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Geschrieben von Stefan Steinmetz am 31.01.2017 um 03:40:

Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(20)

Zwei Wochen später. Frühmorgens in der Marskolonie:

Ein Wecker piepte leise. Ethan McDuff stand auf. Ächzend reckte und streckte er sich. Mit einem Knopfdruck aktivierte er die Kameras. Ende der Privatsphäre. Mit ernstem Gesicht schaute er in die Linsen: „Ich grüße euch dort unten auf der Erde. Ich hoffe, es geht euch gut. Ich wünschte, ich könnte jetzt bei euch sein und mit euch zusammen eine schöne Zeit haben.“ Er seufzte. „Aber ich bin hier. Tja, so ist das eben. Ich wusste, auf was ich mich einlasse, als ich bei Mars First unterschrieben habe. Mir war von Anfang an klar, dass es gefährlich sein würde und dann ich sogar mein Leben riskiere.“
Ethan trat dicht vor eine der Kameras: „Nun ist es soweit. Wir werden alle sterben. Wir haben keine Chance. Es ist aus! Aus und vorbei! Was soll ich sagen? Ich sage: Heute ist ein guter Tag, um zu sterben.“
Ethan trat zum Bett. Sanft rüttelte er an Laura Sunderlands Schulter: „Liebling, wach auf! Es ist soweit. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen.“
Laura erhob sich. Sie rieb sich die Augen. „Was ist?“
Ethan umarmte sie. „Ich liebe dich, Baby. Komm steh auf! Es ist Zeit. Sei tapfer. Ich bin bei dir. Wir sind zusammen. Ich komme gleich wieder.“
Ethan verließ das Habitat. Er lief durch die Reihe der Dragons zur benachbarten Living-Unit und klopfte an die geschlossene Schleuse: „Arne? Maus? Seid ihr wach? Bitte steht auf. Es ist soweit. Lasst uns zusammen sein, wenn es passiert.“
Von drinnen antwortete eine schlaftrunkene Stimme. Es war Arne: „Wir duschen erst noch, Ethan.“
„Geht klar“, rief McDuff. „Wir treffen uns in einer Stunde in Habitat 3. Wir wollen es gemeinsam durchstehen.“

Eine Stunde später fanden sich die vier Kolonisten in Habitat 3 ein. Ein Tisch war aufgestellt worden. Lauter gute Sachen warteten auf die Marsianer. Maus und Laura hatten aus mitgebrachten Vorräten Kuchen gebacken und sie hatten die letzten Kaffeerationen angeknabbert.
Die vier Marsies setzten sich an den Tisch. Sie aßen Kuchen und tranken Kaffee.
„Wozu sollten wir den Kaffee weiter rationieren?“, fragte Maus. „Wo es doch nun zu Ende ist. Unser letzter Tag!“ Sie seufzte schwer: „Ach, es ist nicht leicht.“ Sie blickte traurig in die Kameras. „Ich wusste, dass das passieren konnte. Aber es ist schwer zu ertragen. Ich bin doch noch so jung! Ich hatte das ganze Leben noch vor mir. Ach!“ Sie kuschelte sich an Arne. Der drückte sie fest an sich.
„Ich bin bei dir, Antje“, sprach er und schaute sie liebevoll an. „Du bist nicht allein.“ Nun schaute er in die Kameras: „Es ist tragisch. Alles fing so gut an und nun ist es aus. Alles aus!“ Er ließ den Kopf hängen.
„Ich will nicht sterben“, sage Laura Sunderland. „Es ist so ungerecht! Warum ist es so gekommen? Wir haben doch alles richtig gemacht!“
Ethan umarmte sie: „Ja, das haben wir, Laura. Aber es hat nichts genützt. Wir müssen uns dem Unausweichlichen stellen. Wir werden heute sterben. Und niemand kann uns helfen.“
Mit Grabesstimme sprach er in die laufenden Kameras: „All ihr Lieben dort unten auf der Erde! Bitte denkt an uns! Betet für uns! Wir lieben euch alle. Wir haben nur noch Stunden zu leben. So ist es nun einmal. Heute werden wir sterben. So steht es geschrieben. Es ist der achtundsechzigste Tag unserer Mission und wir ...“
Arne fuhr auf: „Was? Wie bitte?“
Ethan schaute den Deutschen an: „Heute ist der achtundsechzigste Tag unserer Mission.“
Arne runzelte die Stirn: „Ähm … nein! Nein, nein! Ethan, da bringst du etwas durcheinander, mein Lieber. Heute ist unser neunundsechzigster Tag auf dem Mars. Schau doch auf dem Kalender nach.“
Ethan sperrte den Mund auf: „Ja, aber …“ Eine Weile schwieg er. „Ist das wahr? Heute ist der neunundsechzigste Tag?“
„Aber ja“, sagte Arne. „Ich habe es auf dem Computerbildschirm gesehen. Ganz sicher.“
Ethan blickte in die Kameras: „So ist das also. Wir sterben gar nicht. Wir sind schon tot. Alle vier!“ Er zeigte in die Runde: „Ich sitze hier mit einer Bande von Geistern am Tisch und esse Kuchen.“
„Wir sind Gespenster!“, rief Laura. „Tot! Tot und gestorben! Gestern! An unserem achtundsechzigsten Tag!“
Antje stopfte sich Stück Kuchen in den Mund. „Mist!“, nuschelte sie. „Ich habe überhaupt nicht gemerkt, als ich gestorben bin. Dabei wollte ich doch meiner Mutti schreiben, wie es sich anfühlt.“
Die vier Marsies schauten grinsend in die Kameras. Plötzlich wieherten sie laut los. Sie kriegten sich nicht mehr ein.
„Wir sind tot!“, grölten sie. „Tot und gestorben. Keiner lebt mehr! Es hat und hinweg gerafft!“
„So eine Kacke!“, beschwerte sich Arne. „Jetzt muss ich den Rest meines Lebens als Leiche verbringen!“
Er lachte in die Kameras: „Hallo liebe Leute des MIT. Wie ihr seht, sind wir tot. Alle vier.“ Er umarmte Maus. „Mausetot!“
„Leute, lasst die Scherze“, bat Ethan lachend. „Macht euch lieber fertig. Wir müssen zu unsere Beerdigung.“ Er schaute in die Runde: „Hmm … wer begräbt eigentlich wen?“
„Wir könnten Hölzchen ziehen“, schlug Laura vor.
Ethan griff zur Fernbedienung. Er schaltete den großen Flatscreen an der Wand ein und startete einen Videoclip. Es war eine Dokumentation, die lange vor dem Start der Mars First Mission gedreht worden war. Zwei Studenten des MIT standen auf einer Rednertribüne und erklärten bis ins Kleinste, dass Mars First scheitern würde. Sie rechneten en detail aus, dass die Marsianer am achtundsechzigsten Tag auf dem Mars sterben würden. Man sah den Bengeln an, dass es ihnen eine geradezu hämische Freude bereitete, das Mars First Projekt in der Luft zu zerreißen.
„Liebe Zuschauer“, sprach Ethan mit dem freundlichsten Gesicht der Welt in die Kameras. „Hier sehen Sie zwei sprechende Ar … mleuchter. Zwei von vielen. Was haben sie auf uns herumgehackt. Ich denke, inzwischen sehen sie ein, dass sie alle falsch lagen. Hier bei uns läuft alles gut. Es ist ein bisschen eng, wie Laura schon sagte. Es ist wirklich schade, dass wir die Voraus-Mission verloren haben. Diese aufblasbare Kuppel könnten wir gut gebrauchen.
Aber wir bauen unsere eigene Kuppel aus soliden Mars-Ziegeln.“ Er schlug Arne auf die Schulter. „Der Perchlorator hat sie für uns projektiert und bald werden wir sie einrichten. Es handelt sich nur noch um Wochen. Wir kommen doppelt so schnell voran, wie Arne es ausgerechnet hat.“
Laura verpasste ihm einen Knuff in die Rippen: „Weil du uns hetzt, du Sklaventreiber!“
„Ich meine es nur gut“, sagte Ethan. „Wir brauchen die Kuppel. Dann haben wir endlich einen Raum für Freizeitaktivitäten. Wir werden das Ding einrichten wie einen Gartenpark.“ Er kraulte seinen Bart: „Hm … ich überlege gerade, dass wir eigentlich rausgehen und feste an unseren Bauwerk arbeiten sollten ...“
„Nein!“, brüllten die drei anderen. „Heute haben wir frei! Heute feiern wir unsere Beerdigung! Heute wird nicht geschuftet!“

Also gönnten sich die vier Frischverstorbenen einen freien Tag. Außer den notwendigen Routinekontrollen taten sie keinen Handschlag. Sie faulenzten ausgiebig und gönnten sich von den inzwischen gewachsenen Pflanzen aus den Treibhäusern das beste Essen.
Nachmittags fuhren sie im Rover zu den Hügeln im Westen, einfach so, just for fun. Sie stromerten in den Hügeln herum und halfen Laura bei der Suche nach Fossilien und interessanten Objekten, die sie zur Untersuchung mit in die Kolonie nehmen konnte. Sie zeigten den Zuschauern mithilfe ihrer Helmkameras und den Kameras des Rovers die herrliche Landschaft des Mars. Die Hügel bestanden aus riffähnlichen Gesteinsformationen und rotem Sand. Es lagen nicht viele Brocken herum. Bei der Gelegenheit gaben sie dem Hügelland einen Namen: West Hills. Vom höchsten Hügel aus schauten sie zur Kolonie zurück und zur Sierra Ramparta, dem gezackten Rand des großen Rampart-Kraters, der den Horizont im Norden begrenzte. Über die Kolonie hinaus konnten sie in die Flatlands schauen. Sie ließen den Blick über die flache, mit Kratern in allen Größen überzogene Ebene schweifen.
„Wie klein unsere Kolonie ist“, sagte Laura. „Man sieht sie fast nicht, weil inzwischen alle Living-Units mit Sand bedeckt sind.“
„Bloß am Hinterende von Nr 3 guckt ein weißes Stück heraus“, sagte Antje.
Sie hatten das Habitat, das die Werkstatt und das größere Treibhaus beherbergte, nicht komplett mit Sand zugeschüttet, weil Arne gesagt hatte, er könne sich vorstellen, am Hinterende der Living- Unit eine zusätzliche Schleuse zu installieren und dort eine weitere Kuppel aufzubauen oder vielleicht das erste Wohnhaus. Jetzt, wo sie die Ziegel aus den 3-D-Druckern zur Verfügung hatten, konnten sie nach Lust und Laune bauen. Es war nur eine Frage der Zeit, die sie täglich dafür erübrigen konnten.
Arne hatte Laura versprochen, ihr ein großes Haus zu errichten. Es sollte oben eine Kuppel haben und zwei Stockwerke tief in den Marsboden hinunter reichen. Dadurch würde es besonders gut gegen die Weltraumstrahlung geschützt sein, die nun einmal leider Gottes auf die Oberfläche des roten Planeten herunter prasselte.

Nach dem Abendessen wollte Ethan die Musikinstrumente hervor holen, um Hausmusik zu veranstalten.
„Warte, Ethan“, sagte Antje. „Komm mal her zum Computer. Ich habe etwas für dich.“
Ethan kam zu ihr und setzte sich vor den Rechner: „Du hast etwas für mich?“ Er lächelte sie an: „Was denn? Eine Mausefalle?“
„Nein, Ethan.“ Antje klickte ein Icon an. Ein Programm startete. „Ich habe seit Wochen daran herumgebastelt. Heimlich natürlich, damit du nichts davon mitbekommst. Es sollte ja eine Überraschung werden. Ich denke, anlässlich deines Todestages hast du es dir verdient. Bitteschön, lieber Ethan!“ Sie klickte erneut mit der Maus.
Auf dem Bildschirm startete eine Videopräsentation. Man sah den Mars vom Weltall aus. Langsam fuhr die virtuelle Kamera näher. Im Hintergrund sprach Antjes Stimme: „Mars! Der rote Planet. Ewiger Menschheitstraum. Vor Jahrhunderten haben unsere Vorfahren den roten Planeten besiedelt. Stück für Stück haben sie ihn dann durch gezieltes Terraforming in eine neue Heimat für die Menschen verwandelt. Heute können wir auf dem Mars genauso gut leben wie auf der Erde. Es gibt einer atembare Atmosphäre und es wachsen Pflanzen.“
Die virtuelle Kamera fuhr noch tiefer hinab. Sie zoomte auf auf Orcus Patera, den riesigen, langgezogenen Krater nordöstlich der Mars First Kolonie. Dann wechselte der Kamerastandpunkt. Nun sauste die Kamera in einem virtuellen Flugzeug über die Marsoberfläche auf den Kraterrand zu. Drunten am Boden war keine rote Wüste. Dort wuchsen Bäume und Sträucher. Es gab überall menschliche Siedlungen. Man sah Felder und Wiesen. Flüsse schlängelten sich durch die Landschaft. Straßen führten nach allen Seiten.
„Wow!“, rief Ethan. „Das sieht ja mal cool aus! Du hast ein Programm geschrieben, mit dem man den Mars in einer fernen Zukunft sieht, nach erfolgreichem Terraforming.“ Er lachte Antje an: „Danke, Maus! Das ist klasse!“
„Das ist noch nicht alles, Ethan“, sagte Antje. Sie zeigte auf den Flatscreen: „Schau!“
Das virtuelle Flugzeug flog über den Kraterrand hinweg und zeigte dann Orcus Patera.
„Mein Gott!“, entfuhr es Ethan. Der Amerikaner starrte mit offenem Mund auf den Bildschirm. „Das … das … oh mein Gott!“ Unter der Kamera breitete sich ein gigantischer See aus. Der gesamte Orcus Patera Krater war mit Wasser gefüllt. Es war ein langgestreckter See von dreihundertachzig Kilometern Länge, an der breitesten Stelle hundertvierzig Kilometer breit. Eigentlich war es ein Meer. Ein Meer auf dem Mars.

Orcus Patera: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2010/08/27/orcus-patera-eine-ratselhafte-struktur-am-mars/

Die Kamera flog über der Wasseroberfläche. Man sah einige Krater aus dem Meer ragen. Dann flog das virtuelle Flugzeug die Meeresküste entlang. Überall gab es Dörfer. Im Hintergrund erklärte die Stimme von Antje, dass es sich hauptsächlich um Fischerdörfer handelte.
Dann stoppte das Bild in einem Hafen. Man sah eine schnittige, weiße Segeljacht an einem Anlegesteg liegen.
„Dies ist die Jacht von Ethan McDuff, einem Marsianer, der südwestlich von Orcus Patera lebt. An den Wochenenden kommt er gerne her, um sich beim Segeln auf dem Patera-Meer zu entspannen“, erklärte Antjes Stimme.
Neben der Jacht poppte ein kleines Fensterchen auf. Ein Cursor blinkte darin.
Antje legte Ethan die Hände auf die Schultern: „Da kannst du den Namen deines Segelbootes eingeben, Ethan. Dann kannst du segeln, wann immer dir danach ist. Ich weiß, es nicht das gleiche wie wirkliches Segeln auf der Erde, aber ich hoffe, du hast ein kleines bisschen Freude daran.“
Ethan schluckte. Er schluckte und schluckte. Dann schluckte er noch einmal. „Maus!“, sagte er schließlich. Seine Stimme war belegt. „Mensch, Maus!“
Antje zeigte ihm, wie man in dem Programm navigierte: „Hier kannst du die Beschreibung aufrufen. Alles ist sehr simpel aufgebaut. Du kannst segeln und an Bord sein oder von außen zuschauen. Du kannst jederzeit den Kamerastandpunkt ändern. Du kannst die verschiedenen Segel bedienen. Du kannst Fotos schießen. Wenn du etwas anklickst, erhältst du Infos. Zum Beispiel die Kraterinseln. Orcus Patera ist ja topfeben. Die vier großen Krater ragen aus dem flachen Meer. Du kannst diesen Kraterinseln Namen geben.“ Antje lächelte Ethan an: „Du kannst ihnen selbsterfundene Namen geben. Wenn dir danach ist, kannst du auch Häuser darauf bauen. Das Programm gibt das her. Du kannst an der Küste ein eigenes Dorf gründen. Einen Hafen erschaffen. Hier unten kannst du die Zoomfunktion ein und ausschalten.“
Ethan klickte auf das Icon. Er fuhr die Kamera zurück, bis er das komplette Meer auf dem Mars sehen konnte. „Die Inseln da … diese Krater … die werde ich nach uns benennen.“
Er klickte sich durch das Menü. „Im Norden liegt Sunderland. Dann kommt Mouse Island, dann … hmm … Arne´s Home und dann ...“
„McDuff´s Island?“, half Antje nach.
Ethan schüttelte den Kopf: „Nein. Diese Kraterinsel nenne ich South Scotia.“ Er lachte hellauf. „Mensch, Maus! Das ist klasse! Einfach klasse!“ Der Amerikaner sprang auf und umarmte Antje. „Danke, Maus! Vielen Dank. Das ist das schönste Geschenk, das mir je gemacht wurde. Gott, ist das schön! Ich schätze, ich werde so manche Stunde damit verbringen, auf diesem Kratermeer zu segeln.“

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