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Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(7)
Liam Bishop behielt recht. Am folgenden Marsmorgen zeigten die Kameras eine Crew, die sich stöhnend über Muskelkater beklagte. Die vier wackeren Marsianer bewegten sich wie schlecht geführte Marionetten durchs Habitat. An Arbeit war nicht zu denken.
Aber Ethan McDuff hatte sogleich Lösungen parat. Er schlug vor, die gesamten Lebenserhaltungssysteme durchzuchecken, alles zu überprüfen, Schleusen zu testen und so weiter. Das waren alles Tätigkeiten, die nicht mit harter körperlicher Arbeit verbunden waren.
„Wir können uns dabei gleich an die Routinen gewöhnen“, sprach der Amerikaner in Richtung Kamera. Liam lächelte in sich hinein.
Dorothy die dicht neben ihm saß, stieß ihn sanft an: „Was grinst du?“
Dottie versetzte ihm einen neuen Stoß: „Sag schon Ly!“ Ly. So nannte sie ihn, seit sie einander kennengelernt hatten. Sie benutzte den Kosenamen ausschließlich, wenn sie beide allein waren.
Er nickte in Richtung Bildschirm: „Der Werksleiter bestimmt mal wieder. McSchotte ist ein richtiger Anschaffer. Reißt gerne die Initiative an sich und macht einen auf Chef.“
Dottie schmiegte sich an ihn: „Nun, das kann er doch recht gut, nicht wahr? Deshalb wurde er ausgewählt.“
Liam küsste sie. „Ja, aber für seine ursprüngliche Crew. In die hätte er perfekt hinein gepasst. In Team 1 eckt er gerne mal an. Er war von Anfang an kein guter Ersatz für Yamamoto. Katsuro Yamamoto war ein völlig anderer Typ Mensch. Ich wollte McDuff nicht, weil in Team 1 ziemlich egostarke Leutchen versammelt sind. Der Japaner hätte dort als ruhiger Kristallisationspunkt gewirkt. McDuff könnte sich hingegen als Sprengstoff erweisen.“
Dottie schaute ihn an. Sie wirkte betroffen: „Das ist nicht dein Ernst, Ly!“
Er drückte sie an sich. „Du hast recht. Ganz so schlimm ist es nicht. Aber er ist ein gewisser Störfaktor. Mir war es nicht recht, dass er ins Team aufgenommen wurde, aber die Entscheidung lag bei allen, die die Teams zusammengestellt haben und die Psychofritzen haben McDuff vorgeschlagen. Allerdings erst, nachdem die breite Öffentlichkeit den Amerikaner gepusht hat. McDuff hat alle anderen Kandidaten haushoch geschlagen. Er ist halt äußerst beliebt bei den Zuschauern und auf die Zuschauer sind wir angewiesen. Sie bezahlen Mars First gewissermaßen. Man darf seine Finanziers nicht enttäuschen.
Auf dem Bildschirm scheuchte Ethan McDuff die Marskolonisten anhand einer Liste durch die Habitate. Als erstes sollten sie die Schleusen checken.
Die Perspektive auf dem TV-Bildschirm wechselte. Nun sah man Laura Sunderland aus der Dackelperspektive, wie sie sich unter Mühen auf die Knie niederließ, um eine Wartungsklappe im Boden der Living-Unit öffnete, um irgendwelche Ventile der Umluftanlage zu kontrollieren.
„Es war dämlich, gleich am ersten Tag so hart reinzuhauen“, sagte Dorothy. „Stell dir vor, etwas ist nicht in Ordnung und sie müssten jetzt in ihren Marsanzügen raus, um es zu fixen. Die können sich ja kaum bewegen! Dieser McDuff hat einen Fehler gemacht.“
„Alles ist von drinnen zu erreichen“, hielt Liam dagegen. „Aber du hast recht. Ethan hat einen Bock geschossen. Er hätte zwei bis drei Tage abwarten sollen. Die anderen wollten aber auch gleich das nächste Habitat aufbauen. Letzten Endes sind sie alle schuld.“
Auf dem Bildschirm verlor Laura Sunderland den Halt und stürzte nach vorne. Ihr Arm verschwand zur Hälfte im Boden des Habitats. Sie sagte etwas, wahrscheinlich etwas Unanständiges, denn der Ton war plötzlich weg. Die Techniker an den Empfangsterminals, die die Sendung vom Mars mit einer gewissen Vorlaufzeit empfingen, bevor sie die Aufnahmen in die ganze Welt hinausgehen ließen, hatten wohl entschieden, den Fluch zu plätten.
Laura richtete sich auf und rieb sich den Arm. „Verflixt!“, sagte sie. Sie lachte. „Das ist mir in der Teststation in der Antarktis auch schon mal passiert.“
„Eine Wiederholungstäterin“, meinte Dottie schmunzelnd. „Warum wurde das nicht geändert? Ihr habt so viele Sachen überarbeitet. All die kleinen Fehler und die Dinge, die umständlich waren, Bedienungsprobleme und all das.“
„Das da fiel nicht unter die Reparatur- und Änderungsliste“, sagte Liam. „Ausrutschen oder stolpern kann jeder mal. Was anderes war dieser Hebel, mit dem man von einem Luftaustauscher auf den anderen schaltet. Weißt du noch? Wenn man den betätigte, schlug er an der seitlichen Wand im Kanal unter dem Fußboden an und man konnte sich die Finger quetschen.“
Liam schaute zu, wie Laura Sunderland und Antje van Dijk die Abdeckplatte im Fußboden schlossen. Sie hatten unendlich viele kleine Änderungen an den Living-Units vorgenommen in den Jahren der Testläufe in der Mojavewüste und in der Antarktis. Sobald ein noch so kleines Problem aufgetaucht war, hatten sich die Ingenieure darum gekümmert. Fehlfunktionen konnten sich die Siedler auf dem Mars nicht leisten. Alles musste einwandfrei arbeiten.
Die Bildeinstellung wechselte auf eine Kamera, die Arne Heuer auf der Schulter trug. Sie zeigte ein Paneel an der Wand, auf dem die Luftwerte angezeigt wurden. Sauerstoff und Stickstoff waren beide im grünen Bereich. Die Temperatur der Luft im Habitat betrug exakt zwanzig Grad Celsius. Die Leistung der Solarzellen war okay, die Batterien, die über Nacht die Kolonie mit Strom versorgt hatten waren bereits wieder zu siebenundneunzig Prozent aufgeladen. Alles war bestens.
Wie hatten sie geunkt und gekreischt, die Komiker, die alles an Mars First bekritteln und schlechtmachen mussten! Die Batterieleistung würde niemals ausreichen, um die Habitate über Nacht warm genug zu halten. Die eisige Atmosphäre des Mars würde die Living-Units innerhalb von Stunden auskühlen und die Kolonisten würden eines grausamen Kältetodes sterben.
Idioten!, dachte Liam. Er hatte den Nörglern geduldig erklärt, dass die Mars-Habitate niemals so stark auskühlen konnten, wie ähnliche Bauten auf der Erde, etwa die Antarktisstationen auf dem Südpol, und zwar ganz einfach deshalb, weil die Atmosphäre des Mars so dünn war, dass sie praktisch nicht in der Lage war, die Wärme aus den Habitaten „herauszusaugen“.
Sie hatten ihm nicht geglaubt und ihre Schmierblätter mit Schmähungen vollgedruckt. Erfrieren würden die armen Marskolonisten. Sie würden eines schrecklichen Todes sterben.
Also hatte Liam aus eigenen Mitteln eine kleine Halle neben der Antarktis-Teststation bauen lassen. Mittels teurer Geräte hatten sie im Innern der Halle die Marsatmosphäre nachgebildet. Starker Unterdruck wurde erzeugt und die neue „Luft“ bestand fast ausschließlich aus Kohlendioxid - genau wie auf dem Mars. In der Halle befand sich eine Living-Unit, wie sie später auf dem roten Planeten aufgebaut werde sollte.
Sie hatten das Habitat quasi unter echten Marsbedingungen getestet und alles hatte einwandfrei funktioniert, doch die Meckerer und Nörgler schwiegen nicht.
Aber jetzt ist euch das Maul gestopft worden, dachte Liam mit grimmiger Befriedigung. Jetzt müsst er einsehen, dass alles in Ordnung ist. Wir holen den benötigten Stickstoff aus der Marsatmosphäre und geben CO2 dazu, wenn es gebraucht wird. Sobald genug Pflanzen in den Habitaten und im Treibhaus wachsen, wird der Sauerstoffgehalt steigen und wir werden den Überschuss ausfiltern und speichern, und wenn die Tanks voll sind, blasen wir ihn einfach nach draußen.
In den folgenden Tagen würden die Kolonisten die dritte Living-Unit aufbauen. Diese war als Treibhaus mit Werkstatt vorgesehen. Gerade wurde das während der laufenden Sendung erklärt.
„Uääh!“, machte Liam und streckte dem Bildschirm die Zunge heraus. „Die Siedler werden ersticken, weil die Pflanzen zu wenig Sauerstoff erzeugen und sie werden verbrennen, weil die Pflanzen gleichzeitig zu viel Sauerstoff erzeugen und das die Brandgefahr erhöht. Ist uns Schmierfinken und Lügenpressefritzen völlig wurscht, ob da oben alles aus schwer entflammbarem Material besteht. Die Treibhäuser sind zu klein und gleichzeitig zu groß – siehe Sauerstoffüberproduktion! Die Solarzellen machen zu wenig Strom, um genug Lampen über den Pflanzen zu betreiben, weil wir Oberschlauen was wissen! Auf dem Mars ist die Sonne nicht so hell wie auf der Erde. Die Zellen werden nicht genug Strom machen! Buääh!“
Dorothy boxte ihn kameradschaftlich in die Rippen: „Hör auf, Ly!“
„Ist doch wahr“, brummte er. „Ich bin gespannt, wann der erste Komiker wieder mit der Blinddarmgeschichte anfängt. Oh weh, wenn einer eine Blinddarmentzündung kriegt auf dem Mars! Das war’s auf dem Mars! Uääh! Sterb-Sterb!“
Liam lachte. „Mir gefiel, wie dieser Deutsche die Typen immer so schön glatt abgebügelt hat. Tat scheißfreundlich, aber in Wirklichkeit hat er ihnen unter die Nase gerieben, wie dämlich sie waren. Arne Heuer ist klasse.“
„Sie werden bald anfangen, die Algenprotein-Erzeugung zu starten“, meinte Dottie. Sie zog die Nase kraus: „Und dann die Fleischproduktion. Mehlwürmer. Würgs! Also das wäre ja nicht mein Ding. Insekten essen, nein danke.“
Das Bild auf dem Schirm wechselte. Nun sah man eine gestochen scharfe Aufnahme, gemacht von einem der Satelliten im Orbit. Eine Stimme im Hintergrund beschrieb die Gegend, in der die Marskolonie stand: „Die vier Siedler sind an einer Stelle gelandet, wo sich früher einmal ein Meer befand; dessen sind sich die Wissenschaftler einig. Werden die Marsnauten Spuren früheren Lebens entdecken? Holen sie eventuell versteinerte Fossilien aus dem Boden? Oder gar noch existierendes Leben? Es könnte zumindest primitive Bakterien oder Flechten auf dem Mars geben.“
„Außer, dass die amerikanischen Rovermissionen das Gegenteil behauptet haben“, brummte Liam. „Was ich wirklich schade finde. Marsmoos oder kleine Viecher, die in Wassertaschen in zehn Meter Tiefe in der Marskruste leben, das wär’s doch!“
„Mir würden schon versteinerte Fossilien reichen“, sagte Dorothy. „Ich drückte Laura die Daumen, dass sie etwas entdeckt. Sie hätte es verdient.“
Wieder wechselte der Bildausschnitt. Man sah das Innere des neu aufgebauten Habitats. McDuff testete die Schleusen, die die Living-Unit in drei separate Räume unterteilten. Bei einem Druckverlust würden die Schleusen automatisch schließen.
Eine an einer Schiene an der Decke angebrachte Kamera fuhr nach hinten. Dort fuhrwerkten Antje van Dijk und Laura Sunderland im Treibhaus. Sie mischten mitgebrachte Kunststoffflocken mit Marserde, die der Rover schon vor langer Zeit draußen im Freien durch Erhitzung von möglichen Giftstoffen befreit hatte. Sie brachten diese Pflanzerde in Kunststoffwannen aus und gossen sie mit Wasser, dass aus dem Marsboden gewonnen worden war.
„Die legen ja gleich richtig los mit dem Aussäen“, sagte Dorothy.
„Sie wollen so schnell wie möglich frische Nahrung haben“, sagte Liam. „Nach mehr als einem halben Jahr Astronautennahrung wollen sie richtiges Essen. Ist nur zu verständlich. Wenn ich sieben Monate lang Trockenfutter gegessen hätte, würde ich einen Mord für einen Kopf frischen Salat begehen.“
„Zu schade, dass diese Voraus-Mission verloren ging“, meinte Dottie. „Die große aufblasbare Kuppel hätte ein gutes Treibhaus abgegeben.“
„Ja. Zu schade“, sagte Liam.
„Man hat keinen Explosionskrater aus dem Orbit entdeckt“, sagte Dorothy. „Die Kapsel scheint nicht beim Aufprall explodiert zu sein.“ Sie schüttelte den Kopf: „Wer weiß, vielleicht ist sie ja doch perfekt gelandet und dann ist die Antennenanlage ausgefallen. Womöglich steht das Ding keine zwei Kilometer von den Siedlern entfernt und ist völlig in Ordnung und die armen Teufel wissen nichts davon.“
„Das glaube ich nicht“, sagte Liam. „Das wäre unwahrscheinlich. Darüber haben wir doch schon gesprochen, Dottie.“
„Aber die Orbiter haben keinen Krater entdeckt“, hielt Dorothy dagegen. „Sollten wir denen da oben nicht sagen, dass sie die nähere Umgebung absuchen sollen?“
„Auf keinen Fall!“, sagte Liam. „Selbst wenn die Kapsel tatsächlich heil runtergekommen ist, weiß keiner, wo sie sich befindet. Sie kann hinter dem nächsten Hügel stehen oder fünfzig Kilometer entfernt.“
„So weit weg bestimmt nicht“, sagte Dorothy. „Die Kapseln sollten doch alle in einem nahen Umkreis landen.“
„Die Chance, dass die Kapsel nicht verglüht ist, beträgt weniger als ein Prozent“, sagte Liam. „Unsere Techniker haben das durchgerechnet. Wir dürfen die da oben nicht unnötig wild machen. Es wäre schlicht grausam, Hoffnungen zu erwecken, die sich nicht erfüllen. Sie müssen sich erst mal um den Aufbau der Station kümmern. Später werden sie sowieso Ausflüge unternehmen; zuerst zu Fuß und danach in dem Rover mit der Kabine. Das hat noch Zeit.“
Dorothy schaute ihn von der Seite an: „Du klingst ja, als möchtest du auf keinen Fall, dass die Kolonisten eine Chance bekommen, die Kapsel vielleicht zu finden.“
„Ich will bloß nicht, dass sie sich Hoffnungen machen, die dann zerplatzen“, erwiderte Liam.
Er schaute auf den Bildschirm. Man sah die Kolonie von außen. Die Kamera schwenkte langsam im Kreis.
Die Kapsel. Die Voraus-Mission. Die verlorene Kapsel. McDuff hatte ausgesprochen auffällig auf die Nachricht vom Verlust der Mission reagiert. Seine Panik war so deutlich zu sehen gewesen, dass Zuschauer auf der ganzen Welt darüber diskutiert hatten.
Die Einschaltquoten waren schlagartig in die Höhe geschossen. Alle wollten sehen, wie der toughe McDuff sich verhielt. So war der Verlust letzten Endes doch noch zu etwas gut. Nun wollten noch viel mehr Menschen auf der Erde miterleben, wie die vier Siedler mit der veränderten Situation fertig wurden. Je höher die Einschaltquoten, desto mehr Geld floss. Je mehr Geld Mars First erhielt, desto mehr neue Missionen konnten sie hochschicken zum roten Planeten – auch Missionen mit Hilfslieferungen. Gerade die!
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