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Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(13)
Die vier Kolonisten saßen einträchtig beieinander in der Werkstatt. Sie hatten Habitat 3 gewählt, weil hier am meisten Platz war. Sie überprüften ihre Marsanzüge. Dazu öffneten sie das Innenfutter, um die Lebenserhaltungssysteme der Anzüge zu kontrollieren. Ethan zeigte seinen Kameraden, wie man es anstellen musste, selbst die kleinste Einzelheit nachzuschauen. Bei der Gelegenheit erklärte er ihnen wieder einmal, wie die zwei kleinen Notfallkleber-Tuben zu gebrauchen waren, die jeder Marsnaut bei Außeneinsätzen bei sich trug. Aus den Lautsprechern im Habitat ertönte Chicas Gesang von Lindy-Flindy. Das Liedchen dudelte den lieben langen Tag. Nicht nur auf der Erde war der Song von Null auf Platz Eins geschossen; auch auf dem Mars.
„Es ist ganz einfach“, sagte Ethan. „Die Tube über das Leck im Anzug bringen und den Knopf betätigen. Die Tube steht unter Druck. Die Dichtmasse wird ausgesprüht und härtet in der Marsatmosphäre schnell aus. Damit lassen sich kleinere Lecks in einem Anzug prima verschließen. Bei größeren Löchern braucht ihr zusätzlich eins von den Flickstücken, die in der Tasche am linken Oberschenkel stecken.“ Er machte vor, wie man die Sachen gebrauchte.
Nach der Kontrolle der Anzüge verteilten die Marsianer sich in den Habitaten. Bevor sie raus zum Steineklauben gingen, hatte jeder noch etwas zu tun.
Arne Heuermann rechnete am Computer die optimale Form für seine Mars-Ziegel aus.
Maus und Laura kümmerten sich um den Lebensmittelanbau. Inzwischen hatten sie eine vor sich hinblubbernde Reihe von durchsichtigen wassergefüllten Plastikzylindern errichtet, in denen unter LED-Licht Algen wuchsen. Das Zeug sollte, je nach Sorte, als Geschmacksverstärker dienen oder als Universalmehl, das man überall beimischen konnte. Laut Antje van Dijk konnte man es dem Mehl zum Brotbacken beimischen oder gemahlenen Mehlwürmern, um daraus schmackhafte Burger zu machen. Das Algenzeugs diente zum Andicken von Suppen und Soßen und als Füllmaterial in Eintöpfen. Es war sehr nahrhaft und leicht herzustellen.
Ethan grinste in sich hinein, während er die Führungsschienen der Schleusen in der Kolonie mit dem kleinen Staubsauger reinigte. Theoretiker! In der Theorie klappte alles wunderbar, aber vor zwei Tagen hatte die Algenanlage gestreikt. Maus und Laura hatten vor dem Ding gestanden wie der Ochs vorm Berg. Ethan hatte es mal wieder richten müssen. In einem der Röhrchen hatte sich ein Pfropfen gebildet, wieder mal. Er hatte es gleich gesehen.
Der Mars schien Pfropfen magisch anzuziehen. Sie bildeten sich allerorten: in Trinkwasserleitungen, in Versuchsaufbauten in denen Wasserkreisläufe für zukünftige Fischzuchten getestet wurden und in der Algenproduktionsanlage.
Also hatte Ethan den beiden Mädels geholfen und es gerichtet.
Er grummelte still in sich hinein. Wenigstens waren die beiden Frauen ihm für seine Hilfe dankbar und die Fans hatten ihn mit vielen Extra-Likes belohnt.
Ganz im Gegensatz dazu Ground Control! Sie hatten ihm kürzlich eine private Videonachricht zukommen lassen. Ganz und gar privat! Als das Video auf seinem Bildschirm anlief, teilte ihm der Computer mit, dass sich sogar sämtliche Kameras und Mikrofone im Habitat ausgeschaltet hatten. Ethan hatte sich gewundert und sich gefragt, was sie ihm da von der Erde hoch geschickt hatten.
Einen Anschiss! Die eingebildeten, hochgebildeten, überstudierten Psychologen hatten ihm einen Anschiss verpasst, der sich gewaschen hatte. Oh, die klugen, überschlauen Studierten hatte sich perfekt ausgedrückt! Arschglatt und schleimig waren sie dahergekommen. Sie hatten geklungen wie die Glöcklein im Himmel, aber ein Anschiss war es trotzdem! Ein dicker, saftiger, ungerechter Anschiss!
„Den Häcksler habe ich euch gebaut!“, murmelte Ethan, während er die Schiene der hinteren Schleuse in Habitat 1 aussaugte. „Die Wasserpumpe instandgesetzt! Eure Scheiß-Algenzucht wieder in Gang gebracht! Wo Not am Mann ist, steht Ethan McDuff seinen Mann! Ihr drei Theoretiker könntet euch nicht mal alleine die Fingernägel schneiden! Ohne mich seid ihr doch hilflos! Ich arbeite zweimal so hart wie jeder einzelne von euch und da stellt ihr euch an und verpfeift mich bei Ground Control! Miese Blödiane!“
Für Ethan stand fest, dass jemand in bei Mutter Erde verpetzt hatte. Wahrscheinlich Arne Heuermann.
Es war um das Ankoppeln der Druckanzüge nach Außeneinsätzen gegangen. Angeblich hatte Ethan in den vergangen zwei Wochen insgesamt viermal seinen Anzug nicht an die Versorgung angeschlossen, nachdem er ihn ausgezogen hatte. Scheißfreundlich und mit wahrem Hundeblick hatten zwei überstudierte Psychodeppen ihm erklärt, dass in solch einem Fall keine Pressluft in die Tanks des Anzugs gepumpt werden konnte und dass die Batterien des Anzugs nicht aufgeladen werden konnten. Sie hatten das sogar in einer kleinen Spielszene demonstriert, als sei Ethan ein kleines Kindergartenkind.
„Das kann sehr, sehr gefährlich werden“, hatte der eine studierte Vollidiot gesäuselt. „Stell dir vor, du gehst nach draußen, läufst hundert Meter weit von den Habitaten fort und plötzlich geht der Alarm im Anzug los und erklärt dir, dass du nur noch Sauerstoff für fünf Minuten hast und deine Batterieleistung auf sechs Prozent gesunken ist. In diesem Fall läuft die Heizung des Anzugs nur noch auf halber Kraft.“
Ethan hätte dem Kerl die Schnauze poliert, wenn er ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hätte. Er hatte vor Wut gekocht.
Die beiden Mistschweine hatten ihn zur Rede gestellt wie einen Schulbuben, den man bei einem bösen Streich erwischt hatte. Sie hatten ihn behandelt wie den letzten Dreck! Dass sie dabei so scheißfreundlich blieben, hatte Ethan erst recht in Rage gebracht. Er hatte ganz genau gespürt, wie sie ihm mit geübter Gelehrtensprache über den Mund fuhren.
Jesus, wie konnte man sich derart anstellen! Sie waren alle vier füreinander verantwortlich. Einer für alle, alle für einen. Sollte doch jemand seinen Anzug anschließen, wenn er es im Eifer des Gefechts tatsächlich einmal vergaß. Dass es gleich viermal hintereinander passiert sein sollte, kaufte Ethan den studierten Schwätzern nicht ab. Die übertrieben doch absichtlich, um ihn fertig zu machen!
Wahrscheinlich hatte Arne Heuermann Ground Control auf dem Privatkanal kontaktiert und Ethan verpetzt.Würde dem pedantischen Deutschen ähnlich sehen. Der war wohl schlecht drauf, weil er sich einfach nicht an Maus ran traute, der Hänfling! Im Weltall hatte die Niederländerin ihn vielleicht zwei oder dreimal rangelassen, weil sie neugierig darauf war, wie sich Sex in der Schwerelosigkeit anfühlte.
Es fühlte sich geil an, davon konnte Ethan McDuff ein Lied singen. Es hatte Laura ganz schön in Fahrt gebracht, es in völliger Schwerelosigkeit zu treiben. Auch auf dem Mars sorgte die viel niedrigere Schwerkraft dafür, dass Laura sich die tollsten Verrenkungen einfallen ließ, wenn sie Sex miteinander hatten. Sie war richtig wild darauf, es in der Marsschwerkraft zu tun.
Arne Heuermann hingegen kriegte Antje van Dijk nicht rum. Das frustrierte den Dummkopf anscheinend derart, dass er seinen Frust an seinen Kameraden auslassen musste. Wenn bei Heuermann nicht alles nach der Uhr lief, wurde der Pedant komisch.
„Elender Schlaffie!“, grummelte Ethan. „Geht sogar nachts immer zur selben Zeit Pipi machen! Hat wohl ein Grundschüler-Bläschen und kann deshalb nicht durchschlafen. Und dann geht der Dämlack hin und verpetzt mich bei Ground Control.“
Ethan hätte das alles gerne mal laut zur Sprache gebracht, aber er musste den Mund halten. Der Deutsche rührte gerade seinen ersten Mars-Concret an, seinen Wunderbeton, mit dem er die Ziegel zusammenkleben wollte, aus denen ihre Wohnkuppel entstehen würde.
„War ja auch meine Idee, das mit der Kuppel!“, knurrte Ethan. Er wandte sich der zweiten Schleuse zu und reinigte die Führungsschiene. Der kleine Staubsauger heulte wie eine verschnupfte Flugzeugturbine. „Ohne mich wärt ihr Komiker nie auf die Idee gekommen!“
Ethan wollte diese Kuppel. Er wollte, dass sie möglichst schnell gebaut wurde und danach gleich eine weitere. Die Enge in den Habitaten ging ihm auf die Nerven. Nach den ersten zwei Kuppeln konnte der Deutsche vielleicht für beide Paare schicke Mars-Villen entwerfen, Häuser, die oberhalb der Oberfläche großflächig verglaste Kuppeln hatten und sich mehrere Stockwerke tief in den Untergrund fortsetzten. Ethan wollte Platz haben zum Leben und zum Arbeiten.
Auf seinem Segelboot war es auch eng gewesen, aber er hatte nur Eintages-Törns und selten Reisen gemacht, die wenige Tage dauerten. Hier auf dem Mars hockten sie aufeinander wie Sardinen in der Dose. Er wunderte sich, wieso ihm dieser Umstand auf der Erde nie recht zu Bewusstsein gekommen war. Hier auf dem Mars ging es ihm auf die Eier, und wie!
Er wollte eine anständige Werkstatt haben, groß und geräumig, um darin zu arbeiten, mit Regalen voller Ersatzteile und guten Werkzeugen und er wollte eine weiträumige Wohnung, wie er sie von zu Hause gewohnt war.
Stattdessen gingen Wasserpumpen zu Bruch und funktionierten Algen-Produktionsanlagen nicht gescheit, von denen ihr Leben abhing. Okay, das Teil in der Pumpe war nur leicht ausgeschlagen gewesen und er hatte es problemlos ersetzen können. Am 3-D-Drucker hatte er inzwischen probeweise zusätzlichen Ersatz geschaffen. Es klappte einwandfrei. Aber verdammt, die Dinger sollten jahrzehntelang halten und da ging so ein Teil schon nach wenigen Wochen kaputt!
Ethan musste an die vergangene Nacht denken. Er hatte den schrecklichen Segel-Albtraum gehabt, nur einen kleinen Teil und alles war verwischt gewesen, aber er erinnerte sich an das grauenvolle Gluckern des Wassers, dass in den Bootsrumpf eindrang und an die Rückenflossen der Haie draußen auf dem Meer.
Er war schweißgebadet aufgewacht und hatte für einen Moment gedacht, er wäre tatsächlich auf seinem Segelboot weit draußen auf dem Ozean – auf einem Segelboot, das sank.
Der Traum war unheimlich gewesen, geradezu beängstigend. Er hatte ihn zuvor nur ein einziges Mal in seinem Leben gehabt.
Ethan schaltete den röhrenden Staubsauger aus. Er stand auf und drückte den Schalter. Mit leisem Surren schloss sich die Schleuse. Auf Knopfdruck öffnete sie sich wieder. Alles funktionierte, aber wie lange noch?
Ethan McDuff gestand sich ein, dass es ihm nicht mehr recht gefiel auf dem Mars. Der Gedanke kam einfach so angesegelt. Er kam aus dem Nichts und flatterte ihm zu wie ein Vogel. Für eine Weile stand er ganz still da. Er ließ sich den Gedanken durch den Kopf gehen.
„Ja“, murmelte er. „So sieht es aus. Wenn es einen Zug gäbe, mit dem ich nach Hause fahren könnte, ich glaube, ich würde es auf der Stelle tun.“
*
Es war Nacht. Arne kam von der Toilette. Er legte sich wieder ins Bett, bemüht, möglichst leise zu sein, um Antje nicht aufzuwecken. Bevor er das Licht löschte, drückte er den Schalter an der Fernbedienung des Habitat-Rechners.
Arne lauschte. Sie hatten es ihm tatsächlich geschickt. Irgendwelche von seinen persönlichen Fans hatten das Geräusch aufgenommen und es an Mars First weitergereicht. Die hatten es von der Erde zum Mars gefunkt. Aus den Lautsprechern ertönte ein leises Grollen, eine Art Rauschen und Rasseln.
Wahnsinn!, dachte Arne. Das hört sich genauso an wie daheim!
Die Lautsprecher gaben das Geräusch eines Eisenbahnzuges wider, der in einem halben Kilometer Entfernung durch eine Kleinstadt fuhr, gerade so wie Arne es zu Hause oft gehört hatte, wenn er nachts aufgewacht war.
Wie daheim, dachte Arne. Er unterdrückte ein Seufzen. Leider wachte er neuerdings auch wieder mitten in der Nacht auf. Auch das kannte er von zu Hause. Es kam immer wieder mal vor, dass er für mehrere Wochen, nachts gegen halb drei wach wurde und auf die Toilette musste. Danach lag er eine Viertelstunde im Bett, bevor er wieder einschlafen konnte.
Der Zug rauschte durch die Kleinstadt. Arne hörte das Klackern der Räder auf den Schienenstößen. Weil es so weit weg war, war das Geräusch nicht störend, eher im Gegenteil. Es klang irgendwie gemütlich, fand er. Er kannte es seit seiner Kindheit nicht anders. Wenn er als kleiner Junge abends ins Bett gemusst hatte, hatte er vorm Einschlafen den Zügen zugehört, die durch seine Heimatstadt fuhren. Wenn er nachts eine Weile wach gelegen hatte, auch.
Arne fand es nur schade, dass das Zugfahrgeräusch vom ständigen Brummen, Surren und Glucksen der Lebenserhaltungssysteme untermalt wurde. Er versuchte, es auszublenden.
Er dachte an seine Eltern. Sie hatten ihm ein Video geschickt und ihm erzählt, dass sie ihn vermissten. Er vermisste seine Eltern auch, aber er hatte unbedingt zum Mars gewollt.
Mit einem Schmunzeln auf den Lippen dachte er an seine selbstgebauten Raumkapseln, die er als kleiner Junge gebastelt hatte. Da war die große Pappkiste, in der die neue Waschmaschine geliefert worden war. Arne hatte sich das Ding sofort unter den Nagel gerissen. Er hatte Luken in die Pappe geschnitten und sich als Astronaut in der Kiste eingerichtet.
Immer hatte er solche „Raumschiffe“ gebaut. Erst als er dreizehn wurde, hörte das auf. Dafür fing er nun an, aus Plastikbausätzen Raketen, Raumschiffe und Raumkapseln zu basteln. Sein Zimmer quoll bald über von Modellen russischer Satelliten, amerikanischer Raketen, Raumkapseln und Mars-Rover und gleich drei Modellen der internationalen Raumstation ISS.
Immer hatte Arne ins Weltall gewollt und seine ganz spezielle Vorliebe galt dem Mars. Er hätte nicht sagen können, warum. Es war eben so. Von Anfang an hatte ihn der Mars fasziniert. Er hatte sämtliche Bücher über den Mars im Regal stehen und sammelte Bilder und Berichte im Internet.
Dann war Mars First gekommen und Arne hatte die Gunst der Stunde genutzt. Er hatte sich abgestrampelt und war in die erste Crew gekommen, die zum Mars flog.
Hier bin ich, dachte er. Er war glücklich. Es gefiel im mit jedem Tag besser in seiner neuen Heimat. Auch wenn McDoof manchmal nervte. Gerade hatte der extrovertierte Amerikaner mal wieder eine Phase. McDickmaul war sauer. Arne hatte keine Ahnung, welche Laus Ethan über die Leber gelaufen war, aber der Kerl war stinkig. Er war richtig schlecht drauf. Oh, er versteckte es perfekt vor den Kameras, die immer und überall filmten! Doch Arne hatte bemerkt, dass McBrummbär mies gelaunt war.
Irgendetwas lief nicht nach McBestimmers Dickkopf, das stand fest, Arne wusste bloß nicht, was.
Kann mir egal sein, dachte er und legte sich auf die Seite.
Aus den Lautsprechern erklang erneut das sanft anschwellende Rauschen eines sich der Stadt nähernden Zuges. Was für ein trauliches, gemütliches Geräusch. Gerne hätte er sich jetzt an Maus angekuschelt und sie umarmt, aber er traute sich nicht. Er hatte es immer noch nicht geschafft, sich an Antje heran zu machen. Es war komisch. Sonst war er nicht schüchtern. Er hatte es bei der holden Weiblichkeit immer leicht gehabt.
Aber bei der kleinen Holländerin stellte er sich an wie ein verknallter Vierzehnjähriger.
Arne hörte nicht mehr, wie der zweite Zug durch die Stadt ratterte. Er schlief mittendrin ein.
Er träumte, dass er mit Antje zusammen Sonnenblumenkerne erntete. Es war ein schöner Traum.
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