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Geschrieben von Stefan Steinmetz am 03.01.2017 um 12:42:

Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(2)

Arne schlüpfte aus seinem Schlafsack. Er reckte und streckte sich und schwebte in Richtung Toilette davon. Danach machte er in der kleinen Nasszelle eine schnelle Morgentoilette mit Zähneputzen und Rasieren. Der Reihe nach taten sie es alle.
Arne war gut drauf. Er hatte keinerlei Probleme mit der Schwerelosigkeit. Im Gegenteil, er fand es absolut faszinierend. Es war besser, als er es sich immer in Gedanken ausgemalt hatte, wenn er davon träumte, Astronaut zu sein.
Laura und McDuff hingegen hingen durch. Vor allem die neunundzwanzigjährige Kanadierin sah leicht grün im Gesicht aus. Aber auch Ehan McDuff war ziemlich still.
Dem gönne ich es, dachte Arne. Er lächelte Maus an, die freundlich zurücklächelte. Die kleine Niederländerin zeigte keinerlei Anzeichen der Raumkrankheit. Sie schwebte zu Laura Sunderland hinüber und berührte sie am Arm. „Nichts ist von Dauer“, sprach sie voller Mitgefühl. „Keine Angst, Laura, das geht bald vorbei. Länger als ein paar Tage ist normalerweise niemand raumkrank.“
„Hoffentlich“, stöhnte die Kanadierin. „Es ist nicht sehr angenehm.“
McDuff hing still an der Wand. Er nahm genausowenig am ersten Frühstück an Bord teil, wie Laura.
Arne und Antje ließen es sich schmecken. Sie mampften ihre Rationen und suckelten Kaffee aus Trinkfläschchen. Sie kannten die Weltraumverpflegung aus dem Training in der Wüste und in der Antarktis. Man hatte ihnen gesagt, dass es im All anders schmecken würde. In der Schwerelosigkeit stieg einem der Geruch von Speisen und Kaffee nicht in die Nase. Ein Teil verflog buchstäblich, wodurch die Gerichte fader schmeckten.
Gut zweihundertzehn Tage würde das so bleiben. So lange würden sie brauchen, um den Mars zu erreichen. Eine lange Zeit. Plötzlich wurde sich Arne der Enge in dem Raumschiff bewusst. Sie hockten zu viert aufeinander. Viel Privatsphäre blieb nicht. Es gab die Toilette und einen verschließbare Nische für … private Dinge. Dorthin zog man sich allein zurück, wenn man mal seine Ruhe haben wollte oder zu zweit um … nun ja … zu zweit zu sein.
Bumshütte hatte McDickmaul den kleinen Raum genannt, und er hatte kein Hehl daraus gemacht, dass er den Raum mit Laura zusammen regelmäßig aufsuchen wollte. Laura hatte dazu vielsagend gelächelt. Arne unterdrückte ein Grinsen. Wie es aussah, würde Mister Großmaul die Bumshütte fürs Erste nicht testen.
Arne aß sein Frühstück. Das Zeug war nicht mal so schlecht. Jedes Crewmitglied hatte seine persönliche Verpflegung zusammenstellen können. So lange Kalorienmenge und Nährstoffgehalt stimmten, konnte jeder nach seinen Vorlieben sein Essen aussuchen. Auch auf dem Mars würden sie noch eine ganze Weile von dem dehydrierten Zeug leben, bis sie in ihren Treibhäusern genug Nahrung anbauen konnten.
Nach dem Essen begaben sie sich in die Dragonkapsel und schnallten sich an. Es ging los. Die Kameras filmten eifrig und übertrugen alles zur Erde. Die Einschaltquoten waren gigantisch, hatte Ground Control durchgegeben. Überall auf der Welt verfolgten die Menschen den Start zum Mars.
Nach einer halben Stunde zündeten die Triebwerke des Raumschiffs und sie wurden in die Marsbahn eingeschossen. In einer langen Kurve würden sie zum roten Planeten reisen, um für immer dort zu leben.
Hohmann Transfer, dachte Arne. Es gefiel ihm, dass es ein Deutscher gewesen war, der im Jahr 1925 diesen Treibstoff sparenden Weg von Planet zu Planet entdeckt hatte. Sie würden von der Erde aus in einer ellipsenförmigen Bahn zur Marsbahn fliegen. Ein direkter Flug zum roten Planeten war nicht möglich. Dazu hätte es eines Raumschiffes mit ungeheuerlicher Kraft und gigantischen Treibstoffvorräten bedurft. Im Fernsehen hatten sie immer wieder computeranimierte Filmchen gebracht, die die Hohmannbahn zeigten.
Arne musste plötzlich an sein letztes Interview mit Mars First denken. Noch einmal hatte man alles durchgehechelt. Ob er gesund sei und willens, die Mission mitzumachen. Und mittendrin war die Fangfrage gestellt worden, so geschickt, dass Arne beinahe in die Falle getappt wäre. Der Interviewer hatte ihn ganz nebenbei gefragt, ob er sich vorstellen könne, nach vier oder sechs Jahren zur Erde zurückzukehren, wenn die Möglichkeit dazu bestünde.
Arne hatte den Kopf geschüttelt, nicht um zu verneinen, sondern weil er die Frage absolut seltsam fand. Schließlich stand fest, dass Mars First sich keine Rückkehrmission leisten konnte. Warum also die dumme Frage? Sein Kopfschütteln hatte ihn gerettet. Denn plötzlich war ihm klargeworden, dass es sich um eine gemeine Fangfrage handelte.
Er hatte laut und deutlich Nein gesagt. „Ich will zum Mars“, hatte er mit fester Stimme gesagt, „um für immer dort zu leben.“
Später hatte er gedacht, wie gerissen die Leute waren. Er fand heraus, dass all diejenigen, die die Frage mit Ja beantwortet hatten, aus dem Auswahlverfahren ausgeschieden waren.
Schade, dass McDickmaul nicht Ja gesagt hat, dachte er. Wirklich schade.
Arne konnte den Amerikaner nicht so richtig ab. McDuff war laut, extrovertiert und sehr von sich selbst überzeugt, einer von den Typen, die überall gut ankamen, die einem aber nach einer Weile mit ihrem Bedürfnis, über alles zu bestimmen, ganz schön auf die Nerven gehen konnten.
McDuff machte einen auf jugendlich, dabei ging er stramm auf die Fünfzig zu. In seinem Gesicht zeigten sich erste Falten, die Haut wurde schlaff und er hatte, all seiner zur Schau gestellten Sportlichkeit zum Trotz, einen deutlichen Bauchansatz. Deshalb zog er ständig den Bauch ein, was in Arnes Augen absolut lächerlich wirkte.
McDuff hatte rötlichblondes, dichtes Haar und er einen Bart von gleicher Farbe. Letzteren wohl, um sein Doppelkinn zu verdecken und ihm ein seebärmäßiges Aussehen zu geben. Denn McDuff war leidenschaftlicher Segler. Er hatte in den Vereinigten Staaten eine eigene Jacht besessen und war häufig auf dem Ozean gesegelt. Behauptete er zumindest. Arne kam der Kerl eher wie einer vor, der mit dem Boot raussegelte, um nahe der Küste zu angeln und dazu Dosenbier zu trinken und abends die Sorte Mädchen abzuschleppen, die auf großmaulige, reiche Söhne stand, die im Leben noch nie eine Stunde echte Arbeit geleistet hatten, da sie das – Daddys Vermögen sei Dank – nicht nötig hatten.
Als McDuff nach Yamamotos tragischem Unfall in die Crew kam, hatte Arne allen Ernstes daran gedacht, den Flug abzusagen. Das Problem war: Tat er das, war er draußen und zwar für immer. Dann konnte er auch nicht an den nachfolgenden Flügen zum Mars teilnehmen. Es war keine leichte Entscheidung für Arne gewesen. Er war seit frühester Kindheit weltraumverrückt. Immer hatte er Astronaut werden wollen und sein besonderes Steckenpferd war der Mars gewesen. Er hatte davon geträumt, eines Tages dorthin zu kommen und dann hatte Mars First ihm die Möglichkeit geboten.
Nein, wegen eines Angebers wie McDuff würde er nicht auf die Chance seines Lebens verzichten. Doch ganz wohl war ihm nicht bei der Entscheidung gewesen, an der Mission teilzunehmen. Arne Heuer war kein Mensch, der sich anderen gerne anpasste. Er wollte sein eigenes Ding machen und dabei nicht gestört und erst recht nicht genervt werden. McDuff war eine Nervensäge. Das stand fest.
Auf der Erde ging Arne solchen Gestalten aus dem Weg. Er war nicht der Typ, der sich stritt und Kämpfe ausfocht. Das war ihm zu blöd. Unnötige Anstrengung. Gegen Blödheit war nun mal kein Kraut gewachsen. Wenn einem eine Person nicht passte, ging man der Person aus dem Weg. So einfach war das.
Das Problem war, dass er McDuff nicht aus dem Weg gehen konnte, nicht im Raumschiff und nicht auf dem Mars. Sie würden eng aufeinander hocken. Für den Rest seines Lebens.
Warum musste sich auch Yamamoto das Bein brechen?, dachte er mit einer gewissen Verbitterung. Warum zum Kuckuck musste das passieren?
Ausgerechnet Katsuro Yamamoto. Der Japaner war ein ruhiger und umsichtiger Typ, absolut verträglich, dabei hilfsbereit und freundlich. Und da fiel der ausgerechnet kurz vorm Start die Treppe runter und brach sich ein Bein. McDuff rückte nach. Arne fragte sich, ob Ethans Crew das sehr bedauert hatte. Wahrscheinlich waren die eher froh gewesen, das Großmaul loszuwerden.
Vielleicht aber auch nicht. McDuff war über die Maßen beliebt. Das Publikum überschüttete ihn mit Likes und Sternchen bei den Bewertungen. Er galt als einer, der anpackte und andere mitreißen konnte. Er kam auch bei den anderen Kandidaten gut an. Das lag sicherlich auch an seinem guten Aussehen.
Arne war der Typ von Anfang an suspekt gewesen. Für Arne war Ethan McDuff ein angeberischer Schönling, der sich grundsätzlich in den Vordergrund drängte, ein Besserwisser und Bestimmer, der sich ständig produzierte. McDuff tat nur so, als sei er ein Teammensch. Unterschwellig war er selbstverliebt und herrisch. Er versuchte stets, das Heft in die Hand zu bekommen, zu befehlen und anderen zu sagen, wo es langging. Ethan war das was die Österreicher „einen Anschaffer“ nannten, einer der vorsagte, was die anderen zu tun hatten. Gruppenerfolge stellte er als seinen Verdienst hin, während er eigene Fehler geschickt auf andere abzuwälzen verstand.
Arne kapierte nicht, dass das niemand bemerkte. Waren die Leute alle blind und blöd? Sah wirklich keiner, dass McEgoist ein vorlauter Selbstdarsteller war? Ein Großmaul und Krakeeler, der der ganzen Welt ständig zeigen musste, was für ein toller Hecht er war?
Egal, es war zu spät. Sie waren unterwegs, und Arne konnte nicht mehr zurücktreten. Er hätte es auch nicht gewollt. Er war zu wild darauf, zum Mars zu kommen, aber verdammt!, musste diese Nervensäge dabei sein?

*

Arne und Maus hingen nebeneinander an einer der Luken. Sie schauten der entschwindenden Erde hinterher. McDuff und Laura Sunderland waren in der Privatkabine zugange.
„Wie klein sie aussieht“, sagte Antje. Ihre Stimme war leise. Arne hörte Bedauern heraus. Aha, er war also nicht der Einzige, der Heimwehgefühle verspürte. Er zwickte ganz schön im Herzen. Dabei war er doch so wild auf den Mars.
„Wir verlassen sie für immer“, sagte Antje. Sie schluckte.
„Ja“, sagte Arne. „Für immer.“
Es waren einige Tage vergangen. Sowohl McDuff als auch Laura Sunderland waren von der Raumkrankheit genesen. Sie hatten unmittelbar danach begonnen, das kleine Privatgemach für sich in Anspruch zu nehmen.
Sollen sie doch, dachte Arne. Aber innerlich fühlte er Bedauern. Er wäre gerne mit Antje van Dijk in der kleinen Kabine verschwunden, aber er wusste nicht recht, wie er an die kleine Holländerin rankommen sollte.
Was nicht ist, kann ja noch werden, dachte er. Vielleicht warte ich, bis wir auf dem Mars angekommen sind. Dort werden Maus und ich eh in einen gemeinsamen Habitat leben. Wer will schon in einer engen Kabine pimpern, noch dazu in der Schwerelosigkeit.
Auf einem Bildschirm lief eine Sendung, die gerade auf der Erde ausgestrahlt wurde. Noch waren sie nahe genug, um alles zeitgleich zu empfangen. Arne machte den Platz an der Luke für Antje frei. Er schwebte zum Bildschirm, um die Doku zu verfolgen. Man sah, wie die Vorabmissionen liefen. Raketen stiegen auf einem riesigen Feuerschweif in den Himmel. Die erste Mission hatte einen Kommunikationssatelliten im Marsorbit stationiert und einen Rover zur Marsoberfläche gesandt. Das kleine autonome Fahrzeug war nördlich des Äquators gelandet, in einer Marsgegend, die Elysium Planitia genannt wurde. Dort hatte der Rover festgestellt, dass es gut aussah für die menschliche Besiedlung. Er fand Wasser gleich unter der Marsoberfläche, in gefrorenem Zustand natürlich, aber es war echtes H2O. Die ganze Welt hatte mit Mars First gejubelt. Wasser war das Wichtigste überhaupt. Ohne Wasser ging nichts.
Es folgten weitere Vorabflüge. Mehrere Dragon-Kapseln landeten in einem Umkreis von knapp zehn Kilometern von der Erstmission. In einer steckte ein großer Rover der sich sofort daran machte, die Kapseln zum Platz der zukünftigen Kolonie zu bringen und dort in einer Reihe aufzustellen. Er entrollte lange Folienbänder mit Solarzellen und schloss sie an die Dragons an. Nun wurde genug Strom produziert, dass der Rover rasch Energie auftanken konnte.
Auf dem Bildschirm sah man, wie der große Rover die Kapseln mit aufblasbaren Laufgängen verband und es gab Aufnahmen, auf denen man sah, wie der Rover ausgegrabene Marserde in ein spezielles Gerät gab, wo sie erhitzt wurde, um das Wasser aufzutauen. Das wurde danach gereinigt und gefiltert und dann wurden mittels Elektrolyse Sauerstoff und Wasserstoff gewonnen. Der Sauerstoff wurde in Tanks gespeichert.
In den Dragons befanden auch große Schlauchhabitate. Zwei Habitate waren für jeweils zwei Leute als Lebensraum bestimmt, das dritte Habitat sollte als Werkstatt und zusätzliches Treibhaus zur Verfügung stehen. Auch die Wohnschläuche hatten am Hinterende kleine Treibhäuser.
Arne musste daran denken, wie sie baugleiche Habitate in der Mojavewüste und in der Antartkis ausprobiert hatten. Sie hatten monatelang in den Dingern gelebt und nur im Marsanzug nach draußen gedurft. Jedes Habitat bestand aus drei Teilen, die zusammengefügt wurden. Jedes Teil hatte seine eigene Schleuse, was bei einem Meteoriteneinschlag für größtmögliche Sicherheit sorgen sollte. Das Platzangebot in diesen Wohneinheiten war alles andere als üppig und so waren schon bald die ersten Leute ausgestiegen, denen die drangvolle Enge zu viel wurde.
Das Dumme war halt, dass sie ihr ganzes Leben in solchen Wohneinheiten verbringen mussten, weil der Mars praktisch keine Atmosphäre besaß. Sie war so dünn wie die der Erde in dreißig Kilometern Höhe und bestand fast ausschließlich aus Kohlendioxid. Nicht atembar.
Schade, dass Venus und Mars nicht vertauscht sind, überlegte Arne. Wenn der Mars so groß wie die Venus wäre, hätte er ganz sicher eine dichte Atmosphäre und es gäbe flüssiges Wasser. Dann wäre eine Besiedelung viel einfacher. Man könnte ohne Raumanzug rausgehen und die Luft atmen. Es wäre kälter als auf der Erde, vor allem im Marswinter. Aber der Mars wäre viel erdähnlicher. Dann wäre es auch nicht so hart, sich auf eine One Way Mission einzulassen.
Dann wäre das Aussteigen aus der Landekapsel auch schöner, nach sieben Monaten Flug, überlegte Arne.
Er kratzte sich am Bauch, an der Stelle, wo die kleine Narbe war. Sie alle hatten sich auf der Erde den Blinddarm herausoperieren lassen. Das war zu ihrer eigenen Sicherheit gemacht worden, denn auf dem Mars konnte eine Blinddarmentzündung lebensgefährlich werden. Das war öffentlich bekannt. Trotzdem hatte es einige Krakeeler gegeben, die unkten, die Kolonisten würden auf dem Mars an Blinddarmentzündung sterben. Die Dummköpfe hatten nicht zugehört! Die hielten nichts von Recherche.
Die haben ja auch alles andere schlecht gemacht, dachte Arne.
Er hörte dem Sprecher im TV zu, der zu den Bildern eines durchs All schießenden Raumschiffs erklärte, mit einer Mission den Mars zu treffen, sei so schwierig, wie in New York einen Baseball abzuschießen und ihn in Kalifornien in einem kleinen Swimmingpool landen zu lassen.
Auch bei der Ankunft gab es Gefahren.
„Wenn die Kapsel zu schnell und in einem ungünstigen Winkel auf die Atmosphäre des Mars trifft“, erläuterte der Sprecher, „kann sie abprallen wie ein Ball und die Astronauten werden ins Nichts katapultiert wie von einem Trampolin. Sie haben zu wenig Treibstoff in ihrer Kapsel, um zurückzukehren und einen zweiten Landeversuch zu unternehmen.“
„Wow!“, sagte Arne. „Jetzt hab ich aber echt Angst. Ist ja in der Vergangenheit ja auch immer wieder passiert, was? Wie oft eigentlich? Null mal oder niemals? Oder sogar beides?“ Er rollte mit den Augen: „Mann! Wie ich diese Unkereien hasse! Wir werden es schaffen, ob es euch passt oder nicht!“
„Noch immer gibt es Diskussionen darüber, ob eine One Way Mission zum Mars ethisch vertretbar ist oder nicht“, sagte der Sprecher. Ein Interview wurde eingeblendet.
Antje schwebte neben Arne und klemmte sich neben ihn in den Sitz: „Das bist ja du!“
Arne lächelte sie an: „Ja. An das Gespräch erinnere ich mich gut. Selten so viel Dummgeschwätz gehört.“ Zusammen mit Maus schaute er sich das Interview an. Es war eines der Gespräche, die man aufgezeichnet hatte, bevor die Tests in der Wüste und in der Antarktis durchgeführt worden waren.
Der Interviewer legte denn auch gleich los mit den üblichen Jammertiraden: „Ist es nicht unethisch, Menschen auf eine Reise ohne Rückkehr zu schicken? Was, wenn jemand krank wird? Und Spezialisten haben ausgerechnet, dass die ersten Siedler auf dem Mars am achtundsechzigsten Tag sterben werden.“
Arne war damals schlicht der Kragen geplatzt. Er hatte es nicht mehr hören können. Nun, wo er die Doku auf dem Bildschirm ansah, wunderte er sich darüber, wie kühl und gefasst er rüberkam. Dabei wäre er damals beinahe vor Wut geplatzt. Dass er innerlich kochte, war ihm nicht anzusehen. Er blickte gefasst in die Kamera.
„Ich verstehe nicht, warum man uns immer wieder die gleichen Fragen stellt“, sagte er im TV. „Ständig wird die Mission schlecht gemacht. Immer und immer wieder wird uns vorgekaut, dass wir nach achtundsechzig Tagen sterben werden! Spezialisten? Auf was sind die denn spezialisiert? Auf Unkenrufe und Schlechtmacherei? Woher wollen die wissen, dass wir nach achtundsechzig Tagen tot sind?
Alles wird doch auf der Erde unter realistischen Bedingungen geübt! Jahrelang! Wir werden alle Kinderkrankheiten ausmerzen! Mögliche Fehler werden erkannt und beseitigt. Letztens hat doch tatsächlich einer behauptet, wir könnten die Solarzellen nicht unter echten Bedingungen testen. Wissen Sie, warum? Es sei ja auf dem Mars dunkler, hat der gute Mann gesagt. Stimmt. Aber wir haben lange vorher in einer Presseerklärung die Info herausgegeben, dass die Solarzellen, die wir hier auf der Erde benutzen, mit einem speziellen Lack bedeckt werden, damit sie nur so viel Licht auffangen können wie auf dem Mars. Die Zellen werden künstlich abgedunkelt. Wir werden das genau testen! Alles wird getestet! Wir fliegen nicht mit einem Schiff voller Schrott zum roten Planeten. Wir werden geprüfte Ausrüstung dabeihaben. Wir werden nicht nach zweieinhalb Monaten sterben.
Was ist an einer One Way Mission bitteschön unethisch? Wir sind allesamt Freiwillige. Erwachsene Menschen haben sich entschieden, diese Herausforderung anzunehmen, um die Erfüllung eines Lebenstraums zu erleben. War die Reise von Christoph Columbus unethisch? Oder die Fahrt der Mayflower? Die Expeditionen in die Arktis und die Antarktis? Das waren Freiwillige, die auf eine Fahrt ins Ungewisse gingen, weil sie es so wollten. Diese Leute waren sich der Gefahren sehr wohl bewusst. Wir sind nicht anders. Warum macht man uns das immer wieder zum Vorwurf?“
Wie cool und gelassen ich wirke, dachte Arne. Dass Maus so nahe bei ihm saß, gefiel ihm sehr. Sieh sich einer an, wie gefasst ich in die Kamera schaue! Dabei war ich damals auf hundertachtzig.
Er war sich mit einem Mal absolut sicher, dass es genau dieses Interview im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gewesen war, dass ihn in die engere Auswahl gebracht hatte. Genüsslich hörte er sich selbst zu, wie er die Argumente des Fernsehmenschen zerpflückte. Gerade kam das mit den ach so schrecklichen Staubstürmen.
„Staubstürme sind genau das“, verkündete ein gelassen klingender Arne vor laufenden Kameras. „Sie sind Stürme aus Staub. Da sind nur kleine Staubflöckchen. Es sind keine mit zweihundert Sachen durch die Luft rasenden, scharfkantigen Sandkörner, die alles abschleifen und wegschmirgeln. Es ist nur weicher Staub. Zudem ist die Marsatmosphäre extrem dünn. Ein Sturm auf dem Mars ist nicht mit einem Sturm in der dichten Atmosphäre der Erde vergleichbar. Dort wird die Luft nicht heulen und an den Habitaten zerren. Es wird auch nicht dunkel werden. Der Staub ist so dünn in der Luft verteilt, dass es nur zu leichter Abschattung kommen wird. Das haben die Sonden auf dem Mars doch längst gezeigt. Haben Sie die Aufnahmen denn nicht gesehen? Unsere Solarzellen werden auch während eines Staubsturmes funktionieren. Sie werde bloß eine geringere Leistung haben.
Ständig haut man uns diese marsianischen Staubstürme um die Ohren! Ehrlich, es fängt an zu nerven. Man hat es wohl nicht für nötig befunden, genauer zu recherchieren. Stattdessen gehen alle mit einem geradezu empörenden Halbwissen auf uns zukünftige Kolonisten los. Da wird ein Staubsturm auf dem Mars dargestellt wie eine Naturkatastrophe auf der Erde, schlimmer als ein Hurrikan der höchsten Stärke.
Sie können anscheinend nicht anders, als alles schlecht zu machen. Zumindest kommt es mir so vor. Ich empfinde das als sehr unhöflich. Weshalb können Sie nicht akzeptieren, dass einige Menschen den Mumm haben, dort hinaufzureisen? Warum sprechen Sie ständig dagegen? Was stört sie eigentlich daran? Es ist doch unsere Entscheidung.“
War ich das?, fragte sich Arne. Habe ich tatsächlich „unhöflich“ gesagt? Gemeint habe ich „besch...eiden“. Er musste grinsen.
„Ach, die wieder!“ McDuff und Laura kamen zu ihnen geschwebt. Der Amerikaner zeigte auf den TV-Bildschirm: „Gleich kommt wieder das Gesabbel über Stickstoff!“
Wie aufs Stichwort, begann der Interviewer davon zu sprechen, dass durch den von den Pflanzen erzeugen Sauerstoff eine hohe Brandgefahr entstehen würde und es zu Stickstoffmangel kommen würde. Arne hörte seinem Ich zu, wie es seelenruhig erklärte, was es schon dutzende und aberdutzende Male zuvor getan hatte. Es gab keine Feuergefahr, weil wirklich alles, was zum Mars hochgeschickt wurde, praktisch unbrennbar war und sie würden genügend Stickstoff mit ihrem Lebenserhaltungssystem aus der Marsatmosphäre gewinnen. Und nein, da bestand keine Gefahr, dass die auf der Erde getesteten Apparate in der eisigen und extrem dünnen Atmosphäre ausfallen würden, weil sie hier auf der Erde in speziellen Räumen getestet werden würden, die exakt die gleiche dünne und eisige Luft enthalten würden wie sie auf dem Mars üblich war.
„Hör sich einer diese Unkenrufe an“, dröhnte McDuff. Er schüttelte den Kopf: „Der gute Mann hört dir garnicht zu, Arne. Genauso gut könntest du mit einer Parkuhr reden.“ Er hob den Kopf und schaute in eine der Bordkameras: „Heh, ihr Schlechtmacher und Unker! Hört mir mal zu! Hier sitzt Ethan McDuff und dieser Ethan McDuff wird der erste Amerikaner auf dem Mars sein! Und der erste Schotte dazu!“
Und das erste Großmaul! Arne verkniff sich ein Grinsen. McDuff bildete sich viel auf seine schottischen Vorfahren ein.
Aber er musste McDuff recht geben. Er konnte die Unkenrufer auch nicht mehr hören. Schon lange nicht mehr. Warum hatte Ground Control bloß diese uralte Sendung ausgegraben? Vielleicht um den damaligen Zweiflern eins auszuwischen? Schließlich flogen sie jetzt tatsächlich zum Mars, allen Unkenrufen zum Trotz. Denn es war natürlich auch angezweifelt worden, dass es überhaupt eine Rakete geben würde, die stark genug sein würde, vier Menschen zum Mars zu bringen und das, obwohl die Falcon Heavy von SpaceX damals bereits getestet wurde.
„Am achtundsechzigsten Tag werden wir also sterben?“, fragte McDuff. Er lächelte in die Kamera. „Na schön, Leute. Dann seid bitte dabei! Ich lade euch ein, am neunundsechzigsten Tag zusammen mit uns vier Leutchen an unserer Beerdigung teilzunehmen. Die Kameras der ganzen Erde werden auf uns gerichtet sein, wenn wir uns da oben selbst beerdigen.“ Er lachte lauthals. Arne, Laura und Antja stimmten in das Lachen ein.
Auf dem Bildschirm fing der Interviewer damit an, die knappe Werkzeugsituation zu bejammern und dass zu wenig Ersatzteile … und zu wenige Apparate … und wenn da was kaputtging? Oh … äh … uuh … jammer-jammer-jammer!
„Der hat damals noch nicht gewusst, dass Mars First so viel Kohle machen würde, dass sie uns ein Schiff vorausschicken würden, dass die Vorräte der vorherigen Kapseln nochmal kräftig auffüllen wird“, sagte McDuff mit einem breiten Grinsen. „Uns ist ein Schiff gerade mal zwei Wochen voraus, das viel Werkzeug, Ersatzapparate, extra Solarzellen und eine aufblasbare Kuppel dabei hat. Die brauchen wir da oben bloß noch aufzustellen und wir haben ein richtig großes Treibhaus zur Verfügung.“ Er winkte ab: „Lasst sie doch unken. Was kümmert es uns?“
Arne gab dem Amerikaner innerlich recht, aber ihn störte die aufgeblasene und angeberische Art, wie Ethan es rüberbrachte. In Arnes Augen klang der Amerikaner furchtbar überheblich.
Aber er hat recht, dachte Arne. Vollkommen recht.
Er hörte zu, wie McDuff das große Kuppelhaus in den buntesten Farben beschrieb. Sie würden es aufstellen und darin Nahrungspflanzen in großem Stil anbauen.
„Das Ding ist so groß, dass wir darin spazierengehen können“, sagte Ethan. „Wir werden inmitten unserer kleinen Plantage einen Tisch und Stühle aufstellen und Partys feiern.“ Er grinste in die Kamera: „Wer weiß? Ich bin ein geschickter Bastler. Ich denke, eine kleine Destille wäre keine schlechte Idee. Wir können aus Kartoffeln und Getreide ein paar wirklich schmackhafte Getränke brauen. Das wird uns auf dem Mars den Feierabend nach einem harten Arbeitstag versüßen und uns entspannen. Ach ja, das Voraus-Schiff hat natürlich jede Menge zusätzlicher Apparate und Ersatzteile an Bord. Wir werden bestens ausgerüstet sein in unserer kleinen Kolonie.“ Er lehnte sich nach vorne, bis sein Gesicht dicht vor einer der Kameras schwebte: „Leute, ich bin sowas von wild auf den Mars! Ich kann es kaum erwarten!“

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