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Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(4)
Arne Heuter schaute zur Luke hinaus. Man konnte den Mars bereits erkennen. Der rote Planet war ein besonders heller Lichtpunkt in der Dunkelheit des Alls und im Lauf der Tage verwandelte er sich in eine kleine rötliche Scheibe. Arne konnte es nicht mehr erwarten, endlich anzukommen. Er wollte raus aus der drangvollen Enge des Raumschiffs, raus aus der Schwerelosigkeit, raus auf den Mars. Er wollte nicht mehr warten. Er wollte etwas tun.
Ethan, Laura und Maus schauten auf einen Bildschirm, auf dem sie die früheren Marsmissionen studierten. Sie schauten sich kleine Filmchen an und lasen Daten vom Bildschirm ab.
„Allzu toll hat Europa ja nicht gerade abgeschnitten“, nölte McAngeber. „Wir Amerikaner haben mehrere Missionen erfolgreich zum Mars gebracht, angefangen mit den beiden Vikingsonden in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, gefolgt von Pathfinder 1998 und Spirit und Opportunity im Jahr 2003 und schließlich 2012 der Rover Curiosity, ein Gerät so groß wie ein Auto. Euer europäischer Mars Express hingegen hat zwar den Orbiter in eine Umlaufbahn gebracht, aber der britische Lander Beagle2 hat sich nach Eintritt in die Marsatmosphäre nicht mehr gemeldet.“ McDuff lachte. „Die Briten haben es wohl nicht so drauf.“
„Dann pass lieber auf, Ethan“, rief Arne von seinem Fensterplatz aus. „Du sitzt in einem britischen Raumschiff. Mars First ist very british. Zwar gibt sich die Mission international, aber sie stammt aus Großbritannien.“ Arne zwinkerte McDuff zu: „Nicht, dass wir uns nach Eintritt in die Marsatmosphäre nicht mehr melden.“
Für einen Moment verschlug es Ethan die Sprache. Aber McDuff wäre nicht McGroßmaul gewesen, wenn das lange angehalten hätte. „Haha!“, rief er. „Wir fliegen mit einer amerikanischen Dragonkapsel runter, die an ein amerikanisches Raumschiff gekoppelt ist, das von einer amerikanischen Falcon Heavy Rakete ins All geschossen wurde.“ Er machte eine allumfassende Geste: „Nichts von all dem hier ist britisch.“
„Aber die Habitate, in denen wir leben werden“, sagte Laura. „Alles made in Great Britain, lieber Ethan.“
„Soweit ich weiß, sind das Nachbauten in Lizenz“, konterte McDuff. So schnell gab er sich nicht geschlagen. „Und wenn schon? Ist es eben britisch. Meine Familie stammt von dort. Wir sind ursprünglich Schotten. Die Engländer bauen auch gute Sachen.“
Es piepte in den Lautsprechern. Die laufende Sendung wurde für eine Übertragung von der Erde unterbrochen. Alle vier Astronauten versammelte sich vorm Bildschirm.
Das Gesicht von Liam Bishop erschien.
„Der Chef persönlich“, sagte McDuff. „Das muss etwas Wichtiges sein!“
Arne verdrehte die Augen. Der Kerl musste echt zu allem seinen Senf dazugeben. Konnte McNerv nicht mal für eine Minute die Klappe halten?!
„Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie“, begann Bishop. „Wir haben die Voraus-Mission verloren. Kurz nachdem der Lander in die Atmosphäre des Mars eingetreten ist, brach der Funkkontakt ab. Die Kapsel ist verloren. Wahrscheinlich ist sie verglüht. Wenn nicht, ist sie ungebremst auf dem Marsboden aufgeschlagen. Es tut mir leid, Ihnen das melden zu müssen.“
„Shit!“, zischte McDuff.
„Es ist traurig, aber es gefährdet Ihre eigene Mission in keiner Weise“, fuhr Liam Bishop fort. „Ursprünglich war diese Vorabsendung nicht eingeplant. Erst als Mars First über die nötigen Mittel verfügte, haben wir sie losgeschickt. Sie sollten es dort oben ein bisschen komfortabler haben. Am wichtigsten war die große, aufblasbare Kuppel, die als Treibhaus gedacht war. Nun ist alles verloren. Machen Sie sich keine Sorgen. Auch ohne die Vorab-Mission können Sie auf dem Mars leben. Es wird halt etwas enger. So wie ursprünglich geplant eben. Bishop, Ende.“
Der Funkkontakt wurde beendet.
„Fuck!“, rief Ethan. So hatte Arne den Mann noch nie erlebt. McDuff war außer sich. „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wie …?“ Ethan schüttelte den Kopf. „Das muss ein Irrtum sein! Wahrscheinlich ist nur der Funk ausgefallen. Die Kapsel ist sicher gelandet, ganz nahe bei der Kolonie und ihr Bordcomputer lässt gerade das Diagnoseprogramm laufen. Sobald die Software wieder klar ist, wird die Kapsel ihren Funkruf losschicken.“
„Nein“, sagte Laura. „Die auf der Erde haben gewartet, ob dass geschieht, aber es kam kein Ruf von der Landeeinheit. Sie hätte vor drei Tagen landen sollen, Ethan. Die Kapsel mitsamt der Ladung ist verloren.“
„Verloren?!“ Arne erschrak beim Anblick des verzerrten Gesichts von Ethan McDuff. Er erkannte blankes Entsetzen in den Augen des Amerikaners. „Einfach so? Puff! Verloren? Aufgeschlagen? Verglüht?“ Ethan atmete hektisch. „Und wir? Wir werden in zwei Wochen in genau die gleiche Kapsel steigen, um auf dem Mars zu landen, in eine Dragon 3.0! Gehen wir auch verloren? Einfach so? Puff?“
„So etwas passiert extrem selten“, schaltete sich Antje ein. Sie versuchte Ethan zu beruhigen. „Uns wird nichts passieren.“
„Ach ja?“ Ethan klang hysterisch. „Wisst ihr nicht, dass seit den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts rund die Hälfte aller Marsmissionen scheiterte? Nicht gerade die besten Voraussetzungen, denke ich!“
Hör sich einer den Kerl an!, dachte Arne. Sonst reißt er das Maul bis zum Anschlag auf und plötzlich hat er Muffensausen.
Er war wütend auf Ethan McDuff. Die aufkommende Panik des Amerikaners wirkte ansteckend. In Arnes Bauch begann es zu rumoren.
Antjes ruhige Stimme vertrieb das Grummeln: „Das war früher. Die ersten Missionen scheiterten oft. Das war primitivste Technik. Wir hingegen sind mit Hightech unterwegs. Alles zigmal getestet.“ Sie legte McDuff die Hand auf den Unterarm: „Es wird nichts passieren, Ethan! Glaub mir!“
„Ja“, brummte McDuff. „Ja, ja, schon gut. Ich bin wieder okay. Bin bloß ein wenig erschrocken. Das kam etwas plötzlich. Es ist wirklich enttäuschend, dass wir die Vorabmission verloren haben. Wirklich enttäuschend. Mann! Die große Kuppel! Ausgerechnet! Das ist äußerst ärgerlich!“
*
Liam und Dorothy machten mit den Zwillingen einen Spaziergang im Park, der zum Landsitz der Bishops gehörte. Sie liefen auf den gepflegten Pfaden, die sich zwischen blühenden Rosenbüschen hindurch wanden und unter uralten Bäumen dahin führten. Abby und Penny rannten jauchzend über den frisch gemähten Rasen.
„Es hat sie ganz schön mitgenommen“, begann Dorothy.
Liam wusste sofort, was sie meinte. Es ging um die verlorene Voraus-Mission von Mars First. „Natürlich sind sie enttäuscht“, sagte er. „Das wäre ich an ihrer Stelle ebenfalls. All die zusätzlichen Sachen und Geräte, vor allem die aufblasbare Kuppel. Sie hätten ein großes Treibhaus daraus machen können. Die Kuppel wäre zusätzlich eine Art Freizeiteinrichtung gewesen. Sie hätten viel Platz gehabt.“
„Sie hatten bereits alles geplant“, sagte Dorothy. „Sie wollten eine Tisch und Stühle aufstellen, vielleicht sogar eine kleine Grillstelle bauen, um Maiskolben zu rösten und Veggie-Burger zu braten. Sie wollten sich einen Platz schaffen, an dem sie sich nach Feierabend erholen konnten, einen Platz, wo man sich zu zwangloser Unterhaltung treffen und zusammen etwas trinken konnte.“
„Ja, Dottie“, gab Liam seiner Frau recht. „Das hatten sie geplant. Als sie vom Start der Vorab-Mission hörten, waren sie begeistert. Sie freuten sich wie kleine Kinder auf die Kuppel. Kein Wunder, dass sie enttäuscht sind.“
„Sie sind nicht enttäuscht, Ly“, sagte Dorothy. „Sie sind zutiefst betroffen. Sie sind geschockt. Und Ethan McDuff hat eine Panikattacke bekommen. Hast du nicht gesehen, wie blanke Angst aus seinen Augen leuchtete, als er die Nachricht vom Verlust der Kapsel hörte? Ly, der Mann hat Angst! Schreckliche Angst!“
„Ach was!“, sagte Liam. „Das war eine kleine Schockreaktion, sonst nichts. Inzwischen hat er sich wieder eingekriegt. In den Social-Networks gehen seine Likes wieder nach oben.“
„Likes“, sagte Dorothy. Sie schaute geradeaus ins Nichts. „Darum geht es, nicht wahr? Um Likes und viele Sterne, um gute Bewertung. Um Einschaltquoten.“
„Um Letzteres ganz bestimmt“, gab Liam zu. „Ohne eine gescheite Einschaltquote hat Mars First kein Geld. Wir finanzieren uns schließlich komplett über den Verkauf von Fernsehrechten.“
„Ich wette, die Einschaltquoten sind hochgeschnellt, nachdem die schlechte Nachricht über die TV-Schirme lief“, sagte Dorothy. Noch immer blickte sie starr geradeaus. Sie schien ihre Umgebung nicht wahrzunehmen. Sie reagierte nicht einmal auf die Stimmen der Kinder. „So ist es doch, oder?“
Liam schwieg.
„Ly?“
Immerhin nannte sie ihn bei seinem Kosenamen. Ly. Sie sagte nicht Liam Walther Bishop. Sie war nicht sauer auf ihn. Warum auch?
„Es war ein Unglück“, sagte er. „Leute schauen sich gerne Nachrichten über Katastrophen an. Das liegt in der menschlichen Natur.“
„Mars First hat die Zuschauer also mit dem versorgt, was sie sich am meisten wünschen!“ Dotties Stimme hatte einen spöttischen Unterton angenommen.
„Mars First hat überhaupt nichts getan“ erwiderte er. Er klang grob. Das hatte er nicht gewollt. „Es ist passiert, Dottie. Es war ein Unfall.“ Liam schaffte es, seine Stimme wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er sprach ruhig und aggressionsfrei. „Es war einer dieser Unfälle, wie sie bei der Raumfahrt immer wieder vorkommen. Es ist jammerschade, dass wir die Dragon verloren haben. Wirklich jammerschade.“
„Vielleicht ist sie nicht verloren“, bohrte Dorothy nach. „Die Orbiter haben keine Explosion aufgezeichnet. Es könnte doch sein, dass die Kapsel genau das getan hat, wozu sie programmiert war: Sie ist sauber gelandet und steht jetzt vielleicht zehn Kilometer von der Marskolonie entfernt und alles ist in bester Ordnung. Bloß die Funkanlage ist ausgefallen.“
„Das glaube ich nicht“, sagte Liam. „Wir hätten sie bestimmt entdeckt.“
„Ach ja?“, spottete Dorothy. „Wo die Sonden im Orbit nicht einmal fähig waren, eine Explosion aufzuzeichnen? Dann erkennen die Kameras der Orbiter erst recht keine Dragon-Kapsel, die auf der Marsoberfläche gelandet ist! Vielleicht steht sie in einem kleinen Krater. Da übersieht an sie leicht.“
„Schon möglich“, brummte Liam. Die Unterhaltung war ihm unangenehm. Er wusste genau, wohin sie führte. Er kannte Dorothy gut genug, um zu wissen, wohin sie steuerte.
Schon ging es los: „Dann steht das Ding irgendwo in der Nähe der Kolonie und die Marsnauten wissen nichts davon?“
„Dottie, das glaube ich nicht.“
„Es könnte aber sein“, beharrte sie. „Wer weiß, vielleicht versucht der Bordcomputer gerade, sich selbst zu rebooten. Vielleicht fährt er in vierundzwanzig Stunden die Funkanlage hoch und sendet das Signal, anhand dessen man ihn identifizieren kann.“
„Wir haben lange genug gewartet, um genau das zu finden“, hielt Liam dagegen. „Da oben ist kein Signal.“
„Okay“, meinte Dorothy. „Dann ist die Funkanlage also komplett ausgefallen. Aber die Dragon könnte intakt sein und mit ihr die gesamte Ausrüstung.“
„Das halte ich für sehr unwahrscheinlich“, sagte Liam.
„Aber es wäre möglich! Die vier Marsnauten bräuchten bloß mit dem großen Rover die Umgebung abzusuchen, sobald sie gelandet sind!“
„Gute Güte, Dottie! Hast du eine Ahnung, wie groß das Gebiet ist, dass man absuchen müsste? Das sind tausende von Quadratmeilen! Stell dir das nicht so einfach vor.“
„Aber es könnte sein!“ Dorothy zeigte die ihr eigene Sturheit, die sie manchmal an den Tag legte. „Es könnte sein, dass die Dragon vollkommen unbeschädigt irgendwo auf der Oberfläche steht.“
„Nein, Dottie“, sagte Liam. Er bemühte sich um eine ruhige Stimme. „Der Funkkontakt ging mitten im Landeanflug verloren. Es kann dafür nur einen Grund geben: Die Kapsel hat versagt. Die Techniker haben es durchgerechnet. Der Funk fiel abrupt aus. Wahrscheinlich, weil die gesamte Kapsel komplett ausfiel. Die Triebwerke haben gestoppt – ein Computerfehler vielleicht. Das gab es zuvor bereits einige Male bei Missionen der NASA.
Die Kapsel sollte selbstständig landen. Nach dem Abschalten der Triebwerke sollte die Funkanlage auf eine andere Sendefrequenz umschalten, weil der Orbiter die Dragon sonst nicht sauber empfangen hätte. Ich denke, der Steuercomputer hat einen Fehler gemacht. Aus irgendeinem Grund hat er mehrere Meilen über der Oberfläche gedacht, die Kapsel sei gelandet. Also schaltete er wie geplant auf die neue Sendefrequenz und wollte mit erhöhter Leistung senden. Aber bis es dazu kam, ist die Dragon zerstört worden. Ich glaube, sie ist gar nicht aufgeschlagen. Sie ist ganz einfach in der Atmosphäre verglüht.“
„Verglüht“, sprach Dorothy leise. „Ausgelöscht Und Ehtan McDuff ist jetzt ein Mann, der Angst hat. Große Angst. Er zeigt sie nicht, aber ich habe mir die Kameraaufnahmen angesehen. Ethan hat Angst.“
Die Zwillinge kamen angestürmt und warfen sich in die Arme ihrer Eltern. Penelope kam zu Liam, Abigail lief zu Dorothy.
Penny schaute zu Liam hoch: „Daddy Momma keelee?“ Wie groß ihre Augen waren. Sie waren von dem gleichen hellen Grün wie die Augen ihrer Mutter, mit ein paar haselnussbraunen und honigfarbenen Sprenkeln direkt um die Pupille. Die Mädchen hatten das Aussehen ihrer Mutter geerbt. Auch ihr Haar war dunkelblond und von außerordentlicher Fülle. Nur das Lächeln hatten sie von Liam. Das sagten alle.
Liam lächelte Penny an: „Nein, Darling. Mom und Dad sind nicht keelee. Mommy ist nur traurig, weil Mars First eine Dragon-Kapsel verloren hat.“
„Schiff nicht genug Benzin getrinkt“, plapperte Penny. „Stehen bleibt.“
Liam war verblüfft. Dieses kleine Mädchen überraschte ihn immer wieder mit seinem Scharfsinn. Er blickte zu Dorothy: „Könnte das sein? Ging auf dem Weg zum Mars aufgrund eines Materialfehlers Treibstoff verloren?“
„Wäre das nicht angezeigt worden?“, fragte Dorothy.
Liam schüttelte den Kopf: „Ich glaube nicht.“ Er hob seine Tochter hoch: „Vielleicht war es so, wie Penny sagt. Das würde alles erklären.“
*
Eine rote Kugel hing vor der Luke. Sie starrten sie an. Sie konnten sich nicht sattsehen.
„Mars!“, sagte Ethan. „Erdähnlichster Planet des Sonnensystems. Benannt nach dem römischen Kriegsgott. Durchmesser: 6800 Kilometer. Leider nur eine sehr dünne Atmosphäre. 0,63% des irdischen Luftdrucks; das entspricht dem Luftdruck auf der Erde in einer Höhe von rund 35 Kilometern.
Die Atmosphäre besteht zu 95,3% aus Kohlendioxid, zu 2,7% aus Stickstoff, zu 1,6% aus Argon und es gibt ganze 0,13% Sauerstoff. Kein Wunder, dass wir den Sauerstoff lieber via Elektrolyse aus Bodeneis gewinnen sollen. Das geht leichter. Den Stickstoff werden wir aber aus der Atmosphäre ziehen müssen. Wir brauchen dieses Inertgas in unserer Atemluft.“
Hast du schön gesagt, Kleiner, dachte Arne belustigt. Ihm war sonnenklar, dass der Amerikaner die Eckdaten zum Mars auswendig gelernt hatte, um seine Kenntnisse vor laufenden Kameras zur Schau zu stellen. Ach ja, der gute, alte McAngeber.
Nachdem er zwei Wochen zuvor derart ausgeflippt war, hatte Ethan sich wieder voll im Griff und spielte den dicken Maxe. Er führte sich auf, als wäre er der Leiter der Mission. Er verteilte bereits Rollen, obwohl sie noch im All schwebten. Sie waren nicht mal in der Umlaufbahn, aber McObermacker erklärte lautstark, was sie alles zu tun haben würden, sobald die Dragon gelandet war. Da waren Solarzellenfolien zu auszurollen, Habitate zusammenzukoppeln und an die bereits wartenden Dragons anzukoppeln und so weiter.
Das Wichtigste hast du vergessen, dachte Arne belustigt. Erstmal müssen wir warten! Auf den Rover, der zu unserem Landeplatz kommt, um uns abzuholen und mitsamt der Kapsel zur Kolonie zu fahren.
Arne beobachtete Ethan McDuff heimlich. Der Mann war die Tatkraft in Person, aber wenn man genauer hinsah, erkannte man McDuffs Nervosität.
Er hat Schiss, überlegte Arne. Seit die Vorab-Mission verlorenging, hat er Angst. Er fürchtet sich davor, dass unsere Landekapsel versagt und wir umkommen.
Das war möglich. Raumfahrt war ein gefährliches Geschäft. Aber es waren bereits sechs Dragons gelandet, vollgestopft mit Dingen, die sie brauchen würden. Sechs Missionen waren erfolgreich verlaufen und auch ihre eigene würde gut verlaufen, darauf hätte Arne jederzeit gewettet. Das mit der Vorabmission war elendes Pech. Vielleicht hatte sie versagt, weil alles so eilig gegangen war. Mars First hatte hetzen müssen, um das Schiff zum Mars zu schicken. Eile war nicht gut, wenn es um Raumfahrt ging. Da schlichen sich leicht Fehler ein.
*
Auf der Pressekonferenz ging es rund. Die Halle war mit Reportern aus aller Welt vollgestopft. Sie bombardierten die Chefriege von Mars First mit immer neuen Fragen. Liam Bishop ließ sie fragen und überließ das Antworten seinen Untergebenen von der Presseabteilung. Dafür wurden die Leute schließlich bezahlt. Sie schlugen sich wacker.
Erst gegen Schluss stand Liam auf, trat ans Mikrofon und lieferte eine Zusammenfassung.
„Meine Damen und Herren, lassen Sie es mich noch einmal wiederholen: Es besteht keinerlei Gefahr für unsere Marsnauten! Dass wir die Vorab-Mission verloren haben, ist unangenehm. Aber nichts, was in jener Kapsel war, ist überlebenswichtig für die erste Crew, die in zwei Tagen auf dem Mars landen wird. Ursprünglich war diese Zusatzmission nicht einmal geplant, vergessen Sie das bitte nicht. Es geht auch ohne.
Es wird etwas enger werden, doch wir folgen genau dem Masterplan. Wir haben einen Verlust erlitten, aber wir können unsere Mission problemlos durchführen.“
Liam deutete eine Verbeugung an: „Ich danke Ihnen für ihr Kommen. Guten Tag.“
*
Im Raumschiff ging es hektisch zu. Sie bereiteten sich auf den Umzug vor. Die Crew räumte aus dem Mutterschiff aus, was nur ging und verstaute es nach einem zuvor entworfenen Plan in der Landekapsel. Bald herrschte drangvolle Enge in der Dragon 3.0, die sowieso nicht gerade ein Raumwunder war.
Beim Abendessen schauten sie sich eine Doku an, die auch auf der Erde lief. Man sah die zukünftige Marskolonie. Eine Kamera folgte einem großen Rover, der Steine wegräumte, wo die Habitate aufgebaut werden sollten. Es dauerte seine Zeit, eine entsprechende Fläche zu säubern. Überall lagen Steinbrocken in allen Größen herum, von hühnereigroß bis zur Größe von Putzeimern. Ein paar Brocken waren noch größer.
Der Rover schaffte sie trotzdem leicht beiseite, denn auf dem Mars wogen sie gerade mal ein Drittel dessen, was sie auf der Erde auf die Waage gebracht hätten.
Doch es ging langsam. Jede Bewegung des Rovers musste von der Erde aus ferngesteuert werden und dass bei einer Übertragungszeit von bis zu zwanzig Minuten. Es bedeutete, dass die Lenker auf der Erde etwas im Kamerafeld des Rovers sahen und beschlossen, was damit geschehen sollte. Dann sandten sie den entsprechenden Befehl zum Mars. Nach etwa zwanzig Minuten bekam der Rover diesen Befehl und machte sich an die Arbeit. Das sahen die Bediener auf der Erde wiederum erst nach weiteren zwanzig Minuten. Weil man nicht weit voraussehen konnte, bekam der Rover immer nur kurze Steuerbefehle. Einen einzigen Steinbrocken aufzusammeln und weit genug weg zu transportieren, wo man ihn abladen konnte, dauerte eine kleine Ewigkeit.
Seit Monaten ging das so. Zwischendurch musste der Rover immer mal wieder an die Ladestation einer der Landekapseln. Dort hatte er die Solarfolien ausgerollt, die mittels Sonnenlicht Elektrizität erzeugten. Die eigenen Solarzellen des Rovers reichten nicht für die schwere Arbeit. Ab und zu musste er also seine internen Batterien an einer Kapsel aufladen, denn das ging wesentlich schneller, als wenn er es mit seinen eigenen Sonnenzellen allein getan hätte.
McBestimmer zeigte auf den Bildschirm: „Das blüht uns auch, Leute. Das wird gleich zu Anfang das Wichtigste! Steine wegräumen! Der Rover hat nur die Flächen geräumt, auf der die Habitate aufgestellt werden. Wir werden nach und nach die gesamte Umgebung unserer kleinen Kolonie von Steinbrocken befreien. Das letzte, was wir brauchen, wären verstauchte oder gar gebrochene Knöchel, wenn einer in seinem sperrigen Marsanzug auf so einen Brocken tappt und schief tritt. Auf uns wartet harte, ehrliche Arbeit.“
Mal sehen, ob du mit deinem Händen dann genauso fleißig bist, wie mit deiner großen Klappe, dachte Arne. Ihm missfiel die bestimmende Art von McDuff immer mehr.
Warum hatte sich auch Katsuro Yamamoto kurz vor dem Start verletzt? Was für ein Pech!
Ohne McDuff wäre es wirklich schöner gewesen.
Nach dem Essen räumten sie die übriggebliebene Astronautennahrung in die Landeeinheit. Bis ihre Treibhäuser frische Nahrung lieferten, würden sie weiterhin das gefriergetrocknete Zeugs essen müssen.
Sie gingen früh schlafen.
„Morgen geht es runter auf den Mars“, sagte Ethan gutgelaunt. „Morgen werden wir zu Marsianern.“
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