: Kacker

Wir schreiben das Jahr 5 nach der Katastrophe. Millionen von menschengroßen Insektoiden haben die Erde überrannt und die Menschheit fast ausgerottet. Aus einem Kometenschweif kamen unbekannte Sporen auf die Erde und grauenhafte Wesen schlüpften aus dieser Saat. Die Kampf-Käfer, kurz Kacker genannt, sind menschengroße insektenähnliche Kreaturen, die in großen Horden ewig hungrig die Welt durchstreifen. Sie ernähren sich von Menschenfleisch.
Innerhalb weniger Monate wurde fast die gesamte Menschheit ausgelöscht. Der Rest der Menschen verbarrikadiert sich in geschützten Enklaven, während Kampf-Teams versuchen, die Kacker zu töten.
Als Team 115 im saarländischen Neunkirchen auf einen versprengten Rest eines anderen Teams angesetzt wird, machen die Leute in einem geheimen Bunker eine Entdeckung. Diese Entdeckung könnte die Rettung für die Menschheit sein, aber der gepanzerte Truck des Kampf-Teams ist defekt und das Team muss sich allein gegen eine erdrückende Übermacht angreifender Kacker zur Enklave in Saarbrücken durchschlagen.

Taschenbuch:
https://www.amazon.de/dp/1791589146/ref=...keywords=Kacker

209 Seiten
8,67 Euro

Kindle:
https://www.amazon.de/Kacker-Ein-Endzeit...keywords=kacker

2,99 Euro

Thema: Winterkind
Stefan Steinmetz

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Winterkind 12.11.2018 11:12 Forum: Winterkind

Nicole, die Tochter von Isabel Wagner lernt Amelia vom Clan kennen. Die beiden werden bei der Kirkeler Burg von einer grausigen Hundekreatur angegriffen. Eine geheime, weltweit operierende Organisation züchtet in unterirdischen Anlagen gentechnisch veränderte Kampfsoldaten, die in naher Zukunft die Weltherrschaft erobern sollen. Sie hat auch dieses schreckliche Kampfgeschöpf erschaffen.
Derweil schleicht Thomas der neue Lebensgefährte von Nicoles Mutter dem Mädchen hinterher. Ständig platzt er ins Bad, wenn Nicole sich zum Duschen auszieht. Doch Nicoles Mutter spielt die Vorfälle herunter und verlangt von ihrer dreizehnjährigen Tochter, sich nicht so anzustellen. Als Nicole mit Thomas allein zu Hause ist, kommt es zum Eklat.
Als dann Nicole und Amelia Freundinnen werden und Nicole herausfindet, dass Amelia ein Clanmädchen ist, geraten sie in die Fänge der geheimen Organisation. Denn Nicoles Eltern gehören zu den Leuten, die für diese Organisation arbeiten.

Taschenbuch:
16,42Euro
491 Seiten

https://www.amazon.de/dp/1731171560/ref=...tefan+steinmetz

Kindle-Version:
3,99Euro

https://www.amazon.de/Winterkind-3-Buch-...tefan+steinmetz

Thema: Das Lehm
Stefan Steinmetz

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Das Lehm 03.08.2018 14:03 Forum: Das Lehm

Der vierzehnjährige Themas lebt im Lehm, einem kreisrunden Gebiet von fünfzig Kilometern Durchmessern. Die Menschen im Lehm führen ein einfaches und gutes Leben als Bauern und Viehzüchter. Das Leben im Lehm könnte schön sein, aber das Lehm ist ein riesiger, lebendiger Organismus. Er tut den Bewohnern nicht nur Gutes, er verlangt auch regelmäßige Opfer. Alle Zweitgeborenen von Zwillingspärchen werden dem Lehm im Kindesalter geopfert. Themas will das nicht länger hinnehmen. Er plant, mit seinem Zwillingsbruder die Flucht. Sein Onkel und seine Tante sind ein Jahr zuvor entkommen und Themas will ebenfalls fliehen. Doch das ist nicht einfach. Das Lehm lässt niemanden gehen.

Taschenbuch bei Amazon: https://www.amazon.de/Das-Lehm-Stefan-St...inmetz+Das+Lehm
10,70 Euro

Kindle-Datei: https://www.amazon.de/dp/B07G5CCKJF/ref=...inmetz+Das+Lehm
2,99 Euro


Karte des Lehms:

[IMG]Lehmkarte2 by Stefan Steinmetz, auf Flickr[/IMG]

Thema: Stargirl Leonie(10)
Stefan Steinmetz

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25.05.2018 13:18 Forum: Stargirl Leonie

Hallo "Riesenvogel" Augenzwinkern
Ist für die Überarbeitung notiert. Schaun mer mal ...

Thema: Stargirl Leonie(11)
Stefan Steinmetz

Antworten: 0
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Stargirl Leonie(11) 25.05.2018 13:17 Forum: Stargirl Leonie

Als die Schule aus war, hängte sich eine ganze Traube Mädchen an Leonie.
Was soll das?, dachte sie. Ich habe gesagt, heute kommt Jan nicht.
„Was ist los, Leute?“, fragte sie. „Ich habe doch gesagt, heute holt er mich nicht ab. Er hat zu tun. Erst morgen.“
Sie ließen sich nicht beirren und verfolgten sie hartnäckig über den Schulhof bis zur Straße. Erst als Leonie abbog und sich in Richtung Zuhause aufmachte, zerstreuten sich die Verfolgerinnen.

*

Der Tag verging. Die Pressekonferenz war anstrengend, die Werbeaufnahmen langweilig. Sie mussten immer wieder die gleichen Szenen vor laufender Kamera spielen. Irgendwann hatte es ein Ende.
Zurück im Studio hörten sie sich noch einmal sämtliche Stücke an, die auf die neue CD sollten.
„Siebenundvierzig Minuten“, sagte Rollie. „Bisschen kurz, was? Ein oder zwei Titel sollten wir auf alle Fälle noch aufnehmen. Vielleicht sogar drei.“
Jannik holte seine Gitarre und schloss sie an. Er trat ans Mikro: „Hört euch das mal an!“
Er spielte ein paar schnelle Riffs und begann zu singen. Er sang von einem Jungen, der Gravy statt Davy genannt wurde, weil der Standesbeamte seinen Vater nicht richtig verstanden hatte, als der den Namen des Neugeborenen nannte; das Ganze nach Art einer Polka mit Beat-Elementen.
„Ich bin noch nicht damit fertig“, sagte Jannik, als er das Lied beendet hatte. „Am Text hapert es, da muss ich nochmal ran und der Sound ist auch nicht so dolle.“
„Akkordeon muss da rein“, fand Max. „Wenn schon Rumtata-Musik, dann aber richtig. Oompah-Music braucht eine Quetsche.“
„Davy-Gravy“, näselte Florian den Refrain nach. „Mann, wie kommt man auf die Idee, über jemanden zu singen, der Bratensoße heißt?“
„Ist uns bei Luigi eingefallen“, antwortete Jannik. „Als wir Eis essen waren, saß eine Familie in der Nähe unseres Tisches und die Kinder haben darüber gesprochen. Einer der Kleinen machte sich darüber lustig, dass eine Frau Dawn, also Morgendämmerung, hieß. Dann könne er seinen Sohn genauso gut Bratensoße nennen, meinte der Racker. Wir haben mit Mühe und Not ein lautes Lachen unterdrückt. Leonie meinte, daraus könnte man ein Lied machen.“
„Ah“, machte Timo. „Leonie meinte.“ Er feixte. „Triffst du sie heute wieder?“
„Viel zu spät“, sagte Jannik. „Morgen Mittag hole ich sie von der Schule ab.“
„Ziemlich jung, die Kleine“, sagte Florian. „Gerade mal fünfzehn. Also ich sehe immer zu, dass sie mindestens sechzehn sind. Weil man sonst Ärger kriegen könnte, wenn man mit den Häschen ins Bett hüpft.“ Er nahm Jannik aufs Korn: „Du scheinst ein Faible für die ganz jungen zu haben, Nik. Vor einem halben Jahr, die Blondine, die war auch erst fünfzehn, nicht wahr?“
„Die war vierzehn!“, berichtigte Timo. „Gerade erst geworden.“
„Mit der hatte ich nichts“, sagte Jannik. „Das war die Tochter von diesem hohen Tier von Sony Music. Ich habe ihr das Studio gezeigt und sie dann mit zum Shoppen genommen. Sie hat sich in der City Klamotten gekauft. Ich war bloß der Aufpasser. Ihr Papi wollte es so.“
„Ah ja“, sagte Florian. Mehr nicht.
Rolf Geiger kam ins Studio: „Kinders, ich habe eine wundervolle Überraschung für euch. Gleich kommt ein Reporterteam vom Stern. Die wollen euch interviewen.“
Florian verdrehte die Augen: „Noch eine Presseveranstaltung? Mann! Ich dachte, für heute wäre es gut.“
Rollie grinste ihn an: „Die Arbeit reißt nicht ab. So ist das im Showgeschäft. Freut euch! Ihr habt es in den Stern geschafft. Seid liebe Jungs und gebt brav Antworten.“
„Ja, euer Geigerzählerheit“, brummte Florian.

*

Als Leonie nach dem Abendessen ins Internet ging, fand sie eine Email von Jan in ihrem Postfach.
„Hi Leonie“, schrieb er ihr. „Ich habe angefangen, den Bratensoßensong zu machen. Im Anhang findest du den Song in der Rohfassung. Max hat gesagt, es muss unbedingt Akkordeonmusik dazu, weil es ein Oompah-Song ist, also Rumtata-Musik, ein bisschen wie Polka. Am Text muss ich auch noch feilen. Da siehst du mal, wie ein Song entsteht. Es ist nicht so, dass ich mich hinstelle und gleich loslegen kann. Man muss an einem Stück arbeiten, bis es wirklich gut klingt.
Ich freue mich auf morgen. Ich freue mich auf dich.
Gruß und Küsschen
Jan.“
„Küsschen“, flüsterte Leonie. Sie schaute zum Poster der Peoples auf. Sie sah Jans zurückhaltendes Lächeln. „Küsschen!“
Sie lud die Mail herunter und den angehängten Song gleich mit. Während sie das Lied auf dem Computer abspielte, las sie den Text dazu.
„Puh! Nicht gut“, meinte sie. Sie nahm ein leeres Blatt Papier und begann zu schreiben. Sie besserte Jans grammatikalische Fehler aus und glättete den Text ein wenig, damit die Zeilen besser in den Song passten. Sie tippte den geänderten Text in eine Antwort-Mail und schickte sie Jan zurück.
„Du bist mir hoffentlich nicht böse, weil ich an deinen Lyrics herumgepfuscht habe“, schrieb sie zum Schluss.
Eine halbe Stunde, bevor sie zu Bett ging, kam eine neue Mail von Jan.
„Böse?“, schrieb er. „Mann, Leonie! Du bist ein Naturtalent! Jetzt passt der Text viel besser zu Melodie. Du bist echt gut in Englisch. Ich wette, du hast du in der Schule immer eine Eins.“
Leonie musste grinsen. Jan wusste nicht, dass sie zweisprachig aufgewachsen war.

*

Am nächsten Tag nach der Schule war die Traube, die Leonie folgte, kleiner.
Sie denken, es war ein einmaliges Vorkommnis, überlegte sie. Die glauben nicht, dass Jan mich noch einmal abholt.
Sie wunderte sich. Ging das so schnell? Ließ man jemanden oder etwas dermaßen fix fallen? Ein wenig komisch war das schon, fand sie. Aber es hatte den Vorteil, dass nur ein Dutzend Mädchen um sie herumstanden, statt die fünffache Menge, wie am Tag zuvor.
Es war ihr sowieso nicht wichtig. Sie wollte nicht von Jannik Faber abgeholt werden, um vor ihren Schulkameradinnen anzugeben. Sie wollte mit Jan zusammen sein. Sie hatte den ganzen Morgen an den Jungen gedacht. Es war ihr schwergefallen, sich auf den Unterricht zu konzentrieren.
Jemand trat neben sie. Es war Pia Jeblick aus der Parallelklasse: „Was macht ihr denn heute so? Geht ihr wieder Eis essen?“
Leonie zuckte die Achseln: „Weiß nicht. Vielleicht. Wir fahren einfach drauflos.“ Das war glatt gelogen, aber sie konnte unmöglich laut sagen, wo sie und Jan hin wollten. Die Mädchen wären ihnen gefolgt. Schlimmer noch: Sie hätten die Presse informieren können, nach dem Motto: Nehmt mich mit in eurem Auto und ich verrate euch, wo Nik mit seiner neuen Flamme ist. Nein danke! Sie wollte mit Jan allein sein.
„Wann kommt er denn nun?“ Das war Sophie Schubert. Klar, dass die dabei sein musste! Sie schaute demonstrativ auf ihre Armbanduhr. „Bissy spät, oder?“ Sie grinste. Leonie gefiel das Grinsen nicht. „Letztes Mal war er früher da. Nik hat wohl keine Zeit für dich, Leonie? Was meinst du?“
„Er ist keine Eisenbahn“, gab Leonie zurück. „Er kann nicht auf die Minute pünktlich vorfahren. Auf den Straßen herrscht dichter Verkehr.“ Im gleichen Moment, als sie die Sätze aussprach, ärgerte sie sich über sich selbst. Warum sich vor dieser eingebildeten Pute verteidigen? Sophie Schubert konnte ihr den Buckel runterrutschen. Es ging sie nichts an, wann Jan kam.
Sophie schaute nach links und rechts die leere Straße entlang. „Aaah jjja … wirklich! Voll der dichte Verkehr. Sieht man!“ Jetzt war ihr Grinsend hämisch. Und herausfordernd.
Leonie ging nicht darauf ein.
Du weißt genau, dass er von Saarbrücken kommt und dort ist der Verkehr sehr wohl dicht.
Laut sagte sie nichts. Noch einmal würde sie der dämlichen Sophie nicht auf den Leim gehen. Sollte sie lästern!
Nur, dass das alles andere als leicht zu ertragen war. Jan kam nicht und allmählich machte sich ein komisches kleines Gefühl in Leonies Magen breit. Was, wenn die blöde Sophie recht hatte? Wann er keine Zeit für sie hatte, sprich: keine Lust, sich mit ihr zu treffen? Jannik Faber war ein Star. Was juckte den schon ein junges Mädchen? Davon hatte er zehn an jedem Finger.
Sophie hielt die Hand über die Augen, obwohl es bewölkt war. Sie schaute angestrengt die Straße entlang. „Herrjeh! Ich schaue und schaue, aber ich sehe nichts.“
Vielleicht bist du über Nacht erblindet, dachte Leonie. Sie war wütend und verunsichert. Musste die Stänkerkuh unbedingt hier herumlungern und ihre ätzenden Sprüche loslassen? Die war doch nur neidisch.
Sophie gab dem Mädchen neben ihr einen kleinen Schubs: „Was meinst du, Finja? Könnte es sein, dass Nik keine Zeit hat und nicht kommen kann?“
Finja schürzte die Lippen: „Wenn du mich fragst: Sieht beinahe so aus. Wie es scheint, hat Nik keine Lust, Leonie abzuholen. Sicher hat er anderes zu tun, als mit Leonie Ammon auszugehen.“
„Das sehe ich auch so“, sprach Sophie. Ihre Stimme war laut und getragen wie die eines Priesters während der Messe. „Nik kann nicht kommen, weil er zu tun hat.“
„Ich würde es anders formulieren, Sophie.“ Finjas Grinsen glich sich dem von Sophie an. „Nik hat keinen Bock, zu kommen.“
Sophie machte große Augen. „Meinst du?“, fragte sie in gespieltem Bedauern. „Och nee! Das wäre ja wohl dann sehr unangenehm, nicht wahr?“ Sie warf Leonie einen Seitenblick zu. „Für Leonie.“
Leonie schwieg verbissen. Sie war empört. Was hatten die zwei Hühner hier herumzustänkern?! Es war ekelhaft. Es war widerlich. Sie hasste es. Leider wusste sie nicht, was sie dagegen tun konnte. Sie fühlte sich hilflos und ausgeliefert. Es war mehr als unangenehm.
Nächstes Mal verabrede ich mich mit Jan woanders, nahm sie sich vor. Sie seufzte innerlich. Falls es denn ein nächstes Mal geben wird.
Einige der Mädchen verdünnisierten sich. Es war offensichtlich, dass Jannik Faber Leonie versetzte. Immer mehr Girls traten den Rückzug an.
„Autogramm ist eh keins drin“, sagte Nina Anschütz, die in der Klasse zwei Reihen vor Leonie saß. Sie hakte sich bei ihrer Freundin Julia Adams unter: „Komm, ziehen wir Leine, Julchen. Hier ist für uns nichts zu holen.“ Die beiden zogen ab. Weitere folgten.
Zum Schluss standen nur Sophie Schubert und Finja Didion auf dem Bürgersteig. Und Pia Jeblick, die sich ein Stück weit von den beiden Meckerziegen aufgestellt hatte. Sie hielt ihr Handy bereit, um Fotos zu schießen.
Leonie tat ganz unbeteiligt. Sie wollte Sophie Schubert den Triumph nicht gönnen, sie dauernd auf die Uhr schauen zu sehen.
Es nützte nichts.
„Warum schaust du nicht mal auf deine Armbanduhr?“, fragte Sophie. „Jetzt ist er nämlich echt über die Zeit, Leonie. Schau mal die Straße runter! Siehst du ihn? Ich nicht.“ Sie stubste Finja an: „Du vielleicht, Finja?“
Finja schaute die Straße hoch und runter. „Ich sehe nichts. Wirklich nicht. Ach, zu dumm! Er kommt wohl wirklich nicht, was meinst du Leonie?“
Leonie gab keine Antwort.
Sophie wedelte mit der Hand: „He, Leonie! Finja hat dich etwas gefragt!“
Pia ging zu Leonie. „Könntet ihr mal den Rand halten?“, fuhr sie die zwei Stänkerziegen an. „Was geht es euch an, wann Leonies Freund kommt?!“
Sophie nahm Pia aufs Korn: „Bist du jetzt neuerdings Leonies Anwältin, Pia? Was spielst du dich so auf? Was geht es dich an, wenn wir Leonie etwas fragen? Man wird doch wohl noch fragen dürfen!“
Pia stellte sich neben Leonie: „Hör nicht auf die beiden! Die wollen nur stänkern. Reagier einfach nicht auf sie!“
Tue ich nicht, dachte Leonie. Doch innerlich kochte sie vor Wut. Sie war dankbar für Pias Unterstützung.
Sophie stimmte einen leisen Singsang an: „Nik, oh mein Nik. Wann kommst duuuu?“ Sie und Finja grinsten gemein.
„Sie stand da und litt“, sang Sophie. „Doch er verpasste ihr einen Tritt.“
„Oh aueraaa! Oh Schmerz!“, jodelte Finja.
„Da brach ihr glatt das Herz“, sang Sophie.
Etwas kam die Straße herunter. Sie hörten das basstiefe Singen des großen Sechszylinders. Sophies und Finjas Gesang erstarb mitten im Satz.
Leonie fühlte Erleichterung. Er kam. Jan kam. Gott sei Dank.
Pia legte ihr einen Arm um die Schultern: „Siehst du, da kommt er. Es war bestimmt viel Verkehr in Saarbrücken.“
„Ja, bestimmt“, gab Leonie zurück. Sie warf einen Blick zur Seite. Dort standen Sophie und Finja. Die beiden wussten anscheinend nicht, ob sie überrascht oder wütend sein sollten. Sie glotzten dämlich aus der Wäsche.
Geschieht euch recht, dachte Leonie. Wenn ihr ein Autogramm von Jan wollt, werde ich ihm sagen, er soll euch keins geben, ihr gemeinen Mistbienen!
Der dunkelgrüne Morgan hielt vor ihr an. Sein Motor erstarb. Jannik Faber stieg aus. Wieder umrundete er in aller Seelenruhe die lange Motorhaube, um zu ihr zu kommen. Pia nahm den Arm weg. Mit großen Augen schaute sie Jannik Faber entgegen.
Jan blieb vor Leonie stehen: „Hi, Leonie.“ Er fasste sie bei den Ellbogen und küsste sie auf den Mund. „Schön, dich zu sehen. Ich habe mich verspätet. Rollie ließ mich nicht weg. Da waren noch ein paar Pressefritzen die unbedingt Fotos machen wollten.“ Er rollte mit den Augen: „Als ob es nicht genug Fotos von mir gäbe. Und dann dieser Verkehr in Saarbrücken! Mann! Echt die Seuche!“
„Macht nichts“, sagte Leonie. Ihr war schwummerig - vor Erleichterung und von seinem Kuss. Von dem Kuss hatte sie auch weiche Knie bekommen. „Ich dachte mir schon, dass du schlecht aus Saarbrücken rausgekommen bist.“
Er umarmte sie und gab sie wieder frei: „Nächstes Mal fahre ich früher los.“ Sein Lächeln ließ ihr Herz schlagen.
Er wollte eine Geste in Richtung Sophie und Finja machen, ihnen vielleicht winken oder sie grüßen.
Nein! Leonie schaute Jan intensiv an. Sie sprach mit den Augen. Die beiden Hühner nicht! Die waren böse zu mir! Nur Pia ist lieb! Sie versuchte all ihr Gefühl in die mit den Augen gesendete Botschaft zu legen.
Er versteht mich nicht, dachte sie. Jungen können das nicht. Jungen können Mädchen nichts von den Augen ablesen. Mama hat es mir erklärt. Sie …
Jan küsste sie erneut. Dann lächelte er Pia an: „He, bist du nicht Pia? Wir kennen uns doch.“ Er reichte Pia die Hand. Die fiel beinahe in Ohnmacht.
„Ha-Hallo“, brachte sie hervor. Sie hielt ihr Handy hoch.
Jan lächelte sie an: „Foto?“ Er schaute auf die Uhr: „Wir sind spät dran, Pia. Wir müssen sofort los, Leonie und ich.“ Er blickte Leonie an und zwinkerte unmerklich. „Weißt du was, Pia? Komm mit. Wir fahren dich nach Hause. Unterwegs kannst du deine Fotos schießen. Solch eine kurze Strecke kann ich es wagen. Ihr beiden Mädels seid ja rank und schlank.“ Er lachte. „Los, ab, ins Auto!“ Er öffnete die Beifahrertür: „Du zuerst Leonie! Ich will dich neben mir haben. Rück in die Mitte, dann passt Pia neben dich. Schnallt euch an! Wenn ein Foto im Internet auftaucht, auf dem jemand neben mir im Auto sitzt und nicht angeschnallt ist, reißt mir mein Manager den Kopf ab. Den brauche ich aber noch. Ohne Kopf singt es sich so schlecht.“ Er lachte.
Leonie stieg ein, gefolgt von Pia, die aussah, als habe sie gerade den lieben Gott persönlich getroffen. Jan schloss die Tür. Er lief zur anderen Seite und stieg ein. Er reichte Pia einen Selfiestick: „Hier bitte. Für deine Fotoaufnahmen.“
Während Pia ihr Handy am Stick montierte, ließ Jan den Motor an. Dann legte er den rechten Arm um Leonies Schultern. „Du musst schalten, Leonie. Zu dritt ist es zu eng im Cockpit. Ich komm nicht an die Schaltung ran. Erster Gang bitte!“
Leonie legte den Gang ein.
„Besten Dank“, sagte Jan. „Auf geht’s!“ Er ließ den Morgan flott anrollen. Mit grollendem Motor fuhren sie davon. Im Augenwinkel sah Leonie Sophie und Finja am Bordstein stehen und dumm aus der Wäsche gucken. Die zwei waren so überrumpelt, dass sie nicht daran gedacht hatten, ihre Handys zu zücken, um Fotos zu schießen.
Geschieht euch recht!, dachte Leonie, während sie den zweiten Gang einlegte.

Thema: Stargirl Leonie(10)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(10) 20.05.2018 19:20 Forum: Stargirl Leonie

Der Schultag verging beinahe wie jeder andere auch. Aber in den Pausen wurde Leonie belagert. Die Mädchen wollten jedes Detail ihres Treffens mit Jannik Faber hören. Leonie tat ihnen den Gefallen, aber sie fand es anstrengend. Die Adresse der Eisdiele rückte sie nicht raus. Falls Jan sie noch einmal mit zu Luigi nehmen würde, wollte sie keinen Pulk von Fans um sich herum haben.
Das Leben als Star ist nicht leicht, dachte sie während der letzten Stunde. Wenn die schon so an mir dran hängen, wie muss es Jan und seinen Freunden erst ergehen? Nicht nur die Presse, auch die vielen Fans. Sie sind überall. Muss kompliziert sein.
Der Gedanke, dass sie jederzeit mit Fans und Presseleuten rechnen musste, wenn sie noch einmal mit Jan etwas unternahm, gefiel ihr nicht. Aber sie musste es wohl hinnehmen. Das war der Preis für ein weiteres Treffen mit Jan. Mit ihrem Schwarm.
Leonie schwärmte für Jannik Faber, seit sie die Peoples kannte. Er war so anders als Jungs in seinem Alter. Er war ernst und in sich gekehrt. Er wirkte so viel erwachsener als seine Bandkollegen. Und er war derjenige, der die Peoples am Laufen hielt. Es war Jan, der die Songs schrieb und mit der Band einübte, das wusste sie aus den Berichten. Jedes Lied der Peoples ging auf Jans Konto. Maximilian Krage half beim Arrangieren und er brachte zusätzliche Instrumente mit ein. Im Studio tauchte er oft mit allen möglichen Sachen auf. Es schien nichts zu geben, was Max nicht spielen konnte. Er spielte Saxophon und Trompete, Posaune und Klarinette. Er war perfekt am Piano und er spielte Akkordeon und alle mögliche Saiteninstrumente wie Gitarre, Banjo und sogar Geige.
Daneben konnte er Mundharmonika ebenso gut spielen wie verschiedene Flöten und er besaß sogar einen Dudelsack. Seit einem Jahr spielte er Lithophon. Dazu waren Steine verschiedener Größen wie ein großes Xylophon aufgebaut und er schlug mit hölzernen oder metallenen Hämmerchen darauf ein, was unglaubliche Tonfolgen hervor brachte. Die Studioversionen der Peoples-Songs enthielten jede Menge Tonspuren mit teils exotischen Musikinstrumenten im Hintergrund, alle von Maximilian gespielt. Aber die Drums waren sein Ding. Die spielte er am liebsten.
Jan spielte Gitarre und Banjo und Mundharmonika und er sang fantastisch.
Florian Bennett spielte Gitarre und Timo Neumann Bass. Sie beherrschten ihre Instrumente virtuos. Beide sangen fast nur Background und im peoplestypischen Dreigesang. Auf jeder CD gab es je ein Lied, das entweder von Timo oder Florian solo gesungen wurde. Die beiden hatten nicht die perfekte Solostimme wie Jan.
Aber sie waren die beiden Sonnyboys der Band, diejenigen, die immer gut drauf waren und die nichts anbrennen ließen. Man sah Florian und Timo fast immer in Begleitung von Mädchen.
Jannik nie. Leonie konnte sich nicht erinnern, Fotos gesehen zu haben, auf denen er mit Mädchen zusammen abgebildet war. Jan war Single. Vielleicht waren die Mädchen gerade deshalb hinter ihm her.
Max war in festen Händen. Er hatte seit Jahren eine feste Freundin. Was die Fans nicht davon abhielt, ihn anzuhimmeln.
Aber Jan war allein. Immer schon. Leonie musste daran denken, wie die zwei Enkelinnen von Luigi darüber gesprochen hatten, dass Jannik noch nie ein Mädchen mit in die Eisdiele gebracht hatte. Und hatte Elvira nicht etwas ähnliches das Aufnahmestudio betreffend gesagt?
Aber mich hat er mitgebracht, dachte sie. Mich! Und er will mich wiedersehen.
Immer, wenn sie daran dachte, fiel es ihr schwer, es zu glauben. Alles kam ihr wie ein seltsamer Traum vor. Ausgerechnet sie, die kleine unscheinbare Leonie Ammon! Sie hatte er mitgenommen! Spontan. Einfach so. Jannik Faber, der sonst nicht mit Fanmädchen herumzog.

*

Jannik stellte Beule an einem versteckten Platz ab. Sie hatten mehrere davon, Rollie sei Dank. Mochten Timo und Florian über Rolf Geigers angebliche Kontrollsucht maulen, Rollie machte seinen Job gut. Er schirmte die Peoples von den Fans und der Presse ab, wo es möglich war und kanalisierte das öffentliche Interesse.
Lästig war es trotzdem. Jannik dachte daran, dass er sein Auto das letzte Mal vor zwei Jahren einfach so am Straßenrand hatte parken können. Das war lange her.
Anfangs war es irgendwie cool gewesen, wenn plötzlich überall Fans zusammenliefen und einen um ein Autogramm und ein Foto baten. Es fühlte sich toll an, berühmt zu sein. Jannik spielte gerne in der Band. Es war immer eine Schau, auf den Volksfesten in der Saarpfalz-Gegend aufzutreten und mehr und mehr Fans zu haben, mit jedem Konzert bekannter zu werden und - das musste er zugeben - mehr Geld fürs Spielen zu bekommen.
Als Rollie das Management der Peoples übernahm und sie ganz nach oben brachte, war das schön gewesen, die Erfüllung all ihrer Träume. Es war wie ein Rausch, eine ganze Halle von Menschen zu bespielen, die voll mitgingen. Doch mit der Berühmtheit waren die Einschränkungen gekommen. Wo Jannik ging und stand, war er von Fans umlagert. Es ließ sich kaum vermeiden. In Saarbrücken zeigte er sich kaum noch öffentlich, außer er wollte dass man ihn fotografierte und um Autogramme bat.
Öffentlichkeitsarbeit nannte Rollie das. „Leute, hebt nicht ab“, sagte er immer wieder. „Bleibt auf dem Teppich! Benehmt euch wie ganz normale junge Männer. Und zeigt euch! Die Fans wollen euch sehen. Sie wollen euch nahe sein. Also lasst sie. Drückt euch nicht vor Autogrammen und Fotos. Jedes Autogramm, das ihr gebt, macht die Peoples bekannter und jedes Fotos, das gemacht wird, verkauft noch mehr Konzertkarten und CDs.
Der gute alte Rollie. Er hatte die Peoples zusammengeschweißt und auf Richtung gebracht. Vorher waren sie auf Volksfesten herumgetingelt und hatten viele Coverversionen gespielt. Nachdem Rolf Geiger ihr Manager geworden war, war damit Schluss. Es war Rollie gewesen, der den typischen Dreigesang der Peoples angeregt hatte und von ihnen gefordert hatte, selbst zu komponieren.
„Die Peoples müssen was Eigenes darstellen“, hatte er verlangt. „Spielt eure eigene Musik! Nachahmen kann jeder. Selbst komponieren und arrangieren können nur die wirklich Guten. Ihr wollt doch gut sein, oder?“
Ja, das wollten sie. Also hatte Jannik in jeder freien Minute Songs geschrieben und mit der Band eingeübt. Er hatte den anstrengendsten Job im Quartett. Unterstützt wurde er nur von Maximilian, der ihm bei den Arrangements zur Seite stand und bei vielen Songs zusätzliche Instrumente mit einbrachte. Timo und Florian waren gut am Bass und an der Gitarre, aber sie konnten nur spielen. Komponieren und Texten war ihre Sache nicht. Sie ließen sich durch die Tage treiben und genossen das neue Leben in Berühmtheit und Reichtum in vollen Zügen. Keiner der beiden hatte je auch nur eine einzige Textzeile geschrieben.
Auf den CDs stand unter den einzelnen Titeln fast immer Faber, gelegentlich Faber/Krage. Neumann oder Bennett tauchten nicht auf.
Aber motzen, wenn ich mehr Geld einnehme, dachte Jannik, als er das Studio durch einen Seiteneingang betrat. Er bekam natürlich mehr Kohle aufs Konto, weil er zusätzlich zu den Einnahmen der Band noch Tantiemen für die von ihm komponierten Songs erhielt. Schreibt doch selbst mal was!
Taten die beiden nicht. Das überließen sie ihm. Das war von Anfang an so gewesen, als er und Max die Band gründeten. Florian und Timo erfanden keine Songs. Sie spielten nur nach, was man ihnen beibrachte. Aber sie genossen ihr Leben als Stars.
Jannik nicht. Nicht mehr. Inzwischen hatte er genug davon. Immer öfter träumte er davon, sich zurückzuziehen und im Verborgenen zu leben. Er wollte nicht ewig auf der Bühne stehen. Es belastete ihn mehr und mehr.
Sie himmeln mich doch nur des Aussehens wegen an und wegen des Peoples-Images, dachte er, als er auf die Toilette ging und sich danach vorm Spiegel überm Handwaschbecken die Haare kämmte. Es ist wie mit allen Boygroups. Es ist das Image, das die Fans anhimmeln, ein künstliches Idol. Mich kennt doch niemand wirklich. Wie denn auch?
Der Gedanke, in zehn Jahren noch immer auf der Bühne herumzuhopsen, erfüllte ihn mit eisigem Entsetzen. Er wollte so schnell wie möglich genug Geld verdienen, um auszusteigen. Der Vertrag mit Rolf Geiger lief drei Jahre.
Ein Jahr noch, überlegte Jannik. Bis dahin werde ich mehr als genug Geld zusammen haben. Ich bin ja längst Multimillionär. Ich bekomme zusätzlich auch weiterhin Tantiemen als Komponist, wenn ein Song von uns im Radio gespielt wird oder eine CD verkauft wird. Viel länger als drei Jahre hält der Hype um eine Boygroup eh nicht an. Rollie weiß das. Der ist ein alter Hase im Showgeschäft. Drum hat er den Vertrag so kurz gehalten.
Für Jannik stand heute schon fest, dass er keine Verlängerung unterschreiben würde. Das sagte er allerdings nicht laut. Das behielt er für sich.
Im Aufnahmestudio herrsche Betrieb wie auf dem Jahrmarkt. Jannik verkniff sich, mit den Augen zu rollen.
Sind die schon da? Rollie sagte, erst nach den Aufnahmen. Mann!
Sie waren im Rudel angetreten. Journalisten und Fotografen von FACTORY, POPJUGEND und natürlich HALLO. Florian und Timo waren mittendrin. Die beiden genossen den Trubel. Maximilian saß am Schlagzeug und redete mit einer Reporterin von FACTORY. Sie machte sich eifrig Notizen.
Als Jannik eintrat, fielen sie über ihn her. Mikrofone und Objektive starrten ihn an wie eine Wand von Speeren.
„Wo ist das Mädchen von gestern?“, lautete die erste Frage.
Jannik blieb ruhig. „Habt ihr es nicht knallen gehört?“, fragte er höflich. „Sie ist geplatzt.“ Die Meute lachte pflichtschuldig.
„Witzig, Nik. So kennen wir dich“, sagte der Mann von POPJUGEND. „Aber mal im Ernst: Wo ist sie? Schon wieder raus aus deinem Radar? Eine Eintagsfliege?“
„Sie ist gestern fünfzehn geworden, Leute, das habt ihr doch mitbekommen, oder?“ Jannik schaute sie der Reihe nach an. „Sagt mal, kennt ihr die Gesetze unserer Republik nicht? Bei uns herrscht Schulpflicht bis achtzehn! Wo soll sie sein? In der Schule natürlich. Im Jugend-KZ! War ich auch mal. Entsetzlich! Die bislang schrecklichste Erfahrung meines Lebens.“
Florian kam von der Seite und legte ihm einen Arm um die Schulter. Er grinste ihn an: „Wir haben nix verraten, Nik. Haben eisern geschwiegen, als sie uns wegen deiner neuen Puppe auszuquetschen versuchten.“ Er tat, als zöge er einen Reißverschluss über seinen Lippen zu: „Kein Wort kam aus unseren Mündern. Sie sollten dumm sterben!“ Er lachte.
Jannik musste tief durchatmen. Nicht schon wieder! Florian hatte was eingeworfen. Himmel! Schon am frühen Morgen! Es wurde allmählich unangenehm.
Du solltest das bleiben lassen, Flori! Drogen sind wie eine Reise. Wer zu oft auf die Reise geht, der kommt eines schönen Tages nicht mehr zurück. Wo hast du das Dreckzeugs bloß her? Reicht dir der Alk nicht mehr?
Er feixte in Richtung der Presse: „Das nennt man Freunde! Sie geben nichts preis. Gut so.“ Er tat, als wolle er Florian küssen. „Mein lieber guter Bennetto. Bekämpfer der Windmühlen und Beschweiger der Reporter.“ Er machte sich von Florian los: „Wir haben zu tun, Leute. Das dritte Stück auf der CD soll neu eingespielt werden. Fehler in der zweiten Gitarrenspur und die Drums stimmen nicht hundertprozentig, meint Rollie.“
„Meint die Technik“, kam es von Rolf. Der Manager saß mit Elvira an einem kleinen Tischchen und spielte Dame mit der Putzfrau. „Außerdem hat Max vorgeschlagen, die Flöte rauszunehmen und stattdessen ein Mundharmonika-Solo einzubauen. Das kannst du übernehmen, Nik.“
Jannik zuckte die Achseln. „Von mir aus. Wir können ja mal probieren.“
Die folgende Dreiviertelstunde verging mit mehreren Aufnahmen des gleichen Musiktitels, bis die Aufnahmetechnik zufrieden war. Dann fügte Jannik per Dubbing ein Solo auf der Mundharmonika ein.
„Klingt dämlich!“, lautete sein vernichtendes Urteil, als sie sich den Song über die Soundanlage anhörten. „Das passt kein bisschen! Nein, das bleibt nicht so!“
„Im zweiten Teil des Solos könntest du Bendings reinbringen“, schlug Maximilian vor. „Oder fang gleich in der zweiten Position an.“
Jannik hielt seine Mundharmonika hoch: „Mit der schon mal gar nicht. Die ist in C. Wenn ich cross spiele, spiel ich in G. Passt genauso wenig. Die zweite Gitarre startet in E-Dur. Wenn, dann muss Florian die Akkorde anders greifen.“ Er kratzte sich am Kopf: „Timo? Das musst du dann auch am Bass ausgleichen. Kriegst du das hin?“
„Kann meine Oma stricken?“, antwortete der Bassist grinsend. „Klar, kann ich das.“
„Dann mal los!“, verlangte Jannik. „Das Ganze von vorne. Florian? Diesmal in G, ja?“
Florian deutete eine Verbeugung an: „Ganz wie Ihr wünscht, Euer Durchlaucht. In G also.“ Er stellte sich hinters Mikrofon und griff den entsprechenden Akkord am Griffbrett seiner Elektrogitarre: „Kann losgehen.“
Es ging los. Beim Abhören war Jannik nicht zufrieden. „Jetzt stimmt meine Spur nicht mehr. Herrgott! Technik? Zurück! Alles aus! Nur die erste Gitarre neu aufnehmen.“ Er spielte seinen Gitarrenpart neu. Anschließend lief die Musik wieder durch und Jannik spielte das Mundharmonika-Solo.
„Etwas besser“, fand er beim Abhören des Titels. „Aber da fehlt immer noch was! Leute, nochmal! Timo? Spiel die Bassline etwas schneller. Ein paar Griffwechsel mehr! Florian? Hinter dem zweiten G will ich ein D-Moll! Auch zu Beginn der zweiten Zeile im Refrain! Ich unterlege dich an der Gitarre mit einem zusätzlichen Cord. Dann klingt es, wie es soll.“
Wieder spielten sie den Titel. Jannik hörte sich alles an und verlangte Änderungen. Wie ein Diktator lenkte er die Band. Erst beim fünften Einspielen war er zufrieden.
„Das kommt so auf die CD“, erklärte er der Technik. „Speichert das als Master!“
Florian ließ sich auf die Knie fallen. Er hob die Arme gen Himmel und begann lauthals zu deklamieren: „Gott in der Höhe sei Dank! Endlich ist er zufrieden! Ich dachte schon, ich muss bis Mitternacht immer die gleichen Akkorde spielen. Meine Finger fangen gleich an zu bluten. Oh Herr, wir sind nur kleine Kinder. Erlöse uns von diesem Schinder. Amen.“
Sie legten die Instrumente beiseite und gaben den Presseleuten Interviews. Elvira hatte Rollie inzwischen beim Damespiel geschlagen und servierte allen frisch gebrühten Kaffee.
Der Reporter der HALLO schaute auf die Armbanduhr: „Bald Mittag. Nik, holst du die Kleine von gestern nachher wieder an der Schule ab?“
„Keine Zeit“, antwortete Jannik. Er verscheuchte Elvira, der ihm Zucker in den Kaffee tun wollte. „Lass das! Ich hass das! Du weißt doch, dass ich ihn immer schwarz trinke.“ Er wandte sich wieder dem Mann der HALLO zu: „Wir haben direkt nach dem Mittagessen Werbeaufnahmen für einen Mobilfunkanbieter und danach eine Pressekonferenz. Wir sind immer eingespannt. Das Musikerleben ist hart. Man hat nie Zeit.“
„Nicht mal für eine Freundin?“, fragte der Reporter. „Max ist in festen Händen und Florian und Timo haben ständig Mädchen. Nur du eigentlich nicht.“
Jannik grinste den Mann an: „Ja, ja, und deshalb habt ihr vor vier Monaten Andeutungen gemacht, ich sei möglicherweise schwul, nicht wahr?“
„Nun ja ...“ Der Mann ringelte sich wie ein Wurm am Angelhaken. „Wir schulden den Fans Informationen. Die Fans lieben dich. Sie wollen das wissen.“
Nein, du willst die Auflage deines Magazins steigern, dachte Jannik. Er sah Rollies warnenden Blick. Reg dich ab, Geigerzähler! Nik Faber wird nicht patzig. Keine Angst, Dicker!
„Natürlich wollen die Fans das wissen“, sagte Jannik. „Reines Interesse.“
„Ja, genau“, meinte der Mann von HALLO. „Also, wieso sieht man so gut wie nie ein Mädchen an deiner Seite.“
„Wollen Sie das wirklich wissen?“, fragte Jannik. Er schaute sehr ernst drein.
„Natürlich!“ Der Reporter beugte sich vor. Die Kameras rückten Jannik ein Stückchen näher auf die Pelle.
„Nun“, begann Jannik. „Es ist ganz einfach. Ich ...“ Er zögerte gekonnt, „... ich kann nichts dafür. Ich … ich bin schüchtern. Ganz einfach.“
Sie waren verblüfft. Alle.
„Schüchtern?“, fragte der von der HALLO. „Du? Nik Faber und schüchtern. Davon merkt man aber auf der Bühne nichts.“
„Ist eben so“, sagte Jannik. „Auf der Bühne gehe ich voll aus mir raus, Als Musiker kann ich alles geben, aber privat bin ich schüchtern.“
Das drucken sie!, dachte er. Und das senden sie! Die Fans werden es fressen! Nik Faber ist schüchtern. Die Mädels werden mich noch mehr anschwärmen. Rollie wird’s freuen.
Er bemühte sich nach Kräften, nicht zu grinsen.
Sollten sie es glauben!

Thema: Stargirl Leonie(9)
Stefan Steinmetz

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Stargirl Leonie(9) 18.05.2018 15:52 Forum: Stargirl Leonie

Als Leonie am nächsten Morgen zur Schule ging, fühlte sie sich anders als tags zuvor. Keine Angst, kein Hadern mit sich selbst, weil sie Mist gebaut hatte. Stattdessen war sie von Kopf bis Fuß angefüllt mit Verliebtheit. Jeder zweite Gedanke galt Jannik Faber. Sie konnte praktisch an nichts anderes denken.
Er wollte sie wiedersehen. Er hatte es gesagt. Sie hatten eine Verabredung. Morgen erst. Leonie hatte das Gefühl, dass eine Ewigkeit zwischen ihr und dem Treffen mit Jan stand. Aber sie würden sich wiedersehen.
„A dream comes true“, dachte sie auf Englisch. „Ein Traum wird wahr.“ Sie sagte die Zeile in Gedanken. „A dream comes true.“ Sie versuchte, eine dazu passende Melodie zu finden und die Zeile zu verlängern. Zuerst ging es nicht. Dann änderte sie das kleine Gedicht in ihrem Kopf. Sie stellte die Zeilen um.
„School´s over, I see you
and a dream comes true“.
Das war es. Fehlte noch die Melodie. Die versteckte sich hartnäckig vor Leonie. Also konzentrierte sie sich auf die Worte. Während sie ihren Schulweg fortsetzte, bastelte sie an dem kleinen Gedicht herum. Zwischendurch dachte sie an Jan.
Wir sind verabredet. Wir haben ein Date. Wir werden uns wiedersehen. Wir werden Freunde. Ich habe einen Freund. Ich bin nicht mehr allein, auch wenn Lena fort ist.
Lena Hussong war ihre beste Freundin gewesen. Seit der ersten Klasse waren sie befreundet. Sie hatten in der Schule immer nebeneinander gesessen. Lena hatte nur zwei Straßen weiter gewohnt.
Dann hatte Lenas Vater einen neuen Job bekommen. Er war Entwicklungsingenieur und würde in Stuttgart bei Mercedes arbeiten. Die Hussongs waren weggezogen und Leonie war allein zurückgeblieben. Außer Lena hatte sie keine engen Freundinnen. Sie war einsam gewesen. Sie schloss nicht leicht Freundschaft.
Egal, jetzt habe ich Jan! Für Leonie stand fest, dass sie und Jan zusammenkommen würden. Sie war verliebt bis über beide Ohren. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Sie schwebte.
„Walking hand in hand with you,
and a dream comes true.“
Sie kam bei der Schule an. Schüler standen in kleinen Gruppen herum. Alles schien wie immer. Erst als Leonie zwischen den Grüppchen hindurch zum Eingang des Schulgebäudes ging, merkte sie es. Eine Spannung lag über dem Schulhof. Die Luft schien elektrisch aufgeladen zu sein. Neugierige Blicke streiften sie. Vor allem die Mädchen schauten sie an.
Gruppen teilten sich vor ihr. Man ließ sie durch. Schweigende Blicke. Kritische Musterung. Leonie fühlte sich unwohl. Es gefiel ihr nicht, quasi mitten auf dem Präsentierteller zu stehen. Sie sah zu, dass sie ins Schulhaus kam.
In der Klasse flogen sofort alle Köpfe hoch, zumindest die der Mädchen. Leonie sah etliche I-Phones in aufgeregten Händen. Sie erkannte Fotos von sich und Jan, die Fotos die in den Social-Media geposted waren.
Leonie ging zu ihrem Tisch und setzte sich neben ihre Banknachbarin Frankziska Aulenbacher. Franziska schaute sie an wie das achte Weltwunder. „Guten Morgen“, hauchte sie. Leonie hörte etwas aus ihrer Stimme heraus. Es war Ehrfurcht. Sie sah die anderen Mädchen an. Auch in ihren Augen stand Ehrfurcht, gelegentlich gepaart mit Neid. Sie blickte zu Sophie Schubert hinüber und erkannte auch in ihren Augen diese scheue Ehrfurcht. Ausgerechnet Sophie Schubert!
Franziska stieß sie in die Seite. „Mensch, du warst mit den Peoples im Studio! Ich habe die Bilder gesehen. Hat Nik dich tatsächlich mitgenommen?“
Alle Augen fokussierten auf Leonie. Atemloses Schweigen ringsum. Alle lauschten. Keine wollte die Antwort verpassen.
Leonie schaute ihre Banknachbarin an und schüttelte den Kopf: „Nein, Nik hat mich nicht mitgenommen. Nach dem Eisessen hat er mich nach Hause gebracht. Das im Studio ist eine aufblasbare Puppe mit meinem Gesicht gewesen.“
Franziska riss die Augen auf: „Waaas?“ Sie brauchte geschlagene fünf Sekunden, bis sie kapierte, was abging. „Leonie Ammon! Du verarschst mich gerade! Natürlich warst du mit Nik im Aufnahmestudio! Ich habe doch die Fotos gesehen!“
„Nö. War eine Aufblaspuppe“, gab Leonie zurück. Sie wusste nicht, warum sie diese Show abzog, aber es machte Spaß. „Da ist so ein Foto-Automat im Bahnhof. Man lässt sich knipsen und das Ding spuckt hinten eine Aufblaspuppe mit deinem Gesicht aus. Ehrlich, Frankziska.“ Die Mädchen ringsum lauschten mit aufgerissenen Augen.
„Du lügst!“, rief Franziska. „Du hast dich bewegt! Auf den Fotos sitzt du mal auf einer Bank an der Wand, dann stehst du neben Nik. Einmal hat er sogar den Arm um dich gelegt.“
„Die Puppe hat Elektromotoren“, erklärte Leonie todernst. „Mit Fernsteuerung. Elvira hat das Teil per Funk gesteuert.“
„Elvira?“
„Die Putzfrau. Elvira ist übrigens ein Mann. Er heißt Elvira, weil er ein Tatoo von einer halbnackten Frau auf dem Oberarm hat. Da steht Elvira drunter. Drum hat er den Spitznamen.“
„Wenn du das so genau weißt, warst du selber dort!“ Frankziska nahm sie aufs Korn: „Mich legst du nicht rein.“
„Also gut“, gab Leonie zu. „Ich war dort. Ich war es, die sie Aufblaspuppe gesteuert hat.“
Franziska brach in lautes Lachen aus. Die Mädchen rundherum lachten mit. Die Anspannung, die über der halben Klasse gelegen hatte, löste sich.
„Du warst echt im Studio“, sagte Franziska. Sie schaute Leonie bewundernd an. „Irre! Auf den Fotos sieht man, wie Nik dich ansingt.“
„Die Peoples haben ein Lied für ihre neue CD aufgenommen“, sagte Leonie. „Es heißt You.“
Finja Didion lehnte sich aus der Nachbarbank herüber: „Und vorher? Wart ihr echt Eis essen?“
Leonie nickte. „Ja. Es war toll. Jan kennt eine Eisdiele, wo das Eis wirklich noch selbst gemacht wird. Es hat wahnsinnig gut geschmeckt. Beim Eisessen haben wir einen neuen Song für die Peoples erfunden. Er heißt Bratensoße. Ich weiß aber nicht, ob der auf die neue CD mit drauf kommt.“
Finja quietschte. „Bratensoße?“ Sie kicherte. „Das ist nicht dein Ernst!“
„Doch“, gab Leonie zurück. „Auf englisch klingt es besser: Gravy. Jan fand die Idee prima.“
Die Tür ging auf. Ihre Klassenlehrerin trat ein. Damit war die Diskussion fürs Erste beendet.

*

Jannik Faber duschte ausgiebig. Er liebte es, ewig unter dem fließenden Wasser zu stehen und es konnte ihm nicht heiß genug sein. Er benutzte reichlich Shampoo. Er sparte nicht. Die Zeiten waren vorbei, in denen er sein Duschshampoo mit Wasser verdünnt hatte.
Nach der Dusche putzte er sich die Zähne und gurgelte mit teurem Mundwasser hinterher. Dann rasierte er sich nass. Mit der neuesten Dreifachklinge eines bekannten Herstellers. Jannik sparte nicht. Auch das Rasierwasser, das er nach der Rasur benutzte, war keines der kostengünstigen.
Im Kleinen liebte Jannik es luxuriös. Zumindest wollte er nicht sparen. Er schaute nicht länger, wo im Supermarktregal das günstigste Produkt stand. Er griff zu den teuren Sachen. Einzige Ausnahme: seine Zahnpasta. Es war eine mit Wiesenkräutern und eine der billigsten. Die Pasta hatte Jahre zuvor den ersten Platz bei der Stiftung Warentest belegt und seither benutzte er sie.
Jannik verließ das Badezimmer. Im Schlafzimmer holte er frische Klamotten aus dem Schrank und zog sich an. Auch hier gab es nichts Billiges. Keine Jeans vom Discounter, kein T-Shirt aus dem Supermarkt. Janniks Klamotten stammten von Walbusch und Lands´ End oder aus Boutiquen mit Preisschildern, die einem normalen Menschen das Wasser in die Augen trieb.
Nie mehr billig!
Lange genug war das Billigste gerade gut genug für Jannik gewesen, damals als er bei seinem Vater lebte und später, als er bei der Mutter untergekommen war. Immer nur Billigzeugs! Er hatte es gehasst. In der Schule stand er blöd da. Man sah ihm an, dass zu Hause das Geld knapp war. Die Kohle wurde für anderes gebraucht.
Seit Jannik als Leadsänger der Peoples gutes Geld verdiente, gab er es auch aus. Er kaufte nur Sachen von hoher Qualität. Bloß nichts Billiges. Sonderangebote ließ er grundsätzlich links liegen. Er wollte nicht mehr an sein früheres Leben erinnert werden.
Sparsamkeit gab es nur beim Einteilen des hereinkommenden Geldes. Da hatte Jannik feste Grundsätze. Während Timo und Florian die Tausender mit vollen Händen ausgaben, hielt sich Jannik eisern an seine Regel: zweimal Fifty-Fifty. Mit jedem Tausender, den er verdiente, machte er zweimal Fifty-Fifty. Er teilte den Tausender halbe-halbe. Die eine Hälfte landete auf einem besonderen Konto und wurde dort angesammelt, bis am Ende des Jahres die Steuern fällig waren. Jannik verdiente so viel, dass sich Papa Staat tatsächlich fast die Hälfte davon nahm.
Den übriggebliebenen halben Tausender teilte Jannik noch einmal Fifty-Fifty. Die eine Hälfte landete auf der Bank, die andere war zum Ausgeben da. Seit zwei Jahren verfuhr Jannik so mit seinen Einnahmen, egal, ob er dreitausend im Monat machte oder dreihunderttausend. Er ging nicht von seiner selbst aufgestellten Regel ab.
„Wenn ich mal zehn Millionen auf der Bank habe, höre ich eventuell damit auf“, hatte er Max anvertraut, als sie bei Maximilians Eltern zu Besuch waren und durch die Weinberge spazierten. „Aber vorher gehe ich nicht davon ab! Ich muss mein Geld zusammenhalten.“ Er hatte seinen Freund angeschaut: „Max, ich war arm! Arm wie eine Kirchenmaus! Ich will nicht mehr arm sein. Nie mehr! Darum spare ich die Hälfte meiner Einnahmen. Ich lege Geld für schlechte Zeiten zurück. Und mal ehrlich: Die Peoples wird es nicht ewig geben. Ich gebe uns noch ein oder zwei Jahre, höchstens drei. Dann sind wir out. Also scharre ich das Geld zusammen, wo ich nur kann. Du kannst das vielleicht nicht verstehen. Du bist in guten Verhältnissen aufgewachsen. Deine Eltern haben ein Weingut. Du hast keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man sich eine neue Jeans kaufen will und es ist kein Geld dafür da.“
Max hatte ihn ernst angeblickt. In seinem Blick lag Verständnis: „Schon gut, Nik. Ich kann dich verstehen. Ehrlich gesagt finde ich vernünftig, was du machst. Ich hoffe nur, du lässt dich nicht auf windige Anlageberater ein.“
Jannik hatte seinen Freund angegrinst: „Auf keinen Fall! Der einzige Anlagenberater, den ich habe, ist der Kerl, der mich beim Rasieren aus dem Spiegel anschaut.“
Jannik lief durch die Zimmer seines Hauses zur Garage. Er kam durchs Wohnzimmer und umrundete das Piano, das seit vier Monaten dort stand. Er nahm heimlich Klavierstunden. Er wollte Noten lesen und schreiben lernen und Klavierspielen, damit er besser komponieren konnte. Außerdem träumte er davon, mit Komponieren Geld zu verdienen. Seine Bandkollegen hatten keine Ahnung, dass der Leadsänger Klavierstunden nahm. Die mussten nicht alles wissen, fand Jannik.
Er ging zur Garage. Man konnte sie vom Haus aus betreten. Es war eine Doppelgarage. Ganz außen stand der grüne Morgan Roadster, in der Mitte zwei Fahrräder und vorne wartete Beule auf ihn. Jannik entschied sich für Beule. Der Dacia Sandero sah verboten aus. Er machte seinem Namen alle Ehre. Vorne im Kotflügel dräute eine riesige Beule. An den Rändern war der Lack abgeplatzt und mit billigem Spachtel notdürftig repariert worden. Der Lack war einmal flammenrot gewesen. Heute sah er verwaschen und ausgelutscht aus, völlig ausgebleicht, als hätte der Dacia schon mehr als fünfzehn Jahre auf dem Buckel. Dabei war er nagelneu. Keine drei Monate war es her, als Jannik ihn gekauft hatte.
Er hatte ihn in eine Werkstatt gebracht und dort war man dem armen Auto zu Leibe gerückt und hatte den Dacia auf uralt getrimmt. Man war mit Schleifgeräten und aggressiven chemischen Mitteln über den Lack hergefallen und hatte fachmännisch eine Beule in die Karosserie geschlagen. Keiner, der den Dacia im Straßenverkehr sah, würde ihn mit Jannik Faber, dem Leadsänger der Peoples in Verbindung bringen.
Jannik stieg ein und startete den Motor. Langsam steuerte er Beule zur Grundstücksausfahrt. Die hohen Gittertore öffneten sich elektrisch und ließen Beule zwischen hohen Mauern hindurch nach draußen auf die Straße.
Jannik war fünf Monate zuvor in das Haus eingezogen und bis jetzt hatte die Presse ihn nicht aufgespürt. Das war das Beste daran, fand er. Er mochte es nicht, wenn die Fotografen seine Wohnung belagerten. Eine Weile war das ziemlich schlimm gewesen, vor allem, als er noch in Saarbrücken zur Miete gewohnt hatte. Jetzt hatte er seine Ruhe. Vorläufig jedenfalls.
Er schaltete das Radio ein und steuerte Beule nach Saarbrücken. Ein arbeitsreicher Tag wartete auf ihn. Keine Chance auf ein bisschen Privatleben. Aber morgen! Morgen würde er Leonie wiedersehen.
Beim Gedanken an das Mädchen fühlte er sich eigenartig. Er freute sich darauf, sie wiederzusehen. Sehr sogar.
Die kleine Stimme in seinem Kopf meldete sich zu Wort: „Sie ist wie Johanna!“
Jannik lenkte Beule durch den wüsten Verkehr Saarbrückens. Er fühlte einen Schmerz in seinem Herzen. Selbst an sie zu denken, tat weh.
Wie Johanna?, fragte er in Gedanken. Quark! Johanna sieht ganz anders aus. Sie hat schwarze Haare. Sie ist größer. Sie ist so alt wie ich. Sie …
„Die gleichen Augen!“, sagte die kleine Stimme. „Sogar die Farbe ist exakt dieselbe.“
Jannik dachte nach. Hatte die kleine Stimme in seinem Kopf etwa recht?
Er dachte daran, wie er Leonies verzweifelten Brief in Händen gehalten hatte. An das Foto von ihr. Es war keine besonders gute Aufnahme, aber etwas an dem Bild hatte ihn angezogen.
Die Augen …
Hellgrau und sanft und freundlich. Wie Johanna. Wie Uhlchen. Stimmte das?
Leonie war kleiner und zierlicher als Johanna. Sie war sanft, fast schüchtern. Aber das konnte daran liegen, dass sie in seiner Gegenwart eingeschüchtert war. Schließlich war er der Bandleader der Peoples.
„Es steht in ihren Augen“, sagte die Stimme in seinem Kopf. „Du hast es sofort erkannt, als du sie das erste Mal gesehen hast. Sie ist wie Johanna.“
„Johanna“, flüsterte Jannik. „Mein Gott, Uhlchen! Johanna!“

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