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Geschrieben von Stefan Steinmetz am 05.01.2017 um 16:21:

Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(6)

Arne sah einen Brocken in zwei Metern Entfernung auf dem Boden liegen. Er unterschied sich von den anderen Steinen, die allesamt rötlich waren. Dieser war eher bläulich-grau. Arne ging hin. Er bückte sich, was durch den Marsanzug erschwert wurde. Hinzu kam seine Muskelschwäche. Aber er wollte es sehen.
Die Worte von Liam Bishop, einen Tag vorm Abflug auf der großen Pressekonferenz: „Bei jedem Stein, den sie umdrehen, werden sie die ersten sein, die das tun.“
Er drehte den Stein um. Bläulich-grau. Arne fühlte das Gewicht des Steins. Er richtete sich auf und betrachtete seinen Fund von allen Seiten. Der Brocken hatte weich abgeschliffene Seiten mit kleinen Löchern darin. Wind und Staub hatten ihn in Jahrhunderten geglättet.
Sieht aus wie Erz, dachte Arne. Er ließ seine Finger über die Oberfläche des Steins gleiten und wünschte sich, die dicken Handschuhe nicht zu tragen. Er wollte diesen Stein mit den Fingern berühren, seine in Ewigkeiten geglättete Oberfläche unter den Fingerkuppen spüren.
Mein erster Stein auf dem Mars! Ich bin hier! Ich bin wahrhaftig hier! Auf dem Mars!
Erst jetzt, mit einiger Verspätung, kam Freude in ihm auf. Er war auf dem Mars.
„Mars First!“, sagte Arne mit lauter Stimme in seine Helmmikrofone. „Es war gut, dass wir es angingen. Mars musste es sein. Mars First!“
Mars First – Mars zuerst. Der Name ihrer Mission. Arne drehte und wendete seinen ersten Marsstein und nahm auch noch die kleinsten Einzelheiten wahr.
Mars First. Die Mission hatte diesen Namen nicht von Anfang an getragen. Gestartet war sie mit dem etwas sperrigen Namen „Going to Mars“. Die Mauler und Unkenrufer hatten nicht lange auf sich warten lassen. Wie gefährlich das sei und warum sie nicht zuerst zum Mond fliegen wollten? Da braucht man nur ein paar Tage, um hinzukommen und wenn etwas schiefgeht, ist man in wenigen Tagen wieder daheim auf der Erde. So hatten sie lamentiert und gefaselt. Dabei war der Mond denkbar ungeeignet für eine menschliche Besiedelung.
Es gab keine Atmosphäre. Dadurch herrschten extreme Temperaturunterschiede. Kochende Hitze in der Sonne, Weltraumkälte im Schatten. Es gab kein Wasser. Und das Schlimmste: Auf vierzehn Tage Sonnenschein folgte eine zwei Wochen andauernde Nacht.
Nein, auf den Mond wollten sie gewiss nicht.
Zuerst zum Mars. Das wollten sie. Mars first. Mars zuerst. So war der Name geboren worden.
„Jetzt sind wir hier, allen Unkenrufen zum Trotz“, sprach Arne. Er hob seinen Stein, so dass nicht nur seine Helmkameras ihn filmten, sondern auch die Kameras seiner Kameraden: „Mein erster Stein. Ich werde ihn behalten.“
Die drei andere kamen zu ihm und bestaunten sein Fundstück.
„Hübsch. Sieht ein bisschen aus wie abgeschliffener Kristall“, sagte Maus.
„Erzhaltiges Gestein“, kommentierte Laura.
„Netter Briefbeschwerer“, meinte Ethan. Arne wartete auf eine Stichelei, aber die blieb aus. Sie standen so nahe beieinander, dass er durch die Goldbedampfung des Helmvisiers Ethan McDuffs Gesicht sehen konnte. McDuff lächelte warmherzig: „Nimm ihn mit, Arne. Er wird dich den Rest deines Lebens an deine ersten Schritte auf dem Mars erinnern. Er ist das erste Stück deiner neuen Heimat, das du in Händen hältst.“
McDuff drehte sich um: „Lasst uns suchen. Jeder sollte etwas mitnehmen als Erinnerung.“ Er wandte sich der Dragon zu, die im ockerfarbenen Sand stand.
Arne verbiss sich ein scheeles Lächeln. Immer an die Kameras denken! Du wirst gefilmt, Arne! Du hast zwei Kameras im Helm, die dein Gesicht filmen. Er unterdrückte ein Kopfschütteln. Natürlich würde Ethan McDuff sich den großen Brocken schnappen, über den er beim Aussteigen gestolpert war. Oller Angeber! Er sah, wie der Amerikaner sich bückte und das Teil hochhob. Es war fast so groß wie ein Sprudelkasten und ähnelte einer dreiseitigen Pyramide. McDuff wog den Brocken in der Hand: „Du nicht, Freundchen! Eine Stolperfalle kann ich in der Living Unit nicht brauchen!“ Er warf den Brocken in hohem Bogen weg. „So! Nun kann keiner mehr auf dich drauftreten.“ Dann begann er, die Dragon-Kapsel zu umkreisen, wobei er den Boden absuchte.
Antje fand einen würfelförmigen Stein von Handtellergröße. Er war so rot wie es sich für Marsgestein gehörte. Laura entdeckte etwas, das einer Sandrose ähnelte und McDuff fand einen Stein, der ein wenig einem Kiesel ähnelte.
„Möchte wetten, dass der in fließendem Wasser seine Form bekam“, sagte er und hielt seinen Kameraden den braunroten Stein hin. „Was ist das, Laura?“
„Ein Konglomerat“, verkündete die Kanadierin. „Zusammengebackes Gestein. Das ist wahrscheinlich beim Einschlag eines größeren Meteoriten entstanden und ja: Es sieht so aus, als wäre dein Felsstück von fließendem Wasser glattgeschliffen worden, Ethan.“
Antje van Dijk drehte sich langsam im Kreis: „Unsere neue Heimat. Wir sind angekommen.“
Wie auf Kommando taten sie es ihr gleich. Sie riefen gemeinsam: „Unsere neue Heimat. Wir sind angekommen.“ Sie brachten ihre Funde zur Landekapsel, glücklich wie kleine Kinder, die ein wundervolles Spielzeug geschenkt bekommen hatten.

Es hielt sie nicht im Innern der Dragon. Gleich nachdem sie ihre Funde in Sicherheit gebracht hatten, gingen sie durch die Schleuse wieder hinaus in die rote neue Welt, hinaus in das seltsam gedämpfte Licht, dass die Landschaft aussehen ließ wie ein Land bei tiefstehender Sonne. Alles wirkte in diesem Licht pastellfarbig. Es war keineswegs unangenehm. Es wirkte beruhigend und irgendwie heimelig.
Die Sonne war klein und sie wirkte bläulich-weiß, nicht gelb wie auf der Erde. Ihr Licht war auf unbeschreibliche Weise sanft.
Vorsichtig – immer auf Stolperfallen vor ihren Füßen achtend – marschierten sie los. Sie liefen einfach los. Ein kleiner Hügel in der Nähe lockte sie an. Obwohl er flach war, war der Anstieg anstrengend. Die lange Zeit in Schwerelosigkeit hatte ihre Beinmuskeln, allem Training zum Trotz, erschlaffen lassen.
„Eigentlich dürften wir das nicht“, meinte McDuff gutgelaunt. „Wir müssen in der Kapsel bleiben, auf den Rover warten und uns schonen. Aber verdammt, nicht mit uns, was? Wir wollen uns umschauen.“
Auf dem Hügelchen angekommen, sahen sie sich um. Drunten stand die Dragon im roten Sand, ein weiß-schwarzer Fremdkörper in der rötlich-ockerfarbenen Landschaft. Sie sahen eine hohe Hügelkette im Süden, kleine und größere Krater ganz in der Nähe und eine Ebene, die mit großen und kleinen Gesteinsbrocken übersät war. Im Osten ragte etwas säulenartiges in den lachsrosa Himmel auf.
„Was ist das?“, fragte Laura. „Seht nur! Es bewegt sich!“
Die Säule bewegte sich träge. Sie sah beinahe aus wie eine indische Tempeltänzerin, wie sie sich da wiegte und wand. Dort wo sie den Boden berührte, fuhr sie hin und her und wirbelte dabei Staub auf.
„Ein Staubteufel“, sagte Arne. „Ein ganz kleiner Wirbelsturm. Sozusagen ein Miniatur-Tornado.“
Die sich wiegende schlauchförmige Säule kam auf sie zu. Sie sahen den Luftwirbel Staub aufsaugen und nach oben ziehen. Der Staubteufel kroch auf sie zu, bis er nur noch hundert Meter entfernt war. Dann blieb er stehen, als müsse er nachdenken, wohin er sich nun wenden sollte. In zwanzig Metern Höhe wand sich die Luftsäule in Schlangenlinien.
Mit einem Ruck setzte sich der kleine Tornado wieder in Bewegung. Er wanderte nach rechts und zog hin und her mäandernd über die Ebene, bis er allmählich in der Ferne verschwand.
„Da kommt Besuch!“ McDuffs Stimme schreckte sie auf. Sie fuhren herum. Etwas kam auf sie zugefahren. Es war der Rover, der sie abholen sollte.
„So schnell?“, fragte Antje. „Ich dachte ...“ Sie sah auf den kleinen Bildschirm auf dem linken Ärmel ihres Marsanzugs. „Ach du grüne Neune! Wir sind seit fast zwei Stunden draußen!“
„Lasst uns in die Landekapsel zurückkehren“, meinte McDuff. „Der Rover wird von uns das Ok-Signal verlangen, sobald er da ist. Wir müssen in der Dragon sein, wenn er sie auf seinen Hänger lädt und abtransportiert. Oder will jemand zu Fuß die zehn Kilometer zur Kolonie laufen?“
Das wollte niemand, im Gegenteil: Als sie wieder in der Landekapsel waren, spürten sie, wie erschöpft sie von ihrem ersten Ausflug auf die Marsoberfläche waren. Die kleine Wanderung hatte sie mächtig angestrengt. Sie waren froh, wieder in der Dragon zu sein und sich setzen zu können.
Während er dem Rover zusah, wie er ihre Kapsel auf seinen Anhänger bugsierte und sich dann mit ihnen auf den Weg zur Kolonie machte, dachte Arne mit leisem Unmut daran, dass jede Menge Arbeit auf sie wartete. Die Kolonie war keineswegs fertig aufgebaut. Nur ein ein einziges Habitat war aufgebaut. Den Rest mussten sie selbst erledigen.
Das kann ja heiter werden, dachte er, während er müde in seinem Sitz hockte und durch die Luken nach draußen schaute. Egal! Wir schaffen das! Wir wussten ja, dass in den ersten Tagen besonders viel Arbeit auf uns warten würde.
Er sah weit in der Ferne den hochaufragenden Staubteufel über die Ebene tanzen. Neben der Luke bewegte sich die Marserde langsam an ihnen vorbei.Es war, als säßen sie einem langsam fahrenden Zug, bloß dass es mehr ruckelte. Arne schaute und schaute. Er ließ sich keine Einzelheit entgehen. Er sah Brocken auf dem rötlichen Sandboden liegen, er sah flache Hügel in mehreren hundert Metern Entfernung und Erhebungen, die wie Sandsteinkliffs wirkten. Einmal kamen sie an einem Krater vorbei, der gerade mal einen Durchmesser von fünf Metern hatte. Der Wind hatte in der Mulde Staub zu wellenartigen Gebilden aufgetürmt. Am Kraterrand lagen Gesteinsbrocken unterschiedlicher Größe.
Seine Helmlautsprecher piepten leise. Arne schaute auf das Display, das er auf dem linken Ärmel seines Marsanzuges trug. Meldung von einem der Orbiter: Der angekündigte Sandsturm hatte sich in Nichts aufgelöst, bevor er richtig loslegen konnte. Gut so. Er hatte keine Lust, während eines Sturms auf der Marsoberfläche zu arbeiten, auch wenn ein solcher Sturm nicht mit einem auf der Erde zu vergleichen war. Die Atmosphäre war so dünn, dass ein Sturm, der mit über hundertsechzig Stundenkilometer über den Mars fegte, nur Staub aufwirbelte. Er würde einen nicht umwerfen, wenn man draußen stand.

Nach zwei Stunden kamen sie bei der Kolonie an. Sie stiegen aus und schauten sich alles an. Sie hatten Bilder und Filmaufnahmen gesehen. Die Wirklichkeit war wesentlich beeindruckender. Sechs Dragonkapseln standen in Reih und Glied wie Soldaten. Sie waren untereinander mit Laufgängen verbunden.
Vor den Kapseln hatten die Rover alle größeren Steine aus dem Weg geräumt und die Solarzellenfolien ausgelegt, die den Strom für die Kolonie produzierten.
Hinter einer der Kapseln lag eine fertig aufgeblasene Living-Unit, ein schlauchförmiges Ding, bestehend aus drei Sektionen; jede so groß wie eine geräumige Garage. Die aufblasbare Unterkunft war mit der Kapsel fest verbunden. In solchen Habitaten würden sie den Rest ihres Lebens verbringen. Das dreiteilige Habitat war fünfzig Meter lang und etwa drei Meter breit. In seinem Inneren bot es hundertfünfzig Quadratmeter Fläche zum Wohnen, Arbeiten und für ein kleines Treibhaus.
Je zwei Personen würden sich eine solche Living-Unit teile. Das dritte Habitat war als Gewächshaus geplant.
„Zu schade, dass wir die aufblasbare Kuppel nicht haben“, meinte McDuff. „Und all das andere gute Zeug, dass mit der Voraus-Mission verloren ging.“ Der Amerikaner klang missmutig, aber Arne konnte keine Furcht in seiner Stimme erkennen. Seit sie sicher gelandet waren, war McDuff wieder der Alte. Von seiner Furcht war nichts mehr zu spüren.
Das war auch besser, fand Arne. Ein verängstigter McDuff wäre eine Katastrophe gewesen. Sie mussten alle vier anpacken und zusehen, dass sie ihre Living-Units aufbauten, so schnell es ging.
„Willkommen zu Hause“, sprach Ethan über sein Helmmikrofon. „Wir sind in unserer neuen Heimat angekommen. Er schaute sich um. „Die Rover haben eine Menge Vorarbeit geleistet. Sie haben die gröbsten Steine weggeräumt. Na ja, die anderen müssen wir wohl selbst aufräumen. Wir müssen das unbedingt tun, Leute! Es kann nicht angehen, dass in unmittelbarer Nähe der Living-Units Steine herumliegen. Wenn man da drauftritt, kann man sich den Knöchel verstauchen oder sogar brechen. Einen solchen Unfall können wir nicht brauchen.“
Arne schaute den Amerikaner an. McDickmaul hatte es mal wieder geschafft, die Initiative an sich zu reißen. Wie üblich benahm sich Ethan wie der Chef persönlich. Wie oft hatte er das mit den Steinen eigentlich schon aufgesagt?
„Lasst uns anfangen, die anderen Habitate aufzubauen“, verlangte McDuff. „Je schneller wir sie beziehen können, je besser. Denkt dran, dass wir darin auch unsere Nahrung anbauen müssen. Jeder Tag zählt. Also los!“
„Ethan?“, meldete sich Antje. „Wir sind völlig erledigt. Wir sollten erst ein oder zwei Tage ruhen, um uns nach Monaten in der Schwerelosigkeit an die Schwerkraft des Mars zu gewöhnen.“
„Das halte ich für keine gute Idee“, sagte McDuff mit seiner besten Ich-weiß-alles-besser-Stimme. „Die Arbeit wird uns guttun. Unsere Muskeln werden das als Training empfinden und sich schnell wieder auf normales Maß aufbauen. Wozu zwei Tage vertrödeln? Was, wenn der angekündigte Sturm doch noch aufkommt? Dann sehen wir alt aus. Schau mal: Die Rover arbeiten auch feste drauflos.“ Er zeigte auf die beiden Rover, die ihre Landekapsel neben die anderen Dragons bugsierten und sie genau ausrichteten. Kaum stand die Kapsel, öffnete einer der Rover eine Klappe und zog die Solarzellenfolienstreifen heraus.
Arne war der Meinung, dass Maus recht hatte. Sie sollten sich ausruhen, bevor sie mit der Arbeit anfingen. Aber er konnte McDuff ausnahmsweise gut verstehen. Er selbst wollte ebenfalls, dass die Habitate möglichst schnell aufgebaut wurden. Er wollte seine eigene Wohnung haben und sich nicht tagelang mit den anderen in der einzigen Living-Unit drängeln.
„Ethan hat recht“, sagte er. „Fangen wir an! Je eher wir an die Arbeit gehen, desto schneller ist sie erledigt. Wir brauchen die Habitate. Wenn die erst stehen und alle Lebenserhaltungssysteme angeschlossen sind und funktionieren, können wir einen Ruhetag einlegen.“
Also legten sie los. Von den beiden Rovern unterstützt holten sie die zusammengefalteten Einzelsektionen der Habitate aus den Dragons und schleiften sie hinter die Reihe der Landekapseln. Dort brachten sie die Dinger in Position. In den Kapseln hatten kleine Maschinen-Einheiten die dünne Marsluft angesaugt und in Flaschen komprimiert. Damit bliesen sie nun die Sektionen auf. Anschließend musste die erste Sektion mit der entsprechenden Landekapsel verbunden werden. Es war ein hartes Stück Arbeit, obwohl die Rover ihnen halfen.
Sie koppelten die zweite Sektion an die erste und zum Schluss die dritte an die zweite. Automatische Schleusen schotteten die drei Sektionen gegeneinander ab. Im Normalfall blieben sie offen und dann hatte ein solches Habitat die Größe dreier hintereinanderliegender Garagen mit einer Grundfläche von hundertfünfzig Quadratmetern. Alles, was sie brauchten, war bereits in den Sektionen eingebaut: Stromleitungen und Leitungen für Luft und Wasser, sowie die lebenserhaltenden Apparate.
Mars First hatte von Anfang an auf kleine, unabhängige Apparaturen gesetzt. Trotzdem hatten die Unkenrufer genölt: Wenn der Atmosphärenaufbereiter ausfällt, sterben die alle ganz schnell!
Wie denn?, fragte sich Arne in Gedanken, während er mit Ethan eine Druckluftleitung anschloss. Wir haben nicht ein zentrales Großgerät, sondern viele kleine Apparate. Fällt einer aus, funktionieren alle anderen noch und wir können das defekte Teil reparieren. Ihr werdet ja sehen, ihr blöden Maulaffen! Hier geht nichts schief und wenn, dann fixen wir das Problem.
Die Arbeit schlauchte. Arne war froh, als sich die Sonne dem Horizont näherte. Für heute war es genug. Die dritte Living-Unit konnten sie am nächsten Tag aufbauen. Die Sektionen lagen bereits an Ort und Stelle.
„Leute, für heute war es das“, verkündete McDuff. „Lasst uns aufhören. Wir haben zwar noch genügend Atemluftreserven in unseren Anzügen, aber nachts arbeitet mir keiner hier draußen! Das ist zu gefährlich.“
Sie betraten ihre Kolonie durch die erste Dragon-Kapsel. Hier konnten immer nur zwei Leute gleichzeitig die Schleuse betreten, doch in der dritten Kapsel gab es eine weitere Schleuse und in der Kapsel, in der sie auf dem Mars angekommen waren. Da passten sogar vier Menschen auf einmal hinein.

*

Nachdem sie die Schleuse passiert hatten, fanden sie sich in der von den Rovern errichteten Living-Unit wieder. Gleich vorne fanden sie ein erstaunlich gemütliches Wohnzimmer, hinter dem die kleine Küche lag. Dann kamen die Toilette und das Bad.
Alles wirkte sehr geräumig. Der an die Dragon-Kapsel angedockte fünfzig Meter lange Schlauch hatten einen Innendurchmesser von gut drei Metern.
Arne hatte erwartet, dass die Luft abgestanden riechen würde, aber dem war nicht so.
„Sieht so aus, als hätte der Kleine da ganze Arbeit geleistet“, sagte Antje. Sie zeigte auf einen kleinen Roboter auf sechs Rädern, der im Wohnbereich stand und gerade seine Batterien an einer Steckdose auflud.
Sie stiegen aus den Marsanzügen. Es war eine Wohltat, den sperrigen Dingern zu entkommen. Gleich vorne neben dem Eingang ins Habitat, hängten sie die Anzüge an spezielle Halter an der Wand. Man musste nur noch einen Steckerkontakt an die Anzüge anschließen, dann wurden sie automatisch mit Atemluft und Strom aufgeladen.
Laura hielt eine Tasche hoch: „Frische Klamotten für jeden von uns. Lasst uns duschen. Es ist genug Wasser da.“ Freudestrahlend zeigte sie auf ein Wanddisplay, auf dem die Lebenserhaltungsdaten des Habitats angezeigt wurden. Sauerstoff und Stickstoffanteil der Atemluft waren optimal. Die Temperatur im Habitat betrug knapp zwanzig Grad Celsius und die Anzeigen für Trinkwasser und Sauerstoffreserven waren alle im grünen Bereich.

*

Liam Bishop schaute die Aufnahmen an, die vom Mars gesendet wurden. Ein ganzes Team von Technikern schaltete die Aufnahmen der einzelnen Kameras durch und wählte Bildausschnitt und Tonqualität aus. Sie sendeten zurzeit in Echtzeit. Alles, was vom Mars hereinkam, ging sofort hinaus in die ganze Welt.
Er sah, wie die vier Marskolonisten der Reihe nach duschen gingen, wie sie danach ihr erstes Essen auf dem Mars zu sich nahmen – Trockennahrung, mit Wasser vermengt und in der Mikrowelle erhitzt. Obwohl es bereits einige Pflanzen gab. Gerade erschien eine Kamerafahrt auf dem Bildschirm. Es ging ganz hinten im Habitat durchs Gewächshaus. Dicke Bohnen, Erbsen und Salat standen in Reih und Glied, in Spezialwatte verwurzelt, in einer Nährlösung. Noch gab es keine richtige Gartenerde auf dem Mars. Die Siedler würden sich demnächst darum kümmern.
Im Internet gab es Diskussionen, wie man diese „Erde“ denn nennen wollte. Es war ja eigentlich keine Erde sondern Mars. Oder sollte es Marserde heißen?
Liam lächelte in sich hinein. Der Laden brummte. Sie hatten ungeheuerliche Einschaltquoten, mehr als dreimal so viel, wie er ursprünglich erwartet hatte. Die ganze Welt schaute zu, wie die vier Astronauten ihre neue Heimstatt bezogen.
Daran war vielleicht der Verlust der Voraus-Mission nicht ganz unschuldig. Die Meldung der kleinen Katastrophe war um die ganze Welt gegangen. Keine zusätzlichen Werkzeuge für die Marskolonisten! Kein großer 3-D-Drucker und das Wichtigste: keine große Kuppel, die als Treibhaus genutzt werden konnte. Die Menschen auf der Erde hatten Mitgefühl mit den Marsianern, denen dieser unerwartete Schicksalsschlag das Leben in der Kolonie schwer machte.
Neue Kameraeinstellung. Außenaufnahmen. Man sah das Habitat von außen. Eine Stimme im Hintergrund erklärte die Ausmaße und dass es sich um eine spezielle dreilagige Hülle handelte, die eigentlich für Weltraumeinsätze vorgesehen war. Absolut strahlensicher, solange nicht gerade ein Sonnensturm tobte, denn die Atmosphäre des Mars war zu dünn, um die Siedler vor der schädlichen Strahlung zu schützen. Auch besaß der Planet praktisch kein Magnetfeld, dass wie dasjenige der Erde, den Sonnenwind von der Oberfläche fernhielt.
Die nörgelnden Stimmen waren verstummt. Niemand krakeelte mehr davon, dass die Astronauten von der gefährlichen Strahlung Krebs bekommen würden. Kein Piep aus dem Lager derjenigen, die zuvor steif und fest behauptet hatten, es sei nicht möglich, in den Habitaten eine erdähnliche Atmosphäre herzustellen und diese zu erhalten.
Wie hatten sie geunkt! Die Pflanzen würden für einen gefährlichen Sauerstoffüberschuss sorgen. Brandgefahr! Eine andere Fraktion hatte das genaue Gegenteil postuliert. Schon nach wenigen Wochen würden die armen Marsianer elend ersticken. Hach jeh!
Nun schwiegen sie alle. Fürs Erste jedenfalls. Ständig wurden die Daten der Messstationen der Kolonie eingeblendet. Temperaturanzeigen, Druck der Atemluft, Sauerstoff und Stickstoffgehalt. Ladezustand der Batterien, die nachts die Kolonie mit Elektrizität versorgen würden. Man sah den Ladestrom der Solarzellen und musste gestehen, dass die Typen von Mars First Recht behalten hatten. Die Zellen lieferten Strom im Überfluss, mehr als eigentlich gebraucht wurde.
Das Bild wechselte. Die kleine Holländerin Antje van Dijk lief mit einer Handkamera durchs Habitat und zeigte der neugierigen Erdenwelt alles. Möbel, Bettstätten, Apparaturen, Regale, Vorratsbehälter, das Treibhaus und die Toilette. Ja, auch die Toilette.
Die vier Kolonisten sprachen in die laufende Kamera. Sie erzählten, wie glücklich sie seien, endlich angekommen zu sein und dass sie ihre neue Heimat liebten. Sie berichteten von ihren Plänen für die folgenden Tage. Es gab viel zu tun. Doch für heute war es genug mit Arbeit. Die vier Leutchen wirkten erschöpft, was kein Wunder war nach der monatelangen Schwerelosigkeit im Raumschiff.
Sie gingen in die Dragon-Kapsel, an die ihr Habitat angeschlossen war und schauten durch die Luken dem Sonnenuntergang zu. Es war ihr erster Sonnenuntergang auf dem Mars.
Vor der Kapsel lagen die langen Streifen der Solarzellenfolien. Sie funkelten im schwindenden Tageslicht. Liam musste lächeln. Die Zellen funktionierten einwandfrei. Auch hier hatten die Nöler und Unkenrufer nicht Recht behalten. Wie hatten sie gejault, als die Zellen in der Antarktisstation getestet worden waren! Das sind keine realistischen Bedingungen, hatten sie gegrölt. Hier auf der Erde gewinnt man viel mehr Strom aus den Solarzellen als auf dem Mars. Dort ist das Sonnenlicht doch viel schwächer! Mars First hatte wieder und wieder erklärt, dass die Zellen mit einem Speziallack behandelt waren. Dadurch wurde das einfallende Sonnenlicht gedämpft. Es gelangte nur so viel Licht auf die Zellen, wie es auf dem Mars der Fall sein würde. Hatten die Nörgler sich damit zufrieden gegeben? Natürlich nicht. Sie hatten ständig neue Gefahren erfunden und getönt, dass die Kolonisten alle sterben würden.
Nun hielten sie den Mund, alle zusammen. Denn Mars First funktionierte. Alles lief glatt. Es lief sogar besser als geplant. Es lief richtig gut.
Liam schaute dem Sonnenuntergang auf dem Mars zu. Der Himmel glühte rosarot, untermalt mit bleifarbenen Streifen und dunklen Blautönen, während eine Sonne, die viel kleiner war, als man es von der Erde aus gewöhnt war, dem nahen Horizont zustrebte und schließlich versank.
Danach gingen die Kolonisten schlafen. Die Arbeit hatte sie ausgelaugt. Sie waren fertig, aber auch froh, dass sie gleich mit der Arbeit begonnen hatten.
Morgen seid ihr platt, dachte Liam. Ihr hättet dem Missionsplan folgen und erst ein oder zwei Tage ausspannen sollen, um euch an die Schwerkraft zu gewöhnen. Morgen kriegt ihr keinen kleinen Finger zum Arbeiten hoch, das garantiere ich euch.
Aber er konnte den vier Kolonisten nicht böse sein. Ihre Begeisterung war ansteckend gewesen, als sie kurzentschlossen die Einzelteile für das Habitat aus den Kapseln geholt und alles aufgebaut hatten. Den Zuschauern hatte es jedenfalls gefallen. Das bewiesen die Einschaltquoten und die Einträge in den vielen Internetforen.
Sollen sie halt morgen einen Tag blaumachen und ihren Muskelkater auskurieren, dachte Liam. Auch das gehört dazu. Die Zuschauer wollen das sehen. Sie wollen bei allem hautnah dabei sein.
Er rieb sich die Hände. Die Geldquellen sprudelten. Endlich war Mars First in trockenen Tüchern. Von heute an würden sie nie wieder mit Geldknappheit zu kämpfen haben. Für die nächste Mission hatten sie mehr als genug Knete.
Alles war in Ordnung. Es war alles bestens.

*

Arne Heuermann lag zusammengerollt unter der Decke. Er war hundemüde von der anstrengenden Arbeit, aber noch zu aufgedreht, um gleich einzuschlafen.
Er war auf dem Mars. Er hatte es geschafft. Er war tatsächlich auf dem Mars!
Es war die Erfüllung eines Kindheitstraumes. Es war unbeschreiblich. Es war besser, als wenn er im Lotto gewonnen hätte. Arne war durch und durch glücklich und zufrieden. Er freute sich unbändig auf sein neues Leben. Es würde klasse werden, dessen war er sich sicher. Klar, war es schade, dass sie diese Voraus-Mission verloren hatten. Die große Kuppel hätten sie gut gebrauchen können. Sie hätten darin ein wahrhaft großes Treibhaus gehabt. Damit war es fürs Erste Essig. Doch was sollte es! Drauf gepfiffen! Sie würden schon bald die ersten Experimente mit Marserde machen und mit den Drei-D-Druckern. Sie würden lernen, Ziegel herzustellen und dann – verdammt nochmal – eine Kuppel selbst bauen, eine gute und haltbare Kuppel aus Marsbeton. Beim Abendessen hatten er und Ethan sich darüber unterhalten. Wenn man beim gemütlichen Essen darüber sprach, hörte es sich ganz einfach an.
Arne grinste in sich hinein. Bei Ethan McDuff war alles einfach. Du machst es so und so und dann klappt das schon!
Aber deinen Marsanzug hast du nicht an die Versorgung angeschlossen, du Dödel! Wieder mal! Wie auf der Erde im Testcamp. Der Tag wird kommen, an dem es keiner bemerkt und den Stecker reinsteckt und dann bist du draußen, zwei Kilometer von der Kolonie entfernt und dein Anzug meldet dir, dass du nur noch Strom für zehn Minuten hast oder nur noch Sauerstoff für eine Viertelstunde.
Er hatte Ethans Nachlässigkeit zufällig entdeckt, als er hinter Maus herspaziert war, als die das Habitat filmte. McDuff hatte seinen Anzug aufgehängt, aber vergessen, die Versorgungsleitung anzuschließen. Arne hatte im Vorbeigehen so getan, als würde er sich die Anzüge nur mal anschauen und hatte die Leitung in Ethans Anzug eingeklinkt. Dabei hatte er sich so hingestellt, dass die Kamera auf der anderen Seite der Living-Unit nicht filmen konnte, was er da machte. Arne wollte nicht, dass man auf der Erde mitbekam, wie nachlässig der Amerikaner war.
Sie waren alle Kameraden und jeder gab auf jeden acht. Das gehörte sich so. Die auf der Erde mussten nicht alles wissen. Aber wenn Ethan noch einmal vergaß, seinen Anzug an die Versorgung anzuschließen, würde Arne mit ihm reden müssen, irgendwo, wo es keine Kamera und Mikrofone gab. Ethans Vergesslichkeit konnte lebensgefährlich für ihn werden. Das durfte nicht sein.
Arne legte sich auf die Seite. Er spürte, wie der Schlaf allmählich näher kam, aller Aufregung zum Trotz. Seine letzten Gedanken galten dem Sonnenuntergang, den sie durch die Luken der Dragon beobachtet hatten und dem weichen weißgoldfarbenen Licht auf dem Gesicht von Maus und den vor Freude leuchtenden Augen der kleinen Niederländerin. Antje hatte sowas von süß ausgesehen. Total süß.
Mit einem leisen Seufzen schlief Arne ein.

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