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Geschrieben von Stefan Steinmetz am 04.01.2017 um 00:58:

Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(3)

Die Tage vergingen. Die Wochen vergingen. Schließlich vergingen sogar Monate.
Sie vergingen eintönig, langsam und zäh. Arne kam es vor, als würde ihre kleine durchs dunkle All rasende Welt mit jedem weiteren Tag kleiner und enger. Man hatte ihnen gesagt, dass es nicht angenehm werden würde, dass sie einander irgendwann auf die Nerven gehen würden, dass die Haut papierdünn werden würde. Man hatte sie gelehrt, psychologische Tricks und Kniffe anzuwenden, um damit klarzukommen. Das half. Aber es half nicht immer. McDickmaul ging Arne mehr und mehr auf den Keks. Der Kerl war wie ein in der Nacht tropfender Wasserhahn. Es hörte und hörte nicht auf und fing an, einen in den Wahnsinn zu treiben.
Sie verbrachten ihre Zeit damit, alles mögliche zu überprüfen, alle Systeme zu checken, alles doppelt und dreifach zu kontrollieren. Davon verschwand die Enge im Raumschiff nicht. Man konnte sich nicht aus dem Weg gehen.
Manchmal wünschte Arne sich, die Kameras abschalten zu können. Er hätte McGroßmaul gerne mal die Meinung gegeigt, aber richtig. Der Kerl blies sich auf wie ein Ochsenfrosch. Er schlug Rad wie ein Pfau. Es genügte ihm nicht, sich selbst für den Größten zu halten, nein, die ganze Welt musste ihn ebenfalls für den Größten halten. Für Arne unverständlich: Sie taten es! Der Kerl bekam dreimal so viele Likes vom Publikum, wie alle anderen zusammen. Er hatte es drauf, Menschen von sich zu überzeugen, das musste der Neid ihm lassen. Aber er nervte mit seiner egomanen Art. Immerzu drängte er sich in den Vordergrund. Das ging soweit, dass er sogar Leute vor einer Kamera wie unabsichtlich wegschubste, um sich selbst zu produzieren.
Ground Control auf der Erde merkte, dass die Stimmung an Bord nicht die Beste war und steuerte mithilfe von Psychologen gegen. Sie führten Interviews ein, bei denen ausgewählte Leute aus dem Publikum Fragen stellen durften, die dann der Interviewte beantwortete. Das schnitten sie so zusammen, dass es wie in Echtzeit wirkte. In Wirklichkeit dauerte es mittlerweile zwölf Minuten, bis ein Funksignal von der Erde das Raumschiff erreichte und noch einmal genauso lange, bis die Antwort auf der Erde ankam.
Ich hatte nicht umsonst ein schlechtes Gefühl, dachte Arne. Ethan Nervensäge McDickmaul wird immer unerträglicher.
Der Mistkerl liebte es, Scherze auf anderer Leute Kosten zu machen und erntete damit Lacher beim Publikum. Besonders unangenehm fand Arne, dass Laura Ethan dabei auch noch unterstützte. So sorgte sie dafür, dass sie selbst nicht allzuviel abbekam, Arne und Antje dafür umso mehr.
Am liebsten machte McMieser-Sack dämliche Anspielungen darauf, dass Arne und Maus die Privatkabine nicht in Anspruch nahmen.
Arne unterdrückte einen Seufzer. Gerade zog der Amerikaner mal wieder seine fiese Nummer ab. Er produzierte sich vor der Kamera und legte los: „Also Leute, jetzt mal ehrlich: Ich frage mich allmählich, ob der Aufenthalt im Weltraum bei manchen Menschen zu gewissen … sagen wir mal … Dysfunktionen führt. Nein Leute! Ehrlich jetzt! Okay, es scheint Bewohner des nordamerikanischen Kontinents nicht zu betreffen.“ Er grinste zu Laura hinüber. „Eher ist es was Europäisches, möchte ich mal sagen.“
Arne bemühte sich, ein gleichgültiges Gesicht zu machen. Gott, wie er den Kerl in diesem Augenblick hasste. Was für ein Arschloch!
„Liegt es an der Schwerelosigkeit?“, blökte McDickmaul. „Oder am Essen? Dieses dehydrierte Zeugs enthält keinerlei Vitamine mehr. Wenn man nicht täglich seine Vitaminpillen schluckt, hat man schnell schlechte Karten.“ McGroßmaul lächelte wie ein Kühlergrill: „Tja … wegen dieser möglichen Dysfunktionen … da gibt es natürlich auch Pillen. Ihr wisst schon, diese kleinen blauen dreieckigen.“ McDepp lachte meckernd: „Nur dass wir leider solche nicht dabeihaben. So ein Pech aber auch! Was sollen wir nur tun?“ Er schaute mit gespieltem Hundeblick in die Kamera: „Könnt ihr mir helfen, Leute? Hey! McDuff an Erde! Bitte kommen! Ich zähle auf euch. Schreibt mir Emails! Schickt mir Videos! Redet mit Onkel Ethan!“ Er bog sich vor Lachen.
Mistkerl!, dachte Arne. Mieser Hund! So etwas unkameradschaftliches ist mir noch nicht untergekommen. Was geht es dich an, ob Antje und ich was miteinander haben? Einen Dreck geht dich das an!
Er sah, dass Antje van Dijk die angeberischen Tiraden von Ethan ebenfalls nicht mochte. Aber Maus war viel zu lieb und nett, um etwas dagegen zu sagen.
Wahrscheinlich denkt sie das gleiche wie ich, überlegte Arne. Sie sagt sich: Noch einen Monat und wir sind am Ziel und dort habe ich meine Ruhe vor dem Blödmann.

*

Liam Bishop saß mit seiner Frau Dorothy auf der Couch im weitläufigen Wohnzimmer. Sie sahen im Fernsehen eine Übertragung aus dem Marsraumschiff. Die Zwillinge saßen auf dem Schoß ihrer Eltern – Abigail bei Liam, Penelope bei Dorothy.
Liam musste schmunzeln, wenn er sah, wie konzentriert die beiden Mädchen die Sendung verfolgten. Abby und Penny waren verrückt nach Mars First. Wann immer möglich sahen sie sich die Sendungen an. Dabei bekamen die dreijährigen Mäuse doch praktisch nichts von dem mit, was da über den Bildschirm flimmerte. Dreijährige Kinder kapierten nicht, wenn eine am Computer erzeugte Animation den Hohmann-Transfer demonstrierte. Sie verstanden nichts von Kabinendruck, Sauerstoffgehalt und Luftumwälzung, von Lebenserhaltungssystemen und Raketentriebwerken, von der Zubereitung von Essen aus dehydrierter Nahrung.
Trotzdem wollten die zwei Mars First sehen, so oft es möglich war. Wenn sie Aufnahmen der Marsnauten sahen, bewiesen sie erstaunliche Fähigkeiten, die menschliche Psyche zu verstehen.
Gerade sah man Arne Heuermann, der sich einen Kaffee machte. Abby rutschte auf Liams Schoß herum. Sie beobachtete den Deutschen ganz genau. Dann zeigte sie mit dem Finger auf den Bildschirm: „Keelee!“ (gesprochen: „Kielie“).
Liam war platt. Es war gewiss nicht leicht, zu bemerken, dass Arne Heuermann nicht besonders gut drauf war. Grund war wohl das Gestichel von Ethan McDuff. Heuermann ließ sich nicht anmerken, dass ihm das Gerede des Amerikaners auf die Nerven ging. Man musste schon sehr genau hinschauen. Abigail hatte es sofort gesehen.
Liam schaute seine Frau an. Dottie machte ihm mit den Augen Zeichen. „So sind sie nun mal, unsere kleine Mäuse“, sagte ihr Blick. „Sie können die Stimmung eines Menschen genau erkennen.“
„Keelee“, sagte nun auch Penelope. „Rote Bart keelee Arne. Arne keelee.“ Die Zwillinge kannten alle Marsnauten beim Vornamen, doch Ethan McDuff war der Rotbart für sie.
Liam umarmte seine kleine Tochter und drückte sie: „Ja, Schatz. Onkel Ethan war gerade nicht sehr nett zu Arne.“
Keelee. Das Wort für schlecht, böse, Angst, traurig, negativ, ungut, nicht okay. Zwillingssprache. Penny und Abby hatten ihre eigene Sprache, wie man es von vielen Zwillingspärchen kannte. Sie hielten diese Sprache geheim, nicht wissend, dass ihre Eltern sie mittels einer kleinen Kamera, die in ihrem Schlafzimmer installiert war, beobachten und hören konnten. Nur zwei Worte dieser geheimen Zwillingssprache benutzten die Mädchen, wenn sie nicht allein waren: Keelee und Thetterbee (gesprochen Thätterbie, mit englischem th am Anfang). Thetterbee war das Gegenteil von Keelee. Es bedeutete: gut, schön, toll, Freude, okay, wohlfühlen, Spaß machen, geborgen sein.
Penny hatte klar erkannt, dass Ethan McDuff „keelee“ zu Arne Heuermann gewesen war und dass sich Arne deswegen „keelee“ fühlte.
„Diese Scharfsinnigkeit haben sie von deiner Mutter geerbt“, sagte Dorothy. Sie sah ihn lächelnd an. „Penelope ist eine außergewöhnliche Frau. Sie beobachtet die Menschen sehr genau und kann sich in kürzester Zeit ein Bild von ihnen machen.“
Liam musste schmunzeln, als er seine Frau so reden hörte. Er dachte daran, wie seine Mutter vor achtzehn Jahren nach einem einzigen Zusammentreffen mit der damals gerade elfjährigen Dorothy gesagt hatte: „Das ist das liebenswerteste Mädchen, das ich je kennengelernt habe. Sie hat ein Herz aus Gold. Du wirst eine ganz tolle Ehefrau bekommen, Liam.“
Zwanzig Jahre alt war er damals gewesen und es hatte ihm die Sprache verschlagen. Gut, er fand Dottie ganz nett und seit sie einander auf der Hochzeit der McDougals vorgestellt worden waren, sahen sie einander öfters. Sie unternahmen gelegentlich etwas gemeinsam. Sie liebten es beide, lange Ausritte zu Pferde zu machen und schwimmen zu gehen und Dorothy teilte Liams Leseleidenschaft. Manchmal saßen sie stundenlang in Dotties Mädchenzimmer und sie las ihm aus einem Buch vor.
Aber heiraten? Diese kleine Elritze? Gott, das Girl hatte ja nicht mal Brüste! Sie war nett, ja. Er mochte sie. Er konnte sie gut leiden. Aber heiraten?
Doch seine Mutter behielt recht. Mit den Jahren entwickelte sich die Freundschaft zwischen ihm und Dottie. Sie wurde intensiver und tiefgehender und irgendwann wurden sie ein Paar. Auf der Hochzeit hatte Liams Mutter triumphierend verkündet: „Siehst du, mein Guter. Du hast sie gekriegt. Genau wie ich es gesagt habe.“
Ja, dachte Liam und in seinem Herzen machte sich ein warmes Gefühl breit. Ich habe Dottie bekommen, die beste Ehefrau der Welt. Das ist total thetterbee. Ich könnte nie eine andere so lieben wie sie.
Auf dem Bildschirm wechselte der Bildwinkel. Man sah Ethan McDuff durchs Raumschiff schweben. Er bewegte sich ziemlich flott. Er zeigte gerne, dass er es drauf hatte und er mit der Schwerelosigkeit hervorragend zurecht kam. Diesmal hatte er sich allerdings ein wenig verrechnet. Als er elegant um ein aus der Schiffswand ragendes Computergestell sausen wollte, stieß er sich den Kopf.
Penny lachte: „Rote Bart keelee! Das thetterbee!“
„Ja!“, krähte Abbie und fiel in das Lachen ihrer Schwester ein. „Thetterbee!“
Wieder wunderte sich Liam. Drei Jahre alt und schon einen Sinn für Gerechtigkeit.
Er sah zu seiner Frau hinüber: „Bis auf die kleinen Kabbeleien läuft alles bestens. Fast schon zu gut. Die Mauler warteten bislang umsonst auf kleine oder größere Katastrophen. Nichts, was sie angekündigt haben, ist eingetreten. Der Flug verläuft technisch störungsfrei. Den Zuschauern wird allmählich langweilig.“
„Sie kommen bald beim Mars an“, meinte Dorothy. „Dann wird es wieder spannend.“

*

Antje van Dijk tat so, als hörte sie die Anspielungen von Ethan McDuff nicht. Anfangs hatte sie den Amerikaner sympathisch gefunden, doch inzwischen mochte sie ihn nicht mehr besonders. Sie fand es nicht nett, wie er über seine Kameraden herzog.
Das sollte man nicht tun, dachte sie. Es untergräbt die Moral und sorgt für unnötige Aversionen. Warum hört dieser Mensch nicht damit auf? Ich bin froh, dass wir bald auf dem Mars landen. Dann kann ich in meine eigene Welt abtauchen, in die kleine geschlossene Welt der Habitate und Pflanzungen.
Schon immer war Antje von in sich geschlossenen Welten fasziniert gewesen. Sie hatte schon als kleines Mädchen Bücher über Orte gelesen, wo geheime kleine Zivilisationen lebten, abgeschnitten vom Rest der Welt. Die Höhlenkinder hatte sie in Atem gehalten, ein Junge und ein Mädchen, die in einem abgeschiedenen Alpental überleben mussten und mit zwölf hatte sie angefangen, Science Fiction zu lesen, bevorzugt Bücher, in denen Leute vom Rest der Welt abgeschieden in Bunkern lebten oder auf Inseln oder in Höhlen oder in verloren geglaubten Raumstationen.
Als sie zwölf war, war auch ihre Begeisterung fürs Weltall aufgekommen. Sie hatte die Starts von Raketen verfolgt, die Landung von Sonden auf dem Mars und auf anderen Planeten und Monden. Sie träumte davon, zum Mars zu reisen, seit sie das erste Mal über den roten Planeten gelesen hatte.
Als Mars First sich im Internet vorstellte, hatte Antje fast der Schlag getroffen. Sie hatte, ohne nachzudenken, die Bewerbung ausgefüllt. Sie wollte unbedingt zum Mars. Und sie wollte sich da oben ihren Traum von ihrem eigenen kleinen Garten Eden erfüllen. Ein Selbstversorgergarten auf der Erde war etwas Tolles, was sie immer angestrebt hatte, aber so etwas auf dem Mars aufzuziehen, musste das Größte sein – ein Treibhaus auf einem fremden Planeten!
Nachdem Antje in die Bewerberliste aufgenommen worden war, hatte sie keine feste Freundschaften mit Männern mehr gepflegt. Hier und da hatte es lose Bekanntschaften gegeben, aber sie hatte in keine dieser Beziehungen investiert, da sie fest entschlossen war, es in die Endauswahl zu schaffen und zum Mars zu fliegen.
Sie hatte es geschafft. Die kleine, stille Antje van Dijk war in die erste Crew gewählt worden. Sie würde die erste Niederländerin auf dem Mars sein, einer von vier Menschen, die den roten Planeten zum ersten Mal betraten.
Antje warf einen Seitenblick auf McDuff. Ethan machte weiter mit seinen kindischen Anspielungen auf Arne und sie.
Wie kann man sich nur so aufspielen?, fragte sich Antje. Wenn Ethan sich so aufführte, mochte sie den Amerikaner kein bisschen. Es war, als ob der Mann eine Münze war: eine Seite war hell und goldglänzend. Alle mochten diese Seite. Die Rückseite hingegen war dunkel und gehässig.
Vielleicht hätte Arne längst versucht, mit mir zusammenzukommen, überlegte sie, aber Ethan mit seinem Gedröhne blockiert ihn regelrecht. Man kann sehen, dass Arne die Sprüche von McDuff auf den Geist gehen. Mir inzwischen auch.
Sie fand Arne Heuer attraktiv und sie war einer Beziehung keineswegs abgeneigt, aber sie fand, dass der Mann in dieser Sache den Anfang machen sollte. In dieser Hinsicht war Antje altmodisch. Leider machte der Deutsche keine Anstalten und daran war wohl vor allem Ethan McDuff schuld.
Gerade erklärte der Amerikaner die Vorzüge von Viagra bei gewissen Dysfunktionen.
Antje reichte es. „Du kennst dich aber gut aus“, rief sie. Sie schwebte durchs Schiff auf den rotblonden Hünen zu. „Du weißt sogar wie die Dinger aussehen und wie viele Tabletten in einer Packung sind.“ Sie lächelte ihr breitestes Lächeln in die Kamera: „Nimmst du das Zeug regelmäßig?“
Ethan entgleisten kurzfristig die Gesichtszüge. Antje konnte das Publikum auf der Erde förmlich lachen hören.
„Weißt du, Ethan“, sprach sie mit zuckersüßer Stimme. „Ich finde es ja total toll von dir, wie du über anderer Leute Sexualleben referierst, aber warum erzählst du nicht mal was über dein eigenes? Nimm doch mal eine Kamera mit in die Privatkabine.“ Sie lachte mit großen Augen in die Kamera. McDuff bekam noch immer keinen Ton heraus.
„Oder spielt ihr da drin bloß Dame und Halma?“, stichelte Antje. Sie mochte nicht aufhören. Sollte der olle Angeber ruhig mal eine drauf bekommen. „Weil … weißt du, Ethan … sich in der Kabine einzuschließen, bedeutet ja noch lange nicht, dass du und Laura auch wirklich … du weißt schon!“ Aus dem Augenwinkel sah sie Arnes unterdrücktes Grinsen. Sie sah, das auch Laura sich ein Lachen verbeißen musste.
Antje tätschelte McDuffs Arm: „Mach dir bitte keine unnötigen Sorgen um mein Sexualleben, mein Lieber. Ich kann dich beruhigen.“ Sie lächelte noch breiter. „Du und Laura, ihr habt einen sehr festen Schlaf, Ethan. Wirklich!“ Damit ließ sie den Amerikaner stehen oder besser ausgedrückt: schweben. Sie fand es toll, wie es ihr gelungen war, anzudeuten, dass Arne und sie die Privatkabine nachts aufsuchten.
Ethan McDuff gab einige hochinteressante Geräusche von sich. Er klang wie ein abgewürgter Rasenmähermotor. Es dauerte geschlagene fünfzehn Sekunden, bis er sich wieder im Griff hatte. Dann lachte er los.
„Aahh! Da haben wir es!“, rief er in die Kamera. „Fräulein Antje aus Holland hat es dem alten McDuff gegeben, dem raubeinigen Schotten. Das habe ich mir redlich verdient, findet ihr nicht auch? Der alte McDuff war vielleicht wirklich etwas vorlaut.“ Er deutete eine Verbeugung in Antjes Richtung an: „Ich bitte vielmals um Vergebung, liebreizende Dame. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Bitte verzeihen Sie einem Mann der direkten Worte. Ich schwöre, mich zu bessern.“
Hoffentlich, dachte Antje. Sie lachte mit Ethan. Sie erlaubte ihm gerne, seinen Kopf aus der selbstgeflochtenen Schlinge zu ziehen. Hauptsache, der Kerl gab endlich Ruhe.
„Ich traue mich halt nicht im Hellen, Händchen zu halten“, sagte sie, wobei sie ganz schüchtern tat. „Ich bin ja noch so jung und unerfahren.“ Eine Weile feixte sie mit dem Mann. Dann wandte sie sich an Arne Heuer: „Du bist dran mit dem nächsten Interview. Hast du deine Email beantwortet?“
Arne nickte: „Aber ja. George Thornstick, ein dreizehnjähriger Schüler aus Sussex, hat mich gefragt, ob ich eine Frau und Kinder auf der Erde zurücklasse.“ Arne schaute in die Kamera: „Nein, George. Ich bin nicht verheiratet und hatte auf der Erde auch keine feste Beziehung. Früher hatte ich Freundinnen, aber nach dem Ingenieursstudium hatte ich nichts weiter im Kopf, als eine Bilderbuchkarriere hinzulegen. Ich habe gearbeitet und mich richtig reingekniet. Tja, und dann stand ich plötzlich ohne Partnerin da. Das hat sich einfach so ergeben. Meine Kumpels haben alle geheiratet und Kinder bekommen. Manchmal stichelten sie und sagten, es würde allmählich Zeit für mich, aber ich blieb solo.
Das machte mir nicht viel aus. Schon als Kind war ich mir selbst genug. Ich wuchs ohne Geschwister auf und spielte viel allein. Natürlich gehörte ich auch zu einer Kinderhorde und später hatte ich eine Clique, aber ich kam schon immer gut allein klar.
Für die Mars First Mission ist das von Vorteil. Ich lasse keine Familie zurück. Außer meinen Eltern natürlich. Die waren – ehrlich gesagt – nicht sehr glücklich, zu erfahren, dass ihr einziger Sohn zum Mars fliegen würde, erst recht nicht, als ich ihnen sagte, dass ich niemals zurückkehren würde.“
Arne lächelte in die Kamera: „Ich hoffe, das beantwortet deine Frage, George.“
„So einer bist du also!“ Das kam von McDuff. Offenbar hatte McDickmaul schon wieder Oberwasser. Er sah das übertriebene Grinsen des Amerikaners, das er so verabscheute. „Der einsame Wolf zieht ins Weltall hinaus. Wow!“ McMisthammel schaffte es, die Worte hintergründig spöttisch klingen zu lassen.
Arne dachte sich seinen Teil. Der Kerl war echt das Letzte. Er sah, dass Maus das gleiche dachte.
Vielleicht hätte ich auf der Erde bleiben sollen, überlegte er. Aber dann straffte er sich. Von wegen! Von einem Angeber wie McDuff würde er sich seinen Traum nicht vermiesen lassen. Sollte der Typ doch krakeelen. Was ging es Arne an.

*

Antjes Aktion schien zu wirken. Ethan gab seine kindischen Sticheleien auf. Er wurde erträglicher. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass sie dem Mars immer näher kamen. Alle Systeme an Bord funktionierten einwandfrei. Es gab keinerlei Probleme. Die Unkenrufer waren bitterlich enttäuscht. Weder fiel die Wasseraufbereitung aus, noch streikte die Luftumwälzung. Stattdessen erheiterte McDuff die Zuschauer auf der Erde mit einer genauen Funktionsbeschreibung der Wasseraufbereitung, die mit der Luftversorgung gekoppelt war.
„Wir bereiten wirklich jedes Wasser wieder auf“, sagte er in die Kamera. „Auch das Wasser, das wir lassen. Doch nicht genug damit. Wasser besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff. Wir trennen das und atmen es.“ Er lachte meckernd: „Wir atmen unser eigenes Pipi, ihr Lieben. Kein Scherz!“
Keine zwei Wochen mehr, dann sind wir da, dachte Arne. Gott bin ich froh!
Eine zappelige Ungeduld hatte sich über die vier Raumreisenden gelegt. Sie brannten darauf, auf dem roten Planeten zu landen.
Ground Control hatte sich ein neues Spiel ausgedacht. Sie saßen zu viert vor den Kameras, tranken Kaffee in der Schwerelosigkeit und futterten dazu Energieriegel und sie unterhielten sich über ihre Fähigkeiten und Wünsche und Träume.
McDuff erklärte, er wolle sich im Basteln und Werkeln üben. Er war tatsächlich ein wahrer Meister darin, Dinge zu reparieren und neue Sachen zusammenzubauen. Er wollte mit dem großen Rover weit rausfahren und die Oberfläche des Mars erforschen. Expeditionen schwebten ihm vor.
Laura Sunderland interessierte sich vornehmlich für Geologie und Archäologie. Sie würde ihre freie Zeit für Untersuchungen der Marserde und des Marsgesteins nutzen und natürlich träumte sie davon, Fossilien zu entdecken. Es hatte wahrscheinlich einmal Leben auf dem Mars gegeben, denn ursprünglich hatte es flüssiges Wasser auf dem roten Planeten gegeben. Mars war nicht immer kalt und trocken gewesen.
„Einen Stein umdrehen und ein Fossil entdecken, das wäre das Größte für mich“, sagte Laura in die Runde.
Arne würde sich um die Chemie der Marserde kümmern und um die Möglichkeit, mit den vorhandenen Materialien etwas anzufangen. Zum Beispiel wollte er herausfinden, ob man aus Marserde Ziegelsteine herstellen konnte. „Dann könnten wir Häuser und Kuppeln bauen“, sagte er. „Es gibt auf dem Mars Tonerden wie auf der Erde. Wir müssen sie nur nutzen.“
„Wow! Das wäre cool!“, meinte Ethan. „Wir könnten Kuppeln bauen und sie mit Tunneln verbinden. Die Schleusen dazwischen müssten wir aus Einzelteilen zusammenbauen, die wir mit den 3-D-Druckern herstellen. Eine kleine Siedlung aus mit Ziegeln erbauten Kuppeln! Stellt euch das mal vor! Wir bauen uns unsere eigene Stadt! Das wäre großartig.“
McDuff schaute Maus an: „Und du, Antje? Erzähl uns und den Zuschauern auf der fernen Erde von deinen Plänen und Träumen, kleines Fräulein aus Holland.“
„In erster Linie werde ich mich um Gartenbau kümmern“, sagte Antje. „Das ist mein Spezialgebiet. Wir werden alle in den Treibhäusern arbeiten, aber ich werde mich besonders darum kümmern, dass alles wächst und gedeiht. Auf der Erde hatten meine Eltern einen großen Garten, in dem wir alles anbauten, was wir zum Essen brauchten. Wir mussten nur wenig zukaufen. Mir gefällt die Idee, autark zu sein.“
Antje lächelte in die Kamera: „Zusätzlich kenne ich mich gut mit Computern aus. Ich bin gelernte Programmiererin. Ich werde mich um sämtliche Rechner kümmern und neue Programme schreiben, zum Beispiel für autonome kleine Robot-Einheiten, die die Pflanzen gießen und düngen. Und ...“ Sie zögerte.
„Und was?“, fragte McDuff. Er klang freundlich und warmherzig. Trotzdem lauerte Arne geradezu darauf, dass der Amerikaner mal wieder über jemand anderen herziehen würde.
„Nun ja“, setzte Antje an. „Ich beschäftige mich schon lange mit künstlicher Intelligenz. Ich träume von einem beweglichen kleinen Roboter mit menschenähnlichen Zügen, der über eine eigene Intelligenz verfügt. Den Oberkörper würde ich bauen wie ein menschliches Kind. Unten bekäme er einen Raupenantrieb, der auch in schlechtem Gelände für Vortrieb sorgen würde.“
„So wie in dem alten Hollywoodfilm?“, fragte Laura. „Mit diesem Roboter, der zum Leben erwacht? Wie hieß der gleich nochmal?“
„Nummer 5 lebt“, sagte McDuff. „Stammt aus den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Den haben wir uns angesehen, als wir gerade eine Woche im All waren.“
„Ja, so ähnlich stelle ich mir das vor“, sagte Maus. „Nur dass ich ein Kindergesicht für meinen Roboter haben möchte. Der Mensch reagiert positiv auf Kinder.“
„Das Unterteil braucht ein Gyroskop“, meinte McDuff. „Einen Kreiselkompass oder ähnliches, um in der Balance zu bleiben. Die Zahnräder und alles Bewegliche könnte man am 3-D-Drucker machen. Keramik oder ähnliches. Das wäre selbstschmierend. Gut für die eisigen Außentemperaturen auf dem Mars.“ Er kratzte seinen dichten Bart: „Das wäre was für Ethan McDuff. Ich werde drüber nachdenken, Antje.“
„Das Oberteil des Roboters soll aussehen wie ein kleines Mädchen“, sagte Maus. „Für die Augen nehme ich Displays, die sehr lebensecht wirken.“
Eine Weile redeten sie über die Vorteile, die ein fast autonomer, intelligenter Roboter bieten würde.
„Das wäre, als hätten wir ein kleines Kind in unserer Mitte“, sagte Laura. Die Idee gefiel ihr offensichtlich.
Arne auch. Er wunderte sich, dass McDuff nicht lästerte. So kannte er den Kerl gar nicht.

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