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Geschrieben von Stefan Steinmetz am 06.02.2017 um 19:44:

Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(22)

Ethan schuftete an der Kuppel. Es konnte ihm nicht schnell genug gehen. Seit sie die Kuppel aus Ziegeln aufbauten, wollte er sie fertig vor sich sehen. Ein Gebäude aus Ziegeln. Etwas Solides. Das war doch was ganz anderes als diese aufblasbaren Wohnschlauchboote.
Ethan traute den Habitaten nicht so ganz. Für ihn waren es Schläuche aus Plastik. Schon ein kleiner Meteor konnte ein Loch hinein schlagen. Er hörte förmlich das Zischen entweichender Luft: Fiiiuuuu. Ein Bau aus Ziegeln war viel stabiler. Er träumte bereits von Wohnhäusern aus Marsziegeln.
Aber noch viel mehr träumte er davon, den Mars zu verlassen.
Ethan McDuff war eines der Glückskinder, die mit dem silbernen Löffel geboren wurden. Seine Eltern waren mehr als wohlhabend; sie waren reich. Richtig reich. Ethan hatte schon als Jugendlicher ein eigenes Segelboot gehabt. Als Erwachsener bekam er eine große Jacht und er war Autos gefahren, von denen andere Amerikaner nur träumen konnten. Ethan hatte ein Leben in Saus und Braus gelebt. Seine größte Leidenschaft war das Segeln. Daneben war er von ganzem Herzen ein Tüftler und Bastler. Er hatte unglaubliches Geschick darin, Dinge zu reparieren und Neues aus irgendwelchen Teilen zusammen zu bauen. Er brachte kaputte Rasentraktoren wieder in Gang, er flickte die Pumpen und Filteranlagen der Swimmingpools der Nachbarn. Er konnte Autos reparieren und Klimaanlagen nachrüsten oder die Motoren tunen. Er bekam alles was kaputt war, wieder zum Laufen. Er hatte nicht nur sein eigenes Segelboot mit allerlei Gimmicks ausgerüstet. Er hatte auch früh angefangen, die Jachten anderer Leute aufzurüsten, auszubauen und zu verbessern.
Ethan McDuff wusste welche Schnüre die besten waren. Er kannte alle Winschen und wusste um Stärken und Schwächen der einzelnen Modelle. Wenn es um Segel ging, machte ihm keiner etwas vor. Er konnte einem Segler aus dem Stand die besten Empfehlungen geben.
Die Segelschule hatte er vom Geld seines Vaters aufgebaut. Eines schönen Tages war sein alter Herr auf ihn zugekommen und hatte ihm einen großen Betrag überschrieben.
„Mach was draus, Ethan!“, hatte sein Dad gesagt. „Egal wie du das Geld benutzt, sieh zu, dass es dir den Lebensunterhalt sichert. Ein Mann muss abgesichert sein.“ Da hatte Ethan noch nicht gewusst, wie es um die Finanzen seines Vaters stand.
Ethan hatte seine Segelschule aufgebaut. Mit mehreren Gebrauchtjachten hatte er angefangen. Er hatte Segellehrer eingestellt und seine Kunden auch selbst unterrichtet.
Ethan hievte einen Ziegel in Position und richtete ihn aus. Instinktiv wollte er sich mit der rechten Hand den Schweiß von der Stirn wischen. Sein Handschuh kratzte über das Visier seines Helms. Ethan musste grinsen. Seltsam, wie man an alten Gewohnheiten festhing. Hier draußen in der eisigen Wüste des roten Planeten konnte man sich nicht die Stirne wischen. Man steckte immerzu in einem dicken Marsanzug.
„Und?“, hatte sein Dad ihn gefragt. „Bringt deine Segelschule was ein?“
„Ja“, hatte Ethan erwidert. „Vielleicht nicht so viel wie dir deine Aktiengeschäfte eintragen, aber ich habe ein gutes Auskommen. Ich kann mich jederzeit vergrößern. Kunden gibt es mehr als genug. Wir haben eine Warteliste.“
Sein Vater hatte gelacht. Es war ein freundliches Lachen gewesen, in dem auch etwas Anerkennung mitschwang: „Du hast dieses Ding aus dem Stand heraus aufgezogen und ganz nebenbei deine größte Leidenschaft zu deinem Beruf gemacht.“ Sein alter Herr hatte gelächelt. „Das ist gut, Ethan. Kein Mann sollte etwas machen, was er nicht leiden kann. Ich habe immer gespürt, dass du mit dem Jonglieren an der Börse nichts am Hut hattest. Du bist kein Manager. Du bist ein Macher. Ich bin stolz auf dich.“
Das hatte sein Vater mit dem freundlichsten Gesicht der Welt gesagt und doch hatte Ethan gespürt, dass er es nicht ganz ehrlich meinte. Sein Vater hatte eine Art, seinen Sohn durch die Blume wissen zu lassen, dass er nicht ganz so toll fand, was er da machte. Diese Segelschule war nicht der Bringer, ließ sein Dad durchblicken. Das ist was für kleine Leute, Ethan. Reich wirst du damit nicht.
Danach fing Ethan an, selbst Jachten zu entwerfen und auf Kundenwunsch zu bauen. Sowieso hingen ihm damals die Segelschüler bereits zum Hals heraus. Manche von den Typen gingen ihm dermaßen auf die Nerven mit ihrer Schusseligkeit, dass er an sich halten musste. Ethan musste auch zu den dämlichsten Segelschülern nett sein, anstatt sie zusammen zu stauchen.
Der Jachtbau machte mehr Spaß und er brachte bedeutend mehr Geld ein.
Bei den Kunden, die Jachten bei ihm bestellten, musste sich Ethan nicht zwingen, freundlich zu lächeln. Der Gedanke an das Geld, dass ihm ein neuer Auftrag einbringen würde, ließ sein Gesicht wie von selbst in einem breiten Lächeln explodieren.
Bis zu seiner Aufnahme in die Endrunde von Mars First hatte Ethan McDuff sechsunddreißig Segeljachten an den Mann gebracht. Jede einzelne war individuell auf den Besteller maßgeschneidert. Damit hatte sich Ethan McDuff einen Namen gemacht. Er war ein gemachter Mann gewesen.
Was sich als seine Rettung herausstellte.
Sein Vater hatte nur noch die mühsamen Anfänge des Jachtbaus miterlebt. Er war zusammen mit Ethans Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Nach dem Tod seiner Eltern kam der große Schock für Ethan. Er erbte keinen Cent! Sein Vater hinterließ einen riesigen Berg Schulden. Er hatte sich in seinen letzten vier Jahren gewaltig verspekuliert und nicht nur alles verloren, sondern er stand bei mehreren Banken tief in der Kreide. Ethan blieb nichts anderes übrig, als das Erbe abzulehnen. Damit war alles weg; buchstäblich alles. Das große Anwesen seiner Eltern, die wertvolle Kunstsammlung, die Autos, die wertvollen Oldtimeer, die Jacht der Eltern, der Privatjet. Einfach alles. Ohne den Jachtbau und die Segelschule wäre Ethan am Ende gewesen.
Sein Vater, der ihm stets hintenrum vorgehalten hatte, dass Ethan nur kleine Brötchen backte, dieser Vater hatte offensichtlich Mist gebaut. Und er hatte es gewusst! Statt gegenzusteuern und sich aus der Scheiße zu lavieren, war er sturheil immer tiefer hineingeritten. Der Anwalt der Familie erklärte es Ethan bis ins kleinste Detail.
„Dein Vater hat sich im Laufe der Jahre verändert, Ethan“, hatte Mark Border berichtet. „Wo er früher umsichtig und schlau vorging, wurde er in den letzten Jahren seines Lebens plötzlich gierig und habsüchtig. Er ging Risiken ein, die ein Mann nicht eingehen darf, wenn du verstehst, was ich meine.
Es fing damit an, dass er große Kredite aufnahm, um sein Aktiengeschäft auszuweiten.“ Border hatte den Kopf geschüttelt. „Manchmal kommt es mir so vor, als hätte er geahnt, wohin das führen konnte. Er hat dir damals Geld überschrieben und dir aufgetragen, dir etwas aufzubauen. Er wusste um das Risiko, aber er konnte nicht zurück. Er ging seinen Weg weiter bis in den Untergang.“
Von einem Tag auf den anderen gehörte Ethan McDuff nicht mehr zur Oberschicht. Leute, die einmal seine Freunde gewesen waren, grüßten ihn nicht mehr. Er verlor seine Mitgliedschaft im angesehenen Beachclub. Plötzlich war er ein kleiner Niemand. Es war ein totaler Schock für Ethan.
Ohne die Segelschule und den beginnenden Jachtbau hätte er nichts gehabt. Er hätte buchstäblich mit leeren Händen dagestanden. Damals war der Albtraum wieder gekommen, der Albtraum, den er mit Mitte Zwanzig gehabt hatte. Es war nicht das letzte Mal.
Er hatte sich in die Arbeit gekniet und noch härter geschuftet als zuvor. Es gab keinen Puffer mehr zwischen ihm und der absoluten Armut, nur noch seine Segelschule mit dem daran angeschlossenen Jachtbau.
Und er schaffte es. Der Bau der Individual-Jachten wurde zu seinem Hauptgeschäft und brachte ihm viel Geld ein. Trotzdem ließ er die Segelschule nebenbei mitlaufen. Er wollte die Sicherheit nicht aufgeben. Aber er stellte weitere Segellehrer ein und zog sich selbst zurück. Er kümmerte sich nur noch um den Jachtbau. Das lag ihm mehr.
Dann kam Mars First.
Als Ethan davon erfuhr, war er wie elektrisiert. Das größte Abenteuer der Menschheit seit der Fahrt des Christoph Kolumbus! Und er hatte die Chance, dabei zu sein. Es gab kein Halten mehr. Ethan hatte alles getan, um in die engere Auswahl zu kommen. Er hatte es geschafft.
Doch es hatte ihn gewaltig gefuchst, dass es ihm nicht gelang, in der ersten Crew zu sein, die zum Mars flog.
Als Katsuro Yamamoto ausfiel und Ethan nachrücken konnte, hatte er das als Geschenk des Himmels angesehen.
Er hatte seine persönlichen Angelegenheiten geordnet und dafür gesorgt, dass alles auf ihn warten würde, denn Ethan hatte von Anfang an darauf gesetzt, dass es irgendwann eine Rückkehr zur Erde geben würde, vielleicht in zehn bis fünfzehn Jahren. Er hatte einen Treuhänder eingesetzt, der sich um den Jachtbau und die Segelschule kümmerte und sein ganzes Geld in zukunftssichere Aktien gesteckt.
Landwirtschaft, hatte sein Vater gesagt, Landwirtschaft ist das ganz große Ding. Immer mehr Menschen auf der Erde müssen mit dem wenigen Ackerboden ernährt werden. Es braucht Maschinen und Dünger und neue Pflanzenzüchtungen, um das zu schaffen Wer heute in diese Zukunftsaktien investiert, der ist in zehn Jahren ein gemachter Mann. Leider hatte Ethans Vater nicht mehr miterlebt, wie genau diese Aktien zu steigen begannen. Ethan hatte es noch mitbekommen, bevor er die Rakete bestiegen hatte, die ihn zum Mars brachte.
In Gedanken hatte er sich bereits als reicher Rückkehrer vom Mars gesehen, als gefeierten Helden. Vielleicht fünfzehn Jahre … bis dahin würde die Technik so weit sein für eine mögliche Rückreise zu Mutter Erde.
Angst hatte Ethan eigentlich keine gehabt. Schön, Raketen waren etwas echt Wildes. Manchmal explodierte eine. Aber den Rest der Angelegenheit hatte er als Routine angesehen. Alles war gut durchdacht. Die Sachen waren von bester Qualität. Was sollte schon groß passieren. Nur sein Unterbewusstsein schien anderer Meinung, denn es sandte Ethan wieder den unangenehmen Albtraum. Ethan hatte die Warnung missachtet. Er war zu scharf auf den Flug zum Mars.
Dann war die Voraus-Mission verlorengegangen. Mit einem Mal war Ethan das Risiko bewusst geworden, das er eingegangen war. Ihm war ein eisiger Schreck in die Glieder gefahren. Die Reise zum Mars war nicht der Spaziergang, als den die Typen von Mars First sie immer dargestellt hatten. Der Flug war gefährlich. Die Landung erst recht und das Leben hier oben war hart und entbehrungsreich. Und verdammt unsicher!
Mit Schaudern dachte Ethan an die Nacht zurück, als dieses dämliche Ventil verreckt war. Nachdem er den Schaden gefixt hatte, war er ins Bett gegangen. In jener Nacht hatte er den schrecklichen Albtraum wieder gehabt. Er war schweißgebadet aufgewacht und hatte sich gefragt, warum er nicht auf den verfluchten Traum gehört hatte, als es noch ging.
Denn Ethan hatte auch ein paar Tage vor dem Start der Rakete geträumt.
Ich Trottel!, dachte er. Warum habe ich nicht auf die Stimme meines Unterbewusstseins gehört? Jetzt sitze ich hier oben fest, wo es wahnsinnig gefährlich ist.
Der Mars gefiel ihm nicht mehr. Er wollte nur noch weg und zwar so schnell wie möglich.
Seufzend beendete er seine Arbeit. Eine Reihe Ziegel war neu aufgesetzt. Die Kuppel wuchs mit atemberaubender Geschwindigkeit. Es war Zeit, reinzugehen. Er wollte Maus zeigen, was er für sie gebaut hatte.

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