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Geschrieben von Stefan Steinmetz am 19.01.2017 um 15:09:

Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(15)

Familie Bishop schaute Mars-TV. Die Marsies erholten sich von einem arbeitsreichen Tag. Das Fundament der Kuppel war fast fertig. Arne Heuermann hatte Höchstleistungen vollbracht. Sein Schwefelbeton funktionierte. Bei sommerlichen Temperaturen, die gegen Mittag bis auf zwanzig Grad plus anstiegen hatte die Vierercrew das Fundament fertiggestellt. Als sie gegen sechs Uhr nachmittags die Arbeit beendeten, war es auf minus fünfzehn Grad abgekühlt und es wurde rasch kälter.
Liam musste sich die eisige Kälte des Mars immer wieder vor Augen führen. Auf den Fernsehbildern sah man sie nicht, bestenfalls erschienen in einer Leiste am unteren Bildrand die Temperaturangaben in Grad Celsius. Die Kolonisten trugen die Marsanzüge nicht nur wegen des viel zu geringen Atmosphärendruckes sondern auch wegen der Kälte.
Er saß direkt neben Dottie, den linken Arm um ihre Schultern gelegt. Abigail und Penelope fläzten vorm Fernseher auf dem Teppich. Sie kommentierten das Geschehen auf dem Mars mit altklugen Bemerkungen. Gelegentlich gaben sie ein leises „Teep“ von sich. Wenn die Zwillinge mit den Eltern allein zusammen waren, benutzten sie den Bestätigungslaut inzwischen häufig. Waren sie unter fremden Menschen, kam dieser Ton niemals über die Lippen der Mädchen.
Die Marsianer hatten gut zu Abend gegessen. Zu gekochtem Gulasch aus dehydrierten Astronautenrationen hatte es dicke Bohnen gegeben, sowie frischen Kopfsalat mit Radieschen aus eigener Treibhausproduktion. Die selbst erzeugte Nahrung mundete den vier Kolonisten bestens. Bald würden sie noch viel mehr Auswahl an Gemüsen zur Verfügung haben. Würzkräuter gab es auch schon. Die dicken Bohnen stammten aus der Pflanzung, die der Minirover, gesteuert von der Erde aus, im ersten Habitat angelegt hatte.
Sobald die ersten Sojabohnen reif waren, wollten sich Laura Sunderland und Antje van Dijk an die Zubereitung von Kräuterquark wagen. Das war beschlossene Sache.
Ethan McDuff fragte Arne Heuermann nach den Perchloraten, die er entdeckt hatte. Wieder sprach er die Möglichkeit an, diese Chemikalie zur Herstellung von Raketentreibstoff zu nutzen.
„Das wäre kontraproduktiv“, meinte Arne. Er stopfte sich eine Gabel voll Salat in den Mund und kaute verzückt auf der frischen Nahrung herum. „Gott, ist das gut! Endlich nicht mehr nur diese Astronautenrationen!“ Er winkte mit der Gabel in Richtung Ethan. „Diese Perchlorate sind hochtoxisch. Ich bin froh, dass es sie rund um die Kolonie nicht gibt. Als Raketentreibstoff wären Sauerstoff und Wasserstoff viel besser geeignet. Leicht herzustellen. Aus Wasser. Die Perchlorate sind nur zu einem nütze: Sie könnten es schaffen, dass Wasser auf der Marsoberfläche in flüssiger Form existiert. Normalerweise würde Wasser sofort gefrieren und verdampfen. Aber wenn es extrem salzig wäre, könnte es fließen.“
„Wie im Großen Krater?“, fragte Maus. „Hat Laura gesagt.“
Arne nickte: „Ja. Damals vor fünfhundertausend Jahren ist flüssiges Wasser über die Oberfläche geflutet.“
„Aber als Raketentreibstoff wären Perchlorate brauchbar?“, beharrte McDuff.
Arne zuckte die Achseln: „Klar. Als Festtreibstoff. Zusammen mit Aluminiumpulver wäre es perfekt.“
Nach dem Abendessen machte die Crew es sich im Wohnzimmer von Habitat 2 gemütlich. Sie hatten sich angewöhnt, abwechselnd in Habitat 1 und 2 zu essen und ihre Freizeit zu verbringen. Wenn weitere Living-Units zur Verfügung standen, wollten sie eventuell eine davon als großen Gemeinschaftsraum ausbauen.
Auf dem großen Flachbildschirm an der Wohnzimmerwand lief eine Doku über die amerikanische Ostküste. Küstenstädte wurden vorgestellt und Menschen, die außergewöhnlichen Berufen nachgingen. Man sah einen Mann, der Schaukelstühle herstellte. Da gab es einen Gag: Man konnte sich seinen persönlichen Schaukelstuhl mit einer kleinen Feder unten an den Kufen bestellen. Schaukelte man dann gemütlich vor sich hin, quietschte die Feder leise.
Danach wurde eine Bootswerft vorgestellt, in der Segelboote gebaut wurden. Man sah eins der Boote auf dem Ozean, eine schnittige, weiße Jacht, die mit geblähten Segeln über die Wellen ritt.
Ethan McDuff hatte ganze Zeit wortlos dagesessen, und hatte die Doku, ohne einen Piep von sich zu geben, angeschaut. Mit brennenden Augen hatte er der Stimme des Sprechers gelauscht, der die Küstenstädte erklärte und über das Meer sprach.
Als das Segelboot über die blaugrünen Wellen ritt, gab er ein ersticktes Geräusch von sich. Plötzlich sprang er auf. „Das ist ja nicht zum aushalten!“, presste er hervor. Tränen schossen ihm in die Augen. „Verdammt!“ Er lief nach hinten in Richtung Treibhaus. „Verdammt!“, rief er erneut.
Man sah die übrigen drei Crewmitglieder in den bequemen Couchsesseln sitzen. Sie schauten sich betroffen an, die Augen aufgerissen. Sie wirkten erschrocken und ratlos. Eine schnelle Kamerafahrt folgte Ethan McDuff durchs Habitat. Er rannte, wild aufschluchzend, durchs gesamte Habitat, bis er das Ende erreichte, wo rechts und links Pflanzen in den Schalen wuchsen, beleuchtet von Tageslicht-LEDs. Beinahe wäre der Amerikaner in die Wand am Ende der Living-Unit gerannt. Dort stand ein kleiner Hocker aus stabilem Plastik. Aufheulend ließ sich McDuff auf den Hocker fallen. Er schlug die Hände vors Gesicht und weinte wie ein kleines Kind. „Verdammt!“, schluchzte er. „Oh, verdammt!“
Vorne im Wohnzimmer rafften sich Laura, Antje und Arne auf. Sie liefen im Gänsemarsch ans Ende des Habitats, wo sie einen völlig aufgelösten Ethan McDuff vorfanden. Beim Anblick seiner drei Kameraden beruhigte er sich. Er hatte sich soweit unter Kontrolle, dass er aufhören konnte, zu weinen. „Mein Gott!“, keuchte er. „Jesus Christus!“
Laura umarmte ihn: „Ethan! Was ist mit dir?“
„Tut mir leid, Baby“, sagte Ethan. Er atmete tief durch. „Mir ist … das da … grade eben … Jesus Christus!“ Er machte eine hilflose Geste. Wieder holte er tief Luft. Aus geröteten Augen schaute er seine drei Kollegen an. „Tut mir leid, Leute. Bitte entschuldigt. Das war gerade mehr, als ich ertragen konnte. Dieses Boot ...“ Er lehnte sich gegen die Rückwand des Habitats und schaute nach oben. Dort war nichts zu sehen außer einer cremeweißen Kunststoffdecke mit LED-Lampen. Jeder, der diese Fernsehaufnahme sah, wusste, was Ethan McDuffs Augen geradezu verzweifelt suchten: Einen endlos hohen, blauen Himmel mit dicken weißen Wolken. Und rund um ihn herum das Meer.
„Tut mir leid“, wiederholte Ethan. „Mir sind die Gäule durchgegangen. Ich wusste nicht, wie sehr ich es vermisse. Wirklich nicht. Ich … zu Hause bin ich oft und gerne rausgefahren. Mit dem eigenen Segelboot. Das Meer, der Himmel, die Weite ...“ Wieder holte er tief Luft. „Gott, ich vermisse es! Ich vermisse es wirklich sehr! Das hätte ich nicht gedacht. Das Segeln war mein ein und alles. Ich wusste, was ich für den Mars aufgeben musste, aber dass es so hart werden würde, war mir nicht klar.“
Er stand auf und versuchte ein Lächeln. „Es geht schon wieder. Macht euch keine Sorgen. Dem alten McDuff geht’s wieder gut.“
„Rote Bart keelee“, sagte Penny.
„Teep“, bestätigte Abby.
Liam und Dorothy sahen sich an.
„So etwas musste über kurz oder lang passieren“, meinte Liam. „Die Psychologen haben es vorausgesagt. Es kommt zu Gefühlsausbrüchen, wenn die Kolonisten sich darüber klarwerden, was sie alles für immer hinter sich gelassen haben.“
„Oh Ly!“ Dottie schaute ihn mit großen Augen an. „Hast du gesehen, wie Ethan geweint hat? Er war wie ein kleines Kind, das seine Mutter verloren hat.“
„Gut so, dieser gefühlsmäßige Ausbruch“, sagte Liam. „Jetzt kann er besser damit umgehen. Er wird reden. Das tut gut. Er hat es die ganze Zeit in sich hineingefressen.“
Tatsächlich saßen die vier Marsies kurze Zeit später im Wohnzimmer und redeten. Sie tranken Tee und unterhielten sich darüber, was sie alles vermissten. Dabei kamen auch ganz banale Dinge zum Vorschein. Laura Sunderland sagte, sie würde das Knirschen von Schnee unter ihren Stiefeln vermissen und das Tschilpen der Spatzen. Antje van Dijk vermisste das sanfte Trommeln von Regentropfen auf der schrägen Luke ihres Zimmers unterm Dach.
„Ich hatte einen Wohnwagen im Garten stehen“, erzählte sie. „Meine Eltern haben ihn mir zum zwölften Geburtstag geschenkt. Es war ein winzig kleines Ding, uralt, gebraucht gekauft. Er dieses alte Ding gehörte mir. Es wurde mein eigenes kleines Reich. Dort konnte ich lesen und Radio hören. Manchmal übernachtete ich im Wohnwagen. Im Sommer lud ich auch mal eine oder zwei Freundinnen zum Übernachten ein. Es war urgemütlich, wenn es regnete. Dann trommelte der Regen sanft aufs Dach. Ich liebte das Geräusch. Wenn es warm war, saß ich vor dem Wohnwagen. Es gab ein kleines Vordach aus Zeltplane. Darunter saß ich dann, las in meinem Büchern und lauschte dem Regen.
Ich bin, sobald es warm genug war, im Garten barfuß gelaufen. Ich liebte es, die Erde unter meinen Sohlen zu spüren.“ Sie seufzte tief. „Aber am meisten vermisse ich meine Lieben! Allen voran meine Eltern und dann all die Verwandten, die Großeltern und all die anderen. Wir waren eine große Familie, die eng zusammenhielt. Meine Eltern führten ein offenes Haus. Es waren immer Besucher da. Oft blieben sie für einige Tage. Platz genug war vorhanden. Es waren immer Menschen für mich da, die ich liebte. Mit meinen Eltern und Großeltern über Video oder Email zu kommunizieren, ist kein Ersatz für die Nähe.“ Sie schaute zu Arne hin: „Ich bin froh, dich zu haben. Sehr froh.“
Arne räusperte sich. „Ich komme eigentlich ganz gut klar“, sagte er in die Runde. Ein kurzer Blick zur Kamera an der Decke. Der Deutsche war sich der neugierigen Technik, die sie auf Schritt und Tritt beobachtete, sehr wohl bewusst. „Aber manchmal sitze ich da und dann vermisse ich meinen ausgebauten Dachstuhl ganz schrecklich – die Regale voller Bücher. Ein Buch aufzuschlagen ist etwas ganz anderes, als etwas am Computerbildschirm anzuschauen und zu lesen. Meine vielen Modelle. Ich habe sie alle selbst gebaut oder 3-D ausgedruckt. Vor allem aber vermisse ich meine Fernrohre. Ich hatte unterschiedliche: zwei Linsenrefraktoren und ein ziemlich großes Spiegelteleskop. Nachts bin ich oft mit diesen Fernrohren am Himmel spazierengegangen. Hier auf dem Mars haben wir tatsächlich nicht ein einziges Sternenfernrohr. Nicht mal ein ganz simples. Dabei könnte man in klaren Nächten den Himmel sehr gut beobachten.“ Er machte ein schiefes Gesicht: „Na ja … auch wieder nicht. Wenn ich draußen vor den Living-Units den Helm abnähme, um durch das Okular zu schauen, wäre das mein Tod. Man müsste wohl etwas Elektronisches haben, etwas, das draußen fest installiert wäre und von hier drinnen gesteuert wird. Die Bilder müssten auf den Computer übertragen werden.“ Er machte eine wegwerfende Geste: „Das haben wir leider nicht.“ Der Deutsche seufzte: „Sonst noch was? Ja. Meine Eltern vermisse ich auch, aber ich komme mit dieser Videotechnik gut klar. Ich finde es okay, mit Videos und Emails zu kommunizieren. Es tut mir aber wirklich leid, dass meine Mutter mir sehr hinterher trauert. Ach ja, meine Fahrradtouren vermisse ich auch.“ Er schaute Ethan auffordernd an.
„Ich vermisse nicht viel“, sagte der Amerikaner mit ruhiger Stimme. „Mit dem Auto die Küstenstraße entlangfahren. Am Wochenende abends am Strand mit Freunden abhängen. Das war etwas, was ich gerne tat. Aber das Segeln, das geht mir wirklich ab! Mein erstes Boot bekam ich mit zwölf, eine große Jolle. Mit sechzehn dann das erste Boot, gebraucht und recht klein, aber verdammt!, es war mein eigenes und ich habe es so hergerichtet, wie ich es haben wollte. Mit Anfang zwanzig dann meine Jacht, ein Geschenk meiner Eltern. Ja, meine Eltern waren ziemlich wohlhabend. Mein Vater hat mit Börsengeschäften mächtig Kohle gemacht. Er konnte mir jeden Wunsch erfüllen, aber ich wollte immer auf eigenen Füßen stehen. Drum habe ich die Segelschule aufgemacht und als zweites Standbein das Aufrüsten von Gebrauchtbooten angefangen. Vor sieben Jahren fing ich an, selbst Jachten zu entwerfen. Ich wollte Boote für Leute bauen, die wirklich raus ins raue Wasser fahren wollten, keine Spielzeugschiffchen für Wochenendsegler, die nur so weit rausfahren, dass sie den Strand nicht aus den Augen verlieren, um ein bisschen an Deck zu faulenzen und vielleicht zu angeln. Ich habe richtig gute Rauhwasserboote gebaut, Jachten, mit denen man Einhand die Welt umsegeln konnte. Die Leute mochten meine Boote. Der Name McDuff stand für Qualität. Es lief gut, ich verdiente nicht schlecht.“
Ethan seufzte laut. „Mann! Ein Boot klarmachen, rausfahren, die Segel setzen … raus auf den Ozean … das war Freiheit pur. Nichts als Wellen und blauer Himmel um einen herum. Ja, das war es! Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schrecklich fehlen würde. Das gerade eben tut mir leid. Ich bin da ein wenig ausgerastet.“
„Ist doch nicht schlimm, Ethan“, meinte Antje, die liebe gute kleine Maus. „Du bist ein Mensch, Ethan. Menschen haben Gefühle. Menschen haben Sehnsüchte. Menschen vermissen und sie leiden darunter.“
Sie schaute zu Laura hin. Auch Ethan und Arne wandten sich der Kanadierin zu.
Laura schwieg.
„Laura?“, fragte Antje. „Was vermisst du?“
„Nichts“, antwortete Laura. „Absolut nichts, bis auf Kleinigkeiten.“ Sie nickte. „Wirklich, mir fehlt nichts. Ich bin froh, dass ich alles hinter mir gelassen habe!“ Ihr Blick wurde weich: „Ich vermisse nur meine kleine Schwester, sonst niemanden.“
„Sonst niemanden?“, fragte Dorothy. Sie schaute zu Liam hoch: „Meint die das ernst, Ly?“
Er nickte. „Ja, Dottie. Sie hat angegeben, dass sie zu ihrer Familie keinerlei Kontakt mehr hat, mit Ausnahme ihrer jüngeren Schwester.“ Er beobachtete die Kanadierin auf dem Bildschirm. Laura hatte mit einem Mal einen bitteren Zug um den Mund: „Hier bin ich Laura Sunderland, eins von vier Crewmitgliedern. Eine Kolonistin. Geologin und Archaeologin. Auf dem Mars fragt keiner danach, ob ich im richtigen Stadtviertel aufwuchs. Da unten auf der Erde gibt es eine Menge Leute, die ich kein bisschen vermisse.“

*

Antje arbeitete mit Laura in Habitat 3. bereiteten die zweite Generation Stangenbohnen zur Aussaat vor. Von der Erde hatten sie gekühlte Bodenproben mitgebracht. Darin befand sich jede Menge Bodenleben. Am wichtigsten waren die Knöllchenbakterien, die mit den Wurzeln der Bohnen in Symbiose lebten. Nur mithilfe dieser Bakterien waren Bohnen in der Lage, Stickstoff aus der Luft zu ziehen und an ihren Wurzeln zu speichern.
Später würden sie weitere Zuckerrüben aussäen. Die ersten waren aufgegangen und wuchsen fröhlich in ihren Pflanzschalen. Die Marsianer brauchten sie, um Zucker zu produzieren.
Laura steckte „Bohnenstangen“ aus Plastikrohren zusammen. „Häßlich, aber es funktioniert“, meinte sie, als sie Antjes Blick bemerkte. „Mir gefällt dieses graue Plastik auch nicht, Maus. Sie zeigte auf die Pflanzschalen, in denen Petersilie, Schnittlauch, Zwiebeln und Radieschen gediehen: „Wenigstens sind die Schalen grün oder ziegelrot wie früher die guten alten Tontöpfe. Dieses Grau finde ich scheußlich.“ Sie stupste Antje an: „Du doch auch, oder?“
„Weißt du, ein klein wenig gefällt es mir sogar“, sagte Antje.
Laura starrte sie an wie den Mann im Mond: „Wie bitte?“
Antje lachte. „Du hast richtig gehört, Laura.“ Sie steckte die Bohnen in die Erde neben den Plastikrohren. Die Erde war eine Mischung aus entsalztem Marssand, Kompost und dem schwarzen Lavastaub, den Laura draußen gesammelt hatte; das Ganze gemischt mit gemahlenem Lavagrus. Die kleine Mühle hatte McTausendsassa aus 3-D-Druckteilen zusammengebastelt. Sie wurde von einem kleinen, jaulenden Elektromotor angetrieben, der so klang, als würde er jeden Moment den Geist aufgeben. Aber die kleine Gesteinsmühle funktionierte; wie alles, was McDuff zusammenbaute. Lavaerde war fruchtbar, das wusste man von der Erde.
„Als kleines Mädchen war ich verrückt nach Büchern und Filmen, in denen Menschen in irgendwelchen abgeschiedenen Habitaten lebten“, erzählte Antje. „Ich konnte nicht genug kriegen von Geschichten, in denen Leute in unterirdischen Bunkern oder in geheimen Arktisstationen lebten oder in kleinen Kolonien auf fremden Planeten, so wie wir hier auf dem Mars. Sie bauten ihre Lebensmittel in Kellern und geschlossenen Treibhäusern an. Alles wuchs in Plastikschalen oder gemauerten kleinen Beeten.
Ich habe Science-Fiction-Romane verschlungen, in denen Leute in solch einer Umgebung lebten. Die Bücher stammten meistens aus den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Ich habe sie im Regal meines Großvaters gefunden und auf Flohmärkten und im Internet gekauft. Neue Werke habe ich natürlich auch gelesen. Wenn ich ein Buch las oder einen Film sah, träumte ich mich in Gedanken in eine solche Welt.“ Sie lächelte Laura an: „Jetzt lebe ich in einer.“ Sie zeigte auf die häßlichen Bohnenstangen: „Mit all dem Plastik, das dazugehört. Ich habe bekommen, was ich mir immer gewünscht habe. Ich finde es schön. Auf die Kuppel freue ich mich auch schon. Das wird klasse!“
Lauras Blick wurde weich: „Dann hast du ja das große Los gezogen, Maus.“
„Ja, das kann man so sagen“, meinte Antje. Sie dachte an zu Hause, an die Erde, an ihre Lieben, die sie zurückgelassen hatte.
Antje war behütet aufgewachsen. Sie hatte tolle Eltern und Großeltern gehabt. Die ganze Verwandtschaft hielt zusammen. Immer waren Leute zu Besuch bei den van Dijks gewesen. Antje war es von klein an gewohnt, von vielen Menschen umgeben zu sein, die ihr gut wollten.
Auch mit den Nachbarn hatte die Familie ein gutes Verhältnis, und in der Schule lief es für Antje problemlos. Sie hatte ein gutes Verhältnis zu ihren Schulkameraden und sie brachte grundsätzlich gute Noten mit nach Hause. Alles lief nach Plan, die Schule, die daran anschließende Ausbildung … Antje gestand sich ein, dass sie sich vor allem deshalb so sehr für Mars First interessiert hatte, weil sie aus diesem bequemen, überbehüteten Leben hatte ausbrechen wollen. Zeitlebens war sie lieb und angepasst gewesen. Dann nahm sie ihr Leben selbst in die Hand. Ihre Familie war aus allen Wolken gefallen, als sie erfuhr, dass Antje auf den Mars fliegen würde.
Sie konnten nicht verstehen, was Antje an dieser eisigen, rostroten Wüste fand und Antje konnte ihnen nicht von ihren geheimen Träumen erzählen, die sie hatte, seit sie mit neun Jahren das erste Science-Fiction-Buch las, das von einer kleinen Mondkolonie erzählte. Das Buch hatte sie im Regal ihres Großvaters aufgestöbert und nach dem Lesen hatte er ihr weitere Romane ausgeliehen. Der Vater ihrer Mutter war der Einzige, der vielleicht eine leise Ahnung von der geheimen Leidenschaft seiner Enkelin hatte.
Antje van Dijk war geworden, was sie sich als kleines Mädchen erträumt hatte: Eine Astronautin, die auf einem fernen Planeten in einer kleine Kolonie lebte.

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