Stefans Geschichten (http://www.stefans-geschichten.de/wbblite/index.php)
- Willkommen auf der Homepage von Stefan Steinmetz (http://www.stefans-geschichten.de/wbblite/board.php?boardid=31)
--- Die kleine Privat-Ecke (http://www.stefans-geschichten.de/wbblite/board.php?boardid=86)
---- Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars (http://www.stefans-geschichten.de/wbblite/board.php?boardid=98)
----- Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(1) (http://www.stefans-geschichten.de/wbblite/threadid.php?threadid=1422)
Mars First - Mit dem One Way Ticket zum Mars(1)
Arne Heuer lag angeschnallt in seinem Sitz. Er lauschte der Stimme aus dem Lautsprecher. Sie verkündete, dass sie noch zwölf Minuten hatten. Noch zwölf Minuten auf der Erde.
Arne schlug das Herz. In zwölf Minuten würden sie starten. Er konnte es immer noch nicht glauben, dabei zu sein. Er, Arne Heuer, zweiunddreißig Jahre alt und aus Deutschland, würde als einer der ersten Menschen zum Mars fliegen. Er war einer der vier Auserwählten!
Ein wenig ängstlich, aber vor allem sehr, sehr aufgeregt wartete er auf den Start der Rakete, die ihn und die drei Marsnauten in die Erdumlaufbahn bringen würde, wo ihr Raumschiff auf sie wartete.
Ich glaube es nicht, dachte er immer und immer wieder. Ich kann es nicht glauben.
Er war dabei. Er hatte das harte Auswahlverfahren durchgestanden, das Training in der Mojavewüste und in der Antarktis. Er hatte sich als teamfähig erwiesen und er war bei den Zuschauern gut angekommen. Letzteres war wichtig, denn Mars First stand und fiel mit der Einschaltquote.
Überall waren sie von Kameras begleitet gewesen. Auch hier in der Dragon-Kapsel waren Kameras, die alles live übertrugen. Millionen Menschen verfolgten den Start der Marsrakete im Fernsehen.
Als das Mars First-Projekt sechs Jahre zuvor von dem reichen Engländer Liam Bishop der ungläubig lauschenden Öffentlichkeit vorgestellt worden war, war Arne wie elektrisiert gewesen. Er hatte Bishops Ansprache im Internet gesehen. Er hatte das Video auf seinen Rechner geladen und es sich fünfmal hintereinander angeschaut, mit klopfendem Herzen und eine Gefühl wilder Freude im Bauch.
„Da muss ich mit!“, hatte er gemurmelt. „Unbedingt! Das ist die einzige Chance in meinem Leben!“
Er hatte die Homepage von Mars First aufgerufen und sich als Freiwilliger für den Flug zum Mars gemeldet, wohl wissend, dass er einer von Tausend sein würde. Egal, er wollte es zumindest versuchen.
Also hatte er seine Videokamera auf ein Stativ montiert, droben in seinem Hobbyraum unterm Dach, wo seine zwei Sternenteleskope standen und die Modelle von Raketen und Raumschiffen. Hinter ihm standen Bücher über das Weltall und die Planeten in den Regalen und auf dem Tisch vor ihm ein Modell des neuesten Marsrovers Curiousity.
Arne hatte in die Kamera geschaut und in knappen Sätzen seine Motivation erläutert, warum er am Mars First Projekt teilnehmen wollte.
Tausend, hatte er gedacht. Ich trete gegen mindestens tausend andere Bewerber an.
Er hatte sich gründlich geirrt.
Nachdem man alle Bewerbungen für den Flug zum Mars gezählt hatte, waren es zum guten Schluss exakt 320.485 Menschen aus der ganzen Welt, die sich gemeldet hatten. Über dreihunderttausend Leute aus allen Ländern hatten Interesse am ersten Flug zu Mars bekundet und das, obwohl Mars First einen Haken hatte: Es war eine One Way Mission. Es gab kein Rückflugticket.
Acht Minuten noch, verkündete die Stimme aus den Lautsprechern.
„Noch so lange?“, nölte McDuff. „Langsam könnte es ja mal losgehen.“
Arne schaute nach rechts. Neben ihm lag Maus in ihrem Sitz, daneben Blendy und rechtsaußen McDoof. War ja klar, dass der tolle Mc die Klappe aufreißen musste. Der konnte gar nicht anders.
Wenn der mal stirbt, dachte Arne, muss man sein Maul noch extra totschlagen.
Er mochte McDickmaul nicht. Beinahe hätte er wegen des großspurigen Amerikaners die Mission sausen lassen. Nur der Umstand, dass er dann weg vom Fenster sein würde, hatte ihn durchhalten lassen. Arne hätte bis zum allerletzten Moment absagen können. Das war so vorgesehen. Aber dann wäre er in keine der Folgemissionen aufgenommen worden. Einmal raus - für immer raus.
So ein Mist!, dachte er. Warum musste sich Yamamoto auch auf den letzten Drücker das Bein brechen? Alles war so schön gelaufen!
Aus den ersten dreihunderttausend Bewerbern hatte Mars First eine Auslese von rund fünfzehntausend getroffen. Viele der Bewerber der ersten Stunde hatten es gar nicht ernst gemeint. Es waren sogar Nacktvideos eingetrudelt und Videos von Leuten, die behaupteten, sie kämen vom Mars und seien als Kind auf die Erde gebracht worden. Es waren viele Spinner bei der ersten Welle dabei und Leute, die sich halt mal angemeldet hatten, um zu sehen, was bei Mars First so abging.
Die übriggebliebenen fünfzehntausend waren diejenigen, die auf Ernsthaftigkeit geprüft und gesund und fit waren. Das Alter spielte keine große Rolle. Man musste volljährig sein und gesund, sonst nichts. Mars First stand allen Menschen offen. Das war das Faszinierende daran.
Nach drei Monaten war eine weitere Auslese getroffen worden. Übrig blieben zweitausend Bewerber und die wurden allesamt persönlich per Videoschaltung übers Internet interviewt. Mehr als eine Stunde lang hatte man Arne befragt. Er hatte so ehrlich wie möglich geantwortet und gehofft, weiterzukommen.
Es war ihm gelungen. Er landete unter den letzten Fünfhundert.
„Wie lange noch?“, fragte McDuff. Er blickte genau in eine der Kameras und lächelte sein blendendes Kühlergrill-Lächeln. „Ich will endlich da hoch!“ Er wandte sich an seine Begleiter: „Ihr doch auch, oder?“
„Geduld, mein Lieber“, sprach Blendy. Sie lächelte nachsichtig, „Männer sind wie Kinder. Ungeduldig und wild darauf. Das hier ist nicht dein Camaro, Ethan. Du bist nur Passagier auf dem Rücksitz.“ Ihr Lächeln verbreiterte sich noch. Laura Sunderland war Kanadierin und neunundzwanzig Jahre alt. Arne hatte den Verdacht, dass sie auf McBlender abfuhr. Sie hatte sich durchaus erfreut gezeigt, als der Amerikaner nach Katsuro Yamamotos Unfall in die Crew des Erstfluges nachrückte.
Kein Wunder, dachte Arne. Sie sieht genau passend zu dem Kerl aus. Eine hübsche ehemalige Highschoolqueen und der Highschoolhero. Von mir aus könnt ihr euch haben.
Er schaute zu Maus, die still neben ihm lag und keinen Piep von sich gab. Maus hieß in Wirklichkeit Antje van Dijk. Einen typischeren holländischen Namen gab es nicht. Allerdings war die Vierundzwanzigjährige ansonsten nicht gerade das Abbild eines niederländischen Meisjes. Sie war nicht blond sondern ihr dichter Haarschopf, den sie als Pagenkopf geschnitten trug, war tiefschwarz. Ihre Augen waren immerhin blau.
Arne gefiel sie, und das nicht zu knapp.
Antje hatte sich mit Können, Wissen, Umgänglichkeit und Teamfähigkeit in die letzte Auswahl gedient und beim Publikum war sie wegen ihrer stillen, freundlichen Art beliebt. Arne hatte sie von Anfang an im Stillen Maus genannt. Das Publikum hatte ihr den Spitznamen ebenfalls angehängt. Antje van Dijk war klein und zierlich und lieb und harmlos. Wie eine Maus.
Arne hätte sie gerne als Freundin gehabt, aber er war Antje gegenüber merkwürdig schüchtern. Normalerweise konnte er auf Frauen zugehen, aber bei Maus befiel ihn jedes Mal eine unerklärliche Zurückhaltung. Es kam ihm vor, als hätte er bei dem Mädchen Ladehemmung. Nun … sie hatten einen langen Flug vor sich. Unterwegs würde er es vielleicht hinbiegen, mit Antje zusammenzukommen. Konkurrenz durch McSchönling erwuchs ihm keine, soweit er das beurteilen konnte. Der Amerikaner hatte sich sofort nach Eintritt in die Crew Nr. 1 auf Laura Sunderland eingeschossen.
„Noch zwei Minuten“, verkündeten die Lautsprecher.
Arnes Nervosität wuchs. Gleich war es soweit. Endlich. Er würde ins All fliegen. Sein größter Traum würde in Erfüllung gehen. Er würde die Schwerelosigkeit erleben und die Erde aus dem All sehen, er, Arne Heuer, einer der letzten hundert, Mitglied von Crew Nr 1.
Ich bin auserwählt! Ich habe es gegen fünfzehntausend Bewerber geschafft, bin unter die letzten hundert gekommen. Ich war im Trainingsprogramm in der Wüste und in der Antarktis und jetzt sitze ich ganz oben auf der Spitze einer Falcon Heavy und warte darauf, dass der Gasbomber mich ins All katapultiert.
Arne spürte ein Stechen auf seiner Stirn. Dort traten kleine Schweißtröpfchen aus der Haut. Er musste an Jacques Dupont denken, den baumlangen Franzosen, der unterm Helm seines Marsanzugs immer tierisch geschwitzt hatte. Schließlich hatte er deswegen hingeschmissen. Er hatte beinahe geweint, als er das Habitat in der Antarktis verließ.
Es gab auch welche, die auf die Enge in den Habitaten klaustrophobisch reagierten und die Mars First-Mission verließen. Man durfte jederzeit aussteigen. Selbst, wenn man vor der vollgetankten Rakete stand, die einen zum Mars bringen sollte, konnte man im allerletzten Moment noch Nein sagen. Aber wer raus war, der war raus. Der durfte nicht an einer Folgemission teilnehmen. Einzige Ausnahme: Katsuro Yamamoto, ihr ursprünglicher Crewkamerad, der sich das Bein gebrochen hatte. Der durfte, wenn er wieder gesund war, bei einer der folgenden Missionen mitmachen – vielleicht in vier oder sechs Jahren.
Aus dem Lautsprecher kam eine Stimme, die den Countdown abzählte. Sie fing bei vierzig an, nicht bei zehn, wie man das in den Kinofilmen immer sah.
Arnes Nervosität steigerte sich. Sein Magen zog sich zusammen, er konnte nichts dagegen tun. Da war eine kleine, versteckte Angst. Raketenstarts waren nicht ungefährlich. Mit pochendem Herzen lauschte er der monoton zählenden Stimme. Sie kam bei zehn an und zählte weiter abwärts, auf null zu.
Egal wie, jetzt war es zu spät für alles. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Arne wollte nicht zurück. Er wollte da hinauf, hoch ins All. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass die Stimme aus dem Lautsprecher auf Englisch zählte.
„Ten … nine … eight … seven … six … five … four … tree … Ignition … two … one ...“
Der Sitz unter Arnes Rücken begann zu vibrieren. Tief unter ihm war ein gedämpftes Grollen zu hören. Es passierte nichts.
Was?!? Wieso …? Warum …? Ist etwas nicht in Ordnung?
Angst. Vor allem aber Enttäuschung. Nein! Nicht das! Bitte lieber Gott, lass es nicht wahr sein! Lass die Mission nicht scheitern! Ich will da hoch! Ich muss da hoch! Ich … es kann nichts passieren. Wenn was schiefgeht, katapultiert uns die Dragon 3.0 mit ihren Triebwerken weg von der Rakete und bringt uns sicher zur Erde zurück. Wenn …
„Liftoff! We have a liftoff!“
Das Vibrieren verstärkte sich. Das Grollen da unten, weit weg von der Raketenspitze, wurde lauter.
Sie stiegen. Arne konnte es spüren.
Wir steigen! Danke! Oh lieber Gott, danke!
Aber es war so … so … langsam! So …
Urplötzlich wurde er in den Sitz gepresst. Es fühlte sich an, als säße er in einem PS-starken Sportwagen, der voll beschleunigt wurde.
„Holy cow!“, brüllte McDuff. „Mann, dagegen ist eine Corvette ein Mückenschiss! Das geht voll ab!“
Arne musste dem Amerikaner recht geben. Jetzt spürte er den Andruck von drei oder vier g deutlich. Es presste ihn in den Sitz. Sie stiegen. Sie fuhren gen Himmel. Sie ritten auf einer fliegenden Bombe, die pro Sekunde tonnenweise Erdgas und flüssigen Sauerstoff verbrannte. Es war nichts weniger als eine kontrollierte Explosion, die sie mit ungeheuerlicher Gewalt aufwärts schoss. Ein wenig beängstigend vielleicht, aber wurden nicht auch normale Autos von Explosionsmotoren angetrieben?
Das Grollen wurde lauter, hörbarer, spürbarer.
Arne warf einen Blick auf einen der Bildschirme. Dort waren Bilder der Außenkameras zu sehen. Die Kameras zeigten nach unten am langen Leib der riesigen Falcon Heavy Rakete, nach unten, wo die Hölle entbrannt war. Er blickte in ein tobendes Inferno verbrennender, explodierender Gase.
Gott, wir sitzen oben drauf auf diesem Ding! Wahnsinn!
Der Druck, der ihn in seinen Sitz presste, steigerte sich noch. Auf den Bildschirmen verschwand der Erdboden mit unglaublicher Geschwindigkeit. Alles blieb zurück, wurde winzig klein. Man erkannte bereits die Erdkrümmung am Rand der Kameraabbildung.
Arne konnte nicht anders. Er öffnete den Mund und schrie es hinaus: „Weltall, wir kommen!“
„Yeah! Wir kommen!“, wiederholte McDuff. Sie blickten einander an und diesmal empfand Arne keine Abneigung gegen den rotblonden Amerikaner. Er sah in McDuffs Augen dieselbe Begeisterung, die auch in seinen eigenen Augen stehen musste. Sie lächelten einander an.
Der ist genauso drauf wie ich. Der ist total weltallcrazy.
Arne schaute zu den Fenstern der Dragon hin, obwohl er wusste, dass es dort nichts zu sehen gab. Sie waren an der Spitze der Rakete in einer Art großer Mülltonne eingesperrt. Die Tonne würde sich erst öffnen, wenn sie oben waren. Die Zuschauer zu Hause an den Fernsehern sahen mehr. Arne beneidete sie ein wenig, aber nur ein kleines bisschen.
*
Liam Bishop schaute zum Himmel auf. Dort oben schob sich die Falcon Heavy mit brüllenden Triebwerken in die Höhe, auf einem flammenden Inferno reitend. Sie trug die erste Crew der Mars First-Mission ins All. Liam spürte, wie ihm die Augen feucht wurden. Da flog sie. Seine Rakete. Seine Marsmission.
Unten vor der Tribüne standen tausende Zuschauer, die gekommen waren, um den Start live zu erleben. Mit „Aah!“ und „Ooh!“ starrten sie der aufsteigenden Falcon hinterher. Sie schossen Fotos und filmten mit Videokameras.
Liam winkte der Rakete, obwohl er wusste, dass die Crew da oben nichts sehen konnte. Egal, sie würden es später im TV sehen können. Schließlich wurde alles gefilmt – der Start, die Crew in der Kapsel, die Zuschauer und natürlich er selbst und sein Stellvertreter Matthew Parker auf der kleinen Tribüne.
„Sie fliegt“, sagte Matt. Er grinste Liam zufrieden an. „Ab jetzt machen wir noch mehr Kohle. Gut so!“
Liam musste sich ein Grinsen verkneifen. Der gute alte Matt. Immer ans Geld denken. War Parker wirklich Engländer? Er führte sich auf wie eine typische Yankee-Krämerseele. Aber Matthew hatte recht. Sie würden jetzt richtig Geld machen. Das brauchten sie auch. Der Raketenstart war ungeheuerlich teuer. Sie hatten die Knete gerade so aufbringen können. Im Moment war Mars First praktisch pleite. Wenn es hart auf hart gekommen wäre, hätte Liam aus seinem privaten Vermögen Geld zuschießen können. Bislang war das nicht nötig gewesen. Selbst in der Anfangszeit vor einigen Jahren waren sie mit dem Geld aus der ersten Growdfunding-Aktion ausgekommen, Matthew sei Dank.
Als Liam Bishop das riesige Vermögen seiner Familie nach dem Tod seines Vaters erbte, stand für ihn fest, dass er seinen Lebenstraum erfüllen würde: eine bemannte Marsmission. Schon als junger Mann hatte er sich das zusammenfantasiert. Das Problem war Geld. Schön, er hatte fast eine halbe Milliarde Pfund geerbt, aber Raumfahrt war ein extrem teures Geschäft.
All die Jahre hatte er die halbherzigen Pläne der NASA und anderer Weltraumbehörden mitverfolgt. Eine bemannte Mission zum Mars war unvorstellbar teuer. Die NASA-Leute rechneten es aus. Sie kamen auf unglaubliche 70 bis 100 Milliarden Dollar für eine einzige Mission.
Viel zu teuer für Liam Bishop. Doch er hatte bereits einen Plan in der Schublade, der die Reise zum Mars viel billiger machen würde. Es würde gerade mal vier bis fünf Milliarden kosten, eine Crew von vier Mann zum roten Planeten zu schicken.
Es würde so günstig werden, weil es eine One Way-Mission sein würde.
Den größten Brocken an einer Reise zum Mars – rund siebzig Prozent – machte nämlich die Rückreise aus. Man musste gigantische Mengen an Nahrungsmitteln, Wasser und Treibstoff mitschleppen, um wieder nach Hause zu kommen. Verzichtete man auf einen Heimflug, wurde sie Sache viel kostengünstiger.
So war Liam Bishop vor rund sechs Jahren vor die Weltöffentlichkeit getreten und hatte seinen Plan dargelegt: Sie würden Menschen zum Mars bringen und diese würden dann für immer auf dem roten Planeten leben.
Oh, wie hatten sie geunkt und gezweifelt! Wissenschaftler und Journalisten aus aller Welt waren über Liams Projekt hergefallen wie ein Schwarm hungriger Haie. Unmöglich!, dröhnte es von allen Seiten. Es wird nicht funktionieren! Einige behaupteten, die Marsianer würden schon bald ersticken, andere sagten das genaue Gegenteil: weil zu viel Sauerstoff in den Habitaten erzeugt werden würde, würde es zu Feuer kommen. Alle hatten sie genölt und sein Projekt schlecht gemacht. Sie hatten behauptet, mit Fernsehrechten könne man keine solch große Summe aufbringen. Mars First würde innerhalb von zwei Jahren in der Bedeutungslosigkeit versinken.
Trottel!, dachte Liam. Nichts von dem, was ihr behauptet habt, ist eingetreten.
Wie hatten die Komiker sich aufgeführt! Es wäre unmöglich, in solch kleinen Habitaten genug Nahrung für die Crew anzubauen. Die ersten Besucher des Mars würden schlicht verhungern. Aber die Tests in der Mojawewüste und in der Antarktis hatten gezeigt, dass es möglich war. Natürlich hatte das Unternehmen mit Kinderkrankheiten zu kämpfen gehabt. Sie hatten vieles ändern müssen. Sie hatten tüchtig Lehrgeld bezahlt, aber das waren lohnende Investitionen gewesen. Das System hinter Mars First funktionierte.
Zum guten Schluss blieb den Maulern und Nörglern nur noch, zu tröten, eine One Way-Mission zum Mars sei unethisch.
Liam schüttelte den Kopf. Warum mussten die Leute immerzu alles schlecht machen und versuchen, es in den Dreck zu ziehen? Magellan war auch ins Unbekannte gesegelt, ebenso Christoph Columbus und die Leutchen auf der Mayflower ebenfalls. Da hatte keiner gejault, dass es gegen die Gesetze der Ethik verstieße.
Einzig die Prozentzahlen sprachen gegen Mars First. Seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte es viele Marsmissionen gegeben und tatsächlich war beinahe die Hälfte davon gescheitert. Das krakeelten die überschlauen Presseheinis natürlich auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Welt hinaus. Sie prophezeiten, dass Mars First abstürzen würde.
Eins vergaßen sie dabei: die meisten Fehlschläge waren in der Anfangszeit der Raumfahrt passiert, als man sich noch nicht gut auskannte, und die gescheiterten Missionen waren allesamt unbemannt gewesen. Da passierten schon mal Fehler, wie bei der russischen Sonde, die am Mars ankam und sich, weil sie fest drauf programmiert war, in einen globalen Staubsturm stürzte und nie wiedergesehen wurde. Die fast zeitgleich stattfindende amerikanische Mission, war ferngesteuert gewesen. Die Amerikaner hatten ihre Orbiter um den Planeten kreisen lassen, bis der Staubsturm sich verzog und sie waren danach sauber und glatt auf der Oberfläche des Mars gelandet. Das war 1976 gewesen – die Vikingmission.
Redet ihr nur!, dachte Liam. Mehr als schlechtmachen könnt ihr nicht, ihr armseligen Nörgler! Aber ich werde euch beweisen, dass mein Plan funktioniert.
Er atmete tief durch und schaute der Rakete nach, die hoch droben im Himmel in der Unendlichkeit entschwand. Wie gerne wäre er dabei gewesen. Er wünschte sich nichts so sehr, als selbst mitzufliegen. Aber vor drei Jahren waren die Zwillinge geboren wurden, nach Jahren, in denen er und seine Frau vergeblich auf Kinder gehofft hatten. Es war fast so, als wolle Gott ihm sagen: Noch nicht, mein Sohn. Du wirst nicht bei den Ersten sein.
Liam Bishop seufzte. Er wäre gerne dabei gewesen. Wirklich gern.
*
Arne starrte den Bildschirm an. Die Außenkamera zeigte den Rumpf der Rakete. Drunten sah man noch immer Feuer aus den Düsen kommen, aber es war nicht mehr das wilde Inferno wie beim Start. Sie waren jetzt hoch droben über der Erde. Es konnte einen schwindeln, wenn man hinsah. Er hörte nur mit halbem Ohr zu, als eine Stimme aus den Lautsprechern das Absprengen der Umhüllung ankündigte. Plötzlich war die Dragon frei und er konnte durch die Luken schauen.
Draußen war es tiefblau. Die Rakete war längst aus der Senkrechten in Schieflage gegangen, um die berechnete Umlaufbahn zu erreichen. Er hörte die drei anderen entzückt aufseufzen.
Draußen wurde es schwarz – tiefschwarz. Weltallschwärze. Sie waren oben. Sie waren im All.
Arne spürte es, obwohl er angeschnallt war. Sein Körper war schwerelos. Er fühlte eine seltsame Leichtigkeit und es fiel ihm schwer, zu sagen, wo oben und unten war.
Er sah zu der Luke hinaus, die seinem Sitz am nächsten war. Er sah die Erde. Dort war unten. Weiß und blau ragte die Heimat der Menschen vor dem kleinen Fenster auf. Er erkannte die Küstenlinie der Vereinigten Staaten. Von dort waren sie aufgestiegen.
„Andockmanöver in fünf Minuten“, verkündete die Lautsprecherstimme. Natürlich in Englisch. Das war die Missionssprache.
Weiter vorne in der Schwärze tauchte ein silbern funkelnder Punkt auf. Arne schaute hin. Dort schwebte ihr Raumschiff im All, das Schiff, dass sie zum Mars bringen würde. Ihn, Maus, Blendy und McDuff.
Die ersten vier. Ausgewählt aus den hundert Personen, die zum guten Schluss übrig waren. Zehn Flüge waren geplant, immer mit einer Crew von vier Leuten, doch inzwischen gab es Stimmen, die mehr Reisen zum Mars forderten. Vor allem diejenigen, die im letzten Auswahlverfahren ausgeschieden waren, wollten auch zum roten Planeten.
Mars First ließ durchblicken, dass dies durchaus im Rahmen des Möglichen lag. Es musste nur genug Geld hereinkommen. Man ließ sich die TV-Übertragungsrechte gut bezahlen. So wurde die Mission finanziert.
Kameras waren von Anfang an dabei gewesen – überall. Sobald sie im Trainingszentrum in der Wüste angekommen waren, ging es los. Die Dinger waren allerorten montiert; im Innern der Habitate, die genauso aussahen wie diejenigen, die sie später auf dem Mars bewohnen würden. Sie waren draußen installiert und einige waren sogar auf ferngesteuerten kleinen Rovern montiert, die sie begleiteten, wenn sie im Marsanzug ins Freie gingen. Die Anzüge hatten ebenfalls Kameras.
Auch hier in der Dragonkapsel waren Kameras, die alles zur Erde übertrugen. Auch McDoofs übertriebene Reaktionen.
Arne musste grinsen. Anfangs hatte ihm die ständige Präsenz der Kameras nicht gefallen. Schon als die Doku fürs deutsche Fernsehen gedreht worden war, war es ihm manchmal auf den Wecker gegangen, dass ihn ständig jemand mit einer Kamera verfolgte.
Sie hatte bei ihm zu Hause gedreht, eine Sendung von fünfundvierzig Minuten, in der er den Zuschauern vorgestellt wurde. Er war damals einer von den fünfhundert letzten Bewerbern. Sie hatten ihn zu Hause gefilmt und interviewt, im Wohnzimmer, in der Küche und oben unterm Dach, das er ausgebaut hatte, wo seine vielen Modelle von Raketen, Raumschiffen und Raumkapseln standen, wo Bücher über Weltraumfahrt und Planeten die Regale füllten und zwe verschiedene Teleskope bereitstanden, in den Nachthimmel zu schauen. Er hatte in die Kameras geschaut und erzählt, dass er schon als Kind vom Weltall begeistert gewesen war, dass er sich aus allem möglichen Zeug Raumschiffe gebaut und drin gespielt hatte. Schon mit acht Jahren hatte er sein erstes Modell einer Saturn V Rakete zusammengebaut. Er besaß es immer noch.
„Ich will dabei sein“, hatte er gesagt. „Unbedingt!“
Es knackte in den Lautsprechern: „Achtung Crew! Kapsel dockt in wenigen Minuten an Mutterschiff an.“
Arne warf einen Blick auf den Schirm der Außenkamera. Sie waren fast da. Er erkannte das Schiff, dass sie zum Mars bringen würde. Es hatte an seiner Vorderseite eine Schleuse, an die die Dragon andocken würde. Der Vorgang erfolgte automatisch. Mit pochendem Herzen verfolgte er, wie sie näher und näher kamen. Drunten dräute die Erde in all ihrer Schönheit.
Morgen verlassen wir sie, dachte Arne. Morgen lassen wir sie für immer hinter uns.
Es gab einen kleinen Ruck. Man hörte Verriegelungen einrasten. Druckluft zischte.
„Dragon angedockt“, kam es aus den Lautsprechern. „Kapsel erfolgreich an Marsraumschiff angedockt. Druckausgleich ausgeführt. Crew, fertigmachen zum Umsteigen ins Schiff!“
Das ließ Arne sich nicht zweimal sagen. Er öffnete die Anschnallgurte. Augenblicklich schwebte er weg von seinem Sitz. Zum ersten Mal erlebte er die Faszination der Schwerelosigkeit. Neben ihm schwebten die drei anderen. Sie bewegten sich auf die große Öffnung zu, die sich am ehemaligen oberen Ende der Dragon auftat. Es war die Luke, die ins Schiff führte.
Arne hörte McDuff unterdrückt fluchen. Er konnte den Amerikaner verstehen. Schwerelos zu sein, war cool, doch es war verdammt hart, dass es kein Oben und Unten mehr gab. Aber sie schafften es problemlos. Im Schiff schauten sie sich um. Sie lachten winkend in die Kameras und riefen: „Wir sind oben!“ „Es kann losgehen!“ „Hallo Erde. Die Marsianer grüßen!“
Sie hatten im Training viel Zeit in einer Nachbildung des Schiffs verbracht, dass sie zu ihrem Ziel bringen würde, aber damals hatte normale Erdschwerkraft geherrscht. Nun herrschte Schwerelosigkeit. Alles war anders. Ein wenig komplizierter war es schon. Aber auch faszinierend.
Auf Geheiß von Ground Control machten sie einen ausgiebigen Check. Sie überprüften sämtliche missionsrelevanten Details. Die Kameras waren immer dabei. Nur wenn einer von ihnen in der kleinen Kabine mit der Unterdrucktoilette verschwand, war er für eine Zeitlang vor den neugierigen Linsenaugen sicher.
Als die Borduhr Abend anzeigte, gab es ein erstes Essen im Weltraum, zubereitet in der Mikrowelle und danach gingen sie schlafen. Jeder hatte einen Schlafsack, der an der Wand verankert war und einen im Schlaf festhielt, damit man nicht schnarchend durchs Schiff trieb und irgendwo anschlug.
Arne war sicher, dass er vor Aufregung kein Auge zubekommen würde, aber kaum war er in seinen Schlafsack gekrochen, schlief er ein. Er schlief durch, bis der Weckton ihn aus süßen Träumen holte, in denen er auf dem Mars aus selbstgemachten Ziegeln Kuppelhäuser baute.
Powered by: Burning Board Lite 1.0.2 © 2001-2004 WoltLab GmbH